Massenepidemie. Doppelpunkt.

15. April 2010 • Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche 15/10

15 Prozent impften sich gegen die Schweinegrippe. Glauben 85 Prozent etwa nicht an die Medien?

Alle aufstehen bitte! Konfetti in die Luft! Wir feiern den grössten Gedenktag der Pressegeschichte. Vor einem Jahr, exakt am 24. April 2009, tauchte erstmals der Ausdruck «Schweinegrippe» in den Medien auf. Ab diesem 24. April 2009 erlebten die Leser den bisher krassesten Fall von medialem Alarmismus.
9000 Artikel zur tödlichen Schweinegrippe erschienen in der Schweiz. Das schlug sogar die drei anderen Medienhypes des Jahrzehnts. 2000 war es der «Millennium Bug», welcher zum Datumswechsel sämtliche Computer lahmlegte. 2003 war es Sars, das die Menschheit auslöschte. 2006 war es die Vogelgrippe, welche die Erdbevölkerung vernichtete.

Die Schweinegrippe war noch bedrohlicher und endete noch kläglicher. Wenn wir heute die Schlagzeilen nachlesen, die unsere Journalisten 2009 der Schweiz bescherten, dann bekommen wir einen ferkelhaften Lachanfall: «Erkrankt jeder Vierte an Schweinegrippe?», fantasierte etwa der Tages-Anzeiger. «Millionen von Grippekranken», sah das St. Galler Tagblatt voraus. Die Schweinegrippe endete auf dem Müll. 10,5 Millionen eingekaufter Impfdosen mussten zuletzt vom Bund vernichtet oder verschenkt werden.

Wirklichkeit als Knetmasse

Warum, so fragen wir uns, entstehen in den Medien immer wieder solch irrationale Hysterien? Zur Erklärung blenden wir kurz in eine Redaktionssitzung von Ende April 2009.

Chefredaktor: Was machen wir auf der Eins?
Nachrichtenchef: Wir gehen voll auf diese Schweinegrippe. Schneebeli vom Reporterteam macht die Geschichte.
Chefredaktor: Okay, Schneebeli, was haben Sie?
Schneebeli: Ich habe einen Experten.
Chefredaktor: Und? Wie viele Schweizer Opfer sagt er voraus?
Schneebeli: Er sagt, es sei noch zu früh für eine Prognose.
Chefredaktor: Schneebeli! Sind Sie wahnsinnig? Für die Eins brauchen wir Zehntausende von künftigen Kranken, mindestens.
Schneebeli: Sehe ich auch so, aber . . .
Chefredaktor: Kein Aber. Schneebeli, wir brauchen eine Massenepidemie. Schaffen Sie das?
Schneebeli: Massenepidemie? Sollte machbar sein. Wenn ich lange genug herumtelefoniere, finde ich sicher einen Experten, der das bestätigt.
Chefredaktor: Gut. Wir haben also die Zeile für die Eins: «Schweinegrippe. Doppelpunkt. Es droht eine Massenepidemie. Ausrufezeichen.»
Fotochef: Wir haben Agenturbilder aus Mexiko dazu. Sie zeigen Leute mit Schutzmasken.
Chefredaktor: Mexiko! Sind Sie wahnsinnig? Das müssen wir einschweizern.
Fotochef: Und wo nehme ich das her?
Chefredaktor: Wir nehmen Priska, unsere Volontärin. Foto von ihr mit Schutzmaske. Darunter die Bildlegende: «Kindergärtnerin Priska S. Doppelpunkt. Ich habe Angst. Ausrufezeichen.»
Fotochef: Wir machen es am Hauptbahnhof. Das wirkt authentisch.
Chefredaktor: Gut. Authentizität ist sehr wichtig.

Ist das übertrieben? Nicht allzu sehr. Heutige Journalisten sehen sich vielfach nicht mehr als Beschreiber der Wirklichkeit. Sie sehen sich als Gestalter der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist für sie eine Knetmasse, die sich formen lässt. Die Realität ist ihr Plastilin. Das vereinigte Plastilin ergibt am Schluss eine publizistische Pandemie.
Sollen wir uns darüber aufregen? Warum auch? Es ist ein Jahr danach, und wir leben ja alle noch.

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