Italien: Die Corona-Krise und die Medien

6. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die Corona-Pandemie hat Italien sehr hart getroffen: Das Land hat eine höhere Zahl an Corona-Toten zu beklagen als jedes andere. Der italienische Journalismus ist gezwungen, mit einer noch nie dagewesenen Situation fertig zu werden.

Seitdem die italienische Regierung Anfang März den Lockdown verhängt hat, dominiert die Corona-Pandemie die journalistische Agenda. So berichtete die Printausgabe von La Repubblica vom 30. März auf über 20 Seiten über das Coronavirus. Auch in allen Ressorts, von Kultur bis Sport, war es Thema – hier wurden die Auswirkungen der Pandemie auf die jeweiligen Bereiche diskutiert. Eines der erschreckendsten Details, das die Auswirkungen illustriert, kommt aus Bergamo, der am stärksten betroffenen Stadt des ganzen Landes: Am 13. März hat die dort ansässige Lokalzeitung Eco di Bergamo zehn Seiten Todesanzeigen veröffentlicht – unter normalen Umständen ist es eine Seite. Alle Nachrichten-Websites veröffentlichen seit dem 8. März stetig Eilmeldungen. Dabei handelt es sich vor allem um Updates über die Verbreitung des Virus, die Zahl der Todesopfer und neue Regierungsmaßnahmen.

EJO Italien hat mit einigen Journalisten und Medienwissenschaftlern über ihre Einschätzung der bisherigen Corona-Berichterstattung gesprochen.

Berichterstattung im Krisenmodus

Nach Ansicht von Sergio Splendore, der an der Università degli Studi di Milano zu Journalismus und Mediensoziologie forscht, war die Berichterstattung über den Ausbruch des Virus‘ in China „bruchstückhaft“, was zur Folge hatte, dass niemand vor den tatsächlichen Gefahren warnen konnte. „Die Berichterstattung befand sich in einem Krisenmodus und kämpfte damit, mit den Ereignissen Schritt zu halten, die sich schnell entwickelten“, sagt Splendore. Die „apokalyptische Art und Weise“, in der die Medien zu Beginn über die Pandemie berichtet hätten, sei „faul, gedankenlos und sensationslüstern“ gewesen, kritisiert Splendore. Als positiv stellt er den Versuch heraus, Expertenwissen von Ärzten, Wissenschaftlern und Datenanalysten in den Mittelpunkt zu stellen – auch wenn dies zu einigen Konflikten führte.

In der internationalen Berichterstattung zu den Entwicklungen in Italien kritisiert Splendore ebenfalls den sensationsheischenden Tonfall, sagt aber, dass es „einige lobenswerte Ausnahmen“ gegeben habe: „El Pais und die New York Times haben zum Beispiel, vor allem Ende Februar und Anfang März, besser als die italienischen Medien erklärt, was in meinem Land vor sich geht“.

Weder Politik noch Medien waren vorbereitet

Arianna Ciccone, Mitbegründerin des Perugia International Journalism Festivals, sagt, das sie „lieber nicht urteilen“ möchte. „Ich habe sehr gute und nützliche Arbeit gesehen, aber auch das Gegenteil davon. Vielleicht haben wir im Journalismus – wie auch in der Politik – versäumt, rechtzeitig Strategien für den Umgang mit dieser Epidemie  vorzubereiten, die sich später zu einer Pandemie entwickelt hat”, sagt Ciccone, die auch das Online-Nachrichtenportal Valigia Blue gegründet hat, das für engagierten Journalismus und in die Tiefe gehende Berichterstattung steht und auch ausführlich über die Corona-Krise berichtet hat. „Stattdessen“, fügt sie hinzu, „haben wir größtenteils improvisiert und sind innerhalb weniger Tage von einer sehr alarmierenden Berichterstattung zu einer Berichterstattung, die beruhigen soll, übergegangen. Das hat die Leute verwirrt und wahrscheinlich die Botschaften abgeschwächt, die intensiver hätten vermittelt werden müssen, wie zum Beispiel die, wie man sich verantwortungsbewusst verhält.“

Laut Ciccone darf die Rolle der sozialen Medien in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden – das gelte sowohl für positive als auch für negative Effekte: „Über Social Media wurden nützliche Informationen, aber leider auch Fake News und viel Manipulatives veröffentlicht. Große Plattformen, wie zum Beispiel Facebook, Twitter und Medium, haben wichtige Maßnahmen ergriffen. Alle waren sehr aktiv bei der Verbreitung verifizierter und offizieller Informationen, die darauf abzielten, der Desinformation entgegenzuwirken.“

