Mit „Coopetition“ Konvergenz gestalten

6. Dezember 2011 • Qualität & Ethik • von

SRG und Verlage sollten begrenzt zusammenarbeiten, statt sich zu bekriegen.

Es gibt noch Überraschungen im Leben, manchmal sogar zwei: Im Sommer hatte zuletzt Hans-Peter Lebrument den Haudegen geschwungen und uns Kommunikationswissenschaftler in Angst und Schrecken versetzt: „Die schlechtere Garde der zur Wissenschaft Berufenen“ habe „das Feld der Medien und Kommunikation erobert“.

Deren Schaffen sei unbrauchbar, „geprägt von wenig Systematik, von fragwürdiger Forschung-und höchst fragwürdigen Ausbildungskriterien sowie von Resultaten, die wenig verständlich sind“, schrieb er ausgerechnet zum Thema „Dauerbrenner Qualität“ in seiner Verbandspostille Flash extra. Ein paar Monate später kam dann die Volte: Lebruments Verband lud gleich vier „renommierte Medienwissenschaftler“ (O-Ton Verband Schweizer Medien) zu einem Hearing nach Zürich ein, um „aus ihrer Sicht über Lösungsvarianten im Konflikt zwischen der SRG und den privaten Verlegern im Online-Markt nachzudenken“.

Die zweite Überraschung brachte das Hearing selbst. Ohne jede vorherige Absprache kamen die vier geladenen Experten zu sehr ähnlichen Schlüssen. Roger Blum, Heinz Bonfadelli, Kurt Imhof – der kurz zuvor ob seines Jahrbuchs „Qualität der Medien“ von Verlegerseite zusätzlich Prügel bezogen hatte – und ich empfahlen den Verlegern, sich mit der SRG an einen Tisch setzen und gemeinsam darüber nachdenken, wie sie zum beiderseitigen Vorteil die konvergente Medienzukunft gestalten können. Statt sich um die Peanuts zu streiten, die mit künftiger Online-Werbung erzielbar sein werden, und statt in Sachen Online-Präsenz Krieg zu führen, sollten sie sich darum bemühen, publizistische Vielfalt zu bewahren, und mit begrenzten und angesichts absehbar sich weiter verknappender Ressourcen arbeitsteilig einen bestmöglichen Service für die Schweizer Mediennutzer sicherzustellen.

Die Zukunft der Medien ist online, und dort konvergieren die alten Medien TV, Radio und Print. Wer in Zeiten, in denen kommerzielle Medien wegen webbrechender Werbeerlöse, sinkender Zahlungsbereitschaft der Publika und schrumpfender Redaktionen immer weniger in der Lage sind, ihrer öffentlichen Aufgabe nachzukommen, weiterhin einen „Service public“ haben möchte, sollte mit Forderungen nach Selbstbeschränkung der SRG im Internet vorsichtig sein.

Die Medienvielfalt in der Schweiz wird jedenfalls eher von außen, also von Schwergewichten wie Google, Apple und Facebook, aber auch von großen europäischen Medienunternehmen wie Bertelsmann/RTL, Springer und Mediaset/Mondadori – sowie vom größten privaten Schweizer Player tamedia – bedroht als von der SRG.

Es lohnt sich, in der Internet-Welt nach vorne zu denken und mögliche Synergien auszuloten, wenn  hohe Journalismusqualität und „Swissness“ bewahrt werden sollen. „Coopetition“ heißt das Stichwort. Von den Software-Unternehmen in Kalifornien ließe sich lernen, wie sich Kooperation unter Wettbewerbern organisieren lässt – zum Beispiel, indem Konkurrenten, die zu Kooperationspartnern werden, jeweils das verstärken, was sie ohnehin schon am besten können: So könnte die SRG auch für die Websites der Verlage Bewegtbilder und Podcasts liefern – sowie Auslands-, Wissenschafts- und Medienberichterstattung, also all das breiter verfügbar machen, was wir mit unserem Gebührengeldern bereits bezahlt haben und was viele Zeitungsverlage entweder gar nicht können oder bereits stark abgebaut haben. Die Zeitungsverlage wiederum könnten gegen angemessene Vergütung auch zur Online-Plattform der SRG Texte beisteuern und ihre Stärken in der Regional- und Lokalberichterstattung ausspielen, wo sie ja ohnehin seit eh und je die News-Lieferanten der großen Nachrichtenagenturen sind.

Werbeeinkünfte für Online-Angebote – das ist und bleibt voraussichtlich ein Nebenkriegsschauplatz, weil News-Websites ohnehin nur geringe Werbeerlöse erzielen werden.

Wer in jüngster Zeit Gelegenheit hatte, dem SRG-Generaldirektor Roger de Weck oder auch dem Tessiner RSI-Chef Dino Balestra zu lauschen, wird ihnen Nachdenklichkeit bescheinigen, die vielen Verlegern noch abgeht. De Weck kommt aus der Presse, er war Chefredaktor des Tages-Anzeigers und der Zeit. Mit ihm als Gesprächspartner sollte es den Verlegern gelingen, die Medienzukunft der Schweiz aktiv zu gestalten. Dazu müssen sie aber erst ein paar vorgestrige Frontstellungen aufgeben – und vielleicht auch ihrem großen Vorsitzenden beibringen, dass  wissenschaftlicher Rat nicht rundum unnütz ist, ja mitunter sogar wegweisend sein kann.

Erstveröffentlichung: Werbewoche Nr. 22/2011

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