„Mehr Medienhäuser für Ombudsleute gewinnen“

8. Mai 2013 • Qualität & Ethik • von

Das Ombudsmann-Konzept etabliert sich nur langsam in den deutschen Medien. Nur zehn deutsche Regionalzeitungen leisten sich Leseranwälte.

Die „Vereinigung der Medien-Ombudsleute“, zu der sich zehn deutsche Medien-Ombudsleute zusammengeschlossen haben, will mit einer Informationsveranstaltung im Juni in Augsburg mehr Interesse für das Konzept wecken. Um mehr Medienhäuser für die Einrichtung von Ombudsstellen zu gewinnen, setzt die Vereinigung auch auf eine Kooperation mit dem Deutschen Presserat.

Wir haben mit Anton Sahlender, Sprecher der Vereinigung der Medien-Ombudsleute sowie Leseranwalt und Mitglied der Chefredaktion der Main Post in Würzburg, über die Ziele der Interessensgemeinschaft gesprochen – und ihn gefragt, warum das Konzept des Ombudsmanns in deutschen Medienhäusern so wenig Resonanz findet.

Anton-Sahlender

Anton Sahlender

EJO: Was ist das Ziel Ihrer Vereinigung der Medien-Ombudsleute?

Anton Sahlender: Wir wollen uns nicht nur gegenseitig unterstützen und stärken, sondern auch mehr Medienhäuser in Deutschland dafür gewinnen, eine Ombudsstelle zu schaffen. Wir sind davon überzeugt, dass eine solche für die Glaubwürdigkeit und Qualität des Mediums und für den Journalismus insgesamt gut ist.

Eines unserer Ziele ist eine Kooperation mit dem Deutschen Presserat. Wir streben an, dass der Presserat offiziell eine Erklärung abgibt, in der er sagt, dass Ombudsleute eine wichtige Rolle in der freiwilligen Selbstkontrolle der Medien einnehmen. Dann würde das Interesse des einen oder anderen Medienhauses mit Sicherheit wachsen. Gemeinsam mit Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, habe ich unsere Idee im Plenum des Deutschen Presserats vorgestellt. Der Geschäftsführer des Presserats, Lutz Tillmanns, hat uns schon gesagt, dass er sich eine Zusammenarbeit gut vorstellen kann.

Wie soll die Kooperation konkret aussehen?

Meine Traumvorstellung ist, dass Ombudsleute als erste Instanz bei Leserbeschwerden gelten und dass der Presserat eine Beschwerde erst annimmt, nachdem sich der Ombudsmann oder die Ombudsfrau in der jeweiligen Redaktion mit ihr beschäftig hat.

Das bedeutet nicht, dass sich der Presserat außer Kraft setzt, sondern dass er die nächste Instanz ist. Das heißt also, wenn ich als Ombudsmann dem Leser sage, dass die Berichterstattung aus meiner Sicht in Ordnung war und ich ihm die Gründe für meine Sichtweise erläutere, er damit aber nicht einverstanden ist, kann er immer noch zum Presserat gehen. Dieser kann dann meine Aussage bestätigen oder widerlegen. Wir Ombudsleute orientieren uns natürlich auch am Kodex des Deutschen Presserates und erklären zusätzlich noch den Journalismus.

Dann wäre es für viele Medienhäuser sicherlich von Interesse, einen Ombudsmann als erste Instanz zu haben. Dies hätte auch den Vorteil, dass man viel schneller reagieren könnte als der Presserat. Im Kleinen funktioniert das durchaus schon: Der Presserat hat schon Beschwerden von Lesern der Main Post abgelehnt, über die ich als Ombudsmann schon entschieden und unsere Einsicht, dass unsere Berichterstattung nicht in Ordnung war, veröffentlicht hatte. In einem Fall hat der Presserat dem Einreicher der Beschwerde auch gesagt, er sollte sich doch erst einmal mit mir in Verbindung setzen. Wir konnten das klären, und er hat sich dann nicht mehr an den Presserat gewandt.

Bislang haben sich in Ihrer Vereinigung zehn Medien-Ombudsleute zusammengeschlossen, das heißt mehr gibt es auch nicht in Deutschland?

