Informationskampagnen zu Migration: Die Regulierung von Mobilität in Westafrika

21. Mai 2026 • Forschung aus 1. Hand, Medienpolitik, Top • von

Wie hat Europa versucht, migrationsfeindliche Narrative zu fördern, um die Mobilität afrikanischer Bevölkerungsgruppen zu kontrollieren? Julia Van Dessels Dissertation L’immobilisation pour horizon. Fabrique et enjeux d’un instrument européen de dissuasion migratoire en Afrique de l’Ouest : les «campagnes d’information et de sensibilisation» bietet eine neue, aufschlussreiche Antwort auf diese Frage. Damit reiht sie sich in die mittlerweile beträchtliche Menge Literatur zu Migrationsinformationskampagnen (MICs) und der Externalisierung der europäischen Migrationspolitik ein[1].

Seit weit über einem Jahrzehnt von der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten in den Herkunfts- und Transitländern von Migranten mit Ziel Europa finanziert, wurden MICs in Westafrika in großem Umfang eingesetzt. Durch eine Vielzahl von Kommunikationsstrategien, etwa Radioprogramme, versuchen diese Kampagnen, das afrikanische Publikum zu warnen: Vor den Gefahren irregulärer Migration und Menschenhandel. Das soll „potenzielle“ Migranten auch dazu bewegen, in ihren Heimatländern zu bleiben.

Van Dessel konzentriert sich auf Informationskampagnen, die im Niger und im Senegal durchgeführt wurden. Die zwei Länder standen im Mittelpunkt der Externalisierungsbemühungen der EU – definiert als Maßnahmen zur Auslagerung des Grenzmanagements an Drittländer[2]. MICs versuchen insbesondere, in lokale Medienökosysteme einzugreifen, etwa durch Kooperationen mit Community-Radios, Influencern, NGOs und Journalisten.

Eine wachsende Zahl von Studien und politischen Beobachtern hat den begrenzten Einfluss solcher Kampagnen auf die Migrationsströme nach Europa und auf das Verhalten von Migranten belegt[3]. Trotz erheblicher Investitionen, die durch Hilfsprogramme wie den EU-Nothilfe-Treuhandfonds für Afrika (EUTF) mobilisiert wurden, wurde auch die mangelnde Transparenz hinsichtlich ihrer Ziele und Finanzierungsmodalitäten vielfach kritisiert[4].

Van Dessel kommt zu einer überraschenden Schlussfolgerung: Auch wenn die Evidenzbasis für die Wirksamkeit von Migrationsinformationskampagnen eher dünn ist, ist die Frage nach der Wirkung nebensächlich.

Klare Belege für ihre abschreckende Wirkung fehlen, und diese Unklarheiten werden von Gebern und Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit bewusst aufrechterhalten. So lassen sich die Kampagnen als zuverlässige, evidenzbasierte politische Instrumente legitimieren – unabhängig von ihrer Wirksamkeit oder den ethischen Risiken, die sie im Hinblick auf die Rechte und Bedürfnisse ihrer Zielgruppen mit sich bringen.

Strategische Unklarheiten und MICs als Regime der Wahrheit

Die Unklarheit, die den Zielen, Migrationsnarrativen und Kommunikationsstrategien der Kampagnen innewohnt, identifiziert Van Desselals ein Schlüsselmerkmal von MICs, das deren anhaltende Attraktivität trotz fehlender nachweisbarer Wirkung erklärt. Die narrativen und strategischen Ambivalenzen der Kampagnen dienen dazu, die vielfältigen und manchmal divergierenden Motivationen der an der Konzeption und Umsetzung von MICs beteiligten Akteure in Einklang zu bringen.

