
Internationale Forschungskooperation gilt meist als uneingeschränkt positiv. Doch wer legt die Themen gemeinsamer Projekte fest? In welcher Sprache wird publiziert? Welche theoretischen Ansätze gelten als international relevant – und wer übernimmt die oft unsichtbare Arbeit des Übersetzens, Koordinierens und Vermittelns?
Eine neue Sonderausgabe des Journal of Latin American Communication Research zeigt: Wissenschaftliche Kooperation ist keine rein organisatorische Aufgabe. Sie ist selbst von Machtverhältnissen, geopolitischen Interessen und Ungleichheiten geprägt.
Das aktuelle Themenheft des von der Latin American Association of Communication Researchers (ALAIC) herausgegebenen Journal of Latin American Communication Research trägt den Titel „Academic and Scientific Cooperation in Communication: Dialogue, Reciprocity, and Situated Knowledge“. Auf rund 340 Seiten versammelt die Ausgabe mehr als 20 Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Weltregionen sowie ein ausführliches Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Nico Carpentier.
Das Heft erscheint in einer Zeit, in der internationale Wissenschaftskooperation dringlicher und zugleich schwieriger wird. Geopolitische Konflikte erschweren den Austausch, autoritäre Regierungen bedrohen die Wissenschaftsfreiheit und finanzielle Ungleichheiten bestimmen, welche Institutionen große Forschungsverbünde koordinieren können. Gleichzeitig verändern digitale Plattformen und generative künstliche Intelligenz die Produktion und Verbreitung akademischen Wissens.
Die Herausgeberinnen und Herausgeber verstehen Kooperation deshalb nicht als technische oder diplomatische Begleiterscheinung des Wissenschaftsbetriebs. Sie beschreiben sie als politische, kommunikative und ethische Praxis. Entscheidend sei nicht allein, ob Forschende miteinander kooperieren, sondern wie sie dies tun: Wer definiert die Forschungsfragen? Wer kontrolliert das Budget? Welche Sprachen und theoretischen Traditionen werden anerkannt? Wer erhält Sichtbarkeit – und wer profitiert am Ende von den Ergebnissen?
Von der Einladung zur gemeinsamen Gestaltung
Das Editorial formuliert einen Leitgedanken, der sich durch fast alle Beiträge zieht: Gerechte Kooperation beginnt erst dann, wenn Partner aus unterschiedlichen Regionen nicht nur eingeladen werden, an bereits konzipierten Projekten teilzunehmen, sondern Forschungsfragen, Methoden und erwartete Ergebnisse von Anfang an gemeinsam bestimmen können.
Internationale Beteiligung ist demnach nicht automatisch gleichbedeutend mit gleichberechtigter Kooperation. Ein Forschungsverbund kann geografisch vielfältig zusammengesetzt sein und dennoch die wissenschaftlichen Hierarchien zwischen Nord und Süd reproduzieren. Das gilt etwa dann, wenn die konzeptionelle Arbeit an einer gut ausgestatteten Universität im Globalen Norden geleistet wird, während Partner im Globalen Süden vor allem Daten sammeln oder Feldzugänge ermöglichen.
Die Herausgeber plädieren deshalb für eine „nicht-extraktive“ Form der Zusammenarbeit. Reziprozität dürfe dabei nicht mit formaler Gleichbehandlung verwechselt werden. Wo finanzielle, institutionelle und sprachliche Voraussetzungen ungleich verteilt seien, könne gerechte Kooperation gerade eine unterschiedliche Verteilung von Ressourcen und Unterstützung erfordern.
Die englische Sprache als wissenschaftliches Nadelöhr
Besonders pointiert kritisiert Toby Miller in seinem Beitrag „This Anglo-corporate Hegemony Must End“ die Dominanz des Englischen und großer kommerzieller Wissenschaftsverlage.
Englisch fungiert heute als internationale Wissenschaftssprache und erleichtert die Verständigung über Ländergrenzen hinweg. Zugleich entscheidet die Beherrschung eines spezifischen akademischen Englisch darüber, wer Zugang zu besonders sichtbaren Fachzeitschriften erhält. Nicht englischsprachige Forschungstraditionen werden dadurch häufig als regional wahrgenommen, während britische und US-amerikanische Ansätze den Status vermeintlich universeller Theorien erhalten.
