Die BRICS-Staaten und die Grenzen der Süd-Süd-Kommunikation

25. August 2026 • Forschung aus 1. Hand, Internationales, Top • von

Das sechste BRICS Media Forum. Quelle: Xinhua

Länder des Globalen Südens gewinnen an geopolitischem Einfluss; die internationale Ordnung wird zunehmend multipolarer. Somit stellen sich wichtige, neue Fragen: Hat dieser Wandel auch die Art und Weise verändert, wie Länder miteinander kommunizieren? Hat der Aufstieg des BRICS-Blocks zu einem stärkeren Süd-Süd-Nachrichtenfluss geführt?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Studie BRICS, Geopolitics, and Synchronization of Foreign News: Media and the Making of Transnational Public Spheres, die kürzlich bei Springer erschienen ist. Das Buch basiert auf der an der Universität Erfurt verteidigten Doktorarbeit des Autors. Es untersucht die Grenzen und Potenziale des internationalen Journalismus bei der Überbrückung geografischer Distanzen und der Förderung transnationaler öffentlicher Debatten inmitten tiefgreifender geopolitischer Veränderungen und zunehmend globaler Herausforderungen.

Diese Debatte führt bis in die 1980er Jahre zurück: Damals wurde die UNESCO zum Schauplatz von Diskussionen rund um die New World Information and Communication Order (NWICO)– eine Bewegung, mit der Entwicklungsländer den von westlichen Medien dominierten, äußerst ungleichen globalen Informationsfluss in Frage stellten. Mehr als vier Jahrzehnte später, nachdem der Globale Süden seine wirtschaftliche und politische Position durch den BRICS-Block (ursprünglich Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) gestärkt hat, bleibt eine zentrale Frage offen: Hat die neue geopolitische Multipolarität eine ausgewogenere Ära der globalen Massenkommunikation eingeläutet?

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Antwort größtenteils „nein“ lautet. Trotz des wachsenden wirtschaftlichen und politischen Einflusses der BRICS-Mitgliedstaaten kommt die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der sogenannte „rise of the rest“ nicht mit der Entstehung einer robusten, transnationalen Öffentlichkeit einherging, die grenzübergreifendes Verständnis und Solidarität hervorbringen könnte. Stattdessen dominieren traditionelle westliche Medien wie The New York Times, Reuters und Agence France-Presse weiterhin den globalen Nachrichtenfluss, selbst wenn BRICS-Länder übereinander berichten. Diese Schlussfolgerungen basieren auf einer Inhaltsanalyse von rund 4.000 Nachrichtenartikeln, die in zehn führenden Zeitungen der fünf Kern-BRICS-Mitgliedstaaten veröffentlicht wurden.

Die BRICS-Gruppe

Die BRICS-Plattform wurde 2009 inmitten der globalen Finanzkrise gegründet. Ursprünglich eine Gruppe aus vier Nationen, wurde sie 2011 um Südafrika erweitert, wodurch ihre Rolle als Herausforderer der westlich dominierten Weltordnung gefestigt wurde. Im Kern setzt sich der Block für eine ausgewogenere Machtverteilung ein, was sich beispielsweise in der Gründung der Neuen Entwicklungsbank im Jahr 2015 zeigt.

In jüngerer Zeit erfuhr die Gruppe eine bedeutende und umstrittene Erweiterung durch die Aufnahme von Ägypten, Äthiopien, dem Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Indonesien. Dieser Wandel hat international Besorgnis hinsichtlich einer möglichen antiwestlichen oder autoritären Ausrichtung ausgelöst. Um den Fokus auf die prägende, „demokratischere“ Phase der Gruppe zu legen, analysierte die Studie Nachrichtenartikel aus den ursprünglichen fünf Mitgliedsstaaten, die zwischen 2011 und 2019 veröffentlicht wurden.

Die Architektur eines ungleichmäßigen Informationsflusses

Die Medienlandschaften dieser Länder sind fragmentiert. Während die BRICS-Staaten Aspekte ihrer Populärkultur erfolgreich exportiert haben – Brasilien etwa durch weltweit ausgestrahlte Telenovelas und Indien durch die Bollywood-Filmindustrie – wird der internationale Nachrichtensektor weitgehend von staatlich unterstützten Medien aus Moskau und Peking dominiert. Russland und China haben bei der globalen Ausweitung der Nachrichtenberichterstattung die Führung übernommen. Beide Länder haben Milliarden in Medien wie RT, Sputnik, Xinhua und CGTN investiert, um ihren Einfluss auf andere Weltregionen wie Afrika und Lateinamerika auszuweiten.

Das Potenzial dieser Medien, den Austausch von Ideen und Argumenten im Globalen Süden zu fördern, wird jedoch durch anhaltende Bedenken hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit eingeschränkt. Häufig werden sie als Instrumente staatlicher Propaganda oder sogar als Vehikel für Desinformation genutzt. Daher zögern Journalisten in pluralistischeren Mediensystemen, wie beispielsweise Brasilien und Südafrika,  sich auf deren Inhalte zu verlassen.

