Bangladesch: Die Corona-Krise und die Medien

28. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

Bangladesch belegt in der Rangliste der Pressefreiheit den 150. von 180 Plätzen. Dementsprechend stehen auch während der Corona-Krise die Medien unter Beobachtung und Kritiker der Regierung werden verhaftet. 

Auf einer Fläche von etwa 147.ooo Quadratkilometern zählt Bangladesch mehr als 164 Millionen Menschen und ist damit eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt. Die Bevölkerungsdichte, das mangelnde Bewusstsein für den Ernst der Lage und die im Land vorherrschende Politik der Schuldzuweisungen machen Bangladesch sehr anfällig für die Verbreitung des Coronavirus.

Der erste Coronafall wurde in Bangladesch Anfang März März bestätigt, als im ganzen Land die Vorbereitungen zur Feier des 100. Geburtstags von Staatsgründer Scheich Mujibur Rahman (1975 verstorben) liefen. Die Regierung von Bangladesch bereitete sich intensiv auf die Feier vor und konzentrierte alle Anstrengungen und Ressourcen darauf – der Ausbruch des Corona-Virus kam in dieser Situation sehr unerwartet und war ein großer Schock für die Regierung.  Bis zum 17. März waren die Regierungsstellen, Ministerien und Institutionen unsicher, wie sie auf die Krankheit reagieren sollten. Die politischen Entscheidungsträger befürchteten, dass Präventionsmaßnahmen die seit langem geplante Feier behindern könnten. Erst Mitte, als 8 Fälle von Covid-19 in Bangladesch bekannt waren, entschied die Regierung, alle Bildungseinrichtungen zu schließen.

Inzwischen liegt die Zahl der bestätigten Fälle bei mehr als 5400 und mehr als 150 Menschen starben. Der britische Journalist David Bergman, Redakteur der englischen Seite von Netra News, ist allerdings der Meinung, dass die tatsächliche Zahl der Corona-Infizierten in Bangladesch „weit größer“ ist, als die Regierung zugibt. Netra News veröffentlichte auch ein durchgesickertes Memo der Vereinten Nationen, in dem gewarnt wird, dass „zwischen einer halben Million und 2 Millionen Bengalis an Covid-19 sterben könnten, wenn nicht unverzüglich weitreichende Maßnahmen ergriffen würden“.

Falschinformationen und mangelndes Bewusstsein

Wie die Bangladesh Telecommunication Regulatory Commission berichtet, betrug im Februar 2020 die Gesamtzahl der Internet-Nutzer im Land etwa 99,98 Millionen. Die meisten Menschen informieren sich über soziale Medien wie Facebook – über diese Plattformen werden auch die meisten Fake News geteilt.

In den sozialen Medien gibt es viele Mythen über den Ausbruch des Corona-Virus.  Beispielsweise werden Gebete und andere religiöse Praktiken und das Trinken von heißem Wasser oder Tee mit speziellen Gewürzen zur angeblichen Vorbeugung einer Corona-Infektion empfohlen. Als die Regierung am 23. März die Schließung aller Büros ankündigte, reisten Tausende von Menschen mit Bussen, Zügen und Barkassen aus der Hauptstadt Dhaka in die umliegenden Dörfer, um ihre Familien zu treffen, was das Ansteckungsrisiko vergrößerte. Die Regierung wies die Bevölkerung daraufhin an, zu Hause zu bleiben, und sah sich gezwungen, Polizei und Armee auf die Straßen zu schicken, um gegen die Menschen vorzugehen, die sich ohne zwingenden Grund außerhalb ihres Hauses aufhielten.

Trotz dieser Maßnahmen haben sich mehrfach Gruppen von Menschen versammelt – zum Beispiel am 18. März, als Tausende gemeinsam dafür beteten, die Stadt Lakshimpur vor Covid-19 zu bewahren. Auf Facebook kritisierten  viele Bengalis derartige Versammlungen.

Medizinische Grundversorgung verweigert

Durch das Internet und die sozialen Medien erhalten die Menschen in Bangladesch Nachrichten, aber auch Fake News aus China, Italien, Spanien und den Vereinigten Staaten. Einige machen Mut, andere sorgen aber auch für Panik, zum Beispiel, wenn berichtet wird, dass viele Ärzte und Pflegekräfte sich während der Versorgung von Corona-Patienten infiziert haben und an Covid-19 gestorben sind; oder dass private und staatliche Krankenhäuser ihre Notdienste geschlossen haben. Infolge dieser Nachrichten wurde vielen Menschen in den verschiedenen Regionen Bangladeschs, die an Fieber, Erkältung und anderen Krankheiten litten, die medizinische Versorgung vorenthalten. Auch die Menschenrechtsorganisation Ain o Salish Kendra drückte ihre Besorgnis über diese Situation aus und forderte sofortige Schritte gegen die unmenschliche Haltung der Ärzte in der Krise.

Etwa 10 Millionen Bengali leben und arbeiten im Ausland, viele von ihnen in Europa und in den USA. Als das Coronavirus Tausende von Menschen in Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich und in den USA infizierte und tötete, löste dies in der Bevölkerung und auch unter den politischen Entscheidungsträgern in Bangladesch große Panik aus. Einige Häuser, in denen Menschen lebten, die kürzlich aus dem Ausland zurückgekehrt waren, wurden von den Regierungsbehörden mit einer roten Fahne gekennzeichnet. Die Regierung verbot auch eine große Anzahl von Flügen aus den von Corona betroffenen Ländern nach Bangladesch, sodass viele Expats oder Bengalis, die sich vorübergehend im Ausland aufhielten, nicht in ihr Heimatland zurückkehren konnten, so auch die vielen Bengalis, die in Indien arbeiten. Erst, wenn die bangladeschischen Behörden die Abriegelung lockern, werden sie einreisen dürfen.

Kritische Lage in den Flüchtlingslagern der Rohingya

Menschenrechtsorganisationen warnen vor einer Zuspitzung der Lage in den Flüchtlingslagern der Rohingya in Bangladesch. In den bengalischen Medien wurde das Thema bisher nur am Rande behandelt. Die Berichterstattung konzentriert sich weitgehend auf die Gesundheitsversorgung in den Lagern. Die Tageszeitung Ittefaq schrieb außerdem über die wachsende Panik unter den Flüchtlingen und Netra News berichtete, dass viele aus Angst die Isolationszentren meiden.

Medien unter Beobachtung

Ein Regierungsschreiben vom 25. März beauftragte 15 Regierungsbeamte damit, Nachrichten, Informationen und mögliche Fake News zu überwachen, die von Fernsehsendern, Medien und sozialen Medien verbreitet werden. Human Rights Watch äußerte sich zudem zutiefst besorgt über die Verhaftung und Bestrafung von mindestens zwölf Bengali, darunter ein Arzt, Oppositionsaktivisten und Studierende, die den Umgang der bengalischen Regierung mit dem Ausbruch des Coronavirus kritisiert hatten. Mindestens fünf Journalisten wurden außerdem zusammengeschlagen und bedroht, nachdem sie über den Missbrauch von Entwicklungsgeldern berichtet hatten, die eigentlich für die Corona-Prävention bestimmt waren.

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