Mehr Mitsprache fürs Publikum

28. Oktober 2019 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Ein Forschungsteam aus Neuchâtel untersucht, wie lokale Medien in Frankreich, Belgien und der Schweiz ihr Publikum einbeziehen. Mithilfe von Crowdsourcing haben sie über 270 Medien-Initiativen ausgemacht, die sie im LINC-Projekt (Local, News, Innovation, Community) mittels acht Kategorien analysieren.

Misstrauen, immer mehr „Fake News“, geringere Reichweiten, zunehmende Konzentration in der Branche und Konkurrenz durch Social-Media-Plattformen: Die Medien befinden sich in einer tiefen Krise, die sie schwächt und ihre Entwicklung beeinträchtigt. Die Ursachen sind vielfältig und haben wirtschaftliche, technologische, kulturelle und gesellschaftliche Wurzeln. Es lässt sich jedoch ein zentrales gemeinsames Element identifizieren: das Publikum. Das Publikum, das den Medien nicht mehr vertraut, sich mit traditionellen redaktionellen Angeboten nicht mehr im Einklang fühlt und sich lieber anderen Akteuren zuwendet, die Inhalte produzieren und verbreiten.

Die Medien haben bemerkt, dass sie wieder mit ihrem Publikum in einen Dialog treten müssen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, die bereits unterbrochene Verbindung zu ihm dauerhaft zu kappen. Die digitale Technologie verstärkt diese Dynamik, indem sie eine partizipative Kultur fördert, in der jeder sich austauschen, sich ausdrücken und kommunizieren kann.

Der sogenannte „partizipative Journalismus“ erlebte Ende der 2000er Jahre einen deutlichen Aufschwung. Inzwischen aber herrscht Ernüchterung. Nach und nach wurden die Kommentarbereiche ausgelagert oder sogar geschlossen; auch partizipative Rubriken und ganze Websites verschwinden (in Frankreich z.B. Rue89, Le Post, Le Lab, etc.). Hauptursache dafür ist, dass partizipative Ansätze sich nur schwierig in eher starre professionelle Organisationen und Arbeitsabläufe einbinden lassen, was letztlich zu einem „Kampf der Kulturen“ führt.

Der Druck, Informationen bereitzustellen, die den Erwartungen und Praktiken des Publikums besser entsprechen, ist jedoch nach wie vor vorhanden – und soziale Netzwerke haben ihn noch verstärkt. Genau das ist der Ausgangspunkt des LINC-Projekts (Local, News, Innovation, Community – siehe Kasten), dass dieses Thema auf lokaler Ebene untersucht. Die Entscheidung fiel auf lokale Medien, weil sie in der Regel von der Forschung weniger beachtet werden (zumindest im französischsprachigen Raum), vor allem aber, weil sie historisch gesehen die bürgernächsten Medien sind. Auch digitale Großkonzerne wie Facebook nehmen das Lokale als große Herausforderung für ihre Expansion wahr.

Das LINC-Projekt (Local – News – Innovation – Community) in vier Punkten

1. In dem Projekt, das an der Akademie für Journalismus und Medien der Universität Neuchâtel angesiedelt ist, arbeiten Forscher aus Belgien, Frankreich und der Schweiz zusammen.

2. Ziel ist es, die Praktiken und Strategien der lokalen Medienakteure gegenüber ihrem Publikum anhand von drei Aspekten zu untersuchen:

  • Maßnahmen und Praktiken der Publikumsbeteiligung und -bindung
  • Ihre Integration in die Redaktionsprozesse
  • Die Rolle der digitalen Technik

3. Die Forschung ist in drei Phasen unterteilt:

  • Identifizierung von Initiativen lokaler Medien, die ihr Publikum einbinden
  • Fallstudien von Medien in Frankreich sowie in den französischsprachigen Teilen Belgiens und der Schweiz
  • Analyse von digitalen Werkzeugen und Anwendungen, die die Medien und das Publikum miteinander verbinden

4. Zusätzlich zielt das Projekt darauf ab, ein Netzwerk von Fachleuten und Forschern zu schaffen, die an lokalen Medien und der Interaktion mit dem Publikum interessiert sind.