Van Dessel verfolgt einen relationalen Ansatz und entschlüsselt das komplexe Ökosystem der Akteure, die an der Konzeption und Umsetzung von MICs beteiligt sind. Dieser akteursbasierte Ansatz verdeutlicht gekonnt die Verhandlungen und Machtdynamiken, die dem Netzwerk im Allgemeinen innewohnen. In diesem gestalten europäische und afrikanische Akteure gemeinsam Richtlinien und Programme entsprechend ihren jeweiligen Agenden und Prioritäten. Während europäische Entscheidungsträger beispielsweise bestrebt sind, ihren Wählern gegenüber zu zeigen, dass sie „etwas“ gegen irreguläre Migration unternehmen, können ihre afrikanischen Amtskollegen, darunter lokale Journalisten und zivilgesellschaftliche Organisationen, berufliche Interessen, politische Überzeugungen und Strategien kombinieren, um gegenüber Geldgebern wirtschaftliches Kapital auszuhandeln. Schließlich dient die humanitäre Dimension von MICs für UN-Akteure wie die Internationale Organisation für Migration (IOM)[5] auch dazu, ihr zugrunde liegendes Ziel der Abschreckung mit ihrem institutionellen Mandat zur Verteidigung des Rechts auf Migration in Einklang zu bringen.

Van Dessel weist darauf hin, dass die humanitäre Argumentation hinter MICs dieses Kernziel der Abschreckung verschleiert. Tatsächlich neigen fast alle an der Umsetzung von MICs beteiligten Akteure dazu, dieses implizite Ziel von vornherein zu leugnen oder herunterzuspielen:

„Praktisch alle begannen mit der Feststellung, dass das Ziel ihrer Kampagnen nicht darin bestehe, ‚Migration abzuschrecken‘, sondern vielmehr darin, (potenzielle) Migranten zu informieren oder zu sensibilisieren (hinsichtlich der Gefahren irregulärer Migration)“[6].

Diese entpolitisierte Darstellung von MICs als neutrale Sensibilisierungsmaßnahme trägt dazu bei, einen scheinbaren Konsens zwischen Akteuren zu konstruieren, die sich um eine gemeinsame humanitäre „Wahrheit“ scharen; eine, die vorgibt, im Interesse der afrikanischen Bevölkerung zu handeln, wenn sie behauptet, dass Non-Mobilität den Risiken und Gefahren der Migration vorzuziehen sei.

Van Dessels These ist inspiriert von kritischen Sozialanthropologen wie Olivier de Sardan (2021). Diese machen darauf aufmerksam, wie sich durch das Wechselspielzwischen Akteuren entlang der gesamten Wertschöpfungskette Hilfsprogramme entwickeln, die gezwungen sind, sich an die unvermeidlichen Widersprüche zwischen ihren ursprünglichen Annahmen und den lokalen Realitäten anzupassen [7]. Weit davon entfernt, neutral zu sein, gestalten diese Programme bestimmte Werte und Normen neu oder festigen sie, jenseits der explizit verfolgten Ziele.

Die MICs haben normative Annahmen über menschliche Mobilität neu geprägt und Werte gefördert, die Non-Mobilität als selbstverständlich darstellen. Gleichzeitig versuchen sie, die potenzielle afrikanischer Migranten so zu beeinflussen, dass sie mit den europäischen Prioritäten übereinstimmen. Sie verstärken die Hierarchie transnationaler Mobilität, in der für nicht-westliche Bevölkerungsgruppen der Verbleib im Herkunftsland als rationale und moralisch überlegene Entscheidung dargestellt wird.

Anhand einer kritischen Diskursanalyse zeichnet Van Dessel die Entwicklungen der von MICs im letzten Jahrzehnt geförderten Narrative nach. Die erste Generation von MICs (2000er–Mitte der 2010er Jahre) stützte sich stark auf angstbasierte Botschaften und betonte die Gefahren irregulärer Migration, etwa das Ertrinken, Versklavung oder Abschiebung. Dieser Ansatz spiegelte Kampagnen gegen Menschenhandel wider und stellte Mobilität als inhärent gefährlich und Migration als eine zu verhindernde Bedrohung dar. Van Dessel argumentiert, dass sich die MICs nach 2015 hin zu einer eher „positiven Botschaft“[8] verlagerten, die darauf abzielte, potenzielle Migranten von den Vorteilen eines Verbleibs in ihren Ländern zu überzeugen. Sie stellten dies als eine Frage der „lokalen Selbstermächtigung“ dar, indem besonders wirtschaftliche Chancen hervorgehoben wurden. Die Träger der MICs bezeichnen ihre Maßnahmen außerdem als einen Weg, um den „Dialog“ mit lokalen Gemeinschaften zu fördern, oder als eine neutrale Sensibilisierung, nicht aber als Auferlegung externer Narrative[9]. Durch die Konzentration auf individuelle Entscheidungen und Sensibilisierung verschleiern MICs dennoch ihre zugrunde liegenden Abschreckungsziele.