Richtig. Jedenfalls sind mir keine anderen bekannt. Wenn sich doch noch ein Ombudsmann oder eine Ombudsfrau bei uns melden sollte, würden wir ihn oder sie natürlich erfreut willkommen heißen.

Mit unserer Informationsveranstaltung im Juni bei der Augsburger Allgemeinen wollen wir mehr Medienhäuser in Deutschland vom Ombudsmann-Konzept überzeugen. Unsere Zielgruppe sind Entscheider in Redaktionen, z.B. Chefredakteure, die auch in der Lage sind, nach unserer Informationsvorstellung eine Ombudsstelle in ihrer Redaktion einzurichten. Wenn sich nicht genügend Teilnehmer anmelden, muss ich die Veranstaltung allerdings absagen.

Abgesehen von den Medien-Ombudsleuten unserer Vereinigung haben sich bislang nur ein paar vereinzelte Teilnehmer angemeldet. Ich bin ein bisschen betrübt. Die Veranstaltung ist in dieser Form wirklich einmalig in Deutschland, eine Neuheit auf dem Fortbildungsmarkt – und die Einrichtung einer Ombudsstelle ist eine große Chance für Medienhäuser, ihre Glaubwürdigkeit zu steigern.

Warum stößt das Konzept des Ombudsmanns Ihrer Meinung nach auf so wenig Resonanz in Deutschland?

Ich denke, Grund dafür ist momentan vor allem die Furcht davor, dass ein Redakteur aus dem operativen Journalismus entfernt wird und eine neue Rolle zugeteilt bekommt, wobei man zurzeit sowieso überall personell auf Kante genäht ist. Die meisten Redakteure empfinden Ombudsleute noch nicht als sinnvollen Beitrag für das eigene Medium, sondern als eine zusätzliche Serviceleistung, die ihrer Meinung nach hinter dem Journalismus zurückstehen muss – und das denke ich eben nicht; ich bin der Meinung, dass sie dazu gehören sollten.

Unwissenheit ist auch ein Grund für die geringe Resonanz. Die wenigsten deutschen Medienhäuser wissen, was Ombudsleute machen. Wie sehr die Unwissenheit über Medien-Ombudsleute in Deutschland verbreitet ist, zeigt auch eine Befragung des Medienwissenschaftlers Roger Blum:  Der Direktor einer Landesmedienanstalt sagte, dass Ombudsstellen in Deutschland „nicht existent“ seien.

Prof. Stephan Russ-Mohl brachte neulich noch einen anderen möglichen Grund für die geringe Resonanz in die Diskussion ein. Unter Umständen könnten Chefredaktionen Schwierigkeiten damit haben, dass neben ihnen noch einer journalistische Deutungshoheit hat, der sagt, was gut und was schlecht ist. Für mich war das ein neues Argument, weil ich es selber so nicht kennengelernt habe, für andere Medienhäuser kann ich es nicht beurteilen.

Zudem fürchten sich viele Redaktionen vor möglichen anfallenden Kosten. Es ist einfach so, dass bei Zeitungen die Einnahmen zurückgehen und die Redaktionen genau überlegen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben.

Wie könnte man den Medienhäusern diese Befürchtung nehmen?

Wir hoffen, dass wir ihnen diese Angst  mit unserer Informationsveranstaltung nehmen können. Denn man kann durchaus eine Ombudsstelle auch mit einem Redakteur einrichten,  der diese Arbeit erst nebenher mitmacht, so wie ich es viele Jahre bei der Main Post gemacht habe. Es gibt da wirklich Modelle, die sich gut umsetzen lassen.

Die MediaAcT-Studie hat herausgefunden, dass in deutschen Redaktionen erschreckend wenig Kritikkultur herrscht – können Sie das aus Ihrer eigenen Erfahrung bestätigen?

Nein. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Mehrheit der deutschen Redakteure kritikfähig ist, das ist jetzt aber natürlich nicht repräsentativ und ich kann es auch nicht wissenschaftlich belegen.

Aus meiner Sicht sind die deutschen Journalisten in der Mehrheit keine Zimperlieschen, was Kritik innerhalb der Redaktion betrifft, aber viele haben Probleme, mit der Kritik offen umzugehen. Da sehe ich den größten Nachholbedarf: mal öffentlich einzugestehen, dass etwas nicht gut war. Gerade das aber wird bei einem dialogischen Journalismus zunehmend wichtig. Man muss auch mal öffentlich sagen, dass man einsieht, dass etwas jetzt wirklich schlecht war und zwar aus den und den Gründen.

