„Zum Krieg gezwungen“, „wir wollen Frieden“, “wir sind Befreier”, Euphemismen für Tod und Niederlagen, Mythen über ein ewiges und grenzenloses Imperium – diese und andere Methoden und Narrative sind der Propaganda in Russland und im “Dritten Reich” gemeinsam. Eine Analyse.

Demonstrationen in Stockholm gegen den russischen Angriff auf die Ukraine, 2022. Quelle: Frankie Fouganthin, Wikimedia Commons
“Wir wollen schützen”
Russland hat die Ukraine angegriffen, doch die russische Propaganda behauptet, Russlands Ziel sei ausschließlich Schutz. Putin erklärte in seiner Rede vom 24. Februar 2022, die politische Führung der Ukraine hätte im Donbass einen Völkermord am russischen Volk verübt. „Ich habe die Entscheidung getroffen, eine spezielle Militäroperation durchzuführen. Ihr Ziel ist der Schutz von Menschen, die seit acht Jahren Schikanen und Völkermord durch das Kiewer Regime ausgesetzt sind“, sagte Putin.
Putin folgt damit Hitlers Kurs.1938 gab Hitler vor, die politisch und wirtschaftlich angeblich benachteiligte sudetendeutsche Bevölkerung in der Tschechoslowakei schützen zu wollen. NS-Propaganda verbreitete die Erzählung über angeblichen „unversöhnlichen Vernichtungswillen“ der Tschechen gegenüber den Sudetendeutschen. „Die Deutschen in der Tschechoslowakei sind weder wehrlos, noch sind sie verlassen. Das möge man zur Kenntnis nehmen“, drohte Hitler.
Auch die historischen und politischen Hintergründe ähneln sich sehr. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden unter anderem Regionen Teil der Ukraine, die zuvor zum Russischen Reich gehört hatten und in denen traditionell eine beträchtliche Anzahl von Russen lebt. Russen bilden die zweitgrößte ethnische Gruppe in der Ukraine und leben überwiegend im Südosten des Landes. Während der acht Jahre (2014-2022), von denen Putin sprach, fand auf diesem Territorium keineswegs ein Völkermord am russischen Volk statt. Es war ein nicht erklärter russisch-ukrainischer Krieg, der von einer Gruppe russischer Kämpfer unter dem Kommando eines ehemaligen russischen Geheimdienstoffiziers begonnen wurde. Dieser nicht erklärte Krieg eskalierte 2022 zu einer umfassenden Invasion.
Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn war der Tschechoslowakei auch die Sudetenregion zugefallen, die überwiegend von Deutschen besiedelt war. Auf Hitlers Befehl hin wurde im Grenzgebiet ein nicht erklärter Krieg begonnen, an dem sudetendeutsche Freikorpskämpfer teilnahmen, die von der Wehrmacht bewaffnet wurden. Später entschieden die vier Großmächte – Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland – über das Schicksal der Tschechoslowakei. Dem Münchner Abkommen zufolge fielen die Sudetengebiete an das Deutsche Reich. Dies war ein Vorspiel zu einem größeren Konflikt und zum Zweiten Weltkrieg.
“Aufgezwungener Krieg”
Der Westen habe Russland zum Krieg gegen die Ukraine gezwungen – das ist eines der Leitmotive der russischen Propaganda. So beschuldigte Wladimir Putin im Mai 2025 westliche Länder, sie hätten angeblich „einen Staatsstreich in der Ukraine organisiert“, was der Ausgangspunkt des Konflikts gewesen sei. Putin erklärte:
„Die ganze Zeit haben sie [die westlichen Länder] uns gesagt, dass es Demokratie und Wahlen geben müsse… Sie haben einen Staatsstreich verübt, und danach wurde alles so behandelt, als ob das normal wäre. Ein blutiger Staatsstreich obendrein. Und dann ging man dazu über, den Donbass zu unterdrücken und Menschen mit Hubschraubern und Flugzeugen zu vernichten. Das ist einfach absurd. Sie haben uns einfach gezwungen, das zu tun, was wir jetzt tun. Und sie versuchen, uns dafür verantwortlich zu machen.“
NS-Propaganda nutzte die gleiche Technik. Victor Klemperer, der renommierte Philologe und Autor des Werkes „LTI – Lingua Tertii Imperii“, in dem er die Sprache der Propaganda im „Dritten Reich“ analysierte, schrieb:
“Und was man immer unternimmt, vom allerersten Augenblick an, ist Abwehrmaßnahme in dem einen aufgezwungenen Krieg, dem jüdischen Krieg – “aufgezwungen” ist seit dem 1. September 1939 das stetige Beiwort des Krieges, und im letzten bringt ja auch dieser 1. September gar nicht neues, sondern nur eine Fortsetzung der jüdischen Mordanfälle gegen Hitlerdeutschland, und wir, wir friedliebenden Nazis, tun nichts anders, als was wir vorher getan haben, wir verteidigen uns: seit heute morgen “erwidern wir das Feuer des Feindes”, heißt unser erstes Kriegsbulletin”.
