Können transnationale Medien Europa vereinen?

28. Februar 2018 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Eine aktuelle Studie aus den USA hat am Beispiel der Talkshow „Talking Europe“ des Fernsehsenders France 24 den Einfluss transnationaler Medien auf eine europäische Öffentlichkeit untersucht.

Die Einwohner vieler EU-Mitgliedsstaaten scheinen sich nicht als Teil eines einheitlichen, europäischen Volkes zu identifizieren. Bei EU-Parlamentswahlen macht oft nur ein Bruchteil von seinem Wahlrecht Gebrauch, in der EU beschlossene Gesetze werden in nationalen Referenden mitunter abgelehnt. Eine vereinte europäische Öffentlichkeit scheint nicht zu bestehen oder wenn doch, ist sie zumindest nicht stark ausgeprägt.

EU-Politiker machen dafür unter anderem die vertikale Kommunikationsstruktur innerhalb der Staatengemeinschaft verantwortlich und versuchen, die soziale und kulturelle Integration ihrer Mitglieder unter anderem durch die Einrichtung transnationaler europäischer Medien zu stärken. Projekte wie der EU-Fernsehsender „Television without borders“, inzwischen in Audiovisual Media Service Directive (AMSD) umbenannt, oder die europäische Rundfunkanstalt Euronews sollen den Informationsfluss über die Landesgrenzen hinweg fördern.

In ihrer Studie „Solidarity Framing at the Union of National and Transnational Spheres” haben Ann E. Williams und Christopher M. Toula (beide Georgia State University) nun untersucht, welchen Einfluss transnationale Medien auf eine europäische Öffentlichkeit haben. Exemplarisch führten die Forscher eine qualitative Inhaltsanalyse der Talkshow „Talking Europe“ des transnationalen Fernsehsenders France 24 durch. Laut Williams und Toula hat die europäische öffentliche Sphäre bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen, was auch daran liege, dass es nur eine begrenzte Anzahl transnationaler europäischer Medien gebe und dass diese häufig von Eliten rezipiert würden, aber die Massen nicht erreichen. Kulturelle und sprachliche Unterschiede erschweren die Arbeit und Reichweite grenzüberschreitender Medien.

Mehr transnationale Medien

Die Autoren sind der Ansicht, dass eine vereinte europäische Öffentlichkeit nur dann durch die Medien vermittelt werden könnte, wenn dieselben Nachrichten mit Europabezug zugleich in verschiedenen Medien in Europa veröffentlicht würden. Die aktuelle Tendenz sei jedoch, dass Nachrichten über Europa in den nationalen Medien der Mitgliedsstaaten auf unterschiedliche Weise und aus nationaler Perspektive betrachtet würden, wobei EU-Politik häufig vorkomme, andere Themen wie zum Beispiel europäische Kultur oder Soziales aber nur sehr selten.

Andererseits wurden in den 2000er Jahren weltweit vermehrt erfolgreiche englischsprachige Programme ins Leben gerufen, darunter von Russia Today, CCTV (China), Deutsche Welle, France 24, Telesur (Lateinamerika) und Al Jazeera (Quatar). Williams und Toula unterscheiden dabei zwischen vier Typen transnationaler Medien: 1. Nationale Medien mit einer transnationalen Mission, 2. internationale Medien, 3. pan-regionale Medien und 4. globale Medien. France 24 fällt unter die Kategorien 1 und 4. Gegründet wurde der Sender im Jahr 2003, weil die französische Regierung glaubte, anglophone Ansichten zum Irakkrieg seien durch präsente Medienunternehmen wie CNN International in der globalen Medienlandschaft überrepräsentiert und die frankophone Perspektive käme nicht ausreichend zur Sprache. Inzwischen wird  France 24 in 160 Ländern rezipiert und seine Reichweite ist mit der von BBC World News vergleichbar. Das Programm ist explizit an „Meinungsführer“ adressiert.

