Afghanistan: Die Corona-Krise und die Medien

27. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

In Afghanistan berichten sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Medien über die Corona-Pandemie – die einen betonen, dass die Regierung die Kontrolle über die Krise habe, die anderen kritisieren, dass die Regierungsmaßnahmen nicht ausreichend seien.

Die Zahl der registrierten positiv getesteten Corona-Infizierten in Afghanistan hat sich auf 1703 und die Zahl der Todesfälle auf 57 erhöht (Stand: 27. April 2020). Die Corona-Pandemie ist aber nicht die einzige Krise, mit der das südasiatische Land derzeit konfrontiert ist.

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt und bezahlt mehr als 50% seiner Staatsausgaben mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Nun hat die USA angekündigt (es ist das größte Geberland), dass sie ihre Hilfe um eine Milliarde in diesem Jahr und um genau so viel nächstes Jahr kürzen werden. Hintergrund ist, dass Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah sich nicht auf eine gemeinsame Regierung einigen konnten. Dies ist die zweite innenpolitische Krise, die durch die Wahlen im September 2019 verursacht wurde. Fünf Monate haben die Afghanen auf das Ergebnis der Wahl warten müssen. Im Februar 2020 wurde es offiziell: Amtsinhaber Ghani wurde wieder zum Präsidenten Afghanistans gewählt. Monatelang hatten die Kandidaten darüber gestritten, ob die gezählten Stimmen tatsächlich gültig gewesen seien. Sein Gegenkandidat akzeptierte die Entscheidung der nationalen Wahlkommission nicht und warf der Wahlkommission systematischen Betrug vor, der Ashraf Ghani den Wahlsieg ermöglicht haben soll. So wollte es sich Abdullah Abdullah nicht nehmen lassen, sich parallel zur offiziellen Amtseinführung des Präsidenten, die am 09. März 2020 stattfand und bei der mehrere internationale Gäste anwesend waren, ebenfalls zum Präsidenten zu ernennen. Afghanistan hat nun zwei Präsidenten, einen von der nationalen Wahlkommission Ernannten und einen Selbsternannten.

Das Land befindet sich zudem in einem erbarmungslosen Krieg mit den Taliban, die unabhängig von der Corona-Pandemie ihre Anschläge auf  Regierungsinstitutionen und auf die Afghanische Nationale Armee fortsetzen.

Staatliche Medien

Über die Corona-Pandemie in Afghanistan wird aus drei Perspektiven berichtet und kommuniziert. Die eine ist die staatliche Perspektive, die versucht, einerseits Aufklärungsarbeit zu betreiben, andererseits aber auch zu zeigen, dass sie die Kontrolle hat und die Krise gut meistern kann. Es sind vor allem zwei Kommunikationskanäle, über welche die Regierung ihre Maßnahmen kommuniziert. Zunächst gibt es das „The Government Media & Information Center (GMIC), das die gesamten Kommunikations-Aktivitäten der Regierung koordiniert. Dort werden auch die Zahlen der neu infizierten Menschen durch das Ministerium für Gesundheit bekannt gegeben, die dann sowohl von den klassischen Medien (Rundfunk und Presse) als auch von den Onlinemedien übernommen und verbreitet werden. Dazu gehört zum Beispiel die Ankündigung, dass ab 28.03.2020 die Einwohner Kabuls und anderer Großstädte Afghanistans (Herat, Nangarhar, Kandahar) ähnlichen Einschränkungen, wie wir sie in Europa kennen, unterliegen. Diese Einschränkungen gelten bis Mitte Mai 2020, können aber verlängert werden.

GMIC berichtete über den Bau eines Krankenhauses innerhalb von drei Wochen in Herat, einer Provinz in Westafghanistan, angrenzend an den Iran. Dort wohnen 75 Prozent der Infizierten aus Afghanistan. Eine weitere Ankündigung des GMIC war, dass Präsident Ghani einen Sonderbefehl erlassen hat, mehrere Tausend Gefangene zur Vorbeugung des Coronavirus aus den Gefängnissen zu entlassen.

Der zweite Kommunikationskanal ist der staatliche Rundfunksender „National Radio Television of Afghanistan“ (RTA), der einerseits die staatlichen Maßnahmen kommuniziert und anderseits Programme (z.B. die tägliche Sondersendung „Corona Spezial“) über Hygiene und Quarantänemaßnahmen sendet. RTA hat ein Maskottchen namens „Coronavirus Charakter“ geschaffen, um das Bewusstsein für die Herausforderungen, besonders in den ländlichen Gebieten, zu erhöhen. Die Figur in knalligen Farben, die eine Mischung aus Virus und Mensch ist, erklärt in einer sehr einfachen Sprache, wie man die Hygienemaßnahmen einhält, warum man zuhause bleiben sollte und was man gegen Langweile in der Quarantäne machen kann.

