Fehlinformation als politische Waffe

6. September 2021 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die Verbreitung von Fehlinformationen kann auch ein Instrument politischer Lagerbildung sein.

Wenn nicht Unwissenheit, sondern Vorsatz der Grund ist, Falsches zu verbreiten, kann Aufklärung nur ins Leere laufen.

Das Bremer Forschungsduo Hannah Trautmann und Nils Kumkar wollte herausfinden, aus welchen Zusammenhängen heraus Menschen Desinformationen verbreiten. Es wertete dazu 13 Konversationen zu Themen wie Migration, Corona, Pressefreiheit auf AfD-Facebook-Accounts (Bundes-, Länder- und Abgeordnetenseiten) aus der Zeit zwischen Februar 2020 und Juni 2021 qualitativ aus und stellte fest, dass diese zumeist einem Grundmuster und klaren Spielregeln folgten. Was zählte, waren nicht die Inhalte von Aussagen, sondern  „Identitätsbehauptungen“: Was enthüllt eine Aussage über deren Verfasser? Ist er „einer von uns“ (also AfD-Unterstützer) oder „von denen“ (also der angeblich verschworenen Gesellschaftsmehrheit)? „Alternative Fakten“ werden ins Spiel gebracht, um sich in der Fundamentalopposition zur Mehrheitsmeinung der Gesellschaft zu bestärken; sie dienen als Instrumente, um sich gegen Sachkritik zu wappnen – Motto: „denen nicht auf den Leim gehen“ –  und sich selbst als „Durchblicker“ zu inszenieren und zu profilieren. Trautmann und Kumkar resümieren: „Man bezieht nicht Position gegen die Pandemiebekämpfungspolitik im Anschluss an eine irreführende Tatsachenbehauptung, sondern man teilt irreführende Tatsachenbehauptungen, um seine Opposition gegenüber der Pandemiebekämpfungspolitik sowie der Regierungspolitik allgemein auszudrücken.“

Demokratie zu stärken, so ein Fazit der Studie, erfordere eine Differenzierung: Steckt hinter Desinformation ein Missverständnis oder ein Mangel an Medienkompetenz? Oder ein politischer Konflikt etwa mit einer Fundamentalopposition, dem man auch auf politischer Ebene begegnen müsse? Demokratische Parteien sollten ihre Standpunkte, Entscheidungen und Handlungen plausibel, konsistent und nachvollziehbar begründen. Sie sollten zudem klar machen, worin sich ihre Positionen voneinander unterscheiden.

Allerdings beschränkt die Studie sich auf Facebook und auf die AfD. Es wäre interessant zu ergründen, welches Bild sich auf anderen Social Media Plattformen und in anderen Partei-Umfeldern ergäbe.

 

Hannah Trautmann / Nils Kumkar: „Alternative Fakten im Gespräch – AfD-Diskussionen auf Facebook“, Arbeitspapier 49, herausgegeben von der Otto Brenner Stiftung, Frankfurt a.M., 2021, https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AP49_Alternative_Fakten.pdf

 

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 6. September 2021

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