“Wir wollen Frieden”
Angesichts der entsetzlichen Kriegsverbrechen der russischen Armee und der von der Erdoberfläche ausradierten ukrainischen Städte behauptet die russische Propaganda unablässig, Russland wolle Frieden. „Wir wollen Frieden, und wir wollen unsere Ziele mit friedlichen Mitteln erreichen. Aber leider werden diese friedlichen Mittel und der Weg politischer Verhandlungen von den Europäern und Ukrainern abgelehnt. Eben deshalb traf Präsident Putin die Entscheidung, die spezielle Militäroperation zu beginnen“, sagte Putins Pressesprecher Dmitri Peskow dieser Tage.
Victor Klemperer schrieb: “Den Höhepunkt der Werbung habe ich heute Mittag an Dembers Radio miterlebt… Zum erstenmal hörte ich eine ganze Rede von ihm [Hitler], und mein Eindruck war im Wesentlichen der gleiche wie vorher. Meist eine übermässig erregte, überschriene, oft heisere Stimme. Nur dass diesmal viele Passagen im weinerlichen Ton eines predigenden Sektierers gehalten waren. Er predigt Frieden, er wirbt für Frieden, er will das Ja Deutschlands nicht aus persönlichem Ehrgeiz, sondern nur um den Frieden schützen zu können gegen den Anschlag einer wurzellos internationalen Clique von Geschäftemachern, die um ihres Profites willen skrupellos Millionenvölker aneinanderhetzen”.
“Wir befreien”
Das Wort „befreien“ ist eines der häufigsten in der russischen Propaganda. „Russische Truppen haben die Ortschaft Besymjannoe befreit“, „Die russische Armee hat Krasnoarmeisk und Woltschansk befreit“, „Russische Truppen haben Wasjukowka befreit“. Solche Meldungen erscheinen regelmäßig. In Wirklichkeit bedeutet „Befreiung“ oft, dass die Stadt in Ruinen gelegt und dem Erdboden gleichgemacht wurde und ihre Bewohner getötet oder gefoltert wurden.
Auch die NS-Propaganda nutzte dieses Wort häufig – zum Beispiel in Filmberichten wie “Die Deutsche Wochenschau”, die die Wehrmachtssoldaten als heldenhafte Befreier der Völker präsentierten. So hieß es im Juli 1941 im Bericht zur “Befreiung” von Lemberg – nun eine Stadt in der westlichen Ukraine – von der sowjetischen Herrschaft: “Die befreite Bevölkerung klatscht begeistert Beifall”.
Euphemismen
Als die russische Armee 2022 begann, ukrainische Städte zu bombardieren, wurde in Russland gleichzeitig verboten, den Krieg als Krieg zu bezeichnen. Das Geschehen durfte nur „Spezielle Militäroperation“ genannt werden. Journalisten wurde offiziell erklärt, dass die Verwendung des Wortes „Krieg“ in diesem Kontext einen Verstoß gegen ein kürzlich verabschiedetes Gesetz darstelle, wobei die Höchststrafe bis zu 15 Jahre Haft betrage. Bürger, die den Krieg dennoch als Krieg bezeichneten, wurden mit Geldstrafen belegt oder inhaftiert.
