Ob Stern oder Doppelpunkt: Man kann sich daran gewöhnen

6. Mai 2021 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Die gendergerechte Sprache hat sich längst als irreversibler Teil der gesellschaftlichen und sprachlichen Realität etabliert. Zur Debatte steht nur noch, welche Formen sich wie durchsetzen werden und sollen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Medien. In der Schweiz haben kürzlich RTS und SRF Leitlinien veröffentlicht – mit teils überraschenden Lösungen. Befunde und Beobachtungen aus Wissenschaft und Forschung.

Seit ungefähr 20 Jahren besteht am Siegeszug der inklusiven Sprache kaum mehr Zweifel. Und dennoch wird derzeit auf Twitter, in Blogs und Kommentarspalten, in Parlamentssälen und Redaktionen heftig diskutiert. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Verwendung des sogenannten Gendersterns: Ein Asterisk (etwa bei „Journalist*innen“) zur typografischen und gedanklichen Mitberücksichtigung von Menschen verschiedener und/oder offener Genderidentitäten.

Die gesellschaftliche Debatte rund um gendergerechte Sprache ist weder besonders aktuell noch ergebnisoffen. Seit den 1970er Jahren werden in linguistischen, sozialpsychologischen und kommunikationswissenschaftlichen Studien zwei grundsätzliche Strategien gendergerechter Sprache untersucht: die Feminisierung und die Neutralisierung. Während Feminisierungen die sprachliche Asymmetrie zwischen Männer und Frauen durch die explizite Sichtbarmachung weiblicher Wortformen ausgleichen, rücken Neutralisierungen sprachlich erzeugte Gendervorstellungen in den Hintergrund, indem sie gendermarkierte durch genderneutrale Formulierungen ersetzen. Die Forschung zu diesen beiden Strategien zeigt ein für die Sprachverwendung eigentlich überraschend einheitliches Bild:

Die Verwendung gendergerechter Sprache bringt gesellschaftlich erwünschte Vorteile und nur sehr begrenzte Nachteile.

Feminisierungen machen weibliche Sprachformen sichtbar, indem weibliche Pronomen, Personenbezeichnungen, Plurale etc. explizit mitaufgeführt werden. Beispiele sind Beidnennungen (z.B. Journalistinnen und Journalisten), Formen mit Schrägstrich (z.B. Journalist/innen) oder Formen mit Binnen-I (z.B. JournalistInnen).

Im Vergleich zum generischen Maskulinum führt die Verwendung von Feminisierungen dazu, dass Frauen tatsächlich stärker mitgedacht werden und genderstereotype Assoziationen reduziert werden. Auch der Duden hat im Februar verkündet, dass bis Ende Jahr ungefähr 12.000 Einträge der Online-Ausgabe zwecks Abschaffung des generischen Maskulinums überarbeitet werden. Das betrifft vor allem Definitionen von Personenbezeichnungen und Berufsgruppen. Neu wäre dann ein Mieter nicht mehr „jemand, der etwas gemietet hat“, sondern „eine männliche Person, die etwas gemietet hat“ – mit einem entsprechenden Eintrag für die Mieterin.

Einen potenziellen Nebeneffekt von Feminisierungen zeigt eine Studie zu Berufsbezeichnungen, bei der Teilnehmende für Berufsgruppen, die mit dem generischen Maskulinum bezeichnet wurden, (z.B. „Ärzte“) ein höheres Gehalt schätzten als bei der Beidnennung („Ärztinnen und Ärzte“). Dieser vermeintliche „Prestigeverlust“ durch explizite Einbeziehung von Frauen betrifft traditionell männerdominierte Berufsgruppen besonders stark. Entscheidend ist allerdings, dass die Beidnennung zu keinem Unterschied in der zugeschriebenen Kompetenz der Berufsgruppen führt und daher eher ein gedankliches Muster der Lohndiskriminierung sichtbar macht.

Ein Nachteil von Feminisierungen besteht darin, dass sie Gendervorstellungen zwar sprachlich ausgleichen, diese aber dennoch hervorrufen (und ggf. sogar verstärken). Neutralisierungen umgehen dieses Problem, indem sie genderunspezifische Formulierungen bevorzugen, also Medienschaffende anstatt Journalistinnen und Journalisten, Personal anstatt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Kinder anstatt Mädchen oder Jungen. Ein „Extrembeispiel“ der Neutralisierung ist das in 2012 künstlich kreierte „hen“ Pronomen in der schwedischen Sprache, welches die genderspezifischen Personalpronomen (hon/han, d.h. sie/er) ergänzt. Neutralisierungen haben ähnliche Vorteile wie Feminisierungen und rücken zusätzlich die Intensität von durch Sprache hervorgerufenen Gendervorstellungen in den Hintergrund.