Miller sieht das Problem nicht nur in den USA und Europa. Auch Universitäten im Globalen Süden übernähmen angloamerikanische Qualitätsmaßstäbe und belohnten Veröffentlichungen in englischsprachigen Zeitschriften stärker als Forschung, die sich an lokale Öffentlichkeiten richtet. Selbst Arbeiten über Lateinamerika zitierten mitunter kaum lateinamerikanische feministische, indigene oder dekoloniale Autorinnen und Autoren. Wissenschaftliche Anerkennung hänge damit nicht nur von einer Idee ab, sondern auch davon, aus welcher Institution und – bildlich gesprochen – von welcher E-Mail-Domain sie komme.
Diese Kritik richtet sich auch gegen die internationale Zusammensetzung von Fachgesellschaften und Zeitschriftenredaktionen. Formale Diversität innerhalb nordamerikanischer Institutionen ersetze keine globale Vielfalt, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Regionen und Forschungskulturen tatsächlich an Entscheidungen beteiligt.
Es gibt nicht nur einen „Globalen Süden“
Jair Vega erweitert diese Diagnose in seinem Beitrag über „Academic Cooperation from the Souths“. Schon die Bezeichnung „Globaler Süden“ könne sehr unterschiedliche historische, politische und soziale Kontexte verdecken. Vega spricht deshalb von mehreren „Süden“.
Ungleichheit verlaufe nicht nur zwischen Staaten oder Kontinenten. Sie existiere auch innerhalb einzelner Länder, Universitäten und Disziplinen. Indigene, afro-diasporische und gemeinschaftsbasierte Wissensformen könnten selbst an Hochschulen des Globalen Südens marginalisiert werden. Eine dekoloniale Kooperation müsse daher nicht nur geografische Repräsentation sichern, sondern unterschiedliche Formen des Wissens anerkennen.
Dazu gehöre, soziale Bewegungen, Community-Medien und lokale Initiativen nicht lediglich als Forschungsobjekte oder Datenquellen zu behandeln. Sie müssten als eigenständige Wissensproduzenten in Forschungsprozesse einbezogen werden.
Luisa Ochoa beschreibt internationale Kooperation entsprechend als Form kollektiven Handelns. Ihre Analyse lateinamerikanischer Debatten identifiziert vier zentrale Kooperationsnarrative: den Widerstand gegen angloamerikanische Hegemonie, die Suche nach einer eigenen wissenschaftlichen Stimme, die Kritik am „wissenschaftlichen Kapitalismus“ sowie ein ethisch-politisches Verständnis von Kommunikation.
Damit verschiebt sich der Blick von Kooperationsverträgen und Absichtserklärungen hin zu den Beziehungen, die Zusammenarbeit langfristig tragen. Vertrauen, Zugehörigkeit und wechselseitige Anerkennung werden zu wissenschaftspolitisch relevanten Faktoren.
Kooperation braucht dauerhafte Strukturen
Mehrere Beiträge zeigen zugleich, dass gute Absichten nicht ausreichen. Internationale Kooperation benötigt institutionelle Kontinuität, gemeinsame Arbeitsstrukturen und ein Gedächtnis, das personelle Wechsel überdauert.
Miguel Garcés Prettel untersucht dies am Beispiel des internationalen Journalism Role Performance Project. Vergleichende Forschung kann nicht nur die koordinierte Erhebung nationaler Daten leisten, sondern vielmehr einen Raum schaffen, in dem Forschende gemeinsam über Methoden beraten, Nachwuchswissenschaftler ausbilden und Ergebnisse in lokale gesellschaftliche Debatten zurücktragen.
Doch langfristige Netzwerke stehen unter dem Druck eines Wissenschaftssystems, das kurzfristig messbare Publikationsleistungen belohnt. Der Aufbau gemeinsamer Codebücher, die Abstimmung unterschiedlicher methodischer Traditionen, Übersetzungsprozesse und die Pflege persönlicher Beziehungen beanspruchen viel Zeit. In klassischen Leistungsmessungen bleibt diese Arbeit häufig unsichtbar.