Diese narrativen Verschiebungen, so argumentiert Van Dessel, zeigten die Flexibilität von MICs und die Tatsache, dass die Verantwortlichen sensibel darauf reagierten, wie ihre Botschaften von der lokalen Bevölkerung wahrgenommen werden Ihre allgemeinen Prämissen stellen sie dabei nicht in Frage. In diesem Kontext ist es in gewisser Weise bedauerlich, dass van Dessel  sich nicht expliziter auf die reichhaltige Literatur zur kritischen Geografie[10] oder auf Arbeiten zu Propaganda und den Mechanismen transnationaler Einflussnahme[11] stützt, wie sie gegen Ende ihrer Dissertation einräumt[12] .MICs sind in ihren Versuchen, die räumlichen Vorstellungswelten afrikanischer Zielgruppen zu beeinflussen oder einzuschränken, eindeutig ein Instrument transnationaler Einflussnahme, das ein Wahrheitsregime um die Vorstellung festigt, dass afrikanischen Bevölkerungen am besten gedient ist, wenn sie „zu Hause bleiben“.

Die Wirkung der EU-finanzierten Informationskampagnen zu Migration ist umstritten. Bild: Pexels

Legitimität durch Verschleierung und die Schaffung von Fachwissen

Van Dessel zeigt auf, dass Geldgeber und Programmverantwortliche sich sehr wohl bewusst sind, dass ihre Botschaften in den Augen ihrer Zielgruppen unter Misstrauen und mangelnder Glaubwürdigkeit leiden: Diese könnten sie als paternalistisch oder als unwissend in Bezug auf lokale Realitäten wahrnehmen, was wiederum zum Teil ihre Wirkungslosigkeit erklärt. Dieses moralische Unbehagen spiegelt sich in neueren Forschungsarbeiten wie der von Schenetti et al. (2025), die sich eingehend mit den widersprüchlichen Motivationen und ethischen Dilemmata befassen, mit denen EU-Politiker hinsichtlich der tatsächlichen Ziele von MICs konfrontiert sind[13]. Es spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass europäische Hilfsorganisationen zunehmend versuchen, ihre Beteiligung an MICs durch eine Strategie des Unbranding zu verschleiern[14].

Um nicht als externe oder westliche Auferlegungen wahrgenommen zu werden, was die Glaubwürdigkeit der durch MICs geförderten Narrative beeinträchtigen könnte, wurden verschiedene Strategien eingesetzt, um das Vertrauen in die Kampagnen wiederherzustellen. Dazu gehören das Entfernen von Geberlogos aus Kommunikationsmaterialien im Zusammenhang mit MICs oder die Zusammenarbeit mit lokalen Vermittlern, etwa mit afrikanischen Journalisten und NGOs.

Van Dessels Studie wirft ein besonders aufschlussreiches Licht auf die Rolle privater Akteure wie Seefar, einem Unternehmen, das sich unter anderem auf Strategien zur Verhaltensänderung spezialisiert[15], internationaler Berater, PR-Agenturen und großen NGOs. Für sie geht das Interesse europäischer Geldgeber an MICs mit bestimmten finanziellen Vorteilen einher. Um MICs – und die EU-Migrationspolitik im Allgemeinen – hat sich eine ganze Branche von Fachwissen entwickelt, die dazu dient, ihre Ziele zu entpolitisieren und die Machtdynamiken sowie die divergierenden Interessen hinter ihrer Umsetzung zu verschleiern. Van Dessel zeigt auf, inwieweit Beratungsunternehmen wie Seefar eine zentrale Rolle bei der Konzeption und Wirkungsmessung von MICs gespielt haben. Um deren Einfluss auf Zielgruppen zu messen, schlagen sie zunehmend komplexe, stark quantitative und datengesteuerte Ansätze vor. Dasselbe Netzwerk privater Akteure ist somit sowohl an der Durchführung von Interventionen als auch an der Festlegung der Messmethoden für die eigene „Wirkung“ beteiligt. Die Undurchsichtigkeit ihres Einflusses auf die EU-finanzierten Hilfsprogramme diente, so argumentiert sie, einem Kreislauf der politischen Rechtfertigung ohne Evidenz.

