Über die Freiheit der Berichterstattung

8. September 2017 • Pressefreiheit • von

Was junge Journalisten in Polen über die aktuelle Entwicklung der Medien denken.

„Es ist die Aufgabe von Journalisten, Politiker zu kontrollieren, nicht sie zu bewerben oder ihre Handlungen zu legitimieren. Aber genau das tun die staatlichen Medien. Dankenswerterweise gibt es aber noch viele Journalisten in Polen, die ihre Arbeit richtig machen“, sagt Anna Anagnostopulu. Die 31-Jährige arbeitet als leitende Redakteurin bei Forbes.pl in Warschau, der polnischen Online-Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins. Vorher war sie unter anderem bei money.pl und dem privaten Fernsehsender TVN tätig. Sie ist eine der jungen, polnischen Journalisten, die die Auswirkungen der polnischen Medienreform auf die öffentlich-rechtlichen Medien stark kritisiert.

Im Dezember 2015 stimmte das polnische Parlament für die Medienreform, die von der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eingeleitet worden war. Seitdem bestimmt die Regierung, wer beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitet und was gesendet wird. Seit Inkrafttreten der Medienreform wurden nach Angaben des polnischen Journalistenverbandes Towarzystwo Dziennikarskie 228 Journalisten entlassen oder haben ihren Job aus Protest aufgegeben.

„Es gab schon immer einen Einfluss seitens der Regierung, aber momentan ist der enorm. Diese Verbindung muss getrennt werden“, sagt auch der polnische Journalist Marcin Kaźmierczak. Der 27-Jährige arbeitet bei der Tageszeitung Gazeta Wrocławska.

Diesen Eindruck vermittelt auch die Rangliste der Pressefreiheit, die die Organisation Reporter ohne Grenzen jedes Jahr herausbringt. In der Liste hat Polen in den vergangenen Jahren einen regelrechten Abwärtstrend durchlebt. 2015 war Polen noch auf Platz 18 von 180. Dann kam die Medienreform und mit ihr ging es für Polen rasant nach unten in der Tabelle. Das Land ist um 29 Plätze nach unten gerutscht und hat damit hinter Brunei und Tadschikistan die negativste Entwicklung gemacht. Auf der Rangliste 2017 ist Polen noch weiter nach unten gerutscht. Mittlerweile ist das Land auf dem 54. Rang.

Zweierlei Berichterstattung über ein Thema

Im Juli 2017 demonstrierten Tausende Polen gegen eine Justizreform, die die PiS-Partei einführen wollte. Vergleicht man die Berichterstattung dazu in den Nachrichtensendungen vom staatlichen Fernsehsender TVP Info und vom privaten Fernsehsender TVN am 16. Juli, fällt ein großer Unterschied auf: Um 18.15 Uhr zeigte TVN Bilder der Demonstranten in Warschau. TVP thematisierte stattdessen die verbale Attacke eines Journalisten der Tageszeitung Gazeta Wyborcza auf einen Journalisten von TVP.

„Man kann kein staatliches Fernsehen mehr schauen. Das ist nur noch Propaganda der Regierung. Wenn die Sender nur Experten einer Seite zu Wort kommen lassen oder wenn sie große Events, die ihre Wichtigkeit reduzieren könnten, gar nicht erst thematisieren, kann man sie nicht als vertrauenswürdige Informationsquelle bezeichnen“, sagt Anna Anagnostopulu. Trotzdem schaltet die Journalistin manchmal TVP an, von Kritikern inzwischen „TVPis“ genannt, um sich die Art der Berichterstattung des staatlichen Fernsehens anzuschauen.

Öffentlich-Rechtliche verlieren Zuschauer

Tatsächlich haben die großen öffentlich-rechtlichen Programme TVP1, TVP2 und TVP Info im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr zehn Prozent des Anteils ihrer Zuschauer verloren. Bei den Rezipienten zwischen 16 und 49 Jahren haben sogar 17 Prozent weniger eingeschaltet. Das geht aus Untersuchungen des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens Nielsen Media Research hervor. Gerade die jüngere Generation scheint seit der Medienreform also skeptischer zu sein.

„Bei den Polen fehlt das Vertrauen in die staatlichen Medien, weil sie beeinflusst werden. Es gibt einen großen Unterschied in der Anschauung der staatlichen und der privaten Medien“, gibt Gregor Gowans seinen Eindruck wieder. Der 33-jähirge Journalist aus Schottland leitet das Online-Medium Wroclaw Uncut, eine englischsprachige Website über das Leben in Breslau.

„Gerade politische Nachrichten genießen nicht bei allen Polen das gleiche Vertrauen. Die Menschen glauben genau den Medien, die ihre Meinung widerspiegeln“, sagt Marcin Kaźmierczak von der Gazeta Wrocławska. „Blogger sind an dieser Stelle wichtig. Bei ihnen finden junge Menschen Alternativen zu den Mainstream-Medien“, ist Gregor Gowans überzeugt.

