
Auf der Jahrestagung der International Communications Association (ICA) Anfang Juni 2026 in Kapstadt widmete sich das Panel „Journalism in Flux: Changing Perceptions and Narratives“ grundlegenden Frage: Was passiert mit journalistischer Arbeit, wenn Institutionen brüchig werden, Finanzierungsmodelle kollabieren und demokratische Gewissheiten schwinden?
Journalismus befindet sich weltweit in einem Zustand permanenter Instabilität: nicht nur demokratisch und ökonomisch, sondern auch mit Blick auf das professionelle Selbstverständnis unter zunehmend schwierigen politischen Rahmenbedingungen.
Besonders eindrücklich war in diesem Kontext der Vortrag „Threatened or Disillusioned?“ von Alexis Haskell, Logan Molyneux und Erin Coyle. Die Forscher untersuchten anhand einer Befragung von US-Journalistinnen und Journalisten, wie sich wahrgenommene Bedrohungen der Pressefreiheit und journalistische Desillusionierung auf das demokratische Engagement im Rahmen ihres professionellen Handelns auswirken.
Desillusionierung als stiller Killer
Die Ergebnisse zeigen eine überraschende Differenz: Wer äußere Bedrohungen wahrnimmt – politische Angriffe, sinkendes Vertrauen oder Einschränkungen der Pressefreiheit –, zieht sich nicht zwangsläufig zurück. Im Gegenteil: Bedrohungswahrnehmungen steigerten die Bereitschaft, demokratisch relevante journalistische Arbeit zu leisten, etwa durch Public-Records-Anfragen. In der Präsentation beschrieben die Autoren dies als eine Form strategischer Resistenz gegen demokratische Erosion.
Ganz anders wirkte hingegen Desillusionierung. Journalistinnen und Journalisten, die den Glauben an Sinn, Wirkung oder demokratische Bedeutung ihrer Arbeit verlieren, neigen eher zum Rückzug. Der Vortrag spricht von einem „checking out effect“ – einem schleichenden inneren Ausstieg aus dem demokratischen Auftrag des Journalismus. Nicht externe Angriffe erscheinen damit als größte Gefahr, sondern der Verlust professioneller Sinnstiftung.
Die Studie verweist damit auf eine zentrale Verschiebung im gegenwärtigen Journalismus: Die Krise ist längst nicht mehr nur institutionell oder ökonomisch. Sie wird zunehmend psychologisch.
Ukrainische Medien stellen sich finanziellem Druck
Wie eng wirtschaftlicher Druck und journalistische Identität miteinander verbunden sind, zeigte auch die Präsentation „Adapt or Give Up“ von Kostiantyn Yanchenko und Tetiana Gordiienko über ukrainische Redaktionen nach dem Wegfall von USAID-Medienförderung.
Die Forschenden zeichneten ein Bild radikaler organisatorischer Anpassung. Ihr Vortrag dokumentierte Entlassungen, Projektstopps, Budgetkürzungen und eine wachsende Orientierung an Markt- und Förderlogiken. Viele ukrainische Medien sind strukturell abhängig von internationalen Fördergeldern – in manchen Redaktionen mach(t)en Fördermittel einen erheblichen Teil des Gesamtbudgets aus.
Die Anpassungsstrategien beim Wegfall dieser Mittel reichten von Personalabbau über verstärkte Publikumsorientierung bis hin zu opportunistischen Formen der Geber-Kommunikation. Die Forschenden beschrieben dies als Spannungsfeld zwischen journalistischer Mission und organisatorischem Überleben.
Interessant war dabei die Ambivalenz der Ergebnisse. Einerseits führten die Einschnitte zu psychologischer Belastung, sinkender Inhaltsvielfalt und wachsender Unsicherheit. Andererseits entwickelten manche Redaktionen stärkere Publikumsbindungen und neue organisatorische Lernprozesse. Journalismus erscheint hier nicht als starre Institution, sondern als hochgradig adaptive Praxis unter Ausnahmebedingungen.
