Stolz, Scham, Strongman: Wie russische Propaganda mit Gefühlen spielt und Putin populär hält

13. April 2026 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Mediengeschichte, Pressefreiheit • von

Seit mehr als vier Jahren führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Dieser Krieg hat bereits hunderttausende Opfer gefordert und ganze Städte in Trümmer gelegt. Dennoch befürwortet der Großteil der russischen Bevölkerung das Vorgehen in der Ukraine und steht hinter Wladimir Putin. Mit welchen Emotionen, Ängsten und Hoffnungen spielt die russische Propaganda, um einen solchen Herrscher populär zu halten?

Der Spasskaya-Turm, Kreml, Moskau. Bildquelle: Pexels

Stand März 2026 billigen 80 Prozent der russischen Bevölkerung Präsident Wladimir Putins Tätigkeit im Amt, und 72 Prozent befürworten das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine. Das zeigen Umfragen des unabhängigen russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum.

Propaganda kann Menschen an den Abgrund der Geschichte führen. Wie sie das schafft, ist eine komplexe Frage. Sie lässt sich aus verschiedenen Perspektiven analysieren, zum Beispiel anhand ihrer Narrative, ihrer sprachlichen Strategien oder der Emotionen, die sie verbreitet und anheizt. Seit Jahren erforschen verschiedene Disziplinen – darunter Sozialpsychologie, Soziologie, Medienwissenschaft und Politikwissenschaft – wie sich Emotionen in einer Gesellschaft verbreiten und wie Medien zu ihrer Verstärkung beitragen. Die folgenden Überlegungen knüpfen an verschiedene Ansätze aus diesen Disziplinen an, die in einem Punkt zusammenlaufen: Emotionen werden nicht nur individuell erlebt, sondern auch gesellschaftlich geprägt, durch Medien verstärkt und politisch genutzt.

Gerade im Fall Russlands ist diese Perspektive aufschlussreich. Denn die Unterstützung für Putin speist sich in erheblichem Maße aus Emotionen, Ängsten und Hoffnungen. Diese werden von Propaganda gezielt angesprochen und verstärkt.

Gemeint ist dabei nicht die russische Gesellschaft insgesamt, sondern jener Teil von ihr, bei dem diese Mechanismen besonders wirksam sind. Es geht nicht darum, Putins Popularität allein mit der Wirkung von Propaganda zu erklären. Im Folgenden soll jedoch deutlich gemacht werden, welche wichtige Rolle diese emotionale Ebene spielt. Wer sie außer Acht lässt, kann Propaganda nicht erfolgreich entgegentreten.

Die Angst vor dem Rückfall ins Chaos

„Gibt es Putin, gibt es auch Russland. Und darauf müssen wir stolz sein. Denn unser Land hat enorme Herausforderungen bewältigt. Erst mit der Wahl von Wladimir Wladimirowitsch Putin hat es zu sich selbst gefunden und sich von den Knien erhoben“, sagte der Vorsitzende der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, im Jahr 2025. Die Wendung, Russland habe sich unter Putin „von den Knien erhoben“, zählt seit Jahren zu den beständigsten Klischees der russischen Propaganda. Die Angst vor einer Rückkehr in die 1990er Jahre – also in eine Zeit, in der Russland, wenn man dieser Rhetorik folgt, „auf den Knien war“ – ist eine der zentralen Emotionen, die Propaganda immer wieder weckt und verstärkt.

Die 1990er Jahre waren für Russland eine Zeit schwerer Erschütterungen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das Land von wirtschaftlichem Chaos und Hyperinflation überrollt; Millionen Menschen verloren ihre Arbeit und Ersparnisse, Löhne wurden monatelang nicht ausgezahlt.

Zu den prägenden Merkmalen dieser Ära gehörte auch hohe Kriminalität: Sie war begleitet von Auftragsmorden, Bandenkriegen und dem Gefühl, dass Recht und Gesetz nicht mehr galten. Auch das politische System steckte in einer tiefen Krise: Die Konfrontation zwischen dem Präsidenten und dem Parlament mündete in einen bewaffneten Konflikt, als Panzer das Weiße Haus in Moskau beschossen.