Seit etwa 30 Jahren sind die Grundsätze gendergerechter Sprache auch in der amtlichen Kommunikation verankert.

So anerkannte der Bundesrat 1986 die Wichtigkeit gendergerechter Formulierungen. Seit 1988 werden im Berufsverzeichnis und in Stellenausschreibungen der Bundeskanzlei Männer und Frauen durch Beidnennung (z.B. Sachbearbeiterin/Sachbearbeiter) nebeneinandergestellt. 1991 erscheint der erste bundesrätliche Bericht zur flächendeckenden Verwendung gendergerechter Formulierungen. 1996 erscheint die erste Auflage des „Leitfaden zur sprachlichen Gleichbehandlung“ (die aktuelle Fassung datiert von 2009). Darin werden mehrere Möglichkeiten zur Feminisierung und Neutralisierung vorgestellt mit der Empfehlung, „die vorhandenen sprachlichen Mittel [zu] kombinieren und sie so [zu] verwenden, dass ihre Vorteile voll zum Tragen kommen und ihre Nachteile minimiert werden“ (Bundeskanzlei, S. 41). Der Genderstern wird im Leitfaden nicht erwähnt. Die Bundeskanzlei prüft allerdings gemäß einem Bericht der Sonntagszeitung gegenwärtig dessen Aufnahme in eine aktualisierte Version.

Eine wichtige Rolle bei der Normalisierung gendergerechter Sprache spielen neben Wissenschaft und Behörden auch die Medien und dabei insbesondere Anbieter, die einen öffentlichen Auftrag zu erfüllen haben. Schweizer Radio und Fernsehen SRF hat unlängst seine publizistischen Leitlinien überarbeitet. Diese enthalten auch neue Regeln und konkrete Anweisungen zur genderneutralen und diskriminierungsfreien Sprache (siehe Punkt 9.5). SRF empfiehlt darin explizit, den Genderstern zu vermeiden, stattdessen kommt der Doppelpunkt (z. B. „Journalist:innen“) zum Einsatz. Allerdings nicht flächendeckend, sondern nur für bestimmte Formate. Weiterhin können auch männliche und weibliche Formen verwendet werden (z.B. Journalistinnen und Journalisten) oder genderneutrale und abstrakte Begriffe (z.B. Medienschaffende).

Wenn nun auch in den publizistischen Leitlinien von SRF Feminisierung und Neutralisierung als die beiden präferierten Formen gendergerechter Sprache aufgelistet werden, dann ist das angesichts deren langer Tradition kaum überraschend. Die neuen SRF-Leitlinien enden nicht bei der Sprache. Ebenso empfiehlt das neue Regelwerk einen achtsamen Umgang mit Rollenbildern: „Wir zeigen Männer in vermeintlichen Frauenrollen und umgekehrt“.

Nicht nur sollen Frauen und Männer in der Sprache gleichmäßig sichtbar gemacht werden, sondern auch in ihren gesellschaftlichen Rollen.

Denn mehr als um die konkrete Formulierung geht es insbesondere bei der journalistischen Anwendung gendergerechter Sprache darum, tradierte Rollenbilder und ihre mediale Darstellung bzw. Verbreitung aufzubrechen (dazu hier eine aktuelle Übersicht der Best Practices mit konkreten Strategien).

Neben diesen fest etablierten Grundsätzen gendergerechter Sprache bringen die aktuellen Diskussionen rund um den Genderstern eigentlich nur zwei neue zusammenhängende Aspekte auf den Tisch. Erstens stellt der Genderstern eine typografische Innovation dar, die zweitens explizit auch Menschen mit einer non-binären und/oder offenen Genderidentität inkludieren soll. Durch die typographische – und somit gedankliche – Lücke, die durch den Genderstern (und ähnliche Mittel) verursacht wird, soll Platz für Identitäten jenseits der traditionell binären Gendervorstellung geschaffen werden. Die typographische Auffälligkeit ist hier also kein Nebenprodukt, sondern soll eine bewusste, inklusive Signalwirkung haben.

Das Pendant des Gendersterns in der gesprochenen Sprache ist der sogenannte Glottisschlag (manchmal auch „Knacklaut“ genannt). Das ist eine Mini-Pause zwischen dem Wortstamm mit männlicher Endung und der weiblichen Nachsilbe „-in“. Anders als der Genderstern ist der Glottisschlag in der deutschen Sprache aber keine phonetische Neuerfindung und wird auch zwischen einleitenden Vokalen und Silben (z.B. „be-inhalten“ oder „ver-reisen“ vs. „ver-eisen“) und zusammengesetzten Nomen verwendet (z.B. „Spiegel-ei“, falls damit ein Ei und nicht eine Reflektion gemeint ist).

Interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Genderstern in den publizistischen Leitlinien von SRF. Von dessen Verwendung wird abgeraten. Stattdessen soll im Schriftlichen künftig ein Doppelpunkt (z. B. Journalist:innen) und im Mündlichen eine Mini-Pause (Glottisschlag) verwendet werden. Das ist elegant, weil Doppelpunkt und Genderstern in ihrer Logik und Verwendung identisch sind. Allerdings ist der Doppelpunkt typographisch dezenter und wirkt deshalb wohl auch weniger polemisierend. Begründet wird die Bevorzugung des Doppelpunkts in den Leitlinien zudem durch seine bessere Lesbarkeit durch künstliche Intelligenz (z.B. von Screenreadern), was ihn zu einer inklusiveren Option für Menschen mit einer Sehbehinderung macht. Der Einsatz des Doppelpunkts soll allerdings nicht flächendeckend, sondern bewusst geschehen:

Wir berücksichtigen die Erwartungshaltung und die Gewohnheiten der Zielgruppen des jeweiligen Kanals und Formats.

Zunächst betreffe dies am ehesten an Jüngere gerichtete Publikationen (etwa auf sozialen Plattformen). Entsprechend hieß es Mitte April in einem Post von SRF News auf Instagram: „Er ist barrierefrei: Wir gendern neu mit Doppelpunkt“. Damit wird allerdings nicht ausgeschlossen, dass die Verwendung des Doppelpunkts im Laufe der Zeit parallel zu den Gewohnheiten der Leute auch auf Mainstreamformate ausgeweitet wird.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung zeigt indes Vorbehalte gegenüber Genderstern, Gender-Gap und Doppelpunkt. Laut einer Pressemitteilung von Ende März 2021 empfiehlt er die Aufnahme dieser Formen in die offizielle deutsche Rechtschreibung „zu diesem Zeitpunkt nicht“, allerdings werde der Rat „die weitere Schreibentwicklung beobachten“. Begründet wird diese (Nicht-)Empfehlung durch das Bedürfnis, den Spracherwerb und -gebrauch möglichst einheitlich, zugänglich und verständlich zu halten.

So sachlich argumentieren die Gegner von Genderstern und Co. meist nicht. Ihre Plädoyers kommen zuweilen hitzig bis polemisch daher. Warum stößt gendergerechte Sprache im Allgemeinen und der Genderstern im Speziellen auf solch lautstarken Widerspruch? Ein unsystematischer Blick in die Kommentarspalten von Blog- und Zeitungsartikeln zeigen mindestens vier sich wiederholende Positionen gegen den Genderstern:

  • Fehlende gesellschaftliche Relevanz („Haben wir denn keine anderen Probleme?“)
  • Fixierung auf binäres Gender („Es gibt halt nur Frau und Mann.“)
  • Angst vor politischer Instrumentalisierung („Das ist doch nur elitäre Gender-Propaganda.“)
  • Sprachästhetische oder -pragmatische Bedenken („Verhunzung der Sprache“, „zu umständlich“)

Ein Paradebeispiel für (sprach-)konservativen Widerstand war zuletzt eine am 11. März vom Walliser „Die Mitte“-Nationalrat Benjamin Roduit eingereichte Motion. Darin verlangen er und seine Mitunterzeichnerinnen und -zeichner, dass in Texten der Bundesverwaltung durchgehend die sprachlichen Bestimmungen der Académie française eingehalten werden. Damit soll laut Motionstext „die Dekonstruktion der [französischen] Sprache zu ideologischen Zwecken“ verhindert werden. Die konservative ideologische Haltung der Académie française und deren in der Schweiz nicht legitimiertes Lenkungsbegehren über die französische Sprache übersieht die Motion ironischerweise.

Solche, teils heftigen, Reaktionen überraschen nicht. Die gendergerechte Sprache – und sprachliche Veränderung im weiteren Sinne – wurde seit jeher von diesen und ähnlichen Reaktionen begleitet. Tatsächlich existieren seit 40 Jahren mehrere wissenschaftliche Taxonomien zur Kritik an der gendergerechten Sprache. Die aktuellen Diskussionen rund um den Genderstern sind also weniger eine Zuspitzung einer besonders heftigen Debatte, sondern vielmehr Teil eines bekannten Musters.

Warum setzt sich gendergerechte Sprache aber trotz konstantem und lautem Widerstand durch? Der offensichtlichste Grund ist der, dass sich Menschen einfach daran gewöhnen.