Gerade Online-Medien haben eine relevante Rolle in Polen. Im Digital News Report 2017 des Reuter Instituts der Universität Oxford wurde das Vertrauen in die digitalen Medien in 36 Ländern untersucht. Polen ist auf Platz 4, noch einen Platz weiter vorne als in dem Report aus dem Jahr 2016. Aus dem aktuellen Bericht geht hervor, dass 53 Prozent der Polen den digitalen Medien vertrauen. Zum Vergleich: Deutschland steht mit 50 Prozent dahinter. Alle anderen Nachbarländer Polens, die Teil der Studie sind, haben ebenfalls schlechtere Plätze belegt. So sind es in Tschechien beispielsweise 32 Prozent, in der Slowakei 27 Prozent.

Politikbezug junger Journalisten

„Jungen Journalisten ist es sehr wichtig, über Politik zu schreiben“, sagt Boguslawa Dobek-Ostrowska, Professorin für Kommunikation und Journalismus an der Universität in Breslau. In ihrer Studie „Journalism in Change“ aus dem Jahr 2012 hat die polnische Medienwissenschaftlerin Journalisten in Polen befragt. Demnach haben knapp 82 Prozent angegeben, dass es als Journalist sehr wichtig sei, neutral zu berichten. „Als Journalist sollte man seine politische Überzeugung nicht zeigen“, findet auch Łukasz Owsiany, der freiberuflich für den Fernsehsender TVP3 in Breslau, einem Lokalprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks arbeitet. „Es gibt aber ganz klar Medien, die sich auf eine Seite stellen“, gibt Marcin Kaźmierczak seinen persönlichen Eindruck wieder. „Als Journalisten sollten wir Fakten aufzeigen, deren Einfluss auf das Leben der Rezipienten erklären und die Rezipienten ihre eigenen Schlüsse ziehen lassen. Gute Journalisten verzichten hier auf bewertende Ausdrücke, aber die öffentlich-rechtlichen Medien benutzen sie sehr oft“, sagt Anna Anagnostopulu.

Łukasz Owsiany arbeitet seit sieben Jahren für TVP3 in Breslau und sagt: „Ich bin sehr unabhängig in meiner Arbeit.“ Negativen Einfluss der PiS-Partei merke er nicht. Über die entlassenen Journalisten möchte der 26-Jährige aber nicht sprechen. „Ich war nicht geschockt, als ich von den Entlassungen gehört habe. Es ist nicht so, als hätte ich es erwartet, aber wenn es einen Regierungswechsel gibt, stehen auch immer Veränderungen in den staatlichen Medien an. Überraschend kam aber der Umfang an Entlassungen “, erinnert sich Anna Anagnostopulu.

Welche Medien werden beeinflusst?

„Die Medienunternehmen in Warschau, die über die nationale, polnische Politik schreiben, werden stärker beeinflusst als die lokalen Medien“, sagt Marcin Kaźmierczak. Die privatgeführte Gazeta Wrocławska, für die er arbeitet, werde nicht von der Medienreform beeinflusst und könne weiterhin objektiv über alle Politiker berichten. „Es gibt immer noch viele Medien, die die Regierung kritisieren. Die Medien sind also noch relativ frei“, meint auch Gregor Gowans.

Deshalb würde der 33-Jährige gar nicht so viel an dem Mediensystem verändern, wenn er könnte: „Ich würde nur eine Situation kreieren, in der die öffentlich-rechtlichen Medien nicht von der Regierung diktiert werden können.“

„Ich weiß nicht genau, wie sich das Mediensystem wieder verändern wird, aber die PiS-Partei wird nach der Sommerpause auf jeden Fall weitere Veränderungen durchsetzen wollen“, sagt Anna Anagnostopulu und bezieht sich auf ein Fernsehinterview mit PiS-Chef Jarosław Kaczyński im polnischen Fernsehsender TV Trwam. Dort hat er angekündigt, die Konzentration der Eigentümer von privaten Medien reduzieren zu wollen. Kaczyński rechne bei dieser Veränderung bereits mit starkem Widerstand.

„Früher oder später wird die PiS-Partei nicht mehr an der Regierung sein. Das Mediensystem hat sich mit der Partei verändert und wird sich auch mit der nächsten Partei wieder verändern“, sagt Marcin Kaźmierczak. Die nächsten polnischen Parlamentswahlen stehen im Herbst 2019 an.

Bildquelle: Sakuto / Flickr CC: “Chain of Light”.  Protest in Poland against government judicial reform plans. July 17, 2017. Poznan; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

 

Dieser Beitrag ist Teil unseres deutsch-polnischen Themenspezials, das von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftssstiftung (DPWS) gefördert wird. Er ist im Rahmen eines Workshops mit deutschen und polnischen Studierenden an der Universität Wroclaw unter Leitung von Tina Bettels-Schwabbauer (Erich-Brost-Institut, TU Dortmund) und Michał Kuś (Universität Wroclaw) entstanden. 

 

Bislang im deutsch-polnischen Themenspezial auf der deutschen Seite erschienen:

Im Fokus: deutsche und polnische Medien

Polnische Medien im Wandel

Der Einfluss der polnischen Regierung auf die Medien

Starke Kritik an Polens Medienreformen

Kampf gegen deutsche Dominanz

Polnische Medien und Flüchtlinge: viele Fake News

Politikthemen waren tabu – Medien im Kommunismus 

Katholische Medien in Polen – nah am Staat?

 

Hier geht es zum deutsch-polnischen Themenspezial auf der polnischen EJO-Seite:

http://pl.ejo-online.eu/tag/niemcy-polska-temat-specjalny

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