PR-gesteuerter Journalismus

22. Februar 2021 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Stephan Russ-Mohl zweifelt am Nutzen der Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation.

Die Wissenschaftskommunikation professionalisiert sich, aber sie verlagert sich auch immer mehr ins Vorfeld des Journalismus, in die Öffentlichkeitsarbeit. Das lässt sich an diesem Beispiel ermessen: Am Donnerstag vergangener Woche avisierte eine Vorabmeldung, dass Walter Quattrociocchi, ein international angesehener Medienforscher, am heutigen Montag über den „Echokammer-Effekt in sozialen Netzwerken“ neue Erkenntnisse publizieren würde. Die Meldung war mit einer entsprechenden Sperrfrist versehen.

Vor nicht allzu langer Zeit war ein Forschungsergebnis dagegen einfach „da“, wenn es da war. Es wurde in einer Fachzeitschrift publiziert – basta. Soll heißen, es wurde dort abgelegt, ja beerdigt.

Wen interessiert es außer Experten?

Denn mit großer Wahrscheinlichkeit interessierte sich außer einer Handvoll weiterer Forscher niemand dafür. Der Zufall entschied darüber, ob vielleicht doch etwas an eine breitere Öffentlichkeit durchsickerte.

Entdeckte ein Redakteur die Forschungsarbeit, standen die Chancen nicht schlecht, dass er die Erkenntnisse unters Volk bringen würde. Und zwar – sofern es ein Leitartikler und kein Wissenschaftsjournalist war – als Eigenleistung, ohne Nennung seiner Quelle. Ausführlich beschrieben haben diesen plagiativen Vorgang des „Trickling down“ die Medienforscherinnen Carol Weiss und Eleanor Singer bereits in den 80er Jahren.

Ob die Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation wirklich ein Fortschritt ist? Jein. Heute entscheiden professionelle PR-Experten darüber, welche Erkenntnisse an die Medien weitergegeben werden – dann, wenn sie der eigenen Forschungsstätte zu Reputation verhelfen. Enteignet und der Früchte ihrer mühseligen Arbeit beraubt werden die Wissenschaftler gleichwohl weiterhin – denn in der Pressemeldung wird aus der Publikation, häufig sogar ohne weitere Namensnennung, eine „Studie der Universität XYZ“. Das beten die Journalisten dann meist nach, ohne weitere Fragen zu stellen, denn  ihnen fehlt längst die Zeit, um sich in der heutigen Flut von Journals auch nur zurecht zu finden.

Ein Befund der Forschergruppe um Quattrociocchi, der ab heute auf der Plattform PNAS nachzulesen ist, wurde übrigens in der Vorabmeldung bereits preisgegeben: Die Forscher haben herausgefunden, dass bei der Nachrichtenauswahl, welche die Nutzer zu sehen bekommen, Algorithmen polarisierend wirken. Sie tragen also dazu bei, dass sich Echokammern bilden. Dieser Effekt ist bei Plattformen Facebook and Twitter größer als bei den kleineren Wettbewerbern.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 22. Februar 2021

 

Bildquelle: the.Firebottle: Journals / Flickr CC; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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