Wie Medien die Sichtbarkeit von Para-Sportlern fördern können

11. August 2021 • Qualität & Ethik, Ressorts, Top • von

In einem aktuellen Beitrag im Journal „Media and Communication“ erkunden die spanischen Wissenschaftler Olga Kolotouchkina, Carmen Llorente-Barroso, Maria Luisa García-Guardia und Juan Pavón das Feld zwischen Paralympics und der medialen Darstellung von Sportlern mit Behinderung. Die XVI. Paralympischen Sommerspiele sollen vom 24. August bis 5. September in Tokio stattfinden.

Eine Berichterstattung über Para-Sportler, die frei von Stereotypen und Vereinfachungen ist, sei noch nicht die Regel, schreiben die Autoren von der Universität CEU San Pablo und der Universität Complutense Madrid. Die Paralympischen Spiele seien ein wichtiges Element der Bewegung hin zu mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für Menschen mit Behinderung: „Die Globalisierung der Paralympics ist eng verbunden mit der zunehmenden Fernsehberichterstattung und dem Aufkommen neuer digitaler Medien und sozialer Netzwerke, auf denen live oder zeitversetzt Wettkämpfe übertragen werden.“ Während die Website der Paralympischen Spiele in Atlanta 1996 täglich nur 120.000-mal geklickt wurde, konnten die Rio 2016 Paralympics laut der Autoren eine Milliarde Menschen über digitale Medien mit einbinden. Damit leisten die Paralympischen Spiele, so die Autoren, einen „beachtenswerten“ Beitrag zum Einstellungswandel gegenüber Menschen mit Behinderung.

Die Forscher aus Madrid schildern in ihrem Artikel die Rahmenbedingungen der Berichterstattung über die Para-Sportler während der Spiele in Tokio und leiten aus ihren Beobachtungen Best-Practice-Beispiele ab. Außerdem werfen sie einen generellen Blick auf die Sportkommunikation rund um die Paralympischen Spiele. Dabei beziehen Kolotouchkina et al. nicht nur Beispiele aus den Massenmedien mit in ihre Analyse ein, sondern widmen sich auch den Themen Bürgerengagement und lokale Kommunikation (z.B. an Schulen) sowie Informations- und Kommunikationstechnik im Kontext der Alltagsroutine der Para-Sportler (z.B. technische Unterstützung für Menschen mit bestimmter Behinderung).

Laut der Autoren bestehen in Japan Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen auch heute noch fort. „Die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen und ihre aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben sind in der japanischen Gesellschaft noch immer gering.“ Zwar seien inzwischen zumindest Menschen mit körperlicher Behinderung im Fernsehen präsent, von Repräsentation lässt sich auf Grundlage der Zahlen, die die Autoren anführen, jedoch nicht sprechen: Während rund fünf Prozent der japanischen Bevölkerung eine Behinderung haben, sind es nur 1,7 Prozent der Charaktere in bekannten TV-Dramen. Diese Charaktere wiederum werden laut Kolotouchkina et al. häufig stereotyp dargestellt.

Während der Paralympischen Spiele soll die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt NHK (Nippon Hoso Kyokai) mit ihrer Berichterstattung dazu beitragen, dieses Bild zu ändern. „Tokio 2020 wird 21 Disziplinen aus 19 Sportarten live übertragen; die größte Live-Übertragung in der Geschichte der Paralympics“, so die Autoren. Die drei Moderatorinnen und Moderatoren des Programms haben alle selbst verschiedene Behinderungen und nahmen an den Paralympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang, den Para-Weltmeisterschaften im Schwimmen 2019 in London und den Para-Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2019 in Dubai teil.

Bereits 2017 nahm NHK die Serie Animation x Paralympic: Who is your Hero? ins Programm auf. In jeder Folge werden dort japanische Para-Sportler im in Japan beliebten Anime-Stil vorgestellt.

Auch Beispiele aus anderen ehemaligen Gastländern der Paralympischen Spiele zeigen, wie Medien angemessen mit dem Thema Behinderung im Sport umgehen können. „Die Paralympics 2012 in London signalisierten einen bedeutenden Wandel in der Medienberichterstattung über und der Sichtbarkeit von Behinderungen […] und lenkten die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf die Auswirkungen des Ereignisses und seine Schlüsselerzählungen, die sich weg vom Parasport als Therapie hin zum Wettbewerb auf Elite-Niveau bewegten“, heißt es im Journalbeitrag. Vor allem betonen die Autoren hier die Rolle des britischen Fernsehsenders Channel 4: „Die Werbespots, die von Channel 4 für die Spiele in London 2012 und Rio 2016 lanciert wurden, boten eine neue, kraftvolle Erzählung, die die Leistungen und die persönlichen Alltagserfahrungen von Elite-Para-Sportlern in den Mittelpunkt stellte.“ Auch die Zahl der Angestellten mit Behinderung bei Channel 4 sei zu dieser Zeit erhöht worden.

Kolotouchkina et al. betonen, dass ihr Journalbeitrag nur einen kleinen Einblick in die Gesamtthematik der Sportkommunikation rund um die Paralympischen Spiele biete. Man erwarte, dass Tokio 2020 „neue Standards in der Sichtbarkeit der Paralympischen Bewegung setzt“. Die starke Medialisierung der Spiele, vor allem während der Corona-Pandemie, lässt hoffen, dass das Thema Behinderung nicht nur im Sport, sondern auch vor und hinter der Kamera und in den Redaktionen auf mehr Beachtung stößt.

 

Kolotouchkina, Olga, Llorente-Barroso, Carmen, García-Guardia, María Luisa, und Juan Pavón. 2021. “Disability Narratives in Sports Communication: Tokyo 2020 Paralympic Games’ Best Practices and Implications”. Media and Communication 9(3): 101-11. doi: https://doi.org/10.17645/mac.v9i3.4043

 

Bildquelle: pixabay.com

 

 

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