Anti-westlich, pro-russisch: Fake News in Georgien

27. Januar 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

In Georgien gehen regelmäßig Fake News und Desinformation über Europa und die USA viral. Dabei sind anti-westliche und pro-russische Propaganda eng miteinander verknüpft.

Die Mitglieder der EU-Institutionen werden nicht demokratisch gewählt, die Europäische Union drängt Georgien dazu, Flüchtlinge aufzunehmen, und die EU ist gegen die orthodoxe Kirche – das sind nur einige falsche Nachrichten, die in georgischen Medien in den letzten Jahren viral gingen.

„Der Hauptgrund für Fake News in Georgien ist Meinungsmache bei Auslandspolitik sowie anti-westliche Propaganda“, erklärt Sopo Gelava, Faktencheckerin bei der georgischen Nichtregierungsorganisation Media Development Foundation (MDF). 15 Mitarbeiter arbeiten für die NGO, die laut eigenen Angaben eine inklusive Gesellschaft fördern und gegen Diskriminierung von Minderheiten ankämpfen will. Ihre Faktenchecks werden auf der Webseite mythdetector.ge in vier verschiedenen Sprachen, unter anderem Georgisch und Englisch, veröffentlicht.

„Dabei ist nicht wichtig, welches Medium die Fake News veröffentlicht – die Nachricht selbst hat den Einfluss“, sagt Gelava. Laut Tamar Kintsurashvili, der Geschäftsführerin von MDF, veröffentlichen hauptsächlich lokale georgische Medien Desinformationen. Hin und wieder publizierten auch größere Medien Fake News, korrigierten sich aber meist, wenn sie von Faktencheckern auf die falschen Informationen aufmerksam gemacht würden.

In den falschen Informationen werde auf die georgische Gesellschaft eingegangen, die noch heute eher konservativ und orthodox geprägt sei. Wenn Desinformationen dieses Gesellschaftsbild unterstreichen und das westliche, moderene in negativem Licht darstellen, glauben viele Georgier die falschen Nachrichten laut einigen Faktencheckern umso mehr.

Anti-westliche Propaganda ist einfacher zu verbreiten als pro-russische

Auch Mariam Tsitsikashvili will Fake News und Desinformation bekämpfen. Sie ist Projektmanagerin und Rechercheurin für Georgia’s Reforms Associate (GRASS).Das Ziel von GRASS ist es, öffentliche Aussagen von Politikern und Personen des öffentlichen Lebens zu überprüfen, Desinformationen aufzudecken und auf der eigenen Webseite factcheck.ge auf Georgisch und Englisch zu veröffentlichen. Die NGO besteht aus 15 Mitarbeitern und wird unter anderem von der Auslandsvertretung der Niederlanden und den USA in Georgien und dem German Marshall Fund finanziell unterstützt.

Georgien versucht schon seit Jahren, in die Europäische Union und in die NATO aufgenommen zu werden. Seit 2008 sind allerdings die georgischen Gebiete Abchasien und Südossetien von Russland besetzt. Das setzt nicht nur die georgisch-russischen Beziehungen stark unter Druck, sondern rückt auch die Aufnahme Georgiens in die EU und NATO in weite Ferne.

„Es ist einfacher gegen den Westen zu propagieren, als pro Russland“, erklärt Mariam Tsitsikashvili, „denn seit der Besetzung von Abchasien und Südossetien mögen die meisten Georgier Russland natürlich nicht.“ Die Fake News gegen den Westen stellten automatisch die russisch-geprägte Lebensform besser dar, sagt sie. Das bestätigt auch Pavel Koshkin. Der Russe recherchiert am Institut für US-amerikanische und kanadische Studien der russischen Wissenschaftsakademie in Moskau und arbeitet unter anderem für Forbes Russia.

„Russland braucht anti-westliche Propaganda, um seine politischen Ziele zu erreichen“, sagt Koshkin. „Russland will ein Feindbild kreieren und Gegner diskreditieren.“ Selbst wenn die Bevölkerung nicht alle falschen Nachrichten glaube, bleibe immer etwas davon in den georgischen Köpfen hängen, führt Mariam Tsitsikashvili fort. Deswegen sei es wichtig, Fake News und Desinformationen online und offline aufzudecken.

Politik sollte mehr gegen Fake News ankämpfen

Facebook ist das beliebteste soziale Netzwerk in Georgien und damit auch sehr anfällig für das Verbreiten von falschen Nachrichten. Laut Media Development Foundation werden dort auch Fake News von Webseiten verbreitet, die speziell für die eine oder andere Desinformation erstellt werden. So beispielsweise Webseiten, die leichte Schreibfehler vorweisen wie Guardıan.com, die allerdings meist nach Veröffentlichung recht bald wieder gelöscht werden.

Wichtig sei, nicht alles zu glauben und gesundes Misstrauen zu haben, sagt Sopo Gelava. Mariam Tsitsikashvili wünscht sich zudem mehr Unterstützung von der georgischen Regierung. „Die Politiker kennen das Problem pro-russischer Propaganda“, erklärt sie. „Doch sie tun einfach nichts.“

 

In der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (ROG) befindet sich Georgien auf Platz 60 von 180. Laut ROG sind viele Medienhäuser in Georgien im Besitz privater Eigentümer, die die politische Ausrichtung der Berichterstattung vorgeben. In den letzten Jahren seien aber immer mehr unabhängige Medien entstanden. Die NGO Freedom House stuft die Pressefreiheit in Georgien als teilweise frei ein.

 

Die Autorin hat für diesen Beitrag an einer Recherchereise teilgenommen, die im Rahmen des Projekts #FIGHTFAKE der Media Development Foundation und Deutsche Gesellschaft e.V. organisiert wurde. Der hier veröffentlichte Beitrag basiert auf ihrem Beitrag auf der Webseite von Myth Detector

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