Das kollektive Trauma Russlands

Aleksandar Matovski, Politikwissenschaftler an der US-amerikanischen Naval Postgraduate School, bezeichnet die Ereignisse der 1990er Jahre ebenso wie viele andere Forschende als ein Trauma für die russische Gesellschaft. Er ist überzeugt, dass dieses zur Popularität Putins beiträgt. Dabei verweist er auf Umfragedaten, die zeigen, dass die Bevölkerung Russlands noch Ende der 1980er Jahre demokratische Reformen unterstützte. Doch: „Aus Angst um das eigene Überleben und das Überleben Russlands änderten die Menschen ihre Ansichten darüber, wie das Land regiert werden sollte, grundlegend.“

Die „extreme Not“ jener Jahre hat „die meisten Russen zur Überzeugung gebracht, dass nur ein Strongman Russland retten kann“, so Matovski.

Unter einem Strongman versteht man einen Politiker, der Machtbefugnisse zentralisiert, einen Kurs der„starken Hand“ verfolgt und seine Popularität auf das Versprechen gründet, in Krisenzeiten zügig für Stabilität und Ordnung zu sorgen.

Putin brachte damals einen Regierungsstil mit, der genau der Erwartung einer „starken Hand“ entsprach – damit erklärt Matovski die hohe Popularität des Präsidenten. Der Politikwissenschaftler betont, dass die Bevölkerung fürchtete, das Land könne ohne einen solchen Strongman wieder ins Chaos zurückfallen und zugleich ihre Hoffnungen auf Putin projizierte. Als besonders aufschlussreich gelten für Matovski Umfragen aus den Jahren 2000 bis 2015. Weniger als ein Drittel der Befragten war der Ansicht, Putin werde wegen seiner tatsächlichen Leistungen und Erfolge unterstützt. Die übrigen 70 Prozent erklärten seine Popularität mit der Hoffnung auf ein besseres Leben oder mit dem Fehlen von Alternativen. Matovski deutet gerade Letzteres als Ausdruck der Angst vor einem Rückfall ins Chaos der 1990er Jahre.

Seit Jahren spielt die russische Propaganda aktiv mit dieser Angst vor Chaos, indem sie Putin als Strongman inszeniert, der Russland vor Bedrohungen retten könne.

Diesem Zweck dient auch die ständige Wiederholung des Klischees, Russland habe sich unter Putin „von den Knien erhoben“. Dieses Image ist nicht statisch, sondern wandelt sich im Laufe der Zeit; der Krieg hat es besonders stark geprägt.

Zerstörte Häuser in Borodianka, Region Kiew, Ukraine (April 2022). Fotoquelle: Pexels

Immer neue Bedrohungen

„Ich hasse sie. Sie sind Bastarde und Degenerierte. Sie wollen, dass wir – Russland – sterben. Und solange ich lebe, werde ich alles dafür tun, dass sie verschwinden“, schrieb Dmitri Medwedew, der frühere russische Präsident und heutige Vizechef des russischen Sicherheitsrats, 2022 auf seinem Telegram-Kanal. Dem Kontext nach waren damit vor allem der Westen und westliche Politiker gemeint.

Folgt man der russischen Propaganda, ist der Krieg gegen die Ukraine in Wirklichkeit ein Krieg gegen den Westen. Dieser habe Russland in den Konflikt hineingezogen und sei inzwischen selbst zur Kriegspartei geworden, indem er Kyjiw mit Waffen beliefere und ukrainische Soldaten ausbilde. In anderen Beiträgen behauptete Medwedew: „Gegen uns kämpft praktisch das gesamte NATO-System ganz offen“.

Putin selbst vermittelt ähnliche Botschaften, als Präsident jedoch in deutlich zurückhaltenderer Form. So sagte er 2022: „Das Ziel dieses Westens ist es, unser Land zu schwächen, zu spalten und letztlich zu zerstören.“

Das Bild Putins hat sich so verändert: Er wird nun als jemand dargestellt, der das Land nicht nur vor inneren Bedrohungen und Chaos, sondern auch vor äußeren rettet.

