Der Irak-Krieg in den US-Medien

28. Juli 2010 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Peace Journalism, War and Conflict Resolution

EJO Research

Kriege haben sich zu mediatisierten Ereignissen entwickelt und als solche durchleben sie in den Medien verschiedene Phasen der Aufmerksamkeit: Aufschwung, Umschwung und Abschwung. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „US coverage of conflict and the media attention cycle“, die aktuelle Forschungsergebnisse über die US-amerikanische Irak-Kriegsberichterstattung zusammenfasst.

Als zu Beginn des Irak-Kriegs die US-Regierung die Information verbreitet hat, dass Saddam Huseein Massenvernichtungswaffen besitze und enge Verbindungen zum Al Quaeda-Netzwerk habe, sind die meisten US-Medien zum Sprachrohr der Regierungspropaganda geworden.

Medienforscher haben mehr als 900 Fälle identifiziert, in denen Präsident Bush und seine Regierung die Bevölkerung angelogen haben. Nur wenige einflussreiche Journalisten haben die Angaben der Regierung in Frage gestellt.

Anti-Kriegsstimmen sind in einer Nation, die sich im Krieg befindet, selten. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass in Indien und China gemessen an der Gesamt-Kriegsberichterstattung die Anti-Kriegsberichterstattung je 35 und 40 Prozent ausgemacht haben, während sich in den USA nur 8 Prozent der Medienberichte gegen den Krieg gerichtet haben.

Phase 2 – „Selbstreflexion und Erläuterung“

Die Medien haben erkannt, wie sehr sie durch die Regierung verleitet worden waren. Es ist sicherlich kein Zufall, dass zu dieser Zeit Fotos der Folterskandale von Abu Ghraib veröffentlicht worden sind, die die Regierung weiter in Verruf gebracht haben.

Der Umschwung in der Irak-Kriegsberichterstattung war somit nach etwa 2 Jahren eingetroffen – der Vietnam-Krieg habe ein ähnliches Berichterstattungsmuster gehabt, hat Daniel Hallin festgestellt, der die Berichterstattung beider Kriege miteinander verglichen hat.

Unter anderem haben sich die New York Times und die Washington Post mit ausführlichen Texten bei ihren Lesern für ihre Fehler während der Irak-Kriegsberichterstattung entschuldigt.

Keines der führenden Medienunternehmen hat allerdings diskutiert, zu welchem Ausmaß sie ökonomische Nutznießer von Krieg und Terror waren.

Die Ansicht, dass die Medien ein symbiotisches Verhältnis zu den am Krieg teilnehmenden Parteien haben, ist verständlicherweise ein Tabu, aber es ist dennoch schwierig, diese zu verneinen.

Phase 3 – „Nicht mehr auf dem Radar der Medien“

2007 hat der Wahlkampf in den USA die Berichterstattung über den Irak-Krieg verdrängt. Die Berichterstattung über Ereignisse in Irak hat nur noch 12 Prozent der Berichterstattung ausgemacht. Die Medien – und damit auch die Mehrheit der US-Bürger – haben ihr Interesse am Irak-Krieg verloren. Das „Project for Excellence in Journalism“ hat festgestellt, dass bis zum Jahr 2008 das Thema Irak fast komplett von den US-amerikanischen Fernsehbildschirmen verschwunden war. Machte in den ersten zehn Wochen die Irak-Kriegsberichterstattung noch 23 Prozent aus, war es ein Jahr später nur noch drei Prozent.

Die diskutierten Entwicklungen sind nicht nur mit der Dynamik der Aufmerksamkeitspirale zu erklären. Auch Sicherheitsrisiken und ökonomische Faktoren sind Gründe, warum Medienunternehmen ihre Reporter aus Irak abgezogen haben.

So gut wie kein Medienunternehmen kann es sich leisten, Reporter dauerhaft vor Ort zu haben. 2007 hat die Columbia Journalism Review (CJR) bekannt gegeben, dass es die New York Times jährlich drei Millionen koste, ihr Büro in Irak zu unterhalten. Der Leitartikel in der CJR hat dies als „Akt der Demokratie“ gepriesen. Weniger euphorisch könnte man sagen, dass dies einen hohen Grad an sozialer Verantwortung zeigt, die heutzutage in Medienunternehmen rar geworden ist.

Der amerikanische Journalismus befindet sich in einer Krise; nicht nur, weil seine Ressourcen immer knapper werden, sondern auch, weil er seine moralische Autorität verloren hat.

Hier können Sie die komplette Studie „US Coverage of Conflict and the Media Attention Cycle“ als pdf herunterladen (auf Englisch).

Hier geht es zur Vorgängerstudie „Zur Ökonomik und Ethik von Kriegsberichterstattung“.

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