Institutionelle Fragilität und emotionale Erschöpfung in Ghana
Das Projekt „Is Journalism at Risk?“ von Timothy Adjin-Tettey und Maxwell Agbaglo Asuman fokussierte stärker auf individuelle Berufsbiografien im Globalen Süden. Es beschäftigt sich mit Journalistinnen und Journalisten in Ghana, die den Beruf verlassen haben oder verlassen wollen. Dieses Phänomen ist bislang vor allem für Mediensysteme und Journalismuskulturen im Global Norden untersucht; insofern lieferte die Studie wichtige neue Einsichten in bislang wenige erforschte Berufskulturen im Globalen Süden.
Die Studie identifiziert ein Bündel struktureller Ursachen in Ghana: schlechte Bezahlung, prekäre Arbeitsbedingungen, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten, psychische Belastung und mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Die Ausführungen dokumentierten eindrucksvoll, wie stark ökonomische Unsicherheit journalistische Motivation untergräbt.
Besonders bemerkenswert war die Verbindung aus emotionaler Erschöpfung und institutioneller Fragilität. Viele der interviewten ehemaligen Journalistinnen und Journalisten beschrieben ihre Arbeit nicht primär als demokratische Mission, sondern als dauerhaft prekäre Belastung ohne langfristige Perspektive.
Instabile Umstände verändern das Selbstverständnis des Journalismus selbst
Die Forschenden verknüpften dies mit der Theorie sozialer Austauschbeziehungen: Wenn Organisationen ihren Beschäftigten dauerhaft zu wenig Ressourcen, Schutz oder Anerkennung bieten, sinkt die Bindung an die Profession selbst.
Damit verschiebt sich die Krise des Journalismus von der Ebene einzelner Medienhäuser auf die Ebene beruflicher Identität. Nicht nur Redaktionen geraten unter Druck – auch das Selbstverständnis journalistischer Arbeit verliert an Stabilität.
Journalismus als aktiver Schutzwall der Demokratie?
Genau an diesem Punkt setzte schließlich das Paper „Reporters for Democracy“ von Karin Assmann und Anna Lorenz an. Die Studie untersucht Journalistinnen und Journalisten, die Demokratie explizit als Teil ihres professionellen Auftrags verstehen. Der Beitrag zeigte, dass sich viele Medienschaffende heute nicht mehr ausschließlich als neutrale Beobachter und Beobachterinnen definieren. Angesichts autoritärer Tendenzen, Desinformation und demokratischer Erosion entsteht zunehmend ein Rollenverständnis, das Journalismus als aktive demokratische Schutzinstitution begreift.
Diese Entwicklung ist jedoch ambivalent. Einerseits stärkt sie journalistische Motivation und gesellschaftliche Verantwortung. Andererseits verschärft sie Konflikte um Objektivität, Aktivismus und politische Positionierung. Gerade in polarisierten Öffentlichkeiten wird der Anspruch demokratischer Verteidigung schnell selbst zum Gegenstand politischer Angriffe.
Krise treibt die Transformation
Insgesamt zeichneten die Papers der Session ein bemerkenswert kohärentes Bild: Journalismus befindet sich in einem Zustand permanenter Anpassung. Externe Bedrohungen, ökonomische Unsicherheit und institutioneller Wandel greifen tief in journalistische Selbstbilder ein.
Auffällig war dabei, dass die Krise nicht einfach als Niedergang erzählt wurde. Viele Beiträge beschrieben vielmehr neue Formen professioneller Selbstbehauptung: investigative Resistenz, adaptive Organisationsformen, stärkere Publikumsnähe oder demokratische Selbstverortung.
Gerade darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser ICA-Session: Journalismus verändert sich derzeit nicht trotz der Krise, sondern durch sie. Die Zukunft des Berufs entsteht mitten im Ausnahmezustand.
Beitragsbild: Pexels
Schlagwörter:Demokratie, Globaler Süden, International Communication Association, journalistische Identität, USAID

