Mehr Grexpertise, bitte!

9. Oktober 2015 • Qualität & Ethik • von

In Portugal narrte ein Hochstapler die Medien als Wirtschaftsexperte. Wer die Griechenland-Talkshows in Deutschland sieht, stellt fest: Kompetenz ist im Fernsehen eher störend.

bla bla blaArturo da Silvas Ritt auf dem Medienkarussell beginnt im April 2012, als er bei Lissabons größter philanthropischer Einrichtung, der Academia do Bacalhau, auftaucht. Berater der Uno und der Weltbank, Professor am Milton College, ehemaliger Berater des portugiesischen Präsidenten – da Silva beeindruckt mit Referenzen ebenso wie mit Witz, Charme und klaren Worten, in denen er den Sparkurs der portugiesischen Regierung geißelt. Fernsehen und Presse feiern ihn. Rund 70 Medienauftritte, Interviews, Artikel und Vorträge in wenigen Wochen. Die portugiesische Wochenzeitung Expresso interviewt ihn, die Chicago Tribune zitiert ihn, der britische Guardian nennt ihn eine der einflussreichsten Stimmen Portugals, die Nachrichtenagentur Reuters schickt da Silvas Thesen in jede Redaktion der Welt.

Da Silvas ehemalige Kollegen sind erstaunt: Sie arbeiten nicht bei der Weltbank, der UN oder an einer Universität – sie sitzen im Gefängnis. Artur Baptista da Silva arbeitet weder für die UN, noch für die Weltbank, er lehrt nicht an einer Universität. Da Silva ist ein Betrüger. Fast ein Jahr dreht er das große Rad, bevor er auffliegt – und untertaucht. Wie kann ein Hochstapler ohne Expertise zum gefeierten Experten und Medienstar werden? Und was sagt das aus über unsere Expertenkultur und den Expertenkult in den Medien?

Unsere Grexperten: Eine Typologie

Ein ideales Feld, um mediale Expertenkultur  zu studieren, bieten die zahlreichen Talkshows zum Thema Griechenland: 2015 wurde dort bereits 28 Mal über die Griechen diskutiert, und das Jahr hat noch Monate übrig. Hier beherrschen drei Arten von Experten den Bildschirm: Die Augenzeugen, die Politiker und die Experten.Die Augenzeugen bestechen mit ihrer Authentizität, ihrer Nähe zum Geschehen; in der Griechenland-Debatte reicht es, Grieche zu sein. Ist man noch Mitglied der griechischen Regierungspartei, wird man rumgereicht wie Theodoros Paraskevopoulos: Anne Will, Maybrit Illner, ZDF-Frühstücksfernsehen und zweimal Günther Jauch. Vorgestellt wird er als enger Berater von Ministerpräsident Alexis Tsipras. Aber Paraskevopoulos ist nur  schlichter Parlamentarier – ein Hauch da Silva? „Ich kann verstehen, dass manche Kollegen von Ihnen das ein bisschen größer darstellen wollten. Dafür kann ich nichts“, sagt er.

Auch andere  Griechen, etwa Ex-FDP-Politiker und Ex-Sonderbotschafter der griechischen Regierung, Georgios Chatzimarkakis oder Giorgos Chondros, Mitglied im Vorstand von Alexis Tsipras‘ Syriza-Partei, zieren Talkshows. Neben ihrer Nationalität, so geben Medienmacher zu, wuchern sie vor allem mit einem großen Pfund: Sie sprechen deutsch. Authentizität gerne, aber bitte in Deutsch. Kein Talk-Show-Gast könnte diese Idee besser belegen als Kostas Papanastasiou, Vorzeige-Grieche in der „Lindenstraße“ und Gast bei „Hart, aber fair“. Ein Schauspieler als Euro-Experte? Egal, Hauptsache es wirkt authentisch.

Die zweite Gruppe der Talkshow-Experten sind Politiker. Und zwar immer wieder die gleichen, alleine der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach war im Jahr 2014 achtmal in verschiedenen Talkshows. Bemerkenswert ist, dass Bosbach – wie die meisten Politiker in den Talkrunden – kaum Entscheidungskompetenz besitzt, die großen Tiere begeben sich nur ganz selten in die  Niederungen des Talk-Geschäfts. Dennoch benötigen Talkshows Politiker, nähren Sie doch bei den Zuschauern die Illusion, dass hier Menschen mit Entscheidungskompetenz sprechen. Dass dem eher nicht so ist, zeigt der Umstand, dass nicht Angela Merkel, sondern Wolfgang Bosbach acht Talkshow-Auftritte hatte. Damit hätten wir Weg Nummer zwei in die Talkshows identifiziert: Die Vermutung von Entscheidungskompetenz, die im Zweifelsfall hinreichend durch Partei und Parlamentsmitgliedschaft als nachgewiesen gilt.

