Mediale Krisenkommunikation 24/7

1. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Auch aus journalistischer Sicht ist das Coronavirus eine gewaltige Herausforderung. Kommunikationswissenschaftler Florian Meißner greift einige Aspekte auf, die aus seiner Sicht für die Krisenberichterstattung prägend sind.

Katastrophen haben die Kraft, Gesellschaften zu erschüttern, ihre kollektiven Bewusstseinsschemata zu prägen und zu verändern (Alexander, 2004). Nicht weniger als eine solche Erschütterung erleben wir in diesen Tagen. Dabei stellt die Pandemie den typischen Verlauf journalistischer Krisenberichterstattung auf den Kopf: Es gab nicht das eine auslösende Ereignis, das sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zog, ehe die klassische Themenkarriere (Görke 2008) und damit die Normalisierung der medialen Agenda ihren Lauf nahmen. Vielmehr haben wir es mit einer anfänglich noch schleichenden, schwer greifbaren Katastrophe zu tun. Erst allmählich, dafür umso nachhaltiger, entwickelte sie sich zum politischen, gesellschaftlichen und medialen Top-Thema. Seit Wochen beschäftigen sich journalistische Medien damit in einer Intensität, die kaum noch andere Themen zulässt.

Journalistinnen und Journalisten kommt in dieser Situation ein ganzes Bündel an Aufgaben und Anforderungen zu. Um (in Erweiterung von Renn et al. 2007, S. 113) nur einige davon zu nennen: Sie sollen …

  • … Orientierung bieten, indem sie umfassend und akkurat über die Entwicklung der Krise berichten
  • … über Gefahren aufklären, ohne Panik zu schüren
  • … über wissenschaftliches Wissen und Nicht-Wissen informieren
  • … über notwendige Schutzmaßnahmen und Verhaltensanpassungen in der Bevölkerung aufklären
  • … auch in Krisen ihre Kritikfunktion gegenüber Politik und Krisenmanagement aufrecht erhalten.

Gerade die Kritikfunktion gerät im Zuge der Krisenberichterstattung und den extremen Arbeitsbedingungen, die sie für Journalistinnen und Journalisten mit sich bringt, leicht in Vergessenheit. Selbst wenn die Lage ernst ist und der Zusammenhalt aller beschworen wird, darf die Krisenberichterstattung nicht zur Hofberichterstattung werden. Politisches Handeln muss weiterhin kritisch hinterfragt, über den richtigen Umgang mit der Krise muss gerungen werden.

Kurzum: Auch aus journalistischer Sicht ist die Corona-Pandemie zweifellos eine gewaltige Herausforderung. Es wird noch in Jahren untersucht und reflektiert werden, wie gut oder wie schlecht Medien weltweit diese Herausforderung bewältigt haben – aber auch, welche Rolle weitere zentrale Akteure der Informations-Distribution wie soziale Netzwerke, Suchmaschinen und Messenger-Dienste gespielt haben. Ich greife hier notwendigerweise selektiv einige Aspekte auf, die aus meiner Sicht für die mediale Krisenkommunikation zur Corona-Pandemie prägend sind.

Globalität der Katastrophe – Globalität der Berichterstattung?

Vermehrt haben wir es mit Krisen zu tun, die nicht mehr lokal begrenzt sind, sondern sich in weiten Teilen der Welt auswirken. In ihrem lohnenswerten Buch „Disasters and the Media“ schrieben Pantti et al. bereits 2012:

We live in a global age. We inhabit a world that has become radically interconnected and interdependent and that communicates according to the formations and flows of the media. This same world also spawns proliferating, often interpenetrating, ‘global crises.’

In den vergangenen Jahren hat die Welt zahlreiche Krisen internationalen Ausmaßes erlebt bzw. steht erst am Anfang derselben. Dazu zählen etwa humanitäre Krisen, die Klimakrise oder die derzeitige Corona-Pandemie. Die Diagnose der „Weltrisikogesellschaft“ (Beck 2007) ist daher aktuell wie nie.