Politikwissenschaftler halten das für folgerichtig: Das Image des Strongman ist nur dann überzeugend, wenn es immer neue Bedrohungen gibt, vor denen er Schutz verspricht. In den 1990er Jahren stieß dieses Image in Russland auf Resonanz. Als relative Stabilität einkehrte, ging es vielen Menschen nicht mehr nur um Fragen des täglichen Überlebens, sondern zunehmend um langfristige und strukturelle Probleme des Landes. Dazu gehörten insbesondere die Modernisierung des Gesundheits- und Bildungswesens, eine wirksamere Korruptionsbekämpfung sowie die Wahrung der Bürgerrechte. Auf diesen Feldern erwies sich Putin jedoch als wenig wirksam, weshalb seine Unterstützung ab 2011 zunächst zurückging.

In dieser Phase setzte der Kreml darauf, die Aufmerksamkeit von ungelösten inneren Problemen auf äußere Konflikte zu lenken. Dazu musste Russland, so Matovski, „in einen weiteren existenziellen Kampf getrieben werden – durch die Inszenierung von Interventionen in der Ukraine, in Syrien und anderswo“. In diesem militärischen Kontext gewann das Strongman-Image, das Putin so gut verkörperte, erneut an Bedeutung.

Im Zuge der Annexion der Krim, auf die eine zunehmende Konfrontation mit dem Westen folgte, stieg Putins Popularität in den ersten fünf Monaten des Jahres 2014 von 65 auf 86 Prozent. Ein ähnlicher Effekt war auch nach Beginn der Vollinvasion der Ukraine zu beobachten. Im Jahr 2021, also noch vor dem Krieg, lag Putins Zustimmungswert bei 64 Prozent. Unmittelbar nach Kriegsbeginn 2022 stieg er an und liegt seither zwischen 77 und 88 Prozent.

Warum das wirkt

Menschen neigen in Situationen starker Bedrohung dazu, sich stärker um einen Amtsinhaber zu scharen, der Sicherheit ausstrahlt und Schutz verspricht – das ist ein seit Langem bekanntes Phänomen. Dieses Muster ist nicht nur in autoritären, sondern auch in demokratischen Gesellschaften zu beobachten. So lagen die Zustimmungswerte von Präsident George W. Bush vor den Terroranschlägen vom 11. September bei rund 50 Prozent. Unmittelbar nach den Anschlägen stiegen sie auf 86 Prozent und erreichten wenig später 90 Prozent.

Mark J. Landau erklärt dies gemeinsam mit anderen amerikanischen Forschern mit der sozialpsychologischen Terror-Management-Theorie. Ihr zufolge verstärkt sich das Bedürfnis nach Schutz und Ordnung und der Wunsch, dass jemand die Situation unter Kontrolle hat, wenn Menschen in besonderer Weise mit Tod, Krieg oder Katastrophen konfrontiert werden.

Die Politikwissenschaftler Sergei Guriev und Daniel Treisman betonen in ihrem Buch Spin Dictators, dass autoritäre Machthaber diese Mechanismen bewusst für sich nutzen können.

Wie Sozialpsychologen gezeigt haben, neigen Menschen, die sich verwundbar fühlen, dazu, sich hinter ihre politische Führung zu stellen.

Diktatoren machten sich diese Tendenz zunutze, indem sie künstlich ein Gefühl der Bedrohung schürten und sich zugleich selbst als Garanten der Sicherheit inszenierten. Nicht nur äußere, sondern auch innere Bedrohungen können dazu beitragen, dass Menschen sich stärker hinter ihre politischen Führungspersonen stellen. „Psychologische Forschung legt nahe, dass wahrgenommene Gefahren – selbst wenn sie nichts mit Politik zu tun haben – Menschen pessimistischer und risikoscheuer machen und ihre Unterstützung für autoritäre Politik und autoritäre Führer verstärken können.“

Eine Gruppe Schüler beim Flaggenappell in Irkutsk, 2012. Foto: Wikimedia Commons, CC-0 1.0