Auch Renee Barnes’ Beitrag über die Australian and Aotearoa New Zealand Communication Association unterstreicht die Bedeutung wissenschaftlicher Fachgesellschaften. AANZCA habe über 45 Jahre hinweg eine pluralistische Forschungskultur aufgebaut. Diese Pluralität sei keine Schwäche der Kommunikationswissenschaft, sondern eine Voraussetzung für nicht-hegemoniale internationale Partnerschaften.
Wissenschaftliche Fachgesellschaften als demokratische Räume
Im abschließenden Interview mit Fernando Oliveira Paulino beschreibt Nico Carpentier internationale Fachgesellschaften als demokratische Räume. Ihre Aufgabe bestehe nicht allein darin, Konferenzen auszurichten. Sie ermöglichten es Forschenden mit unterschiedlichen Hintergründen, respektvoll miteinander zu streiten und gemeinsam zu arbeiten.
Demokratische Wissenschaftskultur beruht für Carpentier auf gegenseitigem Respekt, Fürsorge und Solidarität. Diese Solidarität werde besonders wichtig, wenn Forschende politisch verfolgt werden oder die Wissenschaftsfreiheit unter Druck gerät. Als Beispiel verweist er auf Bahruz Samadov, einen Doktoranden der Karls-Universität Prag, der in Aserbaidschan wegen angeblichen Hochverrats zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.
Carpentier warnt zugleich vor einem „akademischen Nationalismus“. Kommunikationsforschung nehme den Nationalstaat häufig selbstverständlich zum Ausgangspunkt: Verglichen würden Länder, nationale Mediensysteme und nationale Öffentlichkeiten. Andere Ebenen gesellschaftlicher Zugehörigkeit und grenzüberschreitender Kommunikation gerieten dadurch aus dem Blick.
Englisch bleibe als gemeinsame Verständigungssprache wichtig, dürfe aber nicht zur einzigen legitimen Wissenschaftssprache werden. Multilingualismus bedeute dabei mehr als die Übersetzung fertiger Texte. Mit unterschiedlichen Sprachen wanderten auch Begriffe, Denkweisen und wissenschaftliche Traditionen. Übersetzung müsse daher Teil der intellektuellen Zusammenarbeit sein – nicht lediglich eine abschließende Dienstleistung.
Kooperation als Teil der wissenschaftlichen Verantwortung
Das Sonderheft entwirft kein einheitliches Modell internationaler Forschungskooperation. Gerade darin liegt seine Stärke. Die Beiträge zeigen unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Verständnisse von Dekolonisierung, Partizipation und wissenschaftlicher Qualität.
Gemeinsam ist ihnen jedoch die Einsicht, dass internationale Kooperation nicht anhand der Zahl beteiligter Länder oder unterzeichneter Vereinbarungen beurteilt werden kann. Entscheidend ist vielmehr, ob Partner Forschungsfragen und Methoden tatsächlich gemeinsam entwickeln, ob unterschiedliche Wissensformen Anerkennung finden und ob Ressourcen, Sichtbarkeit und Verantwortung fair verteilt werden.
Dazu gehört auch, jene Arbeiten anzuerkennen, die internationale Netzwerke im Alltag zusammenhalten: Übersetzung, Koordination, Mentoring, Konfliktvermittlung, institutionelles Gedächtnis und persönliche Fürsorge.
Wissenschaftliche Kooperation ist damit nicht nur ein Mittel, um mehr Daten zu erheben oder zusätzliche Publikationen zu produzieren. Sie entscheidet mit darüber, welche Formen von Wissen weltweit sichtbar werden, welche Stimmen als wissenschaftlich legitim gelten – und was für eine akademische Gemeinschaft die Kommunikationswissenschaft in Zukunft sein will. Das Sonderheft liefert zu dieser Debatte wichtige epistemische, ethische und forschungspraktische Ansätze.
Beitragsbild: Pixabay
Schlagwörter:ALAIC, Dekolonialisierung, Wissenschaftskommunikation

