In Guinea-Bissau wankt die Demokratie: Journalismusausbildung ist wichtiger denn je

15. August 2026 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Pressefreiheit • von

Wenn politische Übergangsprozesse ins Stocken geraten und demokratische Institutionen unter Druck geraten, steht oft ein Berufsstand an vorderster Front: der Journalismus. Das zeigt sich auch in Guinea-Bissau, wo monatelange politische Unsicherheit nach der Unterbrechung der Präsidentschaftswahlen 2025 mit zunehmendem Druck auf unabhängige Medien einherging. Die Lage wirft neue Fragen zur Rolle des Journalismus und zur Ausbildung der nächsten Generation von Reporter:innen in fragilen Demokratien auf.

Eine aktuelle Analyse von Forschenden und Medienfachleuten des Friedensforschungsinstituts Frankfurt (PRIF) kommt zu dem Schluss, dass Guinea-Bissau in einen „endlosen Übergang“ eingetreten ist. Politische  Gewalt, Unsicherheit und Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten sind zu Instrumenten der Machtsicherung geworden.

Bezeichnenderweise ist einer der drei Autoren der Studie kein Wissenschaftler, sondern ein praktizierender Journalist und Pädagoge: Mamandin Indjai, Reporter bei Radio Capital FM, Geschäftsführer der Zeitung „Capital News“ und Lehrer. Seine Mitwirkung spiegelt das zentrale Argument wider, das sich durch die Studie zieht: Journalismus dokumentiert nicht nur die Krise in Guinea-Bissau, sondern ist selbst Teil des Kampfes um Demokratie.

Die Präsidentschaftswahl, die ins Stocken geriet

Die politische Krise begann nach der Präsidentschaftswahl vom 23. November 2025. Obwohl die Wahl friedlich verlief, wurden die offiziellen Ergebnisse nie bekannt gegeben. Noch bevor die Nationale Wahlkommission einen Sieger verkünden konnte, übernahmen bewaffnete Soldaten die Kontrolle über wichtige Institutionen, Radio- und Fernsehsender wurden geschlossen, eine Ausgangssperre verhängt, die Grenzen geschlossen und eine Übergangsregierung eingesetzt. Mehr als sieben Monate später prägt weiterhin Unsicherheit das politische Leben.

Für Journalisten waren die Folgen unmittelbar spürbar. Die PRIF-Studie dokumentiert, wie Medienorganisationen nach dem Tod des politischen Aktivisten Vigário Luís Balanta, dessen Leiche im März 2026 mit Folterspuren aufgefunden wurde, Einschüchterungen und Anordnungen zur Einstellung des Sendebetriebs ausgesetzt waren. Die Einschränkungen sind Teil eines umfassenderen Musters, bei dem die Unterdrückung der Medien mit Angriffen auf politische Freiheiten einhergeht.

Dennoch argumentieren die Autoren, dass der unabhängige Journalismus nach wie vor eine der stärksten demokratischen Garantien des Landes darstellt. Trotz zunehmenden Drucks, so schreiben sie, seien die Medien weiterhin „ein wichtiger Leuchtturm der Hoffnung“, der zunehmend von internationalen Partnern unterstützt werde, die sich für den Schutz der Pressefreiheit und den demokratischen Dialog einsetzen.

Gut ausgebildete Journalist:innen sind wichtiger denn je

Diese Beobachtung hat wichtige Implikationen für die journalistische Ausbildung. Wenn von Journalist:innen erwartet wird, Machtmissbrauch aufzudecken, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und den Bürger:innen zu helfen, Fakten von politischer Propaganda zu unterscheiden, tragen Universitäten und Journalistenschulen eine ebenso wichtige Verantwortung: Sie müssen Absolventen mit dem ethischen Urteilsvermögen, den investigativen Fähigkeiten und der beruflichen Belastbarkeit ausstatten, die für die Arbeit in schwierigen politischen Umfeldern erforderlich sind.

Die Ereignisse in Guinea-Bissau verdeutlichen, dass es bei der journalistischen Ausbildung nicht nur darum geht, Studierenden beizubringen, wie man Inhalte produziert. Es geht darum, sie darauf vorzubereiten, präzise zu berichten – auch, wenn Regierungen versuchen, Informationen zu kontrollieren, wenn konkurrierende politische Narrative das Verständnis der Öffentlichkeit trüben und wenn Gerüchte sich schneller verbreiten als verifizierte Fakten.

Die PRIF-Analyse zeigt, wie Unsicherheit selbst zu einer politischen Strategie geworden ist. Es kursieren weiterhin konkurrierende Darstellungen dessen, was nach der Wahl geschah. Verschiedene Akteur:innen bezeichnen die Ereignisse als Militärputsch, „Scheinputsch“, „erfundenen Putsch“, Verschwörung oder verfassungsmäßige Rettungsmission. In einem solchen Umfeld benötigen Journalisten exzellente Fähigkeiten in den Bereichen Überprüfung, Quellenbewertung und kontextbezogene Berichterstattung, um Beweise von Spekulationen zu trennen.

Genau diese Kompetenzen müssen in der formalen journalistischen Ausbildung vermittelt werden. Studierende dürfen nicht nur die technischen Grundlagen der Berichterstattung lernen, sondern müssen auch Kenntnisse zu Medienrecht, Ethik, investigativen Techniken, und konfliktsensibler Berichterstattung erlangen. Sie müssen die Verantwortung, die mit Meinungsfreiheit einhergeht, verstehen.