Eine Bestandsaufnahme von Initiativen, die das Publikum einbinden

Die erste Aufgabe des Projekts besteht darin, lokale Medieninitiativen, die darauf abzielen, die Beziehung zum Publikum zu stärken, mittels Crowdsourcing zu identifizieren. Per Online-Formular können sowohl MedienpraktikerInnen, WissenschaftlerIinnen als auch andere BürgerInnen auf eine Initiative (eine Aktion, eine Veranstaltung, ein Tool usw.) eines französischen, wallonischen oder Schweizer Medienunternehmens aufmerksam machen. Initiativen werden nur dann in die Datenbank aufgenommen, wenn sie von Medien durchgeführt werden, die im weitesten Sinne als lokal angesehen werden können und mindestens einen professionellen Journalisten beschäftigen. Das Projektteam steuert eigene Einträge bei, verifiziert die vorgeschlagenen und bearbeitet sie redaktionell. Bis Ende Oktober 2019 wurden rund 270 Initiativen gesammelt; und die Liste wird voraussichtlich noch weiterwachsen.

Trotz einiger Einschränkungen bietet die öffentlich zugängliche Datenbank einige interessante Perspektiven für die Forschung. Initiativen werden nach ihrer Art kategorisiert, wodurch es möglich ist, durch Sortieren und Filtern Initiativen zu finden, die das gleiche Format verwenden (z.B. ein Lesercafé, eine offene Redaktionskonferenz, eine Aufforderung zur Einreichung von Beiträgen usw.).

Wie das Publikum beteiligt wird

Die Art und Weise, wie das Publikum einbezogen wird, hat uns besonders interessiert. Zu diesem Zweck haben wir eine Kategorisierung entwickelt, die 95% der Initiativen in acht verschiedene Kategorien gruppiert. Diese Kategorien wurden so genau wie möglich definiert und zeigen das dominante Merkmal jeder Initiative auf.

Abbildung 1: Acht Kategorien zur Charakterisierung der Beteiligung des Publikums. Die gestrichelten Linien unterscheiden Kategorien, die sich auf den redaktionellen Prozess beziehen, von denen, die grundsätzlich nicht die Informationsproduktion betreffen.

Die Initiativen, die in die letzten drei in Abbildung 1 dargestellten Kategorien fallen, sind kommerziell (bieten ihren Nutzern Vorteile, Rabatte, Wettbewerbe usw.), wirtschaftlich (werden finanziell unterstützt, insbesondere durch Crowdfunding oder Mitglieder/Abonnenten) und ereignisgesteuert (ohne Informationen vermitteln zu wollen). Die fünf anderen Kategorien kennzeichnen Initiativen, die das Publikum unterschiedlich stark in die redaktionelle Arbeit mit einbeziehen. Wir unterscheiden zwischen:

 

Beobachtung

Etwa 9% der identifizierten Initiativen bieten ihrem Publikum einen Überblick über einen oder mehrere Aspekte des Redaktionsprozesses (Themenwahl, Erstellung von Inhalten, Vertrieb und Werbung, etc.). Dadurch erhalten die Nutzer einen Beobachterstatus, d.h. eine eher passive Rolle. Die Medien wiederum bemühen sich, Transparenz über ihre redaktionellen Entscheidungen zu schaffen und gewähren einen Einblick in den Backstage-Bereich der Nachrichtenproduktion. Diese Kategorie umfasst Initiativen wie Redaktionsbesuche, Tage der offenen Tür, Möglichkeiten zur Teilnahme an Redaktionskonferenzen, Making-ofs oder informationspädagogische Inhalte. Digitale Tools und Plattformen (z.B. Live-Facebook) können einbezogen werden, um den Nutzern diesen Beobachterstatus zu bieten.

Abbildung 2: Beispiele für Initiativen, bei denen die Öffentlichkeit durch „Beobachtung“ beteiligt wird

 

Dialog

18% der Initiativen in unserem Sample organisieren persönliche oder digitale Treffen, um einen Dialog zwischen Journalisten und dem Publikum herzustellen. Neben einem regelmäßig stattfindenden Austausch werden auch Ad-hoc-Treffen zu bestimmten Themen wie Wahlen oder großen nationalen Debatten organisiert.

Abbildung 3: Beispiele für Initiativen, die das Publikum durch „Dialog“ beteiligen.

 

Beitrag

Fast 35% der gesammelten Initiativen beteiligen ihr Publikum, indem sie es Inhalte beitragen lassen. Hier kommen vielfältige Formate zum Einsatz: Aufrufe zu Augenzeugenberichten, Veröffentlichungen redaktioneller Produktionen (z.B. Blogs), Kommentaren oder zum Teilen von Foto- und Videobeiträgen.

In jüngster Zeit sind vor allem Aufrufe zu spezifischen Themen, die die Öffentlichkeit besonders bewegen, gestartet worden, wie z.B. Umwelt, Abfallwirtschaft, und gesundheitsschädlicher Wohnungsbau. Die Beiträge des Publikums werden als bedeutender Bestandteil der journalistischen Arbeit bewertet, es sind aber weiterhin die Journalisten, die den Redaktionsprozess kontrollieren.

