Estland: Die Corona-Krise und die Medien

30. März 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

Viele estnische Medien berichteten zunächst nur über Corona-Fälle im Ausland – und erkannten das Virus erst später als eine Bedrohung für Estland. Zudem hat die sich abzeichnende Wirtschaftskrise auch Medienunternehmen gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen.

Die estnische Berichterstattung über das Coronavirus beschränkte sich anfangs auf die Situation in China und Italien, später auf die ersten Fälle im benachbarten Finnland. Dieser Fokus auf das Ausland spiegelt den generell hohen Anteil an Auslandsberichterstattung in den estnischen Medien wider. Was das Virus für Estland bedeuten könnte, wurde erst später thematisiert.

Über den ersten Infektionsfall in Estland, bestätigt Ende Februar, wurde von allen Medien berichtet. Viele Journalisten interviewten dazu Regierungsmitglieder. Es handelte sich bei dem Infizierten um einen Esten irakischer Herkunft, der per Flugzeug aus dem Iran nach Riga einreiste und von dort mit dem Bus nach Tallinn fuhr. Bei seiner Ankunft rief er selbst die medizinische Notfallversorgung zum Busbahnhof. Inzwischen ist er offiziell geheilt.  Einige Medien mokierten sich zu diesem Zeitpunkt noch über das, was sie als „Panikmache“ bezeichneten.

Am 5. März fand auf der Insel Saaremaa ein wichtiges Volleyball-Turnier statt, bei dem der örtliche Verein mit der Allianz Powervolley Milano aus Italien zusammentraf. Das Spiel war ein Großereignis, zusätzliche Tribünen wurden aufgestellt. Der Manager des Saaremaa-Volleyballclubs wollte die Gelegenheit nicht verpassen, dieses Spiel bei sich zu veranstalten, und behauptete, die staatliche Gesundheitsbehörde habe die Genehmigung erteilt. Danach wurden fünf italienische Spieler positiv auf das Virus getestet und auch auf Saaremaa wurden mehrere Krankheitsfälle festgestellt. Dies führte zu einem größeren Ausbruch von COVID-19 in Estland. Die Insel befindet sich nun in Quarantäne und hat von allen Regionen die höchste Rate an nachgewiesenen Virusinfektionen. Die Gesundheitsbehörde erklärte, dass sie das Spiel nicht genehmigt habe, und der Organisator des Spiels muss Rechenschaft ablegen. Er selbst ist ebenfalls infiziert.

Medien müssen ihre Glaubwürdigkeit bewahren

Dieses Ereignis war Anlass für eine Debatte über das Verhalten der Medien. Im Vorfeld schrieb die Lokalzeitung Meie Maa einen Leitartikel, in dem behauptet wurde, dass „es absurd ist, einen Sportwettbewerb wegen eines Virus abzusagen. Die Menschen sollten das Coronavirus nicht mehr fürchten als die normale Grippe, die in unseren Breitengraden am tödlichsten ist“. Nach dem Ausbruch des Virus löschte die Zeitung den Leitartikel aus ihrer Online-Ausgabe und veröffentlichte einen weiteren Leitartikel, in dem es hieß: „Anstatt Panik zu verbreiten, hätten sofort echte Maßnahmen ergriffen werden müssen. Eine echte Maßnahme wäre das Verbot aller großen Sportwettbewerbe gewesen. Dies ist die einzige Maßnahme.“

Für das Löschen des Artikels wurde die Zeitung stark kritisiert. Der Chefredakteur der Zeitschrift Diplomaatia, Erkki Bahovski, kommentierte den Fall auf seiner privaten Facebook-Seite: „Es ist das Schlimmste, was eine Zeitung tun kann – sich selbst zu verleugnen. Wenn etwas schief geht, entschuldigen Sie sich einfach! Schon jetzt gibt es zu viele Trödelseiten, die Müll über Corona schreiben. Aber wenn eine Zeitung anfängt, die Informationen zu verstecken, verlieren die Leute das Vertrauen völlig. Lächerliches Verhalten der Zeitung!“

Programmänderungen

Seit die Regierung am 12. März – vergleichsweise spät – die Krise zum Ausnahmezustand erklärt hat, ist Corona zu einem Hauptthema in allen Medien geworden. Im Falle eines gesetzlichen Notstands können Medienbesitzer verpflichtet werden, die Notstandsmeldungen und damit verbundene Anweisungen unverzüglich in unveränderter Form und kostenlos zugänglich zu machen. Alle Verordnungen zu COVID-19 wurden sowohl in den Print- als auch in den Online-Ausgaben der Zeitungen veröffentlicht, ebenso auf den Webseiten der Rundfunkanstalten. Alle elektronischen Medien berichten täglich über die aktuelle Situation und die Maßnahmen der Regierung. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt überträgt die Pressekonferenzen der Regierung und des Gesundheitsamtes live, mit Simultanübersetzung in Gebärdensprache und Russisch. Private Sender bieten diese Pressekonferenzen online an. Alle Rundfunkanstalten, vor allem aber die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, bringen zusätzliche Sendungen, oft live, zu COVID-19. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sein Programm umgestellt und konzentriert sich auf die Corona-Berichterstattung, Sportprogramme wurden gestrichen.