Gewöhnungseffekte sind ein wichtiger Teil bei der Entstehung und Veränderung von Verhalten und Einstellungen. Dass dies auch für sprachliche Veränderungen gilt, zeigt etwa der Erfolg vergangener Sprachreformen. Zum Beispiel wird die Kleinschreibung der Personalpronomen „du“ und „ihr“ – eingeführt mit der Rechtschreibereform von 1996 – heute kaum als irritierend empfunden. Dazu gab es kein Gezeter, dass die Kleinschreibung unhöflich sei. Auch mit Blick auf gendergerechte Sprache existieren empirische Hinweise auf Gewöhungseffekte. Die anfängliche Resistenz gegen neue gendergerechte Standards nehme relativ schnell ab, stellten Untersuchungen fest.

Wie schnell sich inklusive Sprachverwendung normalisieren kann, zeigt das erwähnte „Extrembeispiel“ Schweden. Stieß das neu geschaffene Neutralpronomen „hen“ in einer Befragung von 2012 noch auf starke Ablehnung (Mittelwert 2.88 auf einer Skala von 1 bis 7), zeigte sich schon zwei Jahre später eine deutlich positivere Einstellung (Mittelwert 5.71 auf der gleichen Skala). Solch starke Gewöhnungseffekte senden eine positive Botschaft für sprachliche Anpassungen – gerade auch bei augenscheinlichen Formen wie beim Genderstern.

Ein paar Monate vor SRF hat das Westschweizer Radio und Fernsehen RTS seinen Mitarbeitenden eine Charta mit Best Practices zur konsequenteren Umsetzung gendergerechter Sprache vorgelegt, sowie Workshops und die Schaffung von neuen „Gender Editor“-Stellen angekündigt. Heute ist nur schwer abschätzbar, wie sich Maßnahmen auf den sprachlichen Medienalltag auswirken werden.

Offen bleibt gerade auch bei der journalistischen Verwendung von inklusiver Sprache die Frage nach der Verbindlichkeit.

„Leitlinien sind nur so gut, wie sie im Alltag gelebt werden“, kommentierte SRF-Radiochefredaktorin Lis Borner die neuen Regeln. (Wie) soll die inkonsequente Umsetzung gendergerechter Sprache sanktioniert werden? Ab wann gilt die Umsetzung als konsequent? Tatsächlich zeigen Studien aus der Redaktionsforschung, dass Leitlinien und Leitfäden für gendergerechten Journalismus zum Teil schon seit Jahrzehnten existieren, aber ohne flankierende Maßnahmen und organisatorische Umstrukturierungen kaum in den Arbeitsprozess integriert werden. Das RTS-Modell der „Gender Editors“ könnte ein vielversprechender Ansatz sein.

Dass sich SRF und RTS aktiv und auf konstruktive Art und Weise mit inklusiver Sprache auseinandersetzen, hat aufgrund ihrer besonderen Stellung als „Big Player“ mit öffentlichem Auftrag eine gewisse Signalwirkung. Es ist also durchaus zu erwarten, dass deren Vorgehen auch für andere Medien ein geeignetes Klima zum Überdenken der hauseigenen Richtlinien schafft. Zumindest dienen die Reaktionen auf die neusten Maßnahmen als eine Art Barometer dafür, inwiefern in der Schweizer Bevölkerung die kritische Masse für eine dezidierte Umsetzung gendergerechter Sprache erreicht ist.

Ob in Politik oder Wirtschaft: Die Anzahl alter weißer Männer in Entscheidungspositionen nimmt ab. Für einzelne Personen kann das beispielsweise bedeuten, dass die Verwendung gendergerechter Sprache bei Bewerbungsschreiben und -gesprächen über Erhalt oder Nicht-Erhalt einer Stelle mitentscheidet. Auch in sozialen Situationen kann die Nicht-Verwendung gendergerechter Sprache zunehmend als ein Hinweis auf sexistische Einstellungen interpretiert werden. Eine Ausweitung der gendergerechten Sprache ist schon lange kein „sprachpolitischer Eingriff“ mehr, sondern eine verspätete Reaktion auf eine gesellschaftliche Realität. Am besten gewöhnt man sich schnell daran.

 

Der Beitrag ist Teil einer Serie der Schweizer Medienwoche zu aktueller kommunikationswissenschaftlicher Forschung. Die Serie wurde von Forscherinnen des DGPuK-Mentoring Programms und der MFG – MedienforscherInnengruppe initiiert.

 

Erstveröffentlichung: Medienwoche vom 20. April 2021

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