Zentralafrikanische Republik: Die Corona-Krise und die Medien

26. Mai 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

In fragilen Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik bedroht Covid-19 auch die nachhaltige Entwicklung der Medien.

Ein Reporter von Internews berichtet Mitte Mai 2020 aus Sibut im Herzen der Zentralafrikanischen Republik über die Pandemie.

Welche Rolle können die Massenmedien in den fragilsten Staaten des globalen Südens spielen, die am wenigsten darauf vorbereitet sind, sich vor einer globalen Pandemie wie Covid-19 zu schützen? In der Zentralafrikanischen Republik, die im Human Development Index den vorletzten Rang einnimmt, herrscht seit Jahrzehnten ein humanitärer Ausnahmezustand, der den Alltag der Menschen bestimmt. Obwohl es noch zu früh ist, eine Bilanz der aktuellen Krise zu ziehen, so zeigt sich doch schon jetzt die Notwendigkeit, mit Blick auf den Ausbruch dieser Krankheit die Nachhaltigkeit der Medien in all ihren Dimensionen neu zu hinterfragen.

Als die Bedrohung durch das Coronavirus begann, kam die Zentralafrikanische Republik mit seinen 4,9 Millionen Einwohnern gerade erst aus einer langen Sicherheitskrise, die 2013 ihren Anfang nahm. In diesem Zeitraum war einer von vier Zentralafrikanern zu einem Binnenflüchtling geworden und die Wirtschaft lag am Boden. Seitdem hat sich die Wirtschaft in der die Hauptstadt Bangui allerdings besser stabilisiert als in anderen Ländern der Region – bis 2019 stieg das Wirtschaftswachstum auf 4,5 Prozent an. Dieser Aufschwung bleibt aber relativ, da sieben von zehn Zentralafrikanern noch immer unter der Armutsgrenze leben (d.h., sie haben weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung) und die bewaffneten Konflikte im Landesinneren weitergehen.

Über die, im internationalen Vergleich recht späte, Ankunft des Coronavirus im Land war niemand wirklich überrascht. Internationale Medien wie RFI und BBC, soziale Netzwerke und die große Diaspora hatten die Zentralafrikaner schon früh über die Bedrohung informiert – und begannen, sich über die möglicherweise fatalen Folgen dieser Krankheit in einem Land zu sorgen, in dem es, nach Regierungsquellen, nur drei Beatmungsgeräte gibt.

Am 14. März wurde in einem Isolationszentrum, das man im Krankenhaus Hôpital de l’Amitié eingerichtet hatte, der erste Fall offiziell bestätigt. Bars wurden geschlossen, sportliche Aktivitäten ausgesetzt und Versammlungen auf eine Höchstzahl von 50 Personen beschränkt. Am 26. März betonte Präsident Faustin Archange in einer Rede an die Nation die Wichtigkeit dieser Maßnahmen und kündigte zudem die Schließung von Schulen und Kultorten sowie Grenzen an und eine Ausgangssperre für alle, die unter dem Verdacht einer Infektion stehen.

Neue Sendungen klären über die Pandemie auf

Für Jean-Claude Ali-Syhlas, der Internews’ Informationsservice für Geflüchtete koordiniert, markiert diese Rede den Beginn eines Sich-Bewusst-Werdens: „Vorher gab es nur zögerliche Versuche, die Bevölkerung zu sensibilisieren. Wir haben daher die Direktoren aller öffentlichen, privaten und Community Radios aus Bangui zusammengerufen. Rund ein Dutzend sind gekommen, aber wir haben festgestellt, dass niemand auch nur im Mindesten Sicherheitsmaßnahmen wie das Abstandhalten getroffen hatte. Das hat uns veranlasst, schnell Synergien zwischen Journalisten aller Partnerradios zu schaffen und ein Training zur Corona-Berichterstattung anzubieten,  aus dem jede Woche eine Live-Sendung von 45 Minuten entsteht, die von 13 Radios in der Hauptstadt ausgestrahlt wird.“ Die Sendung wird außerdem vom Radiosender Lengo songo („lasst uns zusammenstehen“, in der Sprache Sangho) ausgestrahlt, der 2018 mit russischer Finanzierung gegründet wurde und eine Reichweite bis nach Bria (600 km nordöstlich der Hauptstadt) und Bouar (500 km nordwestlich) hat.

Die erste Sendung ging am 28. März über den Äther. Seit der dritten Ausgabe unterstützt auch das Netzwerk der Zentralafrikanischen Community Radios (RMCC) das Format und verstärkt damit dessen nationale Dimension: Inzwischen wird es zusätzlich von 18 Radios im Landesinneren ausgestrahlt.

Die Schlagkraft dieser gemeinsamen Bemühung, geleitet von Jean-Claude Ali-Syhlas, einem ehemaligen lokalen Chefredakteur, ist einmalig, vor allem wenn man bedenkt, dass die Lokalmedien Vorreiter darin sind, eine Rotation der Mitarbeiter und Minimalangebote zur Vermeidung einer Infektion zu propagieren. Zudem wurde ein Fahrzeug bereitgestellt, um in verschiedenen Landesteilen für die Berichterstattung recherchieren zu können.

