„Flood the zone“? Wie tagesschau.de auf Trumps Informationsflut reagiert

12. Oktober 2026 • Digitales, Forschung aus 1. Hand • von

Donald Trump hält eine Rede.

Foto: Von Gage Skidmore via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Ob Dekrete im Stundentakt, gezielte Provokationen oder mediale Ablenkungsmanöver: Donald Trumps Strategie der gezielten Informationsüberflutung stellt Redaktionen weltweit vor neue Herausforderungen. Eine Untersuchung, die im Rahmen eines Seminars am Institut für Journalistik an der TU Dortmund entstanden ist, hat untersucht, wie das deutsche Leitmedium tagesschau.de in den ersten vier Wochen nach Trumps erster (2017) und zweiter Amtszeit (2025) über den US-Präsidenten berichtete. Die Befunde zeigen: Der Anteil der Trump-Meldungen blieb konstant, doch Inhalt und Tonfall haben sich verschärft.

Von Flórián Gombos, Katinka Böhm und Paulina Bermúdez 

„The real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit“ – mit diesem Satz brachte der frühere Trump-Berater Steve Bannon 2018 die Kommunikationsstrategie auf den Punkt, die das politische System der USA grundlegend verändern sollte. Die Taktik des „zone flooding“ setzt darauf, die Medien – die als Feind markiert werden – mit einer Dauerschleife aus Nachrichten zu überschwemmen.

Paulina Bermúdez, Flórián Gombos und Katinka Böhm (v.l.) sind Bachelor-Studierende am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

Das Ziel dieser Form der Desinformation: Verwirrung stiften, die Orientierung im Nachrichtenstrom erschweren und die etablierten Massenmedien durch ihre eigenen Selektionsroutinen als Multiplikatoren einspannen. Psychologische Studien zeigen, dass eine solche Informationsüberflutung dazu führen kann, dass es Bürgerinnen und Bürgern zunehmend schwerer fällt, zwischen Fakten und Desinformation zu unterscheiden.

Doch wie reagieren reichweitenstarke Online-Leitmedien im deutschsprachigen Raum auf diese Strategie? Lässt sich eine quantitative Überflutung der Berichterstattung nachweisen? Dieser Frage sind wir in einer studentischen Forschungsarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund nachgegangen.

Methodik: Standardisierte Inhaltsanalyse von 1.192 Artikeln

Dazu führten wir eine quantitative vergleichende Inhaltsanalyse aller Online-Artikel durch, die in den ersten vier Wochen nach den jeweiligen Amtsantritten Donald Trumps auf tagesschau.de veröffentlicht wurden: Vom 20. Januar 2017 bis zum 17. Februar 2017 und vom 20. Januar 2025 bis zum 17. Februar 2025.

Insgesamt wurde eine Grundgesamtheit von 1.192 Artikeln erfasst. Für die vertiefte inhaltliche Analyse wurden alle Beiträge manuell codiert, die das Schlagwort „Trump“ im Titel oder Teaser enthielten (insgesamt 219 Artikel).

Keine Quantitätsexplosion, aber mehr direkte Handlungen und Drohungen

Entgegen der Annahme, dass die verstärkte Anwendungslogik des „zone flooding“ zu einer rein quantitativen Zunahme von Trump-Meldungen im Nachrichtengefüge führt, zeigte die Datenanalyse eine überraschende Konstanz: Sowohl nach dem Amtsantritt 2017 als auch 2025 machten Artikel mit „Trump“ im Titel oder Teaser exakt 18 Prozent des Gesamtaufkommens auf tagesschau.de aus. Die Hypothese eines prozentualen Anstiegs der Berichterstattung wurde somit widerlegt.

Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Art und Weise, wie Trump in die Sachverhalte involviert ist: Während Trump 2017 in 71 % der Beiträge nicht direkt involviert war oder nur am Rande erwähnt wurde, sank dieser Wert 2025 auf 51 %. In der zweiten Amtszeit ging es in den Artikeln deutlich häufiger um unmittelbare Aktionen des Präsidenten. Der Anteil der Meldungen, in denen Trump direkt als handelnder Akteur dargestellt wurde, stieg von 14 % (2017) auf 31 % (2025). Während 2017 kein einziger untersuchter Artikel die Kategorie „Trump droht“ erfüllte, machte diese Form der Involvierung im Jahr 2025 sieben Prozent der Trump-Berichterstattung aus.

Auch der thematische Fokus der Berichterstattung hat sich verschoben: Nach dem ersten Amtsantritt (2017) dominierte bei den untersuchten Trump-Meldungen das Hauptthema Wirtschaft (27 %). Nach dem zweiten Amtsantritt (2025) verlagerte sich der Schwerpunkt deutlich auf die Innenpolitik (35%).

Was bedeuten die Befunde für deutsche Redaktionen?

Fraglos ist zu betonen, dass die Befunde statistisch nicht signifikant sind und aufgrund des kurzen Untersuchungszeitraums von jeweils vier Wochen sowie der Beschränkung auf ein einzelnes Leitmedium nicht verallgemeinert werden können. Zudem lag eine große Einschränkung aufgrund der Grundgesamtheit vor: Im untersuchten Vier-Wochen-Zeitraum des Jahres 2017 erschienen auf tagesschau.de insgesamt deutlich weniger Artikel als 2025 (n=78 gegenüber n=1.114).

Dennoch werfen die Ergebnisse wichtige Fragen für die Journalismusforschung auf: Dass der Anteil der Berichterstattung trotz der forcierten Taktik der US-Regierung bei stabilen 18 Prozent verharrte, könnte darauf hindeuten, dass deutsche Redaktionen über die Jahre gelernt haben, mit strategischen Informationsfluten umzugehen und redaktionelle Filter zu etablieren, anstatt auf jede Provokation anspringen zu müssen.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass eine rein quantitative Erfassung (Anzahl der Meldungen und Tonalität) die Wirkungsweise der „Flood the zone with shit“-Strategie nur teilweise abbilden kann. Denn das primäre Ziel der Taktik liegt nicht allein in der Erhöhung der Schlagzeilenzahl, sondern in der gezielten Verschiebung des öffentlichen Diskurses und der Verdrängung relevanter Themen.

Für künftige Untersuchungen bieten sich daher für qualitative Inhaltsanalysen von Nachrichtenwerten sowie Langzeitanalysen an. Nur so lässt sich empirisch belegen, wie Redaktionen die journalistische Relevanz von politisch erzeugtem „Rauschen“ bewerten und inwiefern es gelingt, die Demokratiefunktion des Journalismus gegenüber strategischer Desinformation zu verteidigen.

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