Die Studie bestätigt Argumente aus der kritischen Literatur zur Wirkungsmessung. Danach sind Monitoring- und Evaluierungsaktivitäten weniger darauf ausgelegt, tatsächliche Ergebnisse im Interesse des Lernens oder der politischen Transformation zu messen, sondern erfüllen eine symbolische und bürokratische Funktion [16].

Der Einsatz externer Experten dient dazu, Hilfsmaßnahmen als „evidenzbasiert“ zu legitimieren und damit ihre weitere Finanzierung zu rechtfertigen, obwohl ihre Wirksamkeit nicht belegt werden kann. Dies gilt insbesondere für Programme zur Unterstützung von Medien, die auf Verhaltensänderungen abzielen; die Wirkung solcher Projekte auf die Zielgruppen ist von Natur aus schwer zu messen[17]. Diese Dynamiken werfen ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Transparenz der europäischen Hilfspolitik auf[18]. Das Überleben von Organisationen, wahltaktische oder institutionelle Vorrechte scheinen hier Vorrang vor konkreten Ergebnissen zu haben, ganz zu schweigen von ihrer Diskrepanz zu den Bedürfnissen und Erwartungen der lokalen Bevölkerung.

Auch im Fall der Länder mit mittlerem Einkommen ist die Frage der Wirksamkeit zweitrangig. Die Beteiligung großer internationaler NGOs und externer Berater in diesen Ländern stärkt deren professionelles Ansehen und Einfluss, während sie gleichzeitig den strategischen Zugang zu EU-Mitteln auf dem mittlerweile florierenden Markt der Migrationssteuerung und Grenzkontrolle sicherstellt[19]. Auch wenn die Studie sich nicht direkt darauf stützt, verweist sie doch auf einschlägige Literatur in der politischen Soziologie der Medienentwicklung, die die Rolle solcher mittelständischer Ressourcenvermittler als Intermediäre zwischen Gebern, lokalen Durchführenden und den Zielgruppen von Medienunterstützungsmaßnahmen hervorhebt[20].

Solche Vermittler spielen eine entscheidende Rolle, um den Zugang zu Geldmitteln zu sichern und für lokale Akteure, an die die Durchführung von Maßnahmen untervergeben wird, um Legitimität und symbolisches Kapital zu gewinnen. Sie verfügen zudem über ein gewisses Maß an Autonomie und können – wie im Fall von Seefar – die Konzeption und Umsetzung von Maßnahmen radikal umgestalten.

Lokale Kanäle und Medienvermittler

Van Dessels interessanteste Beobachtung betrifft die Art und Weise, wie die IOM und MIC-Durchführungsorganisationen lokale Akteure rekrutieren, um ihre Botschaften zu vermitteln: Dazu gehören Journalisten[21], Gemeindevorsteher, Künstler und „Rückkehrer“[22] – Personen, die sich nach gescheiterten Einwanderungsversuchen nach Europa freiwillig im Senegal und in Niger niedergelassen haben[23].

Die durch die lokalen Gesprächspartner verbreiteten Narrative, so Van Dessel, neigen dazu, die Gründe für die Auswanderung zu moralisieren oder zu entpolitisieren und die Verantwortung auf die Einzelpersonen und ihre Entscheidungen zu verlagern.

Insbesondere Rückkehrer wurden dazu aufgefordert, die Schwierigkeiten, denen sie in Europa oder Nordafrika begegnet sind, als moralische Lehre über die Risiken und Gefahren irregulärer Migration hervorzuheben. Einige Kampagnen gingen sogar Partnerschaften mit lokalen Musikern ein, um Lieder zu produzieren, die die Entscheidung nicht auszuwandern als patriotische Pflicht betonen („Bleib zu Hause, baue deine Zukunft hier auf“).

