Myanmar: Die Corona-Krise und die Medien

9. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Fact-Checking ist während der Krise zu einer wichtigen Praxis des journalistischen Alltags in Myanmar geworden. Viele Journalisten nutzen ihre Facebook-Seiten, um die Menschen vor Fake News zu warnen. 

Myanmar, eines der am wenigsten entwickelten südostasiatischen Länder mit einer Bevölkerung von 54 Millionen Menschen, bestätigte die ersten beiden Fälle des neuartigen Coronavirus erst am 23. März – am Ende des Monats waren 15 Fälle bekannt.

Bis zur offiziellen Bestätigung der Infektionen war es ein langer Weg. Viele Menschen gerieten in Panik, weil sie über die sozialen Medien Fake News erhielten oder ihnen über den Facebook-Messenger unwahre Sprachnachrichten gesendet wurden. Darin hieß es zum Beispiel, es gebe viele Dutzend COVID19-Fälle in den Krankenhäusern. Trotz fehlender Quellenangaben verbreiteten solche Informationen sich rasch innerhalb der Bevölkerung. Nach der ersten Bekanntgabe von Corona-Fällen kam es sofort zu Panikkäufen in einigen rund um die Uhr geöffneten Supermärkten in der Handelsmetropole Rangun, die etwa 5,3 Millionen Einwohner zählt.

„Es gab in den sozialen Medien immer Fake News und Fehlinformationen“, so der Journalist Nyan Win Shein, der derzeit in Rangun im Fact-Checking-Programm „Real or not“ arbeitet. „Aber ihre Wirkung ist jetzt, wo die Welt vor der Herausforderung des Coronavirus steht, viel größer. Ich habe jeden Tag zwischen 10 und 30 Fake News gefunden.“ Er erklärte, dass Myanmar sich über den Mangel an Social-Media-Kompetenzen in der breiten Öffentlichkeit Sorgen machen sollte, da viele Nutzer Fake News unbedacht an andere weitergeben würden.

Gesundheitsministerium und WHO informieren

Das Gesundheitsministerium bildete Anfang Januar 2020 ein Team, um die Öffentlichkeit rechtzeitig über die globale Coronavirus-Pandemie zu informieren, aber die meisten Menschen leben in den ländlichen Gebieten des Landes, mit einer schlechten Internetverbindung und geringem Zugang zu Medien. Dies erschwert eine erfolgreiche Aufklärung der gesamten Öffentlichkeit in Myanmar.  Das Gesundheitsministerium hat eine Website und eine interaktive offizielle Facebook-Seite eingerichtet, die viele aktualisierte Informationen sowie „Do’s and Don’ts“ zum Thema Coronavirus liefern. Die Informationen stammen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Corona-Krise sensibilisiert für die Bedeutung des Fact-Checking

Aktuell kämpfen die Journalisten in Myanmar aktiv und verantwortungsbewusst darum, die breite Bevölkerung verlässlich über die Corona-Krise aufklären zu können. Die meisten Journalisten nutzen ihre Facebook-Seiten, um die Menschen vor Fake News zu warnen.  Die Praxis der Überprüfung und Verifizierung von Fakten ist während der Krise zu einer wichtigen Praxis des journalistischen Alltags geworden. Einige Journalisten und Medienaktivisten haben eine Facebook-Gruppe zum Fact-Checking gegründet, die ihnen helfen soll, verifizierte Informationen der breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Myint Kyaw, ein prominenter Journalist aus Myanmar, der als Ausbildungsleiter des Myanmar Journalism Institute arbeitet, wies in einem Interview für diesen Artikel darauf hin, dass viele Journalisten erst während der Corona-Krise die Bedeutung des Fact-Checkings erkannt hätten. „Die Leute lesen digitale Nachrichten jetzt bewusster und kritischer als zuvor“, stellt Myint Kyaw fest. „Sie wollen aktiv mit den Journalisten zusammenarbeiten, um Fakten zu überprüfen. Eine aktive Zivilgesellschaft mit Medienkompetenz, die gefälschten Nachrichten den Kampf ansagt, ist gut für alle. Diese Praxis wird in jeder Situation helfen – sowohl bei bestehenden als auch bei zukünftigen religiösen und ethnischen Konflikten.“

Wanderarbeiter strömen ins Land

Es ist für Myanmar immer noch schwer, sich vor Covid-19 zu schützen, da Tausende von myanmarischen Wanderarbeitern über die Grenzen des Nachbarlandes Thailand und vor allem aus China zurückströmen. Myanmar ist derzeit noch nicht gut vorbereitet, um mit der großen Anzahl an zurückkehrenden Wanderarbeitern entsprechend umzugehen. Bereits am 29. März wurde unter 23.000 Migranten aus Thailand eine Person positiv auf das Virus getestet. Das bisher zum Teil schwache Management der Regierung in dieser Krise und der Mangel an Beachtung der Quarantänebestimmungen in der Bevölkerung erweisen sich als große Herausforderungen, die auch in durch Fake News angeheizte Diskriminierungen der aus dem Ausland zurückgekehrten Menschen eskalieren könnte. Die bereits angespannte Lage könnte sich diese weiter verschärfen – zum einen durch die vor kurzem verlautbarte Schließung von Fabriken, bei der viele Niedriglohnarbeiter ihre Existenzgrundlage verlieren und zum anderen durch den Tatbestand, dass die Regierung mithilfe einiger wohlhabender Geschäftsleute und berühmter Mönche die Bereitstellung von Quarantäneeinrichtungen im ganzen Land vorbereitet.

Thurein Hlaing Win, 31, ein Schriftsteller und Mediziner, hat in Myanmar die Online-Wissensplattform „Hello Sayarwon“ gegründet, auf der er über Gesundheitsthemen und natürlich auch über die aktuelle Krisensituation schreibt. Seit Juni 2018 werden über die Website und die Facebookseite von „Hello Sayarwon“ Informationen über die Gesundheitsversorgung im Land ausgetauscht – und erreichen bis zu vier Millionen Nutzer. Um die Öffentlichkeit über die Besonderheiten und Präventionsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus  aufzuklären, veröffentlichte Hlaing Win bereits 67 medizinische Artikel sowie 28 medizinische Infografiken und 18 Videos.

„Die Kommunikationsstrategie der Regierung zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist nicht so angelegt, dass sie alle Bevölkerungsgruppen erreichen könnte. Daher ist es für die Landbevölkerung und die Wanderarbeiter schwierig, ihre Anweisungen klar zu befolgen. Das wird uns schaden“, sagte Thurein Hlaing Win und ermutigte die zurückgekehrten Menschen, ihre Familien zu schützen, indem sie die 14-tägige Quarantäne respektieren. „Nur 14 Tage oder ein ganzes Leben voller Reue?“ fügte er hinzu.

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