
Über Community-Medien wird oft im Zeichen der Möglichkeiten gesprochen: Partizipation, Empowerment, lokale Stimmen, demokratische Teilhabe. Diese Ideale sind wichtig. Doch was geschieht, wenn sie auf die materiellen Realitäten des Journalismus treffen? Das von Franz Krüger, Sarah H. Chiumbu und Herman Wasserman herausgegebene Buch „Media on the Margins in South Africa“ fordert uns auf, genauer hinzuschauen.
Von Carol Azungi Dralega
Der wichtigste Beitrag des Buches ist konzeptioneller Natur. Anstatt lokale, alternative und Community-Medien als ausreichend erklärende Kategorien zu behandeln, schlagen die Herausgeber*innen „Marginalität“ als übergreifende Perspektive vor. Es wird argumentiert, dass es nicht einfach darauf ankommt, wie ein Medium heißt, welche Plattform es nutzt oder ob es formal kommerziell oder gemeinnützig ist. Genauso wichtig sind die strukturellen Bedingungen, unter denen es agiert. Ein Community-Radiosender in ländlicher Region und ein städtischer, konfessionell geprägter Sender können beide als Community-Medien klassifiziert werden. Ihre Rahmenbedingungen unterscheiden sich eventuell trotzdem radikal.
Diese Feststellung ist nicht nur für Südafrika von Bedeutung. Für den gesamten afrikanischen Journalismus wirft sie eine trügerisch einfache Frage auf: Wenn wir von „Gemeinschaftsmedien“ sprechen, um wessen Gemeinschaft geht es dann, unter welchen Bedingungen und mit welchen Ressourcen?
Was definiert „Marginalität“?
Bei Marginalität geht es nicht einfach nur um Größe. Kapitel 3 zeigt auf empirischer Basis, dass die Verteilung der Medienversorgung weiterhin breitere Muster der Vermögensungleichheit widerspiegelt. Medienunternehmen, die marginalisierte Gebiete versorgen, sehen sich mit anderen Einschränkungen konfrontiert als solche, die näher an den Konzentrationen wirtschaftlicher und institutioneller Ressourcen operieren.
Die Kapitel zur politischen Ökonomie machen diesen Punkt noch deutlicher. Der südafrikanische Staat hat beispielsweise durch Zuschüsse, indirekte Subventionen und insbesondere durch staatliche Werbung einen Beitrag zur Schaffung des lokalen und kommunalen Mediensektors geleistet. Doch diese Unterstützung schafft ein schwieriges Paradoxon: Der Staat kann sowohl Wegbereiter als auch potenzielle Quelle von Abhängigkeit und Vereinnahmung sein.
Kapitel 6 geht noch einen Schritt weiter und untersucht die tatsächlichen Geschäftsmodelle von Bürgerradios und unabhängigen lokalen Printmedien. Die darin vorgelegten Belege deuten auf ein hohes Maß an Instabilität, eine erhebliche Abhängigkeit von kommerziellen Einnahmen und eine starke staatliche Einmischung hin. Medien, die ärmere, kleinere und abgelegenere Gemeinschaften bedienen, sind tendenziell schlechter gestellt, während Medien, die vergleichsweise wohlhabende Interessengemeinschaften bedienen, deutlich besser abschneiden.
Können wir also von Organisationen, deren materielle Bedingungen nicht annähernd vergleichbar sind, denselben Journalismus im öffentlichen Interesse verlangen?
Das lokale Ökosystem
„Teil der Gemeinschaft“ zu sein, löst keine Machtfragen. Kapitel 4 bietet eine besonders nützliche Korrektur romantischer Vorstellungen von „community“. Anhand einer Untersuchung von Grocott’s Mail in Makhanda konzeptualisieren Rod Amner und Aphiwe Ngowapi lokale Kommunikation als Ökosystem. Zeitungen, Radio, WhatsApp, Facebook, zivilgesellschaftliche Organisationen, staatliche Institutionen und informelle Netzwerke interagieren im selben Kommunikationsumfelds.
Dennoch ist dieses Ökosystem nicht zwangsläufig offen. Die Autor*innen identifizieren politische Spannungen, historisches Misstrauen und eine ungleiche Nutzung der Plattformen. Selbst die Grocott’s Mail sieht sich mit Vertrauensfragen konfrontiert – trotz ihres Bekenntnisses zum bürgerorientierten Journalismus. Diese erwachsen aus ihren Eigentumsverhältnissen und journalistischen Praktiken. Ihre Abhängigkeit von Journalist*innen in der Ausbildung führt zudem zu Einschränkungen, sowohl von lokalem Wissen als auch von Sprachkompetenz und Erfahrung im investigativen Journalismus.
Nähe führt also nicht automatisch zu Vertrauen, Repräsentation oder Rechenschaftspflicht. Lokale Inhalte sind nicht zwangsläufig Inhalte von öffentlichem Interesse.
Lokaler Bezug reicht nicht immer aus
In der Untersuchung von elf Community-Radiosendern stellt das Buch fest, dass der Anteil lokaler Inhalte über alle Programmkategorien hinweg durchschnittlich 43,4 % betrug. Der Anteil, der lokalen Nachrichten und Informationen gewidmet war, betrug im Durchschnitt jedoch nur 9,96 %. Der Autor führt diese Diskrepanz auf Ressourcenengpässe, regulatorische Unklarheiten und die praktischen Schwierigkeiten bei der Produktion lokaler Inhalte zurück.