Schließlich weist Van Dessel auf die kontroverse Praxis hin, senegalesische und nigerianische Journalisten für die Berichterstattung über MIC-Kampagnen zu bezahlen. Es ist wichtig anzumerken, dass die Kampagnen nicht direkt darauf abzielen, Journalisten und Künstler zu lokalen Sprachrohren zu machen. Trotzdem ließ diese Praxis offensichtliche Bedenken seitens der Geldgeber selbst aufkommen, was den indirekten Einfluss der von MIC-Durchführenden eingesetzten Medienstrategien auf die lokale redaktionelle Berichterstattung angeht[24].

Auch lokale Medien werden in die Kampagnen eingebunden.

Die Durchführung von Informationskampagnen wird zudem häufig an senegalesische und nigerianische NGOs und deren lokale Mitarbeiter delegiert oder an diese untervergeben, auch wenn sie von westlichen Akteuren aus der Ferne konzipiert, finanziert und koordiniert werden[25].

Im Bewusstsein ihrer eigenen begrenzten Kenntnis der kontextuellen Realitäten wenden sich internationale NGOs und die IOM an diese Basisakteure, die gegenüber senegalesischen und nigerianischen Zielgruppen als glaubwürdigere Gesprächspartner wahrgenommen werden.

Aus Sorge um den Anschein einer zu sichtbaren Beteiligung ziehen es westliche Hilfsvermittler vor, im Hintergrund zu arbeiten, auch wenn Seefar und internationale PR-Firmen maßgeblich an der Entwicklung dieser „Basis“-Überzeugungsstrategien beteiligt waren[26]. Durch die Verlagerung der Umsetzung von MICs soll sichergestellt werden, dass die von MICs geförderten Narrative für afrikanische Zielgruppen akzeptabel sind.

Van Dessel argumentiert, dass lokale Akteure eine starke Tendenz haben, die institutionellen Diskurse ihrer europäischen Pendants oder der UN-Agenturen zu reproduzieren. Heute „spielen sie ihre eigene Rolle im Spektakel der Grenze“: Damit verstärken sie die vorherrschenden Darstellungen menschlicher Mobilität als ein Risiko, das es zu vermeiden, und als ein Problem, das es zu bewältigen gilt, anstatt als legitimes Streben nach einem besseren Leben anderswo und als Recht, das es zu verteidigen gilt.

Für Van Dessel tragen die durch MICs geförderten Abschreckungsnarrative dazu bei, den ungleichen Zugang zum Recht auf transnationale Mobilität zu verfestigen“[27]. Sie identifiziert einige Ausnahmefälle, in denen Akteure der senegalesischen Zivilgesellschaft versucht haben, die von MICs bevorzugten vorherrschenden Narrative zu umgehen, während sie sich für sichere Migrationswege einsetzten oder darauf hinwiesen, wie restriktive Visumpolitiken Irregularität reproduzieren. Doch auch, wenn Mitarbeiter lokaler NGOs den Abschreckungsbotschaften Widerstand leisten oder sie neu interpretieren, schränken ihre strukturelle Abhängigkeit von externer Finanzierung sowie die Notwendigkeit, sich durch Interaktionen mit europäischen Akteuren Sozialkapital zu sichern[28], ihre relative Autonomie ein.

Das Ergebnis ist, dass Abschreckungsnarrative ein vorherrschendes Merkmal von Informationskampagnen bleiben und im Umkehrschluss von lokalen Eliten – darunter Akademiker, Journalisten und Kulturschaffende – verinnerlicht werden.

Interessanterweise haben diese lokalen Fürsprecher, so Van Dessel, selbst nie transnationale Mobilität erlebt oder versucht zu emigrieren, obwohl sie ihre Mitbürger davon abhalten wollen, auszuwandern. Insgesamt hätte ihre Hypothese vom lokalen Konformismus gegenüber den von MICs verbreiteten Narrativen weiter untermauert werden können. Die Ergebnisse der Studie spiegeln Lugo-Ocandos (2020) Einsichten darüber wider, wie Hilfsprogramme die Zustimmung der lokalen Bevölkerung sichern, indem sie über lokale Vermittler, darunter zivilgesellschaftliche Organisationen und Medienfachleute, wirken[29]. Als von Natur aus politische Instrumente zielen Hilfsmaßnahmen darauf ab, bestimmte normative Annahmen und ideologische Visionen auf ausländische Bevölkerungsgruppen zu übertragen; im Falle der MICs betreffen diese offenbar universelle Werte und Normen rund um Grenzregime und menschliche Mobilität.