„Spezielle Militäroperation“ ist ein Propagandatrick, dessen Ziel es ist, die Schrecken des Krieges und sogar die Tatsache des Krieges selbst zu verschleiern. Dieser Trick verspricht quasi: Es wird keinen schweren Krieg geben, dieser Krieg wird leicht sein – so leicht, dass man ihn nicht einmal Krieg nennen muss.
Einige Monate später begannen jedoch Putin selbst, sein Pressesprecher Dmitri Peskow und andere Politiker, den Krieg hin und wieder als Krieg zu bezeichnen. Peskow erklärte, dass sich die „Spezielle Militäroperation“ (SMO) in einen Krieg verwandelt habe, weil der Westen in den Konflikt eingegriffen und die Ukraine unterstützt habe. Es liegt tatsächlich nahe, anzunehmen, dass der Wandel in der Rhetorik damit zusammenhängt, dass Putin zunächst einen Blitzkrieg erwartete, diesen aber nicht erhielt – der Krieg wurde offensichtlich langwierig.
„Spezielle Militäroperation“ statt „Krieg“ – das ist das Paradebeispiel dafür, wie die russische Propaganda absichtlich Dinge nicht beim Namen nennt und Euphemismen erfindet, um das Wesen des Geschehens zu verschleiern. Es gibt viele Beispiele für diese Taktik.
Hier ist eine Schlagzeile aus russischen Medien: “Nach lauten Geräuschen ist in einigen Teilen von Belgorod der Strom ausgefallen”. Laute Geräusche bedeuten Explosionen – Explosionen durch Drohnen oder Raketen. Weil der Krieg nach Russland zurückgekehrt ist und russische Häuser zerstört. Aber die russische Propaganda nennt Explosionen keine Explosionen – sie spricht von Geräuschen. Wozu? Um die Leute davon zu überzeugen, dass nichts Schlimmes passiert.
Russische Soldaten töten sich oft gegenseitig. In der russischen Armee ist zum Beispiel Erpressung sehr verbreitet: Eine Gruppe innerhalb des Militärs sucht sich ein Opfer aus den eigenen Reihen, fordert es auf, innerhalb kurzer Zeit eine große Geldsumme zu beschaffen; geschieht dies nicht, wird das Opfer brutal ermordet. Es wurde auch berichtet, dass Kommandeure Untergebene in der russischen Armee für Vergehen willkürlich töteten. Die Soldaten selbst verwenden, wenn sie darüber sprechen, selten die Worte „hinrichten“ oder „töten“ – sie sagen „obnulit’”, das wie “annulieren”, oder “zu Null machen” übersetzt werden kann. Dank vieler journalistischer Recherchen über diese Phänomene kennt nun ein Großteil der russischen Gesellschaft dieses Wort in diesem Sinn.
Wenn ein russischer Soldat im Kampf fällt, wird nicht das Wort „gefallen“ oder „gestorben“ verwendet. Man sagt, er sei jetzt „der Zweihundertste“. Der Begriff entstand aus dem Terminus „Fracht 200“, der bereits während des Einsatzes sowjetischer Truppen im Afghanistankrieg gebräuchlich wurde. Eine genaue Erklärung für diese Bezeichnung gibt es nicht; sie hängt vermutlich mit der Nummer eines Dokuments zusammen, das früher den Transport gefallener Militärangehöriger regelte.
Verwundete werden als die „Dreihundertsten“ bezeichnet – dieser Name leitet sich ebenfalls von der Nummer eines Dokuments ab, das früher bei der Verlegung Verwundeter ausgefüllt wurde. Diese Begriffe sind dank zahlreicher Medienberichte sowie der Mitteilungen der Soldaten in sozialen Netzwerken der russischen Gesellschaft gut bekannt geworden.
Klemperer schrieb in seinem Buch auch über die Euphemismen des Todes. “Und bald tauchten auch da und dort noch andere Zettel an den Korridortüren auf, medusenhafte Zettel: “Hier wohnte der Jude Weil”. Dann wusste die Briefträgerin, dass sie sich nicht mehr um seine neue Adresse zu bemühen brauchte; der Absender erhielt sein Schreiben zurück mit dem euphemistischen Vermerk: “Adressat abgewandert”. So dass also “abgewandert” in grausamer Sonderbedeutung durchaus ins Lexikon der LTI gehört, in die Judensparte.”
