Polen: Die Corona-Krise und die Medien

31. März 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

Viele Medien berichten inzwischen kritischer über die Corona-Krise, die Regierungspartei PiS schafft es aber weiterhin, über den von ihr kontrollierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk ihre politische Agenda zu verbreiten.

Bevor das Virus am 4. März Polen erreichte, fokussierten sich die Medien auf die Entwicklungen in anderen betroffenen Ländern wie China, Taiwan, Südkorea, Iran, Italien, Spanien und Großbritannien. Auch die Vorbereitungsmaßnahmen der polnischen Regierung hinsichtlich eines bevorstehenden Ausbruchs wie die Einführung von Sondergesetzen kamen zur Sprache, aber zu diesem Zeitpunkt war die Berichterstattung noch lückenhaft, vorsichtig und eher zurückhaltend. Es schien, als wäre man sich noch nicht sicher, ob die Pandemie wirklich eine ernstzunehmende Gefahr sei, auf die sich jeder gewissenhaft vorbereiten sollte, oder ob alles nur Panikmache sei. Erst als sich abzeichnete, dass das Coronavirus auch Polen große Probleme bereiten wird, schrieben sich die Medien das Thema aktiv auf ihre Agenda.

Berichterstattung ist analytischer und kritischer geworden

Nach dem ersten COVID-19-Fall intensivierte sich zwar die Berichterstattung, blieb aber eindeutig reaktiv: Die Regierung setzte sozusagen die journalistische Agenda fest, kritische Analysen waren Mangelware. Die Medien berichteten ausschließlich über neue Fälle und Verstorbene, über die nationale und globale Ausbreitung, über neue Richtlinien der kommunalen und nationalen Regierungen und zitierten Experten. Über fast jeden neuen COVID-19-Fall wurde detailliert berichtet. Besonders der „Patient Null” erlangte Berühmtheit – beinahe jedes Medium berichtete ausführlich über seine Behandlung und interviewte ihn im Krankenhaus.  Als die Zahl jedoch plötzlich anstieg, waren solche tiefen Einblicke in Einzelfälle nicht mehr möglich.

Es fehlten tiefgehende Recherchen, lösungsorientierter Journalismus und investigative Beiträge, die geholfen hätten, die Effektivität der Maßnahmen der Regierung einschätzen zu können. Journalisten benötigten fast zwei Wochen, um sich tiefergehend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dann begannen sie langsam, einen kritischen und analytischen Ansatz zu entwickeln und die Pandemie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, sei es wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Art. Inzwischen werden in vielen Medien die Insuffizienz des Gesundheitssystems diskutiert, die Folgen der staatlich angeordneten Maßnahmen evaluiert, wissenschaftliche Ergebnisse und wirtschaftliche Aspekte analysiert. Auch die politischen Folgen der Pandemie und die Auswirkungen auf die Demokratie stehen im Fokus der Medien.

#Stayathome

Seit der Einführung erster größerer Maßnahmen der Regierung am 12. März 2020 (Schließung von Schulen, Bibliotheken, kulturellen Einrichtungen usw.) unterstützen die polnischen Medien den Aufruf #stayathome. Den meisten Medien gelingt es, mithilfe von Grafiken und Statistiken zu veranschaulichen, dass frühe Maßnahmen der sozialen Distanz die Ausbreitung des Virus verlangsamen und damit das Bewusstsein der Menschen für die Verantwortung, die jeder einzelne trägt, zu schärfen.

Um die Zeit der sozialen Isolation erträglicher zu machen, haben einige Medienunternehmen ihre sonst kostenpflichtigen Inhalte für alle Nutzer freigeschaltet oder ihre Paywalls gelockert, so dass die Corona-Berichterstattung frei zugänglich ist.

Verletzung der Privatsphäre und Fake News

Im Zuge des großen Interesses der Medien an persönlichen Schicksalen von COVID-19-Patienten kam es zu einigen Fehlinformationen und Verletzungen der Privatsphäre. So zitierten am 22. März einige Medien einen Krankenhausdirektor aus Wolica, der behauptete, dass eine Frau, die gerade an einer Corona-Infektion gestorben war, bei ihrer Einweisung verschwiegen habe, dass sie kurz vorher Kontakt zu einer Person, die aus Italien zurückgekehrt sei, gehabt habe.

Diese Schuldzuweisung wurde später von vielen Medien aufgegriffen, unter anderem von Wiadomości, der Hauptnachrichtensendung des von der Regierungspartei PiS kontrollierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders TVP, die dieses Beispiel nutzte, um Menschen dazu aufzufordern, „Gesundheitsexperten nicht anzulügen“. Am nächsten Tag veröffentlichte die Familie der Verstorbenen ein Statement, in dem sie erklärten, dass es ihnen schlichtweg nicht bewusst gewesen sei, dass ein Familienmitglied kürzlich nach Italien gereist sei. Sie forderten die Medien auf, bei solch sensiblen Themen besser zu recherchieren.

Einige Fake News wurden sogar noch veröffentlicht, als sie schon längst entlarvt waren, wie zum Beispiel die Falschinformation, dass Delfine und Schwäne wegen der rückläufigen Touristenzahlen in Venedig in die italienische Küstenstadt zurückkehren würden (aufgedeckt von National Geographic) oder dass Vitamin C bei einer Corona-Infektion helfen würde.

Die Agenda der öffentlich-rechtlichen Medien

Trotz der aktuellen Situation schafft es der von der Regierungspartei PiS kontrollierte öffentlich-rechtliche Sender TVP weiterhin, seine politische Agenda zu verbreiten. In gleich fünf Beiträgen, die TVP Info auf seinen Social-Media-Kanälen veröffentlichte, wurde die Entscheidung des Warschauer Oberbürgermeisters Rafał Trzaskowski, der der oppositionellen Bürgerplattform angehört, kritisiert, den öffentlichen Nahverkehr in der Stadt einzuschränken – Busse und Straßenbahnen seien nun deutlich voller.

Zweifellos ist diese Kritik berechtigt, jedoch schien TVP damit von einer anderen Sache ablenken zu wollen: Zur selben Zeit holte Polens staatliche Fluggesellschaft LOT polnische Staatsbürger aus vom Coronavirus stark betroffenen Gebieten im Ausland zurück. Den Passagieren wurde kein Schutz angeboten, nicht einmal Atemmasken, was das Vorhaben zu einem Gesundheitsrisiko für hunderte Menschen machte. Darüber berichtete TVP aber nicht.

Die Nachrichtensendung Wiadomości verpasst zudem keine Chance, das Handeln der Regierung zu loben. Das war auch in den 19:30-Uhr-Nachrichten am 23. März der Fall, als der Rettungsplan der Regierung für die polnische Wirtschaft als „großartige Lösung“, für die man „dem Präsidenten sehr dankbar” sei, gepriesen wurde. Die ganze Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders ist gespickt mit nationalistischen Narrativen, die behaupten, es sei einzig der Staat, auf den man sich jetzt verlassen könne – die EU sei zu schwach.

Am 10. Mai soll in Polen die Präsidentschaftswahl stattfinden – trotz Corona-Krise will die PiS-Regierung an dem Termin festhalten. The show must go on.

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