Das Engagement westafrikanischer Journalisten und die (indirekten) Auswirkungen von MICs auf die Verbreitung von Migrationsnarrativen innerhalb lokaler Medienökosysteme verdienen sicherlich weitere Forschung. Inwieweit haben MICs zur Normalisierung von Abschreckungsnarrativen in lokalen Nachrichtenzyklen und redaktionellen Agenden geführt?

Natürlich können lokale Journalisten, wie Mangon (2023) [30] aufzeigt, nicht auf bloße passive Empfänger externer Normen und Rahmenbedingungen reduziert werden; sie machen sich diese zu eigen, um sie ihren beruflichen Zielen und lokalen Realitäten anzupassen. Aus Angst, den Zugang zu europäischen Akteuren oder Finanzmittel zu verlieren, könnten afrikanische Journalisten dennoch Geschichten meiden, die Abschreckungsnarrative offen in Frage stellen. Dazu gehören zum Beispiel erfolgreiche Migrationserfahrungen in Europa oder kritische, menschenrechtsbasierte Perspektiven auf die Externalisierungspolitik der EU und Abkommen mit nationalen Regierungen. So können unbewusste Vorurteile in der Berichterstattung fortbestehen.

Darüber hinaus könnte Van Dessel trotz ihrer Sensibilität für lokale Handlungsspielräume und die Machtungleichgewichte, die der Umsetzung von MICs zugrunde liegen, auch eine eurozentrische Voreingenommenheit vorgeworfen werden. Während die Perspektiven von europäischen Geldgebern und Akteuren der Entwicklungshilfe gründlich analysiert wurden, fanden ihre afrikanischen Pendants weniger Beachtung. Die Studie erwähnt nur am Rande die verhaltene Aufnahme von MICs seitens senegalesischer und nigerianischer staatlicher Behörden[31]. Tatsächlich räumt Van Dessel ein, dass ihr transnationaler, vergleichender Ansatz nicht dazu geeignet war, afrikanische Perspektiven auf MICs näher zu beleuchten.  Zum Teil war das auf sprachliche und zeitliche Einschränkungen zurückzuführen, die eine detailliertere oder ethnografische Analyse der Programmumsetzung im Hinblick auf ihre senegalesischen und nigerianischen Gesprächspartner verhinderten[32].

In gewisser Weise war das unvermeidbar; sie bestätigt die Gatekeeping-Funktion der an der Umsetzung von MICs beteiligten europäischen NGOs. Als belgische Forscherin führte sie die meisten ihrer Interviews mit Vertretern der europäischen Programmleitung auf hoher Ebene, im Gegensatz zu ihren afrikanischen Gesprächspartnern.[33]

Euro-afrikanische Migrationsdiplomatie und Anti-Migrationspropaganda

Van Dessel kommt zu dem Schluss, dass drei sich gegenseitig verstärkende Logiken die Politik der Non-Mobilität erklären, die den MICs zugrunde liegt[34]: die Verschleierung von Abschreckungszielen, der Wunsch, die Bestrebungen potenzieller afrikanischer Migranten zu kontrollieren, und das Monopol auf Wahrheitsansprüche rund um die Mobilität von Menschen. Sie stellt eine Verlagerung des Schwerpunkts der europäischen Migrationspolitik fest.  Aus einer Strategie zur Verhinderung irregulärer Migration aus angeblich humanitären Gründen ist eine klare Strategie der Sedentarisierung, also der Sesshaftmachung, geworden.

Irreguläre Migration wird auf ein Problem der Fehlinformation reduziert und Immobilität als lokale Befähigung statt Einschränkung umgedeutet.  Eine hierarchische Sichtweise auf menschliche Mobilität wird normalisiert, in der es einigen Bevölkerungsgruppen freier steht, Grenzen zu überschreiten, als anderen.