In der Vergangenheit war jedoch immer wieder zu beobachten, dass Medienberichterstattung über internationale Krisen stark von nationalstaatlichen Blickwinkeln geprägt war (zum Beispiel in der Flüchtlingskrise, vgl. Fengler & Kreutler 2020). Dieses Phänomen ist mit der Corona-Pandemie zwar nicht passé.  Dennoch zeigt sich ein bisher nicht gekannter Trend zu länderübergreifender Berichterstattung, wie auch die aktuellen Berichte in der Reihe des European Journalism Observatory zeigen. In deutschsprachigen Medien fällt auf, dass sich die Entwicklung in anderen Ländern (insbesondere in Europa und den USA) teils detailgenau nachvollziehen lässt.

Unterschiedliche Ansätze, mit der Krise umzugehen, werden durchaus aufgezeigt, ebenso wie Beispiele länderübergreifender Kooperation. Dennoch entspricht die Berichterstattung nur bedingt Becks Vorstellung von einer globalen Schicksalsgemeinschaft, einem „erzwungenen Kosmopolitismus“. So lässt sich kritisch einwenden, dass es der Berichterstattung teils an Empathie fehlte, gerade mit Blick auf China: Auffällig waren in Teilen der Berichterstattung etwa stigmatisierende Titel wie „Made in China“ (SPIEGEL 06/2020) oder „Angst vor Kölns Chinesen“ (Express Köln, 2.2.2020). Vor diesem Hintergrund sahen sich die Neuen Deutschen Medienmacher gar zu dem Hinweis genötigt: „China ist keine Krankheit“.

‚Heiße’ und ‚kalte’ Emotionen

Wann immer Medien über Katastrophen berichten, dauert es meist nicht lange, ehe der Vorwurf der Panikmache oder des Sensationalismus laut wird. Im Falle des Coronavirus ist das teils begründet, teils liest sich diese Kritik aber spätestens im Nachhinein als fahrlässige Verharmlosung der Pandemie. Bereits die hohe Frequenz und der Umfang der Berichterstattung werden häufig als mediale Übertreibung und Sensationsgier wahrgenommen. Diese Wahrnehmung wurde jedoch längst von der Realität einer omnipräsenten Krise eingeholt.

Was die Tonalität der Berichterstattung angeht, erscheint diese zumindest abseits des Boulevards ruhiger und sachlicher, als man es von der oft sensationalistischen Berichterstattung über Katastrophen im Ausland gewohnt ist. Dies stimmt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen überein, nach denen es offenbar deutliche Unterschiede in der Berichterstattung über in- und ausländische Katastrophen gibt. Dazu nochmals Pantti et al.:

[…] while reporting on distant disasters is characterized by more negative and ‘hotter’ (stronger) emotions, stories of disasters which we consider our own are bound to include more positive and calmer emotions […].

Die Kehrseite dieses Phänomens ist häufig ein affirmativer Charakter der inländischen Krisenberichterstattung. Der Kommunikationswissenschaftler Otfried Jarren etwa kritisiert eine „Hofberichterstattung“ der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Diese konzentrierten sich auf einen engen Kreis von Experten und politischen Akteuren, offizielle Verlautbarungen und Beschränkungen des öffentlichen Lebens würden unkritisch übermittelt. In die gleiche Kerbe schlägt Medienjournalist Christoph Sterz:

Die jeweils aktuelle Anordnung wird verkündet – und nicht weiter problematisiert. Dabei gibt es wirklich etliche Fragen: […] Was ist mit älteren Menschen, die jetzt kaum noch gepflegt werden können, mit den Leuten, die jetzt einsam sind, die ihren Job verlieren werden oder schon verloren haben, die psychisch krank sind oder es gerade werden? Wie lange sollten Spielplätze, Schulen und Kitas geschlossen bleiben, ohne dass das Kindern, Eltern und der Gesellschaft schadet? Was wären hilfreiche Sofortmaßnahmen für unser Gesundheitssystem – und [was] müsste in diesem Bereich dauerhaft verändert werden?