Die Hoffnung auf einen Beschützer

Putin betont seit Jahren mit Pathos, dass Gerechtigkeit eines der Grundprinzipien des russischen Staates sei – im Bildungswesen, im Gesundheitswesen, in der Rechtsprechung und in vielen anderen Bereichen. Die Menschen erleben jedoch genau das Gegenteil. „In den Materialien soziologischer Untersuchungen zur öffentlichen Meinung (1989–2023) fällt ein Aspekt besonders auf: Die russische Gesellschaft lebt im Bewusstsein einer chronisch ungerechten sozialen Ordnung“, schreibt der russische Soziologe und wissenschaftliche Leiter des Lewada-Zentrums, Lew Gudkow, in seiner Analyse. Er untersucht die öffentliche Meinung im Land bereits seit den Sowjetzeiten.

Der Staat selbst sei ungerecht organisiert. Vor einem russischen Gericht könne man keine Gerechtigkeit erwarten. Die materiellen Güter im Land seien ungerecht verteilt. In den meisten Fällen sei auch das Entlohnungssystem ungerecht. Ungerecht sei, dass finanziell besser gestellte Menschen Zugang zu einer besseren medizinischen Versorgung hätten und ihre Kinder eine bessere Bildung erhielten, erklärt Gudkow weiter.

Unaufgearbeitete Vergangenheiten

Gleichzeitig gilt großen Teilen der russischen Bevölkerung die Frage danach, wer für diese allumfassende Ungerechtigkeit verantwortlich ist, als sinnlos, so Gudkow.

Der Soziologe geht davon aus, dass entsprechende Reflexionen durch ein „kollektives Tabu“ gehemmt werden, das in einem kollektiven Trauma aus den Jahren der sowjetischen Diktatur wurzelt.

Nach Einschätzung der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ wurden während der sowjetischen Diktatur bis zu 11,5 Millionen Menschen aus politischen Gründen verfolgt. Rund eine Million von ihnen wurden erschossen, etwa vier Millionen kamen in Lager und Strafkolonien. Mindestens sechs Millionen wurden in andere Regionen deportiert: Man riss sie aus ihren Häusern, nahm ihnen ihren Besitz, transportierte sie mit Kindern und alten Menschen in Güterwaggons ab und setzte sie in abgelegenen Regionen aus; viele starben bereits unterwegs.

Unmittelbar vor der sowjetischen Diktatur hatte das Land bereits Revolution und Bürgerkrieg erlebt. Gudkow bezeichnet die Jahre der sowjetischen Diktatur als „blinde und unaufgearbeitete Vergangenheit“. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann zwar eine Aufarbeitung des sowjetischen Terrors, die in mancher Hinsicht der deutschen Vergangenheitsbewältigung ähnelte. Doch sie blieb begrenzt und von kurzer Dauer. Deshalb hinterließ die sowjetische Diktatur in der Gesellschaft kein „Nie wieder“, sondern vielmehr ein Gefühl totaler Ungerechtigkeit und Ohnmacht.

„Die Menschen wollen eine symbolische Figur haben, die die aus Ungerechtigkeit des Lebens resultierenden Frustrationen zumindest virtuell kompensieren kann“, erklärt Gudkow.

Seit Jahren projizieren sie diese Hoffnung auf Putin.

Die erste Ausstellung über die Verbrechen des Stalinismus, 1988. Foto: Dmitri Korko, unbearbeitet, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Europa: Vom Vorbild zum Feindbild

„Der verrottende Westen“ ist eines der beständigsten Narrative der russischen Propaganda. Europa erscheint darin als eine Welt der Absurdität und des Verfalls. Medwedew nannte die westlichen Staats- und Regierungschefs 2025 „erbärmliche Degenerierte“. Im selben Jahr beteiligte sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, an der Verbreitung einer Falschmeldung: Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer hätten in einem Zug auf dem Weg nach Kyjiw Kokain konsumiert.