Die NS-Propaganda benutzte auch Euphemismen für die Niederlage. “Dass es sich dabei aber um ein ständiges Rückwärts handelte, wurde niemals kraß heraus gesagt, darüber breitete sich Schleier um Schleier, die Worte Niederlage und Rückzug, geschweige denn Flucht, blieben unausgesprochen. Für Niederlage sagte man Rückschlag – das klingt weniger definitiv; statt zu fliehen, setzte man sich nur vom Feinde ab; Durchbrüche gelangen ihm nie, immer nur Einbrüche, schlimmstenfalls “tiefe Einbrüche”, die “aufgefangen”, die “abgeriegelt” wurden, weil durch eine “elastische Front” gekennzeichnet sei. Von Zeit zu Zeit wurde dann – freiwillig, und um dem Gegner einen Vorteil aus der Hand zu nehmen, eine “Frontverkürzung” oder “Frontbegradigung” durchgeführt, schrieb Klemperer.

Plakate, die Putin mit Hitler vergleichen, auf einer Demonstration im Jahr 2022 gegen den russischen Angriff auf die Ukraine. Quelle: GoToVan, Flickr, CC BY 2.0
Das Imperium
Für Imperien ist das Streben nach Grenzenlosigkeit charakteristisch – sowohl territorial als auch zeitlich. „In allen Wechselfällen hat Russland eines bewiesen: Es war, ist und wird immer sein“, sagte Putin im Oktober. 2023 sprach er davon, dass im metaphorischen Sinne „die Grenzen Russlands nirgendwo enden“. Diesen Gedanken führte er detaillierter aus, indem er sein Konzept der „Russischen Welt“ erläuterte:
„Die Russische Welt – das sind alle Generationen unserer Vorfahren und unserer Nachkommen, die nach uns leben werden. Die Russische Welt – das sind die Kiewer Rus‘, das Moskauer Zarenreich, das Russische Reich, die Sowjetunion; das ist das moderne Russland, das seine Souveränität als Weltmacht zurückgewinnt, festigt und mehrt. Die Russische Welt vereint alle, die eine geistige Verbindung zu unserer Heimat fühlen, die sich als Träger der russischen Sprache, Geschichte und Kultur betrachten, unabhängig sogar von nationaler oder religiöser Zugehörigkeit.“
Vergleichen wir dies mit dem, was Klemperer schrieb:
„«Wir haben den Weg in die Ewigkeit gefunden», sagt Ley bei der Einweihung einer Hitlerschule im Anfang 1938. In Lehrlingsprüfungen ist eine tückische Fallstrickfrage nicht selten. Sie lautet: «Was kommt nach dem Dritten Reich?» Antwortet ein Ahnungsloser oder Übertölpelter: «Das vierte», dann lässt man ihn (auch bei guten Fachkenntnissen) als unzulänglichen Parteijünger unbarmherzig fallen. Die richtige Antwort muss heißen: «Nichts kommt dahinter, das Dritte Reich ist das ewige Reich der Deutschen.»“
“Die ganze Welt hält den Atem an”
Selbstverständlich hört die ganze Welt mit angehaltenem Atem dem Herrscher eines mächtigen, ewigen und grenzenlosen Imperiums zu.
„Die ganze Welt hält den Atem an und erwartet, wie die russisch-amerikanischen Verhandlungen auf Alaska verlaufen werden“, hieß es in einer Veröffentlichung der populären Zeitung „Moskowski Komsomolez“. Dies ist eine gängige Taktik der Putin-Propaganda. Hier ist ein weiteres Beispiel: „Der Pressesprecher des russischen Präsidenten Dmitri Peskow erwartet, dass die Rede des russischen Führers Wladimir Putin am 2. Oktober auf dem Waldai Forum weltweit diskutiert wird“, meldete die russische Nachrichtenagentur TASS im Oktober.