Statt über Entscheidungskompetenz kann der Weg in  die Talkshows auch über Sachkompetenz führen – womit wir bei den Experten wären, die diesen Namen am ehesten verdienen. Unter ihnen sind zum einen häufig die gleichen Wissenschaftler, bei ihnen stützt sich die Kompetenzvermutung der Zuschauer und Redaktionen auf ihre akademischen Titel. Doch das ist nicht die einzige Form der Expertenfindung, wie das Beispiel des Börsenmaklers Dirk Müller zeigt: Müller wurde bekannt, weil sein Arbeitsplatz an der Börse vor der Dax-Kurstafel war, wo er oft fotografiert wurde. Seine so errungene Prominenz und eine geschickte Selbstvermarktung katapultierte ihn als Experten in Talkshows und Bestsellerlisten – schwer vorstellbar, dass ihm das ohne Promi-Faktor gelungen wäre. Überspitzt gesagt: Mediale  Experten werden zu Experten, weil sie prominent sind – woher diese Prominenz kommt, scheint zweitrangig zu sein, sonst würde ein Schauspieler nicht zum Griechenland-Experten avancieren.

Das macht drei Wege in eine Talkshow: Authentizität, Entscheidungs- und Sachkompetenzvermutung und Prominenz. Doch diese Kompetenzen alleine funktionieren nur begrenzt, es fehlt die vierte Eigenschaft, die den Medienexperten macht: Komplexitätsreduktionskompetenz. „Uns fehlen Politiker, die eine Geschichte erzählen können“, sagt Dirk Müller – genau darum geht es bei dieser Kompetenz: Wer komplexe Probleme auf einfache Lösungen herunterbricht, hat das Zeug zum medialen Experten. Niemand mag Fremdwortschleudern, die in Bandwurmsätzen reden, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Akademisch korrekt, medial suizidal. Das erklärt die Besetzung der Griechenland-Talkshows: Die Zeitzeugen punkten mit Authentizität, die Politiker mit der Entscheidungskompetenzvermutung, die Experten mit der Sachkompetenzvermutung, und alle mit ihrer Prominenz, die sich medial multipliziert. Deswegen tauchen immer wieder die gleichen Gesichter in den Talkshows auf: Prominenz macht prominent. Und es erklärt, warum auch Journalisten in den Talkshows zu sehen sind – sie wissen, was ihre Kollegen von ihnen wollen: Komplexitätsreduktionskompetenz.

Wobei die Frage erlaubt sei, warum Journalisten andere Journalisten als Experten aufrufen. Die Komplexitätsreduktionskompetenz ist das einigende Band, das alle Talkshow-Protagonisten eint: Kurze Sätze, knackige, polarisierende Statements – am besten unter 30 Sekunden. Wer Medienexperte wird, bestimmt sich durch seine Medienkompetenz, durch seine Fähigkeit, einfach und  plastisch zu argumentieren und zu reden. Überspitzt gesagt: Erst Form, dann Inhalt. Aber wieso?

Warum sehen wir, was wir sehen?

Erklärung Nummer eins: Kampf um Aufmerksamkeit. Je größer die Konkurrenz, umso lauter, schriller muss das Angebot sein – das lässt wenig Raum für Zwischentöne. Also brüllt man, und brüllen kann man nur in Hauptsätzen. Erklärung Nummer zwei: Griechenland, der Euro, die Banken – hochkomplexe, schwerverdauliche Themen, die uns alle angehen. Natürlich wollen wir Bescheid wissen, aber wer hat schon die Expertise, Muße und Zeit, sich damit auseinanderzusetzen? Umso beherzter greift man zu, wenn einfache, leicht nachvollziehbare Lösungen serviert werden. Ohne Nebensätze. So einfach kann das sein – wollen wir  glauben.

Möglicherweise zieht auch Erklärung Nummer drei: Die Talkshow-Macher holen immer wieder die gleichen Gäste, weil sie die Anforderungen des Formats berechenbar erfüllen. Warum sich dem Risiko aussetzen und mit neuen Gästen experimentieren, wenn die alten Gäste zuverlässig liefern?  Das zusammengenommen erklärt auch den Medienerfolg des Hochstaplers Artur da Silvas: Als Portugiese war er authentisch, als angeblicher Professor galt für ihn die  Sachkompetenzvermutung, seine angebliche Mitarbeit bei der UN und der Weltbank legten  Entscheidungskompetenz nahe, und die Medien multiplizierten seine Prominenz. Abgerundet wurde da Silvas Köpenickiade durch seine Eloquenz, seine Fähigkeit, Dinge auf den Punkt zu bringen – seine Komplexitätsreduktionskompetenz. Nicht zuletzt sagte er das, was man hören wollte, und das erklärt, warum wir in Talkshows das sehen, was wir sehen: Wir wollen unsere Meinungen, Wünsche und Hoffnungen bestätigt wissen. Die spanische Zeitung „El  País“ hat da Silvas Erfolg einfach auf den Punkt gebracht: „Er sagte, was die Leute hören wollten…“.

Erstveröffentlichung: Wirtschaftsjournalist Nr. 4 / 2015

Bildquelle: Lk Luka / Flickr.com

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  • Jeeves

    “Erst Form, dann Inhalt. Aber wieso?”
    Weil’s die meistverkaufte Tages- und Sonntags-Zeitung (Bild / am Sonntag) ebenso macht. Erfolgreich. Leider.

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