Poppers Alptraum

2. August 2016 • Digitales, Forschung aus 1. Hand • von

Am Amoklauf in München hat sich gezeigt, welch zentrale und dabei ambivalente Rolle soziale Medien in der modernen Öffentlichkeit spielen: Der Täter versuchte mittels eines gefälschten Facebook-Accounts, potenzielle Opfer zum späteren Tatort zu locken, für die Polizei war Twitter  ein wichtiges Instrument der Krisenkommunikation. Mittelbar Betroffene haben über soziale Medien Hilfe angeboten, indem sie ihre Türen für Schutzsuchende öffneten, einige haben aber auch ungewollt Falschinformationen und damit Hysterie multipliziert. Die meisten der Informationssuchenden und Beobachter reagierten besonnen; sie mahnten, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen und kritisierten Medien für ethische Grenzüberschreitungen und wilde Spekulationen. Andere wiederum nutzten die Ereignisse für ihre Zwecke, konstruierten ein Narrativ aus Elitenversagen und Fremdenfeindlichkeit, das ihre Weltsicht bestätigt.

Grafik 1_München

Der Hashtag, der am häufigsten mit #München aufgetreten ist: #OEZ (Olympia Einkaufszentrum, der Tatort). Besonders auffällig in den ersten Stunden nach dem Amoklauf: Unter den Hashtags opendoor und offenetuer bieten Münchner Fremden einen Unterschlupf an.

Die vom Autor erstellte Netzwerkanalyse basiert auf 83.594 Tweets, die zwischen Freitag, 19.05 Uhr, und Sonnabend, 7.18 Uhr, unter dem Hashtag München gepostet wurden. Sie zeigt, wie deutlich zwei beinahe isolierte Hauptcluster die Twitter-Sphäre bestimmten: Im Cluster rund um den Twitter-Account der Polizei München (dargestellt durch den größten Knoten im unteren Cluster) finden sich vor allem klassische Medien (u.a. Spiegel Online, die Tagesschau, Bild, Zeit Online, ZDF heute), viele Journalisten, die privat twitterten und auch einige Politiker.

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Der Tweet mit der größten Reichweite innerhalb des kleineren Clusters.

Im zweiten, kleineren Cluster finden sich unter anderem Accounts verschiedener AfD-Ortsgruppen und -Politiker. Der Tweet mit der größten Reichweite in diesem Cluster steht repräsentativ für die dominierenden Frames innerhalb des Clusters: Politik- und Medienversagen werden angeprangert, die Ereignisse werden schnell mit fremdenfeindlichen Deutungsmustern verbunden.

Soziale Medien katalysieren den so genannten Bestätigungsfehler (vgl. Frost et al, 2015), also die Tendenz der menschlichen Wahrnehmung, Informationen zu bevorzugen, die den eigenen Überzeugungen und Hypothesen entsprechen. Oftmals wird in diesem Zusammenhang auch vom Phänomen der kognitiven Dissonanz gesprochen, also vom unangenehmen Gefühl, das entsteht, wenn sich Kognitionen nur schwer vereinbaren lassen. Dies führt in sozialen Medien dazu, dass sich isolierte Cluster aus Usern bilden, die ein gemeinsames Bedeutungssystem teilen. Michela Del Vicario et al (2015) zeigten beispielsweise, dass Verschwörungsnarrative Kristallisationspunkte innerhalb sozialer Medien bilden, um die sich besonders homogene User-Gruppen bilden. Dass insbesondere Narrative den Kern dieser Echo-Kammern (vgl. Garrett, 2009) bilden, scheint plausibel – sie bündeln Kategorisierungen und Sinnstiftungen und sind damit effektive Medien gegenseitiger Vergewisserung. Nach München war es so das Narrativ des islamistischen Terrors, den insbesondere Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik heraufbeschworen habe, das im Cluster dominierte.

Grafik 2_München

Gefiltertes Netzwerk der aktivsten beziehungsweise meist adressierten Twitterer. Um den Nukleus des Twitteraccounts der Münchener Polizei clustern sich im unteren Bereich vor allem die klassischen Medien. Im oberen Bereich findet sich ein zweites Cluster mit wenig Verbindung zum unteren.

Die Neigung der Selbstbestätigung durch Medien, beispielsweise durch die Wahl der Tageszeitung, bestand sicherlich schon vor der Zeit sozialer Medien. Ein Unterschied scheint indes darin zu bestehen, dass klassische Medienangebote nur bis zu einem gewissen Maße individualisierbar waren. So wurde der zur Selbstbestätigung neigende Rezipient auch immer mit Informationen konfrontiert, die ihn veranlassten, seine Meinungen neu zu verhandeln. Dem kann der User in den sozialen Netzwerken heute entgehen. Alle kommunikativen Grundbedürfnisse scheinen innerhalb dieser Systeme gedeckt: In sozialen Medien vernetzen und bestätigen sich nicht nur Menschen mit gleicher Weltsicht, sondern sie folgen auch alternativen Medien, die sie mit Informationen versorgen, Prominenten, mit denen sie sich identifizieren können, Autoren, deren Bücher sie lesen, Künstlern, deren Musik sie hören und Politikern, die sie wählen – so bildet sich, wie am Beispiel München sichtbar wird, ein selbsttragendes Parallelnetzwerk, das sich selbst genügt in einem stabilen Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage konsistenter Sinnzuschreibungen.

Ein weiterer Unterschied zu analogen Medien ist der interaktive Charakter neuer Medien, der gegenseitige Bestätigung ermöglicht. Sozialpsychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom Effekt der Gruppenpolarisierung (vgl. Warner & Neville-Shepard, 2011), bei der sich Ansichten von Akteuren während einer Diskussion mit Gleichgesinnten verstärken. Richtigkeit ist dabei offenbar ein untergeordneter Wert; der primäre Wert der Information ergibt sich vor allem aus dem Maße, in dem sie bestehende kognitive Schemata bestätigt. Das oben beschriebene Cluster war auch nach den Ereignissen von München ein positiver Resonanzraum für derart narrativ-konforme Tweets – ungeachtet ihrer faktischen Richtigkeit und argumentativen Plausibilität.

Es gibt nur wenige Erkenntnisse dazu, inwiefern sich die Ausprägung dieser Echo-Kammern in den vergangenen Jahren verändert hat. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass sich eine solch geschlossene Infrastruktur, wie wir sie heute vorfinden, erst ab einer gewissen Anzahl gleichgesinnter Netzwerker bilden konnte.

Durch psychologische Effekte wie den Bestätigungsfehler, die kognitive Dissonanz oder die Gruppenpolarisierung werden soziale Medien so zu einem Zerrspiegel der Weltwahrnehmung. Es ist davon auszugehen, dass der Selektionseffekt individualisierender Algorithmen (die vielzitierte Filterblase, vgl. Pariser, 2011) diese Effekte darüber hinaus katalysiert. Sie ermöglichen so eine Weltsicht, die sich am besten als das Gegenteil dessen beschreiben lässt, was Karl Popper einst den kritischen Rationalismus nannte: Eine Lebenseinstellung, „die bereit ist, auf kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen (…) im Grunde eine Einstellung, die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“

 

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