Kein Rembrandt auf der Redaktion

21. November 2007 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche

Aus Malerei und Fotografie weiss man, dass der Vordergrund entscheidend ist. Der Hintergrund hat nur Kulissenwirkung im Gesamtgefüge. In den Medien ist es just umgekehrt.

Caspar David Friedrich war einer der grössten Meister in der Hierarchie von Vordergrund und Hintergrund. Sein bekanntestes Werk, die «Kreidefelsen auf Rügen», zeigt das exemplarisch. Die Wanderer im Vordergrund sind scharf abgehoben gegen den weissen Fels, dahinter, unkonturiert, verfliesst der Hintergrund des Meers.

Auch Rembrandts bekanntestes Bild, «Die Nachtwache», basiert auf demselben Prinzip. Das Gemälde zeigt 34 Figuren. Doch nur auf die zwei Hauptdarsteller, Kapitän Banning Cocq und Leutnant van Ruytenburch, fällt das konzentrierte Licht. Der Rest verschwimmt im diffusen Hintergrund der abgedunkelten Strassenszene.

Und was, so fragen wir uns, hat das mit der Massenvergewaltigung in Zürich Seebach zu tun? Und was hat das mit dem Komplott gegen Bundesanwalt Valentin Roschacher zu tun?

Beide Ereignisse fanden nicht statt, wie wir neuerdings definitiv wissen. Es gab die von der Polizei erfundene Massenvergewaltigung einer 13-Jährigen nicht, die vor einem Jahr in über zweihundert Zeitungsartikeln und über zweihundert Radio- und TV-Sendungen das grosse Thema war. Es gab das von Lügenbaronin Lucrezia Meier-Schatz erfundene Komplott nicht, das gar über dreihundertmal in Artikeln sowie in elektronischen Medien das grosse Thema war.

Es gab also nichts. Und zu diesem Nichts gab es eine Unmenge an Hintergrund.

Damit sind wir beim Thema. In der Kunst ist der Hintergrund dazu da, den Vordergrund hervorzuheben. In den Medien gibt es auch dann Hintergrund, wenn es gar keinen Vordergrund gibt.

Hin-ter-grund. Hin-ter-grund. Die meisten Medienexperten sind besessen davon. «Hintergrund» müssten Zeitungen liefern, sagt Medienprofessor Roger Blum. «Hintergrund und Orientierung» müssten Medien bieten, meinen die meisten Chefredaktoren im Land. «Und nun die Hintergründe», sind das klassische Ankündigungsvokabular der TV-Moderatoren von «10 vor 10» bis «Kassensturz».

Hinter der hintergründigen Obsession steht die Überzeugung, Medien müssten so etwas wie tägliche Welterklärungen sein, Encyclopædiae Britannicae im 24-Stunden-Takt. Ist Martina Hingis mit einem Verdacht in den Schlagzeilen, erklären die Journalisten uns wochenlang das Wesen des Kokains. Ist ein Komplott in den Schlagzeilen, erklären sie uns wochenlang die Krise des politischen Systems.

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