Im Printbereich zeigt sich zunächst ein anderes Bild: Die quantitative Analyse von acht Lokalzeitungen ergab, dass 88,2 % der Artikel einen lokalen Bezug hatten. Ein Großteil dieser Berichterstattung bestand jedoch aus Sport, Gemeindenachrichten und Kriminalität. Nationale und internationale Themen fanden relativ wenig Beachtung. Es lohnt sich, diese Spannung näher zu betrachten: Eine Publikation kann sehr lokal ausgerichtet sein und gleichzeitig nicht die Bandbreite an Informationen bieten, die Bürger*innen benötigen, um die Kräfte zu verstehen, die ihr Leben prägen. Demnach sollte die Frage für den Bürgerjournalismus nicht einfach lauten: „Wie viele lokale Inhalte produzieren wir?“, sondern auch: „Welche Art von lokalem Wissen produzieren wir, für wen und mit welchen demokratischen Konsequenzen?“
Das Buch weigert sich außerdem, Medienorganisationen als Maschinen zu behandeln, die unabhängig von den Menschen in ihrem Inneren funktionieren. Kapitel 10 untersucht die Motivationen und Erfahrungen von Führungskräften in den Bürgermedien. Viele von ihnen arbeiten in einem Sektor, der durch begrenzte finanzielle Vergütung und erhebliche persönliche Anforderungen gekennzeichnet ist.
Das Buch geht noch einen Schritt weiter und befasst sich auch mit den „amaVolontiya“ –Freiwilligen, die Bürgerradiosender am Leben erhalten. Freiwilligenarbeit kann Teilhabe, Kompetenzen, soziales Kapital und Chancen bieten. Doch in wirtschaftlich unsicheren Umgebungen lässt sich Freiwilligenarbeit nicht einfach als bürgerschaftliches Engagement romantisieren: Sie kann auch mit Arbeitslosigkeit, dem Erwerb von Kompetenzen und der Suche nach wirtschaftlichen Möglichkeiten zusammenhängen. Daraus lässt sich eine tiefgreifendere Erkenntnis über Resilienz gewinnen. Wenn Journalismus überlebt, weil Menschen bereit sind, Opfer zu bringen, ist das ein Beweis für Engagement – aber nicht unbedingt ein Beweis für Nachhaltigkeit.
Digitalisierung lässt Ungleichheiten nicht verschwinden
Der letzte Abschnitt überträgt die Argumentation ins digitale Zeitalter. Der Vergleich von Hillbrow Radio, einem von Jugendlichen geführten Online-Sender, mit dem ländlichen Mbhashe FM veranschaulicht, wie die digitale Transformation sowohl neue Möglichkeiten als auch neue Ungleichheiten hervorbringt. WhatsApp, Facebook und andere Plattformen können Partizipation und Reichweite vergrößern. Gleichzeitig bleiben Datenkosten, Infrastruktur, regulatorische Lücken und ungleiche digitale Kapazitäten erhebliche Hindernisse.
Außerdem zeichnet sich Desinformation als ein weiterer, aktueller Druckfaktor ab. Südafrikanische Community-Journalist*innen spielen eine wichtige Rolle in lokalen Informationslandschaften. Sie arbeiten jedoch oft mit begrenzter institutioneller Unterstützung, Schulung, Ressourcen und Tools zur Faktenprüfung. Dieselben Ungleichheiten, die analoge Community-Medien geprägt haben, können sich auch in digitalen Systemen wiederholen.
Das Buch bietet kein einfaches Rezept zur Rettung der Bürgermedien. Stattdessen ermutigt es uns, schwierigere Fragen zu stellen:
- Bewerten wir Medienorganisationen anhand ihrer Bezeichnungen oder anhand der strukturellen Bedingungen, unter denen sie agieren?
- Beschreibt „Gemeinschaft“ echte Teilhabe oder lediglich einen geografischen Markt? Versorgen lokale Inhalte die Bürger mit den notwendigen Informationen, um Macht zu verstehen und zu hinterfragen?
- Feiern wir die Resilienz „der Medien“, obwohl wir in Wirklichkeit individuelle Opfer beobachten?
- Wenn digitale Technologien Inklusion versprechen, wer bleibt dann weiterhin von der Teilhabe ausgeschlossen?
Letztendlich fordert uns „Media on the Margins“ auf, Community-Medien nicht einfach nur deshalb zu feiern, weil sie Community-Medien sind. Ihr demokratischer Wert darf nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden; er muss im Zusammenhang mit Macht, Ressourcen, Repräsentation, Arbeit, Technologie und Rechenschaftspflicht untersucht werden. Hier liegt die vielleicht nützlichste Erkenntnis des Buches: Randbereiche sind nicht einfach nur Orte, an denen Journalismus stattfindet. Sie sind Orte, an denen die Ungleichheiten, die den Journalismus prägen, besonders sichtbar werden.
Dieser Text erschien zunächst beim African Journalism Education Network (AJEN). Übersetzt und bearbeitet von Judith Odenthal.
Beitragsbild: Pexels
Schlagwörter:community media, Globaler Süden, Journalismusforschung