Abbildung 4: Beispiele für Initiativen aus der Kategorie „Beitrag“

 

Konsultation

Im Gegensatz zu den drei vorigen Kategorien kann die Kategorie „Konsultation“ (11% der identifizierten Initiativen) Einfluss auf verschiedene Aspekte des redaktionellen Prozesses haben – z.B. auf die Auswahl der Themen, die Perspektive, die Formate, redaktionelle Angebote usw. Die älteste Form der „Konsultation“ ist das Leserpanel, das die Medien einsetzen, um die Meinung des Publikums zu erfragen Neuere Formen der Leserberatung, basierend auf digitalen Abstimmungsgeräten, Online-Gruppen und -Communities, erlauben umfangreichere Ergebnisse. Das Publikum kann so direkter mitbestimmen (z.B. Themen, über die berichtet werden soll), sodass die redaktionelle Kontrolle teilweise delegiert wird.

Abbildung 5: Beispiele für Initiativen, die „Konsultation“ einsetzen.

 

Mitgestaltung

„Mitgestaltung“ ist die Kategorie, die die Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Publikum am stärksten fördert. Hier lassen sich nur 5 % der Initiativen einordnen. Im Mittelpunkt steht hier die Koproduktion von Inhalten, manchmal werden die Mitwirkenden auch vorher geschult. Diese Initiativen werden oft in Gebieten durchgeführt, die als von den Medien vernachlässigt angesehen werden wie Vororte, isolierte ländliche Gebiete, benachteiligte Viertel usw.).

Abbildung 6: Beispiele für Initiativen, in denen das Publikum die Inhalte mitgestaltet.

 

Vom partizipativen Journalismus zum „Audience-Engagement“-Journalismus?

Unsere Kategorisierung ermöglicht es uns, die Vielfalt der Initiativen zu erkennen und überlaufende Veränderungen in den lokalen Redaktionen nachzudenken. Unsere frei zugängliche Datenbank soll zudem den Medienschaffenden aufzeigen, was möglich ist und sie zum Nachdenken anregen.

Unsere erste Analyse hat aber auch Grenzen und wirft neue Fragen auf. Diese werden in einer zweiten Forschungsphase behandelt. Etwa zehn Fallstudien belgischer, französischer und Schweizer Medien sollen helfen, die Praktiken der Medienorganisationen und einzelner Mitarbeiter zu verstehen. Der qualitative Ansatz berücksichtigt auch den Hintergrund und die spezifische Kultur der betroffenen Medien und gibt Aufschluss darüber, wie Initiativen, die ihr Publikum beteiligen, in Organisationsstrukturen, Arbeitsprozesse und Berufspraktiken integriert werden.

Im Fokus dieser Fallstudien wird eine Schlüsselfrage des LINC-Projekts stehen: Entsteht aktuell ein „Audience-Engagement-Journalismus”, bei dem Redaktionen reziprok mit dem Publikum oder einer bestimmten Gruppe zusammenarbeiten?

Tatsächlich ist aus unserer Kategorisierung der publikumsbeteiligen Initiativen bereits ersichtlich, dass sie in vier aufeinander folgenden Wellen entstanden sind: zuerst diejenigen, die sich auf die Prinzipien des partizipativen Journalismus beziehen (2010-2015), dann die Crowdfunding-Initiativen (ab 2014) und schließlich wurde der Fokus auf Dialog- und Transparenzmaßnahmen gelegt (ab 2017). Ab 2018 wird das Publikum in einigen wenigen Fällen auch stärker in den Redaktionsprozess eingebunden. Diese letzten beiden Wellen könnten Teil der Entstehung eines „Audience-Engagement-Journalismus“ im französischsprachigen Europa sein, einer Dynamik, die bereits in den letzten Jahren im angelsächsischen Raum zu beobachten war (z.B. die Initiativen des Engaged Journalism Accelerator und die Arbeit von Batsell).

Unser Projekt liefert daher eine erste Antwort, wirft aber auch drängende Fragen auf: Wie werden die Versuche, das Publikum zu erreichen, in bereits bestehende Prozesse und Organisationsstrukturen integriert? Wie nachhaltig sind die Initiativen (sind es vorübergehende Trends oder tiefergehende Transformationen)? Der partizipative Journalismus galt eigentlich schon als gescheitert – haben die lokalen Medien daraus Lehren gezogen? Und schließlich, welche Instrumente kann die Forschung einbringen, um die Medien bei dieser Transformation zu unterstützen? Wir werden versuchen, darauf Antworten zu finden.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der französischsprachigen EJO-Seite veröffentlicht.

Übersetzung aus dem Französischen: Johanna Mack und Tina Bettels-Schwabbauer

Bildquelle: pixabay.com

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