Das P-Wort

5. Juni 2014 • Qualität & Ethik • von

Der Populismus ist der populärste Programmpunkt der periodischen Publizistik.

Manchmal muss man, um die Gegenwart zu verstehen, in die Vergangenheit zurück. Wir kehren darum zurück zu Wilhelm von Humboldt. Von Humboldt, geboren 1767 in Potsdam, war der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft. Er schrieb jenen Satz, der uns die Welt der Medien präzise erklärt: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.”  Unsere Heimat ist die Sprache. Nähe und Entfernung zu Menschlichem und Materiellem wird durch unsere Sprache und Sprachwahl signalisiert. Die Sprache verrät unsere Vorlieben wie unsere Obsessionen.

Und damit wären wir beim humboldtschen Beweis, warum das Gros unserer Journalisten immer noch kräftig links steht.

Wenn es derzeit eine journalistische Obsession gibt, dann heißt sie: „Populismus”. Die Zielgruppe der journalistischen Obsession sind: „die Populisten”.

Nichts ist in den Medien derzeit beliebter als das P-Wort. Das P-Wort ist schnell erklärt. Populismus ist volksnahe Politik. Sie scheut sich nicht vor opportunistischen Tonlagen und ist darum oft sehr populär, wie soeben die Europawahlen zeigten. Das Gegenteil des Populismus ist die Politik der Eliten.

Man kann ein rechter Populist sein, mit patriotischem Pathos, wie es etwa Marine Le Pen ist, die französische Siegerin der Europawahl. Man kann ein linker Populist sein, mit patriotischem Pathos, wie es etwa Alexis Tsipras ist, der griechische Sieger der Europawahl.

In den Medien sollten sich also „Rechtspopulisten” und „Linkspopulisten” ungefähr die Waage halten. Schauen wir also einmal, in wie vielen Presseartikeln im letzten Jahr ein Politiker als „Rechtspopulist” oder als „Linkspopulist” bezeichnet und kritisiert worden ist.

Rechtspopulist: 844

Linkspopulist: 44

Zur Ergänzung zählen wir noch aus, wie häufig im letzten Jahr die Presse politischen Figuren oder Organisationen vorwarf, sie seien „rechtsextrem” oder sie seien „linksextrem”.

rechtsextrem: 2088

linksextrem: 20

Das ist interessant. Populismus gibt es für Journalisten nur rechts. Extremismus gibt es für Journalisten nur rechts.

Um den wissenschaftlichen Teil dieser Kolumne abzurunden, zählen wir darum noch kurz aus, wie viele Presseartikel rund um die Europawahl den Rechtspopulismus und wie viele den Linkspopulismus thematisierten.

Rechtspopulismus: 321

Linkspopulismus: 9

Den Ausdruck „Mitte-Populismus” gibt es in den Medien nicht. Zu Christophe Darbellay und Philipp Müller, die diesen Markt emsig bewirtschaften, müssen sich die Journalisten noch einen stimmigen Stempel einfallen lassen.

Wilhelm von Humboldt hatte schon Recht. Die Sprache ist die Heimat. Sprache ist darum verräterisch. Man schreibt über die Themen, bei denen man sich wohl fühlt. Wohl fühlen sich Journalisten in ihrem wohligen Schauer beim Blick gegen rechts. Der vereinte Kampf gegen rechts und das vereinte Kampfschreiben gegen Rechtspopulisten sind eine Wohlfühlzone der Publizistik.

Nach der Europawahl war natürlich rund um die Rechtspopulisten kein mediales Halten mehr: „Rechtspopulisten prägen Wahl” (St. Galler Tagblatt). „Rechtspopulisten gewinnen Europawahl” (Südostschweiz). „Die Rechtspopulisten prägten die Wahl” (Aargauer Zeitung). „Rechtspopulisten verzeichnen grosse Gewinne” (Tages-Anzeiger). „Die Rechtspopulisten feiern” („Tagesschau)”.

Wir feiern auch: den Siegeszug des P-Worts.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 28. Mai 2014

Bildquelle: geralt / pixabay.com

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