Radio Ndeke Luka: Fernunterricht und Informationskampagnen

Der bedeutendste Sender der Zentralafrikanischen Republik, Radio Ndeke Luka („Der Vogel des guten Vorzeichens“), ist der Initiative zwar nicht beigetreten, hat sich aber dennoch den Bedingungen der Pandemie angepasst. Er gab den Stimmen verschiedener Marktleute aus Bangui Raum, wo Fleischknappheit herrschte, startete eine Umfrage um zu erfahren, ob die Notrufe ausreichend gut funktionieren und berichtete über die wirtschaftlichen Konsequenzen, vor denen die kleinen privaten Unternehmen stehen. Bereits vor der Epidemie bot der Sender für Schüler zwischen sechs und elf Jahren, die nicht mehr zur Schule gehen können, Fernkurse in Rechnen und Französisch an.

In Zusammenarbeit mit dem RMCC entstand daraus eine ganze Kampagne. „Wir haben uns entschieden, den Kampf gegen das Virus aufzunehmen“, fasst Marcelin Djoza-Ridja, Repräsentant der Schweizer Stiftung Fondation Hirondelle, der das Radio seit zwanzig Jahren gemeinsam mit einer lokalen Stiftung leitet, zusammen.  „Mit den Moderator*innen von 12 Partnerradios, die wir aus der Ferne trainiert haben, haben wir ein ‚Radiotheater‘ realisiert, Jugendsendungen, Interviews mit Community Leaders… und wir haben Sendeplätze verschiedener Radiostationen gekauft, um diese Inhalte zu verbreiten – diese Zuschüsse ermöglichen den Radios, Strom für ihre Generatoren zu bezahlen, um ihre Studios und Sendemasten zu betreiben.“ Die Organisation hatte eine ähnliche Strategie bereits im vergangenen Jahr ausprobiert, als Bangui von starken Überschwemmungen betroffen war.

Es ist äußerst wichtig, die Medien in ihrem Streben nach Nachhaltigkeit zu unterstützen, vor allem die Radiosender, die noch immer die Hauptinformationsquelle bleiben und damit das wirksamste Mittel im Kampf gegen Desinformation sind.

Die Sorge um die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Lokalradios ist paradoxerweise keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das an wiederkehrende Krisen gewöhnt ist. „Jedes Mal muss man den internationalen Organisationen und NGOs aufs Neue erklären, dass es sich nicht nur um eine gesundheitliche, sondern auch um eine wirtschaftliche Krise handelt und dass die Medien nicht nur von Luft und Liebe leben“, erklärt Laurent Passicousset, Direktor des neuen Internews-Büros. In den Zonen, die besonders gefährdet sind für politische oder sanitäre Probleme, gebe es wenig Bewusstsein für die Diversifizierung von Einnahmequellen. „Es ist daher äußerst wichtig, die Medien in ihrem Streben nach Nachhaltigkeit zu unterstützen, vor allem die Radiosender, die noch immer die Hauptinformationsquelle bleiben und damit das wirksamste Mittel im Kampf gegen Desinformation sind.“

Wider die Infodemie

Diese Sensibilisierung geht Hand in Hand mit der Rolle der Medien in der Krise. Auf Twitter war Antonio Guteres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, unter den Ersten, die das Virus mit einer „Infodemie“ der Desinformation in Zusammenhang brachten. Um das Coronavirus zu besiegen, erklärte er am 28. März, „müssen wir mit größter Dringlichkeit Fakten und Wissenschaft, Hoffnung und Solidarität fördern, nicht Verzweiflung und Spaltung“. Um dieser Infodemie entgegenzutreten, hat die Vereinigung der zentralafrikanischen Blogger die Seite Talato ins Leben gerufen („Radar“ auf Sangho), um die Pandemie zu kartographieren und Fackt-Checkings durchzuführen. Die Seite wird allerdings nur unzuverlässig aktualisiert. Deshalb hat Internews seit Januar sieben Vollzeit-Mitarbeiter in Bangui, aber auch in Sibut, Bambari und Ndélé angestellt. Ihre Produktionen werden über Fréquence RJDH ausgestrahlt, das von der lokalen NGO „Netzwerk der Journalisten für die Menschenrechte“ betrieben wird.

„Beim Thema öffentliche Gesundheit reicht es, ebenso wie generell im Journalismus, nicht aus, einfach nur etwas zu wiederholen“, so Laurent Passicousset. „Man muss die Dinge zeigen, die Leute sprechen lassen, mit ihnen interagieren.“ In dieser Hinsicht könnte die Krise eine Zäsur bedeuten, die der Medienhilfe, sei es aus humanitärer oder entwicklungspolitischer Sicht, neue Arbeitsfelder eröffnen wie die Überwachung von  Online-Desinformation oder neue Interventionsformen aus der Distanz. Die Akteure denken über derartige Modelle bereits nach.