Für Ciccone spielen die sozialen Medien auch eine Rolle, wenn es um Aspekte geht, die in der Berichterstattung zu kurz kommen. „Sie sind wichtig, ich würde sogar sagen fundamental, als emotionale und psychologische Unterstützung für Menschen, die weltweit die Angst vor dem Virus und den Stress verursacht durch den Lockdown teilen.“ Sie weist zudem darauf hin, dass die sozialen Medien auch „eine unglaublich wichtige Rolle für die Wissenschaft und Forschung zum Austausch von Studien, Analysen und neuen Erkenntnissen“ spielen – das sei „faszinierend und auch bewegend“.

Wissenschaftsjournalismus an vorderster Front

Der Wissenschaftsjournalismus hat sich als führend in der Berichterstattung zur Corona-Pandemie entwickelt und sein Beitrag ist heute wichtiger als je zuvor. „Die Wissenschaft bietet keine in Stein gemeißelten Gewissheiten, sondern eher Methoden, die Welt zu verstehen und eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie die Dinge wahrscheinlich funktionieren“, sagt Andrea Gentile, Wissenschaftsredakteur bei der italienischen Ausgabe von Wired. „Unsicherheit ist Teil des Spiels, und wir müssen dies im Auge behalten: Auch Wissenschaftler haben keine endgültigen Antworten auf bestimmte Fragen, sondern nur eine Hypothese: Wir müssen dies immer wieder betonen.“ Als Beispiel dafür nennt er die Zahlen über die Ausbreitung der Krankheit. „Von Anfang an“, sagt Gentile, „haben alle Medien diese Zahlen sofort veröffentlicht. Diese Zahlen erzählen uns jedoch nur einen Teil der Geschichte: einige Zahlen sind wichtiger als andere, und andere haben im Grunde gar keine Bedeutung. Wenn Medien mechanisch Daten wiederholen, die von Behörden veröffentlicht wurden, nützt das einem Leser, der kein Epidemiologie-Experte ist, nichts.“

Auch wenn eine Pandemie wie diese automatisch auch das Risiko birgt, dass Falschinformationen verbreitet werden, hat Gentile eher Sorge vor den Auswirkungen einer Informationsflut, also einer Überproduktion an Informationen: „Jetzt ist die Zeit für ‚Slow-Journalism‘: Wir brauchen angemessene, tiefgehende und wissenschaftlich fundierte Berichte statt oberflächliche, schnelle Nachrichten, die nicht genügend gegengecheckt wurden, oder gar Falschmeldungen. Der Journalismus kann zwar nicht viel gegen die falsche WhatsApp-Audionachricht eines Verwandten, dem wir vertrauen, ausrichten, doch kann er den Menschen, die nachfragen, Antworten liefern, in der Hoffnung, dass er als vertrauenswürdige Quelle angesehen wird.“

Luigi Ripamonti, Wissenschaftsjournalist bei Corriere Salute, dem wöchentlichen Gesundheitsmagazin des Corriere della Sera, und gelernter Arzt, sagt: „Die Herausforderungen im Journalismus bleiben dieselben: die Menschen angemessen, unabhängig und wahrheitsgemäß zu informieren.“ Er betont, dass es in der Risikokommunikation zwei Regeln gebe: Die erste Regel laute „Leugne, verberge oder schmälere niemals eine Gefahr“ – denn durch Lügen verliere man schnell Vertrauen, was dazu führen könnte, dass auch Nachrichten, die wirklich bedeutend für die Sicherheit der Öffentlichkeit seien, ignoriert würden. Die zweite Regel, so Ripamonti, besagt, dass es wichtig sei, „die Grenzen und Ungenauigkeiten des aktuellen Wissensstandes offen darzustellen. Das Wissen ist zwar die einzige Quelle, auf der rationales Handeln basieren kann, es ist jedoch auch in einer ständigen Entwicklung”.