Mit anderen Worten: Es soll sichergestellt werden, dass Afrikaner in Afrika bleiben. Van Dessel geht sogar so weit, MICs als «Anti-Migrationspropaganda» zu bezeichnen. Ihre Untersuchung macht es schwer, ihrer Schlussfolgerung zu widersprechen. Die Studie bietet wichtige Einblicke in die Paradoxa, die die Beziehungen Europas zum „globalen Süden“ weiterhin (über)bestimmen[35]. MICs sind ein wahrhaft „euro-afrikanisches“ Politikinstrument. Wie Van Dessel deutlich aufzeigt, sind Abschreckungsbemühungen nicht einfach eine von oben verordnete Maßnahme, sondern werden von lokalen afrikanischen Eliten und Vermittlern in einer sich gegenseitig verstärkenden Dynamik wiederverwendet[36]. Sie sind daher das Ergebnis ständiger Verhandlungen zwischen europäischen und afrikanischen politischen Eliten[37] und beleuchten die Verbreitung ihrer jeweiligen ideologischen Annahmen, Werte und Diskurse rund um die Mobilität von Menschen[38]. Sie sind zudem charakteristisch für die widersprüchlichen, bisweilen paternalistischen und zweifellos schizophrenen Impulse, die Europas postkoloniale Beziehungen zum afrikanischen Kontinent untermauern[39].

Auch wenn die humanitären Ambivalenzen der von der EU finanzierten MICs im Gegensatz zur offenen, diskursiven Gewalt australischer oder amerikanischer Informationskampagnen stehen, erinnern sie dennoch an die dunkelsten Episoden der Kolonialgeschichte. Dies zeigt sich auch in der Einbindung von Rückkehrern, manchmal gewaltsam abgeschoben, als lokale Sprachrohre für migrationsfeindliche Narrative.

Van Dessels Argumente ließen sich jedoch noch weiter ausführen. Die Welt scheint sich auf einen postliberalen Konsens zuzubewegen, in dem die Freizügigkeit und der freie Personenverkehr – Prinzipien, die einst im Zentrum des europäischen Projekts standen – zunehmend an allen Ecken und Enden kontrolliert werden, auch innerhalb Europas selbst[40] . Jüngste Änderungen in der EU-Migrationspolitik bestätigen solche Trends[41]; so wurde den Mitgliedstaaten kürzlich gestattet, Abschiebungen in „kooperative“ afrikanische Staaten zu erleichtern[42], in Fortführung des angelsächsischen Modells der „sicheren Drittstaaten“ »[43]. Zeitgleich mit dem Aufkommen innerstaatlicher nationalistischer Tendenzen unter den traditionellen europäischen Gebern für Länder mit mittlerem Einkommen[44] schrumpfen die Hilfsbudgets, während die Programmplanung nun ausdrücklich an Bemühungen geknüpft ist, das Recht auf transnationale Mobilität einzuschränken – was im Widerspruch zu den Prinzipien der Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit und den liberalen Werten steht, die europäische Akteure einst angeblich durch ihre Politik förderten[45].

Weitere Untersuchungen wären sicherlich erforderlich, um diese strategische Neuausrichtung in Europas Migrations- und Entwicklungshilfediplomatie zu verstehen. Welche Entwicklungen in der europäischen Entwicklungshilfe- und Migrationspolitik könnten wir in diesem illiberalen Zeitgeist[46]in Zukunft erwarten?