Der russischen Propaganda zufolge konnten nur solche Politiker – „Degenerierte“ oder Drogenabhängige – auf die Idee kommen, die Ukraine zu unterstützen und auf russisches Öl und Gas zu verzichten. Die Leidtragenden seien angeblich die einfachen Europäer.

So behauptete die Propaganda, die Briten müssten wegen der antirussischen Sanktionen sparen und deshalb statt normalen Toilettenpapiers auf wiederverwendbares umsteigen und es waschen. Dabei ergänzt die Propaganda das Narrativ vom „verrottenden Westen“ immer wieder um Details, die Ekel auslösen sollen. So verbreitete sie etwa auch die Behauptung, die Europäer würden bald auf Insekten als Nahrungsmittel umsteigen, und die Deutschen würden sich wegen der antirussischen Sanktionen seltener waschen.

„Früher beneideten wir die deutschen Rentner um ihren Lebensstandard und ihre Reisemöglichkeiten. Heute kommen sie kaum noch über die Runden“, schreibt das populäre russische Medium „Moskowski Komsomolez“. In diesem Satz liegt der Schlüssel zum Verständnis, warum das Narrativ vom „verrottenden Westen“ auf Resonanz stößt: „Früher beneideten wir“.

Wie bereits erwähnt, setzten viele Russen Ende der 1980er Jahre große Hoffnungen in demokratische Reformen. Europa diente dabei als Vorbild. In den Umfragen des Lewada-Zentrums beschrieben viele Befragte es mit Sätzen wie „Dort gibt es die wohlhabendsten Länder, in denen die Menschen gut und ruhig leben“ oder „Demokratien und Rechtsstaaten, die als Vorbild moderner Entwicklung gelten“.

Das schmerzhafte Scheitern der Demokratisierung

Statt Demokratie brachten die 1990er Jahre Krise, Chaos und am Ende die Rückkehr zur Autokratie. „Das Scheitern der Demokratie erzeugte ein schweres Trauma der nationalen Identität sowie ein kollektives Minderwertigkeitsgefühl“, schreibt Gudkow. Er charakterisiert die heutige russische Gesellschaft – ebenso wie eine Reihe russischer Historiker und Politologen – als von Ressentiment geprägt.

Wie Nicolas Demertzis, Professor für Politische Kultur und Kommunikation an der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen, erklärt, ist Ressentiment ein komplexer psychologischer Zustand, der entsteht, wenn Individuen oder Gruppen wiederholt daran scheitern, ein Ziel zu erreichen. Als Reaktion darauf setzt ein psychologischer Mechanismus ein: Das zuvor hoch begehrte Ziel erscheint plötzlich als unnötig oder bedeutungslos, während sich diejenigen, die gescheitert sind, ihm moralisch überlegen fühlen. Dieser Mechanismus schützt sie davor, sich als Verlierer zu empfinden.

Demertzis veranschaulicht dies am Beispiel von Äsops Fabel vom Fuchs und den Trauben. Der Fuchs sieht die hoch hängenden Trauben und malt sich aus, wie süß und köstlich sie sein müssen. Er versucht, sie zu erreichen, doch es gelingt ihm lange nicht. Schließlich redet er sich ein, dass er die Trauben gar nicht brauche, weil sie sauer seien. Was er zunächst als süß und begehrenswert wahrnahm, erscheint ihm nach dem Scheitern plötzlich als sauer und wertlos. Das kommt dem Mechanismus des Ressentiments sehr nahe.

Ein Lebensstandard wie im Westen war für die russische Gesellschaft genau jene „Traube“. Sie zu erreichen, gelang nicht; um das eigene Scheitern nicht eingestehen zu müssen, änderte die Gesellschaft daher ihre Haltung gegenüber dem Ziel. Europa erschien nun als fremd und feindlich.

„Weit verbreitet wurde die Ansicht, der Westen ,liebe uns nicht‘, ,verachte und respektiere uns nicht‘, ,wolle uns demütigen‘ und, wenn nicht völlig vernichten, so doch zumindest maximal schwächen“, schreibt Gudkow.