“Bei jeder Rede, bei jeder Äusserung Hitlers, all die zwölf Jahre hindurch, denn ganz zuletzt erst verstummt er —, immer taucht als vorschriftsmässiges Klischee die Schlagzeile auf: «Die Welt hört auf den Führer»“, schrieb Klemperer.
Heiße und kalte Dusche
Russische Propaganda verbreitet manchmal mehrere widersprüchliche Versionen des Geschehens. Zum Beispiel hat das russische Verteidigungsministerium viele verschiedene Versionen zu den Vorfällen in der Stadt Butscha bei Kiew geäußert. Sie wurde für einen Monat von russischen Truppen besetzt. Nachdem die russischen Truppen die Stadt verlassen haben, veröffentlichten internationale Medien Fotos von Leichen ziviler Bewohner, die auf den Straßen der Stadt lagen. Es war offensichtlich, dass es sich um Zivilisten handelte und dass sie getötet wurden.
Eine der Versionen des Verteidigungsministeriums lautete, es handele sich um eine Inszenierung. Auf den Fotos seien angeblich keine Leichen, sondern lebende Menschen — Schauspieler, die Tote darstellten, umRussland eines Kriegsverbrechens zu beschuldigen.
Eine andere Version des russischen Verteidigungsministeriums besagte, dass zwar Leichen vorhanden gewesen seien, diese aber erst nach dem Abzug der russischen Truppen auf den Straßen von Butscha aufgetaucht seien. Das heißt, die Menschen seien nicht von russischen Soldaten getötet worden.
Für das Gehirn ist es schwierig, zwei widersprüchliche Versionen aus derselben Quelle zu verarbeiten. Dies führt dazu, dass sich Menschen psychologisch einfach von Nachrichten im Allgemeinen abwenden und politisch apathisch werden. Das Ziel solcher Propaganda ist dieReaktion hervorzurufen: „Wir werden die ganze Wahrheit nie erfahren, warum also versuchen?“ und das Denken auszuschalten.
Eine ähnliche Technik beschrieb Klemperer. “Sondern die eigentliche Leistung, und in ihr ist Goebbels unerreichter Meister, besteht in der skrupellosen Mischung der heterogenen Stilelemente – nein, Mischung trifft nicht völlig zu -, in den schroffst antithetischen Sprüngen vom Gelehrten zum Proletenhaften, vom Nüchternen zum Ton des Predigers, vom kalt Rationalen zur Rührseligkeit der männlich verhaltenen Träne, von Fontanescher Schlichtheit, von Berlinischer Ruppigkeit zum Pathos des Gottesstreiters und Propheten. Das ist wie ein Hautreiz unter dem Wechsel kalter und heißer Dusche, genau so physisch wirkungsvoll; das Gefühl des Hörers … kommt nie zur Ruhe, wird dauernd angezogen und abgestoßen, angezogen und abgestoßen, und für den kritischen Verstand bleibt keine Zeit zum Atemholen”.
Wie wirkt das?
Laut den Berichten des Lewada-Zentrums – das ist eine Organisation, die soziologische Umfragen in Russland durchführt und staatlich unabhängig arbeitet – stimmen 84% der Bevölkerung in Russland der Politik von Präsident Putin zu und 65% glauben, dass das Land sich in die richtige Richtung bewegt (Stand: November 2025). Diese Zahlen zeigen, dass russische Propaganda effektiv ist – genau wie die Propaganda im “Dritten Reich”.
Propagandabedient sich zahlreicher Mechanismen. Dazu gehören beispielsweise Mythen, an die Menschen glauben, oder der gezielte Appell an Emotionen, etwa an Angst oder nationalen Stolz. Komplexere Techniken zielen darauf ab, Menschen durch widersprüchliche Darstellungen zu verwirren und zu ermüden, damit eine politische Apathie hervorgerufen wird.
Victor Klemperer war jedoch der Ansicht, dass der gefährlichste und wirksamste Mechanismus der Propaganda ein anderer sei: “Die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flagblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewusstem Denken oder bewusstem Fühlen in sich aufnehmen musste. Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden”, schrieb er in seinem Buch.
