Der Rest ist Schweigen

15. September 2014 • Digitales • von

Aktuelle Studien ernüchtern. Erstens: Speziell bei Themen, die sehr umtreiben, sind soziale Medien nicht die Alternative, insbesondere nicht für jene, die sonst geschwiegen hätten. Das Pew Forschungscenter in Washington befragte 1800 Nutzer sozialer Medien, ob sie dort ihre Ansicht zu Edward Snowdens Enthüllungen über die Überwachungspraxis des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes NSA kundtun würden. Nicht einmal die Hälfte, 42 Prozent, antwortete mit „Ja“. 86 Prozent sagten, in einem direkten Gespräch würden sie sich aber äußern. Bemerkenswert: Von den 14 Prozent, die im „wirklichen Gespräch“ ihre Meinung für sich behalten, würde fast keiner stattdessen „virtuell diskutieren“.

Bloß nicht auffallen

Zweitens: Die meisten von uns wollen auch im „Social Web“-Freundeskreis nicht auffallen. Auch in der Welt der sozialen Medien wirkt die Schweigespirale, die wir aus der alten Medienwelt kennen. Viele schweigen lieber, wenn sie fürchten, mit ihrer Meinung alleine zu sein. Je mehr die eigene Meinung hingegen der Meinung der Mehrheit entspricht, desto eher wird sie geäußert. Massenmedien und besonders das Fernsehen verstärken diese Effekte. Dass das soziale Netz daran nichts verändert, überrascht auch, weil dort in bis dahin nicht gekanntem Maß anonym diskutiert werden kann, was übrigens sehr geschätzt wird. 40 Prozent der Mitdiskutierenden, so eine weitere Studie, erklärten, unter ihrem echten Namen würden sie sich nie äußern. Hier wirkt offenbar der „Third Person Effekt“: Man überschätzt die Wirkung von Botschaften auf Dritte. Viele schämen sich für ihre eigene Überzeugung. Das soziale Netz macht sie nicht selbstbewusster.

Einer kleinen Gruppe von Leuten hingegen ist nichts peinlich. Im Gegenteil. Amerikanische Forscher haben das Persönlichkeitsprofil von Web-Trollen analysiert, also von jenen, die Debatten bewusst stören. Ihr Motiv ist ernüchternd: Sie haben Spaß, wenn sich andere ärgern oder leiden.

Erstveröffentlichung: Tagesspiegel vom 15. September 2014

Der Beitrag ist Teil einer Serie – alle 14 Tage präsentieren drei Medienforscher im Tagesspiegel Ergebnisse und Streitfragen ihres Fachs, die das EJO zweitveröffentlicht.

Teil 1: Lauter, bitte!

Teil 2: Das Publikum vergisst rasch

Teil 3: Politik – mit und ohne Etikett

Teil 4: Facebook im Sinkflug?

Teil 5: Schneidet die alten Zöpfe ab!

Teil 6: Geschlechterklischees in den Medien

Teil 7: Alarm für die Demokratien

Teil 8: Mythen prüfen!

Teil 9: Oligarchie in Wikis?

Teil 10: Weg mit den Mogelpackungen

Teil 11: Offen und traditionsbewusst in die Zukunft

Teil 12: Mit Twitter zum Wahlsieg

Teil 13: Bedeutungsverlust von Pressearbeit

Teil 14: Den Wandel gestalten

Teil 15: Die Spätfolgen von Tschernobyl

Teil 16: Narrative für Europa

Bildquelle: Flickr.com

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