Auch in anderen Demokratien wird immer wieder beobachtet: Bei inländischen Krisen berichten Medien tendenziell unkritischer, hinterfragen weniger, verlautbaren und appellieren dagegen mehr. Daraus lässt sich lernen: Während mediale Aufrufe zu Solidarität und physischer Distanzierung im Falle von Corona durchaus angebracht sein können, darf darüber nicht der kritische Blick auf politisches Handeln verloren gehen. Das ist sowohl unter demokratischen Gesichtspunkten essenziell als auch eine wichtige Voraussetzung für die Verbesserung des politischen Risiko- und Krisenmanagements (vgl. Meißner 2019, S. 383-394).

Mediale Kritik und Kontrolle in Krisenzeiten

Vor dem Hintergrund dieser Problematik entwickelte Wilkins (2016) das hierzulande völlig unbekannte, aber sehr inspirierende Rollenkonzept des „mitigation watchdog“. Darin bündelt er die unterschiedlichen ethisch-normativen Anforderungen an Krisenberichterstatterinnen und -berichterstatter:

When the focus becomes disasters and hazards, no other profession is allowed neutrality or by-stander status. First responders, fire fighters, police, the National Guard, are expected to help others in times of disaster and calamity. Civil authorities, medical and public health professionals, and even Homeland Security employees, have an affirmative responsibility to help […]. Thus, in reporting on hazards and disasters, journalists find themselves ethically in a place that parallels those of investigative reporters: while they can be objective – fact-driven – about ‘what happens’ during a disaster and about responses to it, journalists have an affirmative duty to act in ways that protect human life and, to a lesser extent, the property that shelters life.

Dieses journalistische Aufgabenprofil verbindet die demokratische Kritik- und Kontrollfunktion mit der ethischen Verpflichtung zur „mitigation“ (in etwa: Schadensminderung). Auf die Berichterstattung über die Corona-Krise angewandt bedeutet dies: Selbstverständlich haben Journalistinnen und Journalisten in einer so außergewöhnlichen Notsituation die Aufgabe, die Bevölkerung für Risiken zu sensibilisieren und damit – direkt oder indirekt – an die Verantwortung eines jeden Einzelnen zu appellieren. Gleichzeitig sollten Journalistinnen und Journalisten eine kritische Diskussion darüber ermöglichen, welches die geeignetsten Maßnahmen sind, um den Schaden für die Gesellschaft so gering wie möglich zu halten. Dabei müssen unterschiedliche gesellschaftliche Interessen artikuliert werden, ohne sie gegeneinander auszuspielen (Jung vs. Alt, Gesundheit vs. Ökonomie etc.).

Grassierende Falschinformationen zum Coronavirus

Eine weitere Herausforderung für die Krisenberichterstattung, aber auch für die Politik und die Bevölkerung insgesamt, ist der Umstand, dass die digitale Informationsökologie längst ebenfalls von einem gefährlichen Virus befallen ist. Haltlose Gerüchte, gezielt lancierte Falschinformationen und Verschwörungstheorien haben sich auf digitalen Plattformen und in Messenger-Diensten im Zuge der Corona-Krise teils rasant verbreitet. Trittbrettfahrer, die bereits vorher für die Verbreitung von Verschwörungstheorien bekannt waren, sind auf den Corona-Zug aufgesprungen und versuchen oft erfolgreich, für ihre zweifelhafte Sache Aufmerksamkeit zu generieren.

Dies zeigen Zahlen des Unternehmens NewsGuard[1], das eine (angesichts Corona vorübergehend kostenlose) Browser-Erweiterung zur Kennzeichnung unzuverlässiger Webseiten entwickelt hat. Demnach sorgen zahlreiche Informationsanbieter, die über das Coronavirus unwahre Behauptungen verbreitet haben, für zum Teil deutlich mehr Interaktionen in sozialen Netzwerken als seriöse Quellen wie die Weltgesundheitsorganisation oder das Bundesgesundheitsministerium. Gemeinsam kommen die bislang von NewsGuard identifizierten deutschsprachigen Webseiten, die Corona-Falschinformationen veröffentlichten, sogar fast auf das Hundertfache an Interaktionen.