Die Propaganda verstärkt diese Tendenzen. So kann die russische Gesellschaft, statt der schmerzhaften Gefühle, die mit dem Scheitern der eigenen Demokratisierung verbunden sind, leichter erträgliche Emotionen empfinden. Dazu zählt etwa das Gefühl der eigenen Überlegenheit gegenüber frierenden, verarmten und Insekten essenden Europäern, deren Politiker Drogenabhängige seien.

Der Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg. Foto: Richard Brandt

Stolz und andere positive Emotionen

2022 veröffentlichte der Sänger und Duma-Abgeordnete Denis Maidanow das Lied „Sarmatuschka“. Es ist der Rakete „Sarmat“ gewidmet – einer interkontinentalen ballistischen Rakete zum Tragen nuklearer Sprengköpfe, die Ziele am anderen Ende der Welt erreichen kann. Das im Stil eines Volkslieds gehaltene Stück vermittelt Stolz auf russische Waffen, Kriegsrhetorik und Verachtung gegenüber dem Gegner. Im Text wird die „Sarmat“ als Symbol russischer Stärke dargestellt, bereit, „die Feinde augenblicklich in Staub zu verwandeln“. Das offizielle YouTube-Video verzeichnete fast eine Million Aufrufe.

Russische Propaganda appelliert immer wieder an das Gefühl des Stolzes. Dabei greift sie häufig auf Motive militärischer Stärke und des russischen Großmachtstatus zurück. Dass dies auf Resonanz stößt, zeigen auch die Umfragen des Lewada-Zentrums: 2025 gaben 35 Prozent der Befragten an, Stolz auf ihr Volk zu empfinden.

Samuel Greene vom King’s College London und Graeme Robertson von der University of North Carolina analysierten die Einstellung der Russen zu Putin vor und nach der Annexion der Krim. Dabei zeigten sie, dass die Annexion von einem spürbaren Anstieg positiver Gefühle gegenüber dem Präsidenten begleitet war: Der Anteil der Befragten, die Stolz empfanden, stieg von 15 auf 37 Prozent, jener, die Hoffnung empfanden, von 22 auf 44 Prozent und jener, die Vertrauen empfanden, von 25 auf 46 Prozent.

Die Autoren betonen, dass die Menschen in jener Zeit die Nachrichten aufmerksam verfolgten, das Geschehen diskutierten und emotional stärker in die Politik eingebunden waren.

Die Propaganda vermittelte nicht nur bestimmte Narrative, sondern organisierte auch ein kollektives emotionales Erleben.

Anton Schirikow, Politikwissenschaftler und Assistant Professor an der University of Kansas, schreibt, dass Propaganda in autokratischen Regimen das Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger nach politischer Verbundenheit, Stolz und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer nationalen Gemeinschaft anspricht und bedient. Dadurch werde die emotionale Bindung der Menschen an das Regime gestärkt.

Mehr als Faktenchecks

Propaganda spielt also mit positiven wie negativen Emotionen, Ängsten und Hoffnungen. Manche davon wurzeln in der leidvollen Geschichte des Landes, andere – etwa der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft – sind grundlegende menschliche Bedürfnisse.

Schirikow zufolge muss man “im Umgang mit der Propaganda des Kremls realistisch bleiben”. “Es reicht nicht aus, unabhängige Medien zu unterstützen und die Russen mit zutreffenden Informationen zu versorgen, wie westliche Regierungen es seit dem Kalten Krieg versucht haben.

Vielmehr sollten sich die Bemühungen der Gegenpropaganda darauf konzentrieren, die politische und emotionale Verbindung zwischen der Bevölkerung und dem Kreml zu durchbrechen, schreibt Schirikow.

Diese Analyse macht deutlich, dass die Bereitstellung wahrheitsgemäßer Informationen und Faktenchecks allein nicht ausreicht, um Propaganda wirksam entgegenzutreten. Medien, die Millionen von ihr geprägten Menschen erreichen wollen, müssen auch effektiv mit politischen Emotionen arbeiten. Welche Strategien man dafür nutzen kann, sollte sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der Praxis weiter untersucht werden.

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