Anarchistische Visionen

12. März 2012 • Qualität & Ethik • von

Die Nachrichten der Zukunft kommen aus der „Community“. Der neue Journalismus – das sind die User, gemeinsam wohlgemerkt, dank „Schwarmintelligenz“.

Die (Noch-) Journalisten schwenken die weißen Fahnen und kapitulieren, ihre Redaktionen haben ausgedient. So sehen das jedenfalls einige Vordenker des Web 3.0, darunter Jeff Jarvis, Jay Rosen und Clay Shirky.

Mit ihren Konzepten setzt sich Dean Starkman im Columbia Journalism Review („Confidence Game“, Nr.11/12 2011) auseinander. Die Visionen der Gurus nennt er schlicht den „FON-Konsens“. Das steht für „future-of-news“und klingt zumindest auf Deutsch so ähnlich wie Föhn, der Kopfschmerz verursacht. Die Idee sei reizvoll, so spottet Starkmann: „Communities ballen ihr Wissen, sie machen die Berichterstattung einfach selbst und arbeiten obendrein noch im Dienst des Journalismus.“ Die alten Medien müssten deshalb den Netzwerk-Welten weichen…

Seite für Seite nimmt Starkmann sodann die Gurus auseinander und zeigt, wie naiv ihre anarchistische Vision ist – und warum wir Profi-Journalismus in hochentwickelten Demokratien weiterhin brauchen: Journalismus, der dem öffentlichen Interesse diene, sei üblicherweise „teuer, riskant, stressreich und zeitaufwendig“ – und somit, entgegen dem FON-Konsens, nicht billig oder gratis von „Bürger-Journalisten“ zu haben. Der FON-Konsens sei „ahistorisch“ – es werde behauptet, wir seien „so etwa im dritten Jahr einer Revolution“, als hätten die investigativen Reporter vorangehender Journalistengenerationen sich nie auf ihre Communities gestützt.

Obendrein würden Dinge, die völlig unsicher seien, als „absolute Gewissheiten“ verkündet. Am allerschlimmsten: Die auf Leserbeteiligung zielenden Praxis-Empfehlungen der FON-Futurologen lieferten vielen Medienmanagern nur den Vorwand, um „die Produktivitäts-Vorgaben für die Redaktionen immer weiter hochzuschrauben“ und um die Journalisten „ihrer kostbarsten Ressource zu berauben, die sie allein stark macht: Zeit.“

Auch in Europa hat der ökonomische Druck auf die Journalisten drastisch zugenommen. Das bestätigen jedenfalls die ersten Umfrageergebnisse aus zwölf europäischen Ländern, die im Rahmen des MediaAcT-Forschungsprojekts auf einer internationalen Konferenz an der Universität Lugano kürzlich vorgestellt wurden. Politischer Druck auf die Redaktionen ist dagegen vornehmlich in Süd- und Südosteuropa sowie in den ebenfalls beteiligten arabischen Ländern Jordanien und Tunesien ein Problem.

Erstveröffentlichung:  Schweizer Journalist 2+3/2012

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