„Talking Europe“

In der wöchentlichen Talkshow „Talking Europe“, die sowohl von der französischen Regierung als auch vom Europäischen Parlament finanziell unterstützt wird, diskutieren seit 2009 Mitglieder des Europaparlamentsaus verschiedenen Ländern aktuelle EU-politische Themen. Die Sendung richtet sich an ein Publikum in ganz Europa. In der Studie wurden die Debatten zur europäischen Wirtschaftskrise und zum Arabischen Frühling analysiert, weil beide sowohl die EU-Politik als auch die nationale Politik betrafen und weil Finanz- und Sicherheitsfragen nach Aussage der Autoren in den Mitgliedstaaten am meisten Beachtung finden.

Für die Analyse nutzten sie die „Framing-Theorie“, nach der Nachrichteninhalte in Bezug auf (1) als problematisch oder relevant dargestellte Themen, (2) genannte Gründe für diese Probleme, (3) moralische Urteile oder Schuldzuweisungen und (4) Lösungsvorschläge untersucht werden können. Der „Frame“, den sie bei beiden Themen anwandten, war das Konzept der „Solidarität“.

Solidarität: Problem und Lösung

In Bezug auf die Eurokrise ergab die Untersuchung, dass die Debattierenden fehlende Solidarität als Grund für das Ausmaß der Krise nannten, als schuldig wurden dabei die vom Euro wirtschaftlich profitierenden Staaten wie Deutschland oder Frankreich eingeordnet. Die vorgeschlagenen Lösungen, z.B. die deutsche Sparpolitik, seien gescheitert, weil sie nicht auf echter Solidarität beruht hätten, sondern Deutschland in Wahrheit davon profitiert hätte.

Ähnlich fällt das Ergebnis bei der Analyse der Aussagen zum Arabischen Frühling aus. Dass Mitgliedsstaaten angesichts wachsender Flüchtlingsströme den Schengen-Raum in Frage gestellt hätten, sei eine rein national motivierte Reaktion gewesen und habe die gemeinsamen EU-Interessen außer Acht gelassen. Als Lösungsansatz sprachen sich die teilnehmenden Politiker für eine harmonische, gemeinsame, solidarische Bewältigung der Situation aus und gegen Alleingänge der Staaten.

Von den Eliten zu den Massen

Sowohl in Bezug auf die Finanzkrise als auch in Bezug auf den Arabischen Frühling wurde fehlende Solidarität damit als bestimmendes Problem bzw. mehr Solidarität als Lösung genannt. Diese Botschaft zielt klar auf einen gemeinsamen öffentlichen Raum innerhalb der EU ab. Den Forschern fiel außerdem auf, dass in der Sendung, trotz deren Bezug zur französischen Regierung, diese mitunter kritisiert wurde. Die Sendung bietet also einen „Frame“, wie aber könnte dieser in eine europäische Öffentlichkeit umgesetzt werden? Toula und Williams vermuten, dass Konzepte und „Frames“ in eher von Eliten rezipierten Programmen leicht einen Eingang in nationale Medien finden, wo sie auch ein Massenpublikum erreichen. So entstehe möglicherweise eine horizontale Kommunikation, die die Idee einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit besser verbreiten könnte als die vertikale Kommunikation durch EU-Politiker. Somit betont die Studie, wie wichtig Medien sind, um Identifikation und Einheit zu schaffen.

Bisher ist noch nicht klar, welchen Einfluss „Frames“ wie der „Solidaritäts-Frame“ auf nationale und internationale Debatten haben. In jedem Fall aber zeigt die Untersuchung mithilfe der Framing-Theorie, dass auch scheinbar egalitäre, offene Räume wie die Diskussionen in einer Talkshow durch Machtstrukturen gelenkt werden, so wie „Talking Europe“ die Interessen der französischen und der europäischen Regierung widerspiegelt.

Die Studie wurde in Journalism Studies, 2017, Vol. 18, No 12, 1576-1592 veröffentlicht.

 

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