Koordinierte Bemühungen mit geringer Wirkung

Dieser Mangel an organischer Synergie ist nicht auf fehlende Bemühungen zurückzuführen. Seit 2015 ist das BRICS-Medienforum sieben Mal zusammengetreten, wobei führende Persönlichkeiten wie der ehemalige Präsident von Xinhua, Congjun Li, die Mitgliedsmedien dazu drängten, „abgestimmt zu sprechen“ und ihre Stimmen gemeinsam zu verstärken. Aus diesen Gipfeltreffen sind Initiativen wie das „BRICS International Journalism Online Training Program“ hervorgegangen, das Teilnehmer von Indiens The Hindu bis hin zur südafrikanischen SABC anzog. Die Daten zeigen jedoch, dass diese Bemühungen auf Ebene der Medieninhalte größtenteils ins Leere laufen: Die Studie ergab, dass der Einfluss von Nachrichten aus den BRICS-Ländern auf die allgemeine internationale Berichterstattung über die Mitgliedsländer „gering bis nicht existent“ ist.

Wenn eine brasilianische Zeitung über ein Ereignis in Indien berichtet, ist es weitaus wahrscheinlicher, dass sie die in London ansässige Nachrichtenagentur Reuters zitiert als eine in den BRICS-Ländern ansässige Agentur. China bildet die einzige Ausnahme. Das Land stützt sich fast ausschließlich auf die eigene staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Blinde Flecken in der Auslandsberichterstattung

Vielleicht am auffälligsten ist, wie wenig sich Medien in den BRICS-Ländern selbst auf den Block konzentrieren. Die Untersuchung zeigte, dass Medien in den Mitgliedsstaaten weitaus weniger ausführlich über die BRICS berichten als über die Europäische Union. Ein wahrscheinlicher Grund dafür ist, dass die BRICS eher als informelle Koordinationsplattform fungieren. Sie sind keine supranationale Organisation, die die von ihren Staatschefs diskutierten politischen Maßnahmen tatsächlich umsetzt.

Die mangelnde Sichtbarkeit hat konkrete Konsequenzen für die innenpolitische Legitimität der Plattform. In einer Meinungsumfrage wussten erstaunliche 90 % der brasilianischen Befragten nicht einmal, dass die BRICS überhaupt existieren.

Die vorhandene Berichterstattung ist stark verzerrt:

  • Die USA bleiben der Protagonist: Genau wie in westlichen Medien stehen die Vereinigten Staaten auch in den BRICS-Auslandsredaktionen im Mittelpunkt.
  • Chinas Anziehungskraft: China ist das am häufigsten behandelte BRICS-Mitglied, wahrscheinlich aufgrund seiner geopolitischen und wirtschaftlichen Bedeutung für die anderen Mitgliedstaaten. Die chinesischen Medien erwidern diese Aufmerksamkeit jedoch nicht und bieten ihrem heimischen Publikum relativ wenig Hintergrundinformationen über die anderen Mitglieder.
  • Die „unsichtbaren“ Mitglieder: Indien, Südafrika und Brasilien bleiben im kollektiven Bewusstsein des Blocks weitgehend „blinde Flecken“. Trotz ihrer Rolle als Gründungsmitglieder mangelt es bei diesen Nationen deutlich an gegenseitiger Medienpräsenz, und sie spielen in den Auslandsnachrichten ihrer Partnerländer weiterhin eine eher untergeordnete Rolle.

Multipolarität ohne Verbindung?

Die Studie zeichnet das Bild eines „unzusammenhängenden und fragmentierten“ Transnationalisierungsprozesses. Zwar kommt es gelegentlich zu Momenten synchronisierter Debatte, doch sind diese in der Regel das Ergebnis globaler Krisen, wie der russischen Invasion und Annexion der Krim im Jahr 2014. Sie  spiegeln kaum nachhaltige Bemühungen wider, den Bürgern eine Kontextualisierung des Globalen Südens zu vermitteln.

Letztendlich kommt die Studie zu dem Schluss, dass selbst in einer sich abzeichnenden multipolaren Welt langjährige Asymmetrien in der Auslandsberichterstattung fortbestehen. Damit eine echte Süd-Süd-Kommunikation gedeihen kann, braucht der Block mehr als nur regelmäßige Gipfeltreffen; es bedarf eines Wandels hin zu einem kosmopolitischeren und demokratischeren Medienansatz.

Brasilien, Indien und Südafrika stehen vor der Herausforderung, wettbewerbsfähige, unabhängige Medieninfrastrukturen aufzubauen, um zum globalen Nachrichtenfluss beizutragen; China und Russland stehen an einem Scheideweg. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass die massiven Medieninvestitionen dieser beiden Länder weiter nur einen geringen Einfluss auf die BRICS-Partner haben werden, solange es keine Veränderungen innerhalb ihrer jeweiligen politischen Systeme gibt, die eine glaubwürdigere und weniger instrumentalisierte Kommunikation ermöglichen. Die derzeitige Zersplitterung der nationalen Öffentlichkeiten deutet darauf hin, dass die BRICS-Staaten zwar versuchen, wirtschaftlich gemeinsam voranzukommen, in ihrer Sichtweise auf und ihrer Berichterstattung über die Welt jedoch nach wie vor weit voneinander entfernt sind.

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