Lokale Reporter berichten vor Ort im ganzen Land, außerdem kommen Korrespondenten aus Brüssel, Lettland, Finnland, Moskau und Washington zu Wort. Es gab Telefonschalten von der deutsch-polnischen Grenze, wo es zu Verkehrsbehinderungen kam, die die Esten an der Heimfahrt hinderten. Auf dem Schiff, das Esten von Sassnitz (Rügen) nach Riga (Lettland) ausfuhr, entstanden mehrere Reportagen.

Auf einer Pressekonferenz lobte der estnische Ministerpräsident die Medien für ihre gute Leistung.

Etwas eigenartig mutete die Titelseite der Zeitung Postimees am 19. März an. In einer Anzeige forderte die Tageszeitung die polnische Regierung auf, estnischen Bürgern zu erlauben, ohne Einschränkungen durch Polen nach Hause zurückzukehren. In dem Text, die sich über die gesamte Titelseite erstreckte und auf estnisch und polnisch verfasst war, hieß es, dass Estland Polen immer als seinen Freund betrachtet hat. Der Text erinnerte an historische Verbindungen: dass die Ehefrau von General Johan Laidoner, dem Oberbefehlshaber der estnischen Streitkräfte in den späten 1930er Jahren, Polin war; und dass Estland dem polnischen U-Boot Orzel Ende 1939 erlaubte, aus Tallinn zu fliehen, als die Sowjetunion Estland zwingen wollte, das U-Boot zurückzuhalten. „Bitte lassen Sie jetzt unser Volk ohne Einschränkung durch Polen nach Hause zurückkehren. Wir wollen jetzt und auch in Zukunft auf Sie zählen“, heißt es in dem Text.

Wenig Kritik an der Regierung

Fundierte öffentliche Kritik an der Regierung ist in der Berichterstattung noch nicht aufgekommen, nur vereinzelte Aspekte werden diskutiert. So üben einige Medien Kritik am estnischen Gesundheitsamt, das für Updates der Fallzahlen bis zu eine Woche braucht. Auch wird bemängelt, dass nicht genug getestet wird. Dennoch ist der allgemeine Tonfall gegenüber der Regierung respektvoll. Des weiteren wird vor den Gefahren gewarnt, die sich aus dem ausgerufenen Notstand ergeben könnten. So schrieb der ehemalige Minister der Oppositionspartei Rein Lang im Nachrichtenportal ERR, dass die Behörden, wenn sie sich in das Leben der Menschen einmischten, diese Maßnahmen gut begründen müssten. „Jede Verordnung führt zu weiteren Problemen, an deren Lösung man schon vorher denken muss“, schreibt Lang. Außerdem müssen laut Lang die Grundprinzipien der EU in allen Mitgliedsstaaten eingehalten werden.

Einige Warnungen vor den Gefahren, die sich aus der Notfallsituation ergeben, wurden hervorgehoben. So schrieb der ehemalige Minister der Oppositionspartei Rein Lang im Nachrichtenportal ERR, dass die Behörden, wenn sie sich in das Leben der Menschen einmischen, die Maßnahmen begründen müssen. “Jede Verordnung fügt einige weitere Probleme hinzu, die vorhergesehen und angegangen werden müssen”, schreibt Lang. Seiner Meinung nach wäre ein ausgezeichneter Impfstoff gegen Dummheit und Böswilligkeit eine einfache Frage – warum? Außerdem müssen die Grundprinzipien der EU in ganz Europa eingehalten werden.

Die sich abzeichnende Wirtschaftskrise hat auch Medienunternehmen gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen. Die größte Tageszeitung Õhtuleht kündigte vorübergehende Gehaltskürzungen für die Mitarbeiter an. Postimees hat den Umfang der Zeitung aufgrund sinkender Einnahmen reduziert. Der estnische Verband der Medienunternehmen hat öffentliche Gelder zur Aufrechterhaltung des Qualitätsjournalismus gefordert. Die Haupteinnahmequelle – Werbung – gehe zurück, aber die Berichterstattung über das Weltgeschehen müsse aufrechterhalten werden, erklärte der Verband. Zwar wachse die Zahl der Leser, die Anzeigenkunden aber brächen weg, vermutlich aus „Sorge, Unsicherheit und Konservatismus“.

 

 

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