Klemperer bezieht sich mehrmals auf Schillers Zitat: “Sprache, die für dich dichtet und denkt”. Damit ist gemeint, dass Sprache das Denken prägt. Wir denken mit der Hilfe der Worte. Klemperer erklärte den Propagandamechanismus: “Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen gebildet oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung noch da”.
Moderne Forschungen stützen diese Schlussfolgerung. Eine Untersuchung der University of Waterloo in Kanada aus dem Jahr 2021 ergab beispielsweise, dass Personen, die Nachrichten mit Euphemismen konsumieren (etwa wenn Folter als „erweiterte Verhörmethoden“ umschrieben wird), Ereignisse positiver einschätzen als diejenigen, die über dieselben Vorkommnisse mit direkter Sprache informiert werden.
Faschismus
Es gibt verschiedene Klassifizierungen von Propaganda. Die belgische Historikerin Anne Morelli formulierte beispielsweise 2011 die „grundlegenden Prinzipien der Kriegspropaganda“. Dazu gehören zum Beispiel: „Wir wollen keinen Krieg, wir verteidigen uns nur“, „Unser Gegner trägt die volle Verantwortung für diesen Krieg“, „Unsere Verluste sind gering“. All dies findet sich sowohl in Putins als auch in Hitlers Propaganda. Es ist auch klar, dass Russland imperialistische Ambitionen hat, genauso wie sie das Dritte Reich hatte – dies beeinflusst auch die Propaganda. Wahrscheinlich könnte als ein weiterer, wenn nicht der Hauptfaktor, der sie vereint, der Faschismus genannt werden. Denn jene Russen, die der Propaganda nicht erlegen sind, empfinden ihren Staat als faschistisch.
Der bekannte russische Menschenrechtler Oleg Orlow veröffentlichte 2022 einen Artikel, in dem er schrieb: „Das Land, das vor dreißig Jahren den kommunistischen Totalitarismus hinter sich ließ, ist zurück in den Totalitarismus gerutscht, diesmal aber in den faschistischen.“ Der Artikel wurde von einem Foto Orlows begleitet, das vor dem Kreml aufgenommen wurde: Er hält ein Plakat, auf dem geschrieben steht: „UdSSR 1945 – Land, das den Faschismus besiegte. Russland 2022 – Land des siegreichen Faschismus.“
Wegen dieses Artikels verurteilte ein Gericht in Russland den damals 70-jährigen Orlow zu 2,5 Jahren Haft. Im Jahr 2024 wurde er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und westlichen Ländern freigelassen, wobei Deutschland eine Schlüsselrolle spielte.
Nicht nur Menschenrechtler mit jahrzehntelanger Erfahrung verstehen das. In Russland werden immer häufiger Aktivisten, Anwälte und Journalisten inhaftiert – einfach weil sie den Mut haben, die Wahrheit zu sagen und zum Frieden aufzurufen. Eine von ihnenist die Anwältin Maria Bontsler. Sie hatte andere Russen verteidigt, die zu politischen Gefangenen wurden. Heute ist sie selbst politische Gefangene. Sie leidet an schwerer chronischer Hypertonie, erhält keine angemessene medizinische Versorgung und ihr wird sogar der Zugang zu Trinkwasser eingeschränkt. Unter den Artikeln dazu hinterlassen Menschen oft Kommentare wie: „Faschisten!“, „Faschismus des Putin-Regimes“, „Faschismus mit Folter“ und so weiter.
Das verstehen sogar Kinder. Zwei Schüler haben ein Video auf YouTube hochgeladen: Sie sitzen in einer Küche, an deren Wand Porträts von Putin und Hitler hängen, und diskutieren kritisch über den Krieg in der Ukraine. Warum Porträts von Putin und Hitler? Weil die Analogie offensichtlich ist. Die Direktorin ihrer Schule denunzierte die Jungen bei der Polizei. Zwei Jahre später, sobald sie 18 Jahre alt wurden, wurden sie zu 2,5 Jahren Haft verurteilt.
Literatur: Victor Klemperer, „LTI – Notizbuch eines Philologen“
Schlagwörter:Drittes Reich, Medien, Nazi-Deutschland, Propaganda, Putin, Russland, Ukraine, Ukrainekrieg

