Im Zweifel für den Scoop?

21. Mai 2005 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Der Tagesspiegel

Der Fall «Newsweek»: Der Wert anonymer Quellen und «informierter Kreise»
Dass Medien starke Wirkungen entfalten, hat der «Newsweek»-Bericht über Koranschändungen im US-Militärgefängnis Guantanamo einmal mehr belegt. Die mehr als Dutzend Toten, die antiamerikanische Proteste in Afghanistan in Reaktion auf den Bericht gefordert haben, werden dadurch nicht wieder lebendig, dass sich die Chefredaktion des Nachrichtenmagazins bei den Angehörigen inzwischen – ziemlich wohlfeil – entschuldigt hat.

Psychologisch immerhin verständlich ist es, dass sich «Newsweek» nicht noch einmal nachsagen lassen wollte, die Redaktion habe einen Scoop anderen überlassen, weil sie gezaudert hat. Die Schmach war wohl noch nicht vergessen, dass Präsident Clintons Affäre mit seiner Praktikantin Monica Lewinsky nur deshalb vom Internet-Reporter Matt Drudge aufgedeckt wurde, weil die entsprechende «Newsweek»-Geschichte bei Redaktionsschluss noch nicht ausrecherchiert war.

Nur: War die Story vom Koran im Klo wirklich ein Scoop? Dass Gefängnisaufseher die ihnen Anvertrauten auf diese oder jene Weise demütigen, ist vermutlich nicht so einzigartig auf dieser Welt – weder in den Haftanstalten Amerikas, noch anderswo. Aus der Koranschändung also überhaupt eine Geschichte gemacht zu haben, das lässt schon einiges an Urteilskraft vermissen, noch dazu, wenn man sich dabei auf eine einzige anonyme Quelle stützt.

Naiv ist dagegen, wer generell anprangert, dass sich Medien solcher Quellen bedienen. Ohne die “informierten Kreise”, ohne gezielte Indiskretionen von Eingeweihten, die selbst im Dunkeln bleiben, ist kritischer Journalismus undenkbar, der den Regierenden auf die Finger schaut und eben auch gelegentlich Skandale aufdeckt. Wichtig ist indes, dass sich jeder Journalist, der mit anonymen Quellen zusammenarbeitet, der Gefahr bewusst ist, instrumentalisiert zu werden: Wer nicht einfach Gerüchte streuen möchte, sollte sich also Dokumente aushändigen lassen oder zumindest einen zweiten Informanten suchen, der die Aussage des ersten bestätigt. Soweit die Lehrbuch-Regeln, die freilich in der beinharten Konkurrenz, eine “Geschichte” als erster haben zu wollen, nicht ganz so einfach einzuhalten sind.

Zumal auch Journalisten gerne mit anonymen Informanten spielen – und auf diese Weise ihren Lesern vorspiegeln (oder gar vortäuschen), wie gut sie im Regierungsapparat vernetzt sind. Eigentlich haben die Publika natürlich ein Anrecht zu erfahren, woher eine Information stammt. Darauf hat nicht zuletzt Geneva Overholser hingewiesen. Sie ist so etwas wie die Jeanne d’Arc des amerikanischen Journalismus, seit sie als Chefredakteurin einer grossen Regionalzeitung den Bettel hinwarf, weil ihre Konzernoberen Jahr für Jahr das Redaktionsbudget kürzten, obschon die Zeitung hohe Gewinne einfuhr. Als Ombudsfrau der «Washington Post» attackierte sie dann später im eigenen Blatt dessen Starreporter Bob Woodward und warf ihm vor, er würde viel zu häufig mit anonymen Informanten zusammen arbeiten. Die «New York Times» hat das Thema soeben wieder aufgegriffen. In einem internen Bericht wurde ebenfalls festgehalten, dass es die journalistische Glaubwürdigkeit untergräbt, wenn sich im Blatt ständig Berichte ohne greifbare Quellen finden.

Merkwürdig ist indes im Fall «Newsweek» der Rückzieher des Anonymus irgendwo hoch oben im amerikanischen Regierungsapparat. Er hat sich von seiner eigenen Aussage distanziert, während inzwischen das Rote Kreuz in Genf sein ursprüngliches Statement stützt und gleich von mehreren Vorfällen berichtet, bei denen US-Militärs auf Guantanamo in den Jahren 2002 und 2003 den Koran verunglimpft hätten.

Und auch dieses Detail ist bei allen, die jetzt über «Newsweek» herfallen – vor allem bei der US-Regierung selbst – wohl eher untergegangen: Die Redaktion hatte ihren Bericht zwei PR-Leuten des Pentagon vorgelegt; der eine hat eine Stellungnahme abgelehnt, der zweite beanstandete zwar eine andere Textstelle – aber eben nicht den Absatz über die Koranschändung. Der «Newsweek»-Bericht war also vom Verteidigungsministerium abgesegnet.

Vielleicht sollten wir es uns aber auch mit den starken Medienwirkungen nicht allzu leicht machen. Wer Hass sät, wird Hass ernten – und diesen Hass hat nicht «Newsweek» gesät. Die Toten in Afghanistan gehen doch eher auf das Konto derjenigen islamischen Fundamentalisten, die sie umgebracht haben – und ihrer nicht minder fundamentalistischen, auf bigotte Weise christlichen Krieger, die in Washington regieren und bei ihren Kreuzzügen auch die liberalen Medien drangsalieren, die nicht auf ihre Linie einschwenken.

Wer, wie «Newsweek», schlechte Nachrichten zu überbringen hat, sollte indes wohl etwas tun, was unter Journalisten noch immer verpönt ist: Über die möglichen Folgen einer Veröffentlichung nachdenken – und abwägen, ob es wirklich ein öffentliches Interesse am jeweiligen Vorfall gibt: Dass Journalisten weltweit der Koranschändung auf Guantanamo hohen Nachrichtenwert zumessen würden, war kalkulierbar, obschon diese Episode vielleicht gar nicht unser aller Aufmerksamkeit verdient. Jedenfalls steht sie in einem merkwürdigen Kontrast zu der Tatsache, wie wenig sich die Medien als Vierte Gewalt bisher darüber erregt haben, dass es dieses Lager überhaupt gibt. Der eigentliche Skandal ist ja wohl, dass auf Guantanamo Menschen von der US-Regierung seit Jahren ohne jedwede Rechtsgrundlage schikaniert und ihrer Freiheit beraubt werden – entgegen aller Menschenrechtsdeklarationen.

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