Die erhöhte Verbreitung von Falschinformationen ist typisch für Krisensituationen. Dafür ist ein Bündel unterschiedlicher Faktoren verantwortlich. Zum einen gibt es die genannten Trittbrettfahrer. Zum anderen sorgt ein toxisch wirkender Cocktail aus Ängsten, ausgeprägtem Informationsbedürfnis und hoher Unsicherheit dafür, dass Menschen für Falschinformationen anfälliger werden. Die Aufmerksamkeit für dubiose Inhalte schnellt so in Krisenzeiten in die Höhe – zum Teil noch verstärkt von den Mechanismen digitaler Plattformen und Messenger-Dienste. Diese haben zwar in der Corona-Krise mehr als in der Vergangenheit dafür getan, um Falschinformationen einzudämmen. Ob sie ihrer Verantwortung hinreichend gerecht geworden sind, diese Frage wird jedoch weiterhin kritisch beleuchtet werden müssen.

Der Blick nach vorne

Mediale Krisenkommunikation ist aus naheliegenden Gründen stark auf das Hier und Jetzt konzentriert. Expertinnen und Experten etwa des Robert-Koch-Instituts arbeiten jedoch notwendigerweise mit längerfristig angelegten Szenarien. Diese lassen erwarten, dass die derzeitige Infektionswelle und die damit einhergehenden massiven Beschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens keineswegs einmalig bleiben werden. Vielmehr rechnet das RKI nach einer ersten Entspannung mit weiteren Infektionswellen und entsprechender Notwendigkeit erneuter Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die Gesellschaft wird also absehbar noch weitere Geduldsproben zu bestehen haben.

Für den Journalismus folgt daraus ein neuer Balanceakt: einerseits die Bevölkerung mit diesen Szenarien frühzeitig vertraut zu machen und es ihr zu erlauben, sich soweit möglich darauf einzustellen[2]; andererseits den Diskurs über die Angemessenheit der jeweiligen Maßnahmen zu fördern.

 

Wissenschaftliche Literatur

Alexander, J. C. (2004). Toward a Theory of Cultural Trauma. In J. C. Alexander, R. Eyerman, B. Giesen, N. J. Smelser & P. Sztompka (Hrsg.), Cultural trauma and collective identity (S. 1-30). Berkeley, Calif. [u.a.]: Univ. of California Press.

Fengler, S. & Kreutler, M (2020). Wie berichten Medien über Migration und Flucht? European Journalism Observatory. https://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/wie-berichten-medien-in-west-und-osteuropa-ueber-migration-und-flucht

Görke, A. (2008). Medien-Katastrophen – ein Beitrag zur journalistischen Krisenkommunikation. In T. Glade & C. Felgentreff (Hrsg.), Naturrisiken und Sozialkatastrophen (S. 121-130). Berlin: Spektrum Akademischer Verlag.

Meißner, F. (2019). Kulturen der Katastrophenberichterstattung. Eine Interviewstudie zur Fukushima-Krise in deutschen und japanischen Medien. Dissertationsschrift. Wiesbaden: Springer VS.

Pantti, M., Wahl-Jorgensen, K. & Cottle, S. (2012). Disasters and the Media. New York: Peter Lang.

Renn, O., Schweizer, J., Dreyer, M. & Klinke, A. (2007). Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit. München: oekom.

Wilkins, L. (2016). Affirmative Duties. The Institutional and Individual Capabilities Required in Disaster Coverage. Journalism Studies, 17 (2), 216-230.

 

[1] Offenlegung: Der Autor ist als Advisory Editor bei NewsGuard Deutschland tätig.

[2] Ich danke Prof. Dr. Gerd G. Kopper für wichtige Hinweise zu diesem Aspekt.

 

Bildquelle: pixabay.de

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