Ripamonti warnt auch vor dem Teufelskreis, der entsteht, wenn Mainstream-Medien Falschinformationen aufgreifen, um sie zu widerlegen: „Die Aufmerksamkeit führt ungewollt dazu, dass sie Desinformationen mehr Gewicht verleihen.“ Er betont, dass jeder seinen Teil dazu beitragen müsse, damit sich Fake News nicht weiter ausbreiteten. „Je mehr sie sich ausbreiten, desto ansteckender werden sie“, so Ripamonti, „es ist kein Zufall, dass man auch hier den Ausdruck ‚viral‘ benutzt.“

Datengestützte Berichterstattung und gesellschaftliches Engagement

Gerade in Zeiten einer Pandemie ist der Datenjournalismus ein nützliches Werkzeug, da mit seiner Hilfe komplexe Daten leicht verständlich dargestellt werden können. Luca Salvioli, Koordinator des Lab24 bei Il Sole 24 Ore, einem Team von Grafikern, Designern und Entwicklern, berichtet, dass ihre Seite zum Thema Coronavirus unglaubliche viele Aufrufe erzielt habe. „Mehr und mehr Nutzer nehmen unsere Beiträge als Referenzpunkt und schreiben ihnen einen offiziellen Status zu.“ Das habe das Team veranlasst, die Inhalte ständig auf dem neuesten Stand zu halten, was sowohl die Daten selbst als auch neue Elemente betreffe.

Salvioli weist darauf hin, dass die Daten bei weitem nicht perfekt seien. „Insbesondere die Zahlen zu den Infizierten stellen vermutlich nur einen Bruchteil der Realität dar, da sie sich nur auf die Personen beziehen, die getestet wurden.“ Er fügt hinzu, dass die Art und Weise, in der die italienische Katastrophenschutzbehörde auf ihren täglichen Pressekonferenzen die neuesten Zahlen bekannt gebe, die Verwirrung noch verstärkt habe. „Die angeführten Daten beziehen nur die Menschen ein, die an Covid-19 erkrankt sind, nicht aber Personen, die an Covid-19 gestorben oder genesen sind, was es schwierig macht, sich ein genaues Bild von der Gesamtzahl der Infektionen oder der Zuwachsrate der Infektionen zu machen.“ Aus diesem Grund hätten er und seine Redaktion sowie auch andere Medien sich entschieden, die Differenz der Fallzahlen zwischen zwei Zeitpunkten als Zahl der Neuinfektionen darzustellen. Den Umgang mit den Daten hat Salvioli auch bei Il Sole 24 Ore in einem Artikel thematisiert.

Donata Columbro ist Digitalstrategin und Mitglied im Dataninja-Kollektiv, das sich auf datengestützte Berichterstattung und Kommunikation fokussiert. Zusammen mit anderen Befürworten von open data gründete Columbro COVID19 Italia Help, eine Plattform, auf der Daten zur Pandemie gesammelt und Solidaritätsinitiativen organisiert werden. „Wir nutzen die Daten und erstellen einen Überblick, so dass Menschen schnell die Hilfe finden, die sie brauchen. Unter das Angebot fallen beispielsweise Lieferdienste, psychologische Hilfsangebote und Aushilfskräfte“, erklärt sie. Ihrer Ansicht nach entspricht solch ein öffentlicher Dienst, der Informationen sammelt und Hilfsgesuche und Anfragen koordiniert, der öffentlichen Aufgabe, der auch die Zeitungen nachgehen sollten.

Laut Columbro geben die offiziellen Gesundheitszahlen nicht das vollständige Bild der Auswirkungen der Pandemie auf alle Lebensbereiche wieder. „Was ist mit der Wirtschaft? Was mit dem kulturellen Sektor, der ja völlig abgeschaltet wurde? Es gibt auch Zahlen zu abgesagten Veranstaltungen, geschlossenen Museen“, betont sie. „Die Herausforderung besteht jetzt darin, den Blickwinkel zu weiten und den Lesern das Gefühl zu geben, in dieses Narrativ einbezogen zu sein – schließlich geht es in vielerlei Hinsicht um sie.”

Columbro ist der Ansicht, dass Grafiken, die nur nackte Zahlen vermitteln, durch andere Arten der Visualisierung, die eine größere Wirkung auf die Leser haben, ergänzt werden sollten. „Die neuseeländische Website The Spinoff macht einen sehr guten Job. Sie benutzt animierte Comics und Visualisierungen, die auf Bildern und nicht auf Zahlen basieren und damit leichter verständlich sind”, sagt Columbro.

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