Die Krise zeigt auch die Zurückhaltung der Regierenden bei der Nutzung neuer Technologien und Kommunikationsformen, die sie noch nicht beherrschen. „Sie bevorzugen institutionalisierte Kommunikationsformen, zum Beispiel über Guira FM (das Radio der Friedensmission MINUSCA) oder das Nationale Radio, auch genannt ‚Die Mutter aller Radios‘ “, beobachtet ein Journalist, der anonym bleiben möchte. „Wenn man sich nicht auf die üblichen Pressekonferenzen verlassen möchte, gibt es nur wenig andere Informationsquellen.“

Die Corona-Krise als Chance für nachhaltigere Entwicklungsprojekte?

Als die Infiziertenzahlen exponentiell zu steigen begannen, versuchte der Gesundheitsminister Pierre Somse, sich selbst als einzig offizielle Informationsquelle zur Pandemie zu monopolisieren, und verbot seiner Verwaltung und den Ärzten der Krankenhäuser, sich zu äußern. Im Nachbarland, der Demokratischen Republik Kongo, ist aus dem Misstrauen sogar Unterdrückung geworden. Der Direktor des Radioprogramms „Fondation Daniel Madimba” wurde vier Tage im Gefängnis festgehalten, wegen „Nicht-Respektierens der Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19“.

Offiziell  verfolgt das Koordinationskommittee ONGI, das 45 internationale Organisationen umfasst, die Strategie, die Medien in die Programme zur humanitären Unterstützung und „zum Wiederaufbau nach der Krise“ zu integrieren. Aber die Geldgeber tendieren manchmal dazu, sich in sehr kleinteiligen Projekten zu verlieren. Das Ökosystem der Medienentwicklung ist in viele kleine hochspezialisierte Interessengruppen und lokale Strukturen zersplittert, die alle fordern, einbezogen zu werden.

Als bliebe die reine Anzahl der Ausgebildeten ein glaubwürdiger Indikator der Wirksamkeit, gibt es  eine Überversorgung mit Seminarangeboten. Ein ehemaliger Diplomat stellt bestürzt fest, dass es immer mehr von diesen „phantasievollen Interventionsvorschlägen“ gibt, die „Trends kopieren, obwohl deren Wirksamkeit nie gemessen worden ist“.

Die Versuchung, Nachhaltigkeit anhand von Verlusten oder Profiten zu bewerten, wird immer offensichtlicher. Der große Nachbar Kongo zum Beispiel hat einen Gesundheitsminister, welcher Ende April aus dem Nichts einen privat finanzierten Radiosender namens MinSanté FM gründete – inmitten eines ohnehin schon von zahlreichen Konkurrenten umkämpften Umfelds.

Im Gesundheitssektor vielleicht stärker als in anderen Bereichen ist die Konzentration der Gelder entscheidend für die Hoffnung auf einen Gesinnungswandel oder auf die Veränderung von Verhaltensweisen. Die französische Ärztin und Journalistin Sylvie Sargueil bildet seit mehr als 15 Jahren Journalist*innen aus dem globalen Süden zu Themen der Gesundheit und Epidemien aus. Für sie zeigt „die aktuelle Krise besonders akut, welche Auswirkungen die eurozentristischen Annahmen über den Teil der Welt, was oft als ‚Afrikanisch‘ zusammengefasst wird, auf Journalist*innen haben, und die Heuchelei, die damit einhergeht. Was erhofft man sich von einigen Tagen oder Wochen Weiterbildung, wenn den Teilnehmer*innen eine Grundausbildung fehlt? Welchen Erfolg erwartet man von der Anordnung ‚Bleibt zu Hause‘, wenn es für die Menschen lebenswichtig ist, sich um ihre Tiere zu kümmern? Die Medienentwicklungszusammenarbeit muss sich auf die Bedürfnisse der Menschen besinnen, die sie ansprechen will. Das würde uns erlauben, das, was wir heute tun, zu relativieren.“ Ohne Zweifel könnte man daraus auch Lehren für die Zukunft ziehen.

In einem Beitrag auf der Webseite Medium geht Robert Shaw, ein Medienentwicklungsexperte der dänischen Organisation International Media Support, sogar noch einen Schritt weiter. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass jeglicher Stimulus missverstanden, kontraproduktiv und von politischen Interessen fehlgeleitet ist“. Mehrere Autoren haben die Folgen des Abfangens von Entwicklungsgeldern und der Korruption in Zentralafrika betont. Einige Geber fangen an, die Fakten auf den Tisch zu legen: Die USA wollen eine Million Dollar für den weltweiten „Kampf gegen Korruption als Antwort auf die Covid-19-Pandemie“ aufwenden. Die kürzlich veröffentlichte Ausschreibung beschreibt als Ziel, „die Transparenz und die Kapazitäten der Zivilgesellschaft und der Medien zu stärken“. Dies bestätigt, dass Verantwortlichkeit und Rechenschaft zweifellos Grundpfeiler der nachhaltigen Entwicklung sind.

 

Übersetzung aus dem Französischen: Johanna Mack

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