Wie ließe sich mehr Transparenz erreichen?

Hier kann auch von Ombudsleuten eine Signalwirkung ausgehen. Für den normalen Nutzer und Leser ist Journalismus oft undurchsichtig. Sie wissen doch gar nicht, nach welchen Kriterien wir eigentlich arbeiten, und dann brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sie gar nicht verstehen, was wir tun. Wir müssen – und das ist auch die Aufgabe von Ombudsleuten – transparenter machen, wie wir arbeiten und warum wir etwas in einer bestimmten Art und Weise gemacht und nicht anders.

Dieses Unumstößliche, dieses gedruckte Schwarz auf Weiß, das wird uns Zeitungsjournalisten nicht mehr abgenommen. Wir müssen den dialogischen Journalismus nicht nur online, sondern auch in den Zeitungen betreiben. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir noch weniger angenommen. Ich habe Angst, dass viele Medienhäuser aufgrund der Zeitungskrise intern so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie für solche Dinge gar kein Auge haben.

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In der Vereinigung haben sich die folgenden Medien-Ombudsleute zusammengeschlossen:

Anton Sahlender (Main Post, Würzburg), Kerstin Dolde (Frankenpost, Hof), Reinhard Oldeweme (Freie Presse, Chemnitz), Astrid Volk (Neue Presse, Coburg), Hans-Joachim Wölk (Medienhaus Wetzlar), Jochen Kampmann (Rhein-Zeitung, Koblenz), Dr. Heinrich Kintzi und Thomas Roth (Braunschweiger Zeitung), Peter Wendt (Magdeburger Volksstimme), Karin Stemmler (Berliner Zeitung), Ralf Nehmzow (Hamburger Abendblatt).

Während sich die Ombudsleute der anderen Redaktionen vornehmlich um die Probleme kümmern, die Leser mit der Berichterstattung der Redaktion haben, schalten sich Frau Stemmler und Herr Nehmzow auch dann ein, wenn Leser Probleme mit Institutionen, Kommunen und Firmen haben.

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Journalist zum Anfassen und Anwalt für Leser

Mit dem Ziel vor Augen, mehr Medienhäuser in Deutschland dafür zu gewinnen, eine Ombudsstelle zu schaffen, führt die Vereinigung der Medien-Ombudsleute in Kooperation mit der Initiative Tageszeitung am 13. und 14. Juni in Augsburg bei der Augsburger Allgemeinen eine Informationsveranstaltung durch.

Dort will die Vereinigung der Medien-Ombudsleute zeigen, wie das Konzept in einzelnen Medienhäusern betrieben wird und unterschiedliche Modelle aus dem In- und Ausland vorstellen. Unter anderem werden Stephen Pritchard, Präsident der Organization of News Ombudsmen (ONO) und Ombudsmann beim Observer in London, Henrik Kaufholz, Ombudsmann bei Politiken in Kopenhagen, und Ignaz Staub, Ombudsmann bei Tamedia in Zürich, ihre Konzepte vorstellen.

Neben den Medienpraktikern werden mit Prof. Horst Pöttker und Dr. Tobias Eberwein zwei Medienwissenschaftler kommen, die erläutern, warum das Ombudsmann-Konzept aus medienethischer Sicht  gefördert werden sollte. Der Medienrechtler Prof. Johannes Weberling von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder wird Fragen zur Rechtslage klären.

Programm und Anmeldung auf der Website der Initiative Tageszeitung

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Aktualisierung vom 15. Mai 2013: Die geplante Informationsveranstaltung über Medien-Ombudsleute im Juni in Augsburg musste aufgrund mangelnder Anmeldungen abgesagt werden. „Wir wollen die Veranstaltung aber gerne neu ansetzen“, so Anton Sahlender. Ein neuer Termin soll bald bekanntgegeben werden.

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Zum Thema auf EJO:

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Wie selbstkritisch sind die deutschen Journalisten? 

Medienregulierung: Ideal und Wirklichkeit    

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