Am 18. März 2020 vereinbarten unter der Initiative des RTA mehrere Medienanstalten wie Tolonews, 1TVNews Afghanistan, Ariana News (diese drei Privatsender haben die größte Reichweite in Afghanistan) und BBC World Service die Einrichtung einer neuen Medienzentrale für die gemeinsame Nutzung von Inhalten über die Corona-Pandemie.

Nicht-staatliche Medien

Eine andere Perspektive bieten die nicht-staatlichen Medien in Afghanistan. In den letzten zwei Jahrzehnten hat das Land einen regelrechten Medienboom erlebt, in dem über 80 Fernsehsender, 200 Radiosender und 800 Zeitungen entstanden sind. Dadurch ist im Land neben den staatlichen Medien eine sehr differenzierte Medienstruktur entstanden, die vor allem (regierungs)kritisch ist. Auch bei ihnen steht die Corona-Pandemie im Fokus. In ihrer Berichterstattung wird oft kritisiert, dass die Regierungsmaßnahmen nicht ausreichend seien und viele Informationen über die Pandemie verschleiert würden. Sie werfen der Regierung vor, die eigentliche Zahl der Infizierten nicht offen zu legen. Dem widerspricht die Regierung.

Weiterhin kritisieren sie, dass keine rechtzeitigen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus getroffen worden seien. Im Fokus der Kritik steht der Grenzübergang zwischen Iran und Afghanistan, der täglich von tausenden Menschen überquert wird. Iran ist eines der Länder, das sehr hart von der Pandemie betroffen ist und dadurch sehr viele Todesopfer zu beklagen hat. Dort sind nach Pakistan die meisten Flüchtlinge aus Afghanistan untergebracht. Seit Monaten wird berichtet, dass diese Flüchtlinge in Panik Iran verlassen und nach Afghanistan zurückkehren. Das bringt die afghanische Regierung in eine zwickmühlenartige Situation. Auf der einen Seite muss sie aufpassen, dass die Rückkehrer*innen, die sich infiziert haben, identifiziert werden. Andererseits kann sie die Grenzen nicht komplett schließen, da die Rückkehrer*innen afghanische Staatsbürger*innen sind. Die Medien berichten, dass viele Menschen in Afghanistan die Schließung der Grenze erwarten und fordern. Doch die Grenze ist immer noch offen.

Blogs und Online-Plattformen

Eine weitere Perspektive bieten die Online-Medien, d.h. die Blogs und Plattformen der Journalist*innen und Aktivist*innen. Auch dort werden die Regierungsmaßnahmen kommuniziert, aber auch kritisiert. Oft ist zu hören und zu lesen, dass die Regierung relevante Informationen vorenthält. Am 30.03.2020 berichtete die Online-Plattform Janbishe Roshnai (sie ist die größte Online-Community in Afghanistan mit 100.000 Usern), dass ein Arzt entlassen wurde und die Staatsanwaltschaft Untersuchungen aufgenommen hat, nur weil er die großen Mängel in den Corona-Kliniken in Herat öffentlich kritisiert hatte.

In diesen Online-Medien gibt es Diskussionen über die Lage der ärmsten Menschen, die von dieser Krise am härtesten betroffen sind. Man weist auf notwendige Maßnahmen hin, die vor allem Tagelöhner in Quarantäne unterstützen sollten. In einem Interview bei Tolonews am 29. März kommt ein Tagelöhner zu Wort, der  erzählt, dass er täglich arbeiten gehen müsse, um abends mit dem verdienten Geld Brot und Gemüse für seine Familie kaufen zu können. Wenn prekär lebende Menschen jetzt drei Wochen lang nicht arbeiten könnten, wäre das eine fatale Entwicklung, so der Bericht.

Mitten in der Coronavirus- Pandemie gibt es auch viele Beispiele für kreative Hilfskampagnen, die über die sozialen Medien eine große Reichweite erzielt haben. In den Städten Nangarhar, Herat und Faryab, um nur einige zu nennen, wurden COVID-Fonds eingerichtet, um bedürftigen und armen Menschen finanziell unter die Arme zu greifen. In Nangarhar zum Beispiel hatten die Zivilgesellschaft, die Regierung sowie die afghanische Diaspora an einem einzigen Tag mehr als 100.000 Dollar gespendet. Mehr als 1.000 Vermieter*innen haben sich im Rahmen einer Kampagne von Etlayat-Roz (eine der bekanntesten Qualitätszeitungen in Afghanistan) bereit erklärt, ihre Mieten zu reduzieren. Das Ziel der sogenannten „Empathie-Kampagne“ sei es, Mitgefühl und Solidarität unter den Menschen, insbesondere zwischen Vermieter und Mieter, zu verbreiten, so die Zeitung.

Das sind verschiedene Sichtweisen und Gesten in einem stark von verschiedenen Krisen betroffenen Land, die vielleicht ohne eine dynamische Medienlandschaft nicht möglich gewesen wären.

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