Forschung und Praxis arbeiten Hand in Hand

Diese Grundlagen sind besonders wertvoll, wenn Journalist:innen über politisch polarisierte Gesellschaften berichten müssen. Hier dominieren oft Fehlinformationen, Einschüchterung und konkurrierende Narrative den öffentlichen Diskurs. Indjais Mitwirkung an der PRIF-Publikation veranschaulicht zudem eine weitere wichtige Dimension der journalistischen Ausbildung: die enge Verbindung zwischen beruflicher Praxis und akademischer Forschung.

Als Journalist und Lehrender schlägt er eine Brücke zwischen Redaktion und Hörsaal und zeigt, wie sich die journalistische Ausbildung über die Universitäten hinaus auf Nachrichtenorganisationen, Ausbildungsinstitutionen und Weiterbildungsprogramme auswirkt. Sein Beitrag verdeutlicht, wie praktizierende Journalisten die Wissenschaft mit Wissen aus erster Hand bereichern. Gleichzeitig können sie Studierenden helfen, die Realitäten der Berichterstattung in fragilen Staaten zu verstehen.

Die dritte Mitautorin der Studie, Johanna Mack, die sich in ihrer Doktorarbeit anhand der Fallstudie Guinea-Bissau mit Mediensystemen in fragilen Staaten befasst, unterstreicht ebenfalls die wachsende Bedeutung der akademischen Forschung zum Journalismus selbst. Das Verständnis dafür, wie Medienvereinnahmung, institutionelle Schwäche und politische Instabilität Nachrichtenorganisationen beeinflussen, wird weltweit zu einem immer wichtigeren Bereich innerhalb der journalistischen Ausbildung.

Anstatt den Journalismus als isolierten Beruf zu betrachten, stellt die PRIF-Studie ihn als eine Säule der demokratischen Resilienz dar. Zu den aus der Forschung entstandenen Empfehlungen gehört eine ausdrückliche Aufforderung an die Behörden, Rundfunkstationen nicht länger wegen Lizenzstreitigkeiten ins Visier zu nehmen. Demokratie entstehe nicht im Schweigen. Die Autor:innen betonen, dass der unabhängige Rundfunk geschützt werden muss, da nur freie Medien den Bürger:innen eine sinnvolle Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen.

Das Radio als Tor zur Welt

Das Radio nimmt dabei in Guinea-Bissau einen besonders wichtigen Platz ein.  Alphabetisierungsraten, Internetzugang und digitale Infrastruktur sind in dem Land nach wie vor ungleichmäßig verteilt. Lokale und kommerzielle Radiosender dienen weiterhin als unverzichtbare Informationsquellen, insbesondere außerhalb der städtischen Zentren. Wenn diese Sender zum Schweigen gebracht werden, verlieren große Teile der Bevölkerung den Zugang zu verlässlichen Nachrichten und einer unabhängigen Kontrolle der Machthaber.

Die Autor:innen argumentieren zudem, dass die Zivilgesellschaft, regionale Organisationen und internationale Partner den unabhängigen Journalismus parallel zu umfassenderen Bemühungen zur Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung weiterhin unterstützen sollten. Der Schutz von Journalist:innen sei untrennbar mit dem Schutz der Demokratie selbst verbunden. Ihre Schlussfolgerungen finden weit über Guinea-Bissau hinaus Resonanz. In ganz Afrika passen Journalistenschulen ihre Lehrpläne zunehmend an: Studierende sollen auf digitale Redaktionen vorbereitet sein, die von künstlicher Intelligenz, mobilem Journalismus und sozialen Medien geprägt sind.

Gleichzeitig ist in vielen Ländern die Demokratie weiterhin belastet. Das schafft einen Bedarf für  Journalist:innen, die Korruption aufdecken, Informationen überprüfen, politischer Einschüchterung  widerstehen und in Zeiten der Instabilität verantwortungsbewusst berichten können.

Es ist noch nicht zu spät für Guinea-Bissau

Die Ereignisse in Guinea-Bissau machen deutlich: Auch  in einer sich schnell verändernden Medienwelt bleibt der grundlegende Zweck des Journalismus unverändert. Professionelle Journalist:innen werden nach wie vor gebraucht, um schwierige Fragen zu stellen, widersprüchliche Behauptungen zu überprüfen, die Machthaber zur Rechenschaft zu ziehen und den Bürger:innen genaue Informationen zu liefern.  Demokratische Teilhabe hängt davon ab, ob sie diese Aufgaben erfüllen.

In Ländern, die mit anhaltender politischer Unsicherheit konfrontiert sind, ist die journalistische Ausbildung daher mehr als nur eine berufliche Qualifizierung. Sie ist eine Investition in die Widerstandsfähigkeit der Demokratie. Wie die Autoren des PRIF-Berichts feststellen, hat Guinea-Bissau noch immer die Chance, einen anderen Weg einzuschlagen – einen Weg, auf dem Todesfälle untersucht werden, die Polizei die Bürger:innen schützt, Radiosender weiterhin auf Sendung bleiben und der lange politische Übergang des Landes endlich zu Ende geht.

Bis dahin dürfte die Ausbildung mutiger, ethisch handelnder und unabhängiger Journalist:innen wichtiger denn je sein.

Dieser Artikel wurde zunächst vom African Journalism Education Network veröffentlicht. Auch EJO berichtete bereits über die Studie des PRIF: Die zugehörige Veröffentlichung finden Sie hier.

Beitragsbild: Pexels

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