Zweitens sind Van Dessels Überlegungen besonders relevant in einer Zeit wachsenden Wettbewerbs mit außereuropäischen Akteuren, die versuchen, mit ihren eigenen journalistischen Modellen und Normen in afrikanische Informationsökosysteme einzugreifen[47]. Selten sind diese mit einer aufrichtigen Verteidigung der Rechte von Migranten, der Meinungsfreiheit oder internationaler humanitärer Prinzipien vereinbar. Darüber hinaus bieten Senegal und Niger, die beiden Länder, die im Mittelpunkt ihrer Forschung standen, heute Einblicke in die Paradoxa der Externalisierung der europäischen Migrationspolitik. In Niger führte der militärische Machtwechsel im Jahr 2023 zu einem Bruch in der Migrationszusammenarbeit mit der EU[48]. Im Gegensatz dazu hat sich im Senegal[49] die souveränistische und antiwestliche Rhetorik der nationalen Eliten nicht in einer klaren Trennung von der EU niedergeschlagen. Im Gegenteil, wie im Fall von Tunesien und Libyen[50] setzt sich die Zusammenarbeit mit Europa im Bereich der Grenzkontrolle trotz diplomatischer Spannungen fort.

Schließlich unterstreicht die Globalisierung von ausgrenzendem Ethnonationalismus und migrationsfeindlichen Stimmungen die Spiegeleffekte zwischen dem globalen Norden und Süden. Das Recht auf transnationale Mobilität – und die internationalen humanitären Normen, die ihm zugrunde liegen – werden zunehmend in Frage gestellt, während Verteidiger von Migrantenrechten sowohl in Europa [51] als auch in Afrika [52]  häufiger abgestraft werden.

 

Nachweise:

[1]Pagogna, Raffaella, et Patrick Sakdapolrak. « Disciplining migration aspirations through migration information campaigns: A systematic review of the literature ». Geography Compass 15, no 7 (2021): e12585. https://doi.org/10.1111/gec3.12585.

[2] Boyer, Florence, Bachirou Ayouba Tinni, et Harouna Mounkaila. « L’externalisation des politiques migratoires au Niger. Une action publique opportuniste ? » Anthropologie & développement, no 51 (décembre 2020): 103‑19. https://doi.org/10.4000/anthropodev.986.

[3]      See, for example, Trauner, Florian, Jan-Paul Brekke, Ilke Adam, Omar N. Cham, et Kjersti Thorbjørnsrud. « ‘It’s not about the information, it’s about the situation’: understanding the misalignment between EU deterrence messaging and migrants’ narratives ». Journal of Ethnic and Migration Studies 0, no 0 (2024): 1‑17. https://doi.org/10.1080/1369183X.2024.2333865.

[4] Zaun, Natascha, et Olivia Nantermoz. « Depoliticising EU migration policies: the EUTF Africa and the politicisation of development aid ». Journal of Ethnic and Migration Studies 49, no 12 (2023): 2986‑3004. https://doi.org/10.1080/1369183X.2023.2193711.

[5]Bartels, Inken. « ‘We must do it gently.’ The contested implementation of the IOM’s migration management in Morocco ». Migration Studies 5, no 3 (2017): 315‑36. https://doi.org/10.1093/migration/mnx054.

[6] « pratiquement tous commençaient systématiquement par déclarer que le but des campagnes qu’ils mènent n’est pas de « dissuader la migration », mais plutôt d’informer ou de sensibiliser les migrants (potentiels) ». Van Dessel, 2025, p. 192

[7]`Sardan, Jean-Pierre Olivier de. « 1. Les modèles voyageurs face à l’épreuve des contextes ». In La revanche des contextes : Des mésaventures en ingénierie sociale en Afrique et au-delà. Karthala, 2021. https://shs.cairn.info/la-revanche-des-contextes–9782811123628-page-23.

[8] Van Dessel, 2024, p. 346

[9] „To distance himself from an approach he does not endorse, he insists on the difference between information imposed from the outside—which is doomed to fail—and what he sees as the true purpose of MICs: creating a dialogue to produce information with the communities concerned.“ (Van Dessel, 2024, p. 196) ….„For me, awareness-raising doesn’t mean that we know and others don’t. It doesn’t mean that we understand and others don’t. For us, it’s about engaging in dialogue, because if we don’t, we’re just imposing preconceptions.“ (Van Dessel, 2024, p. 196)

[10] Gazzotti, Lorena. « (Un)Making Illegality: Border Control, Racialized Bodies and Differential Regimes of Illegality in Morocco ». The Sociological Review 69, no 2 (2021): 277‑95. https://doi.org/10.1177/0038026120982273.

[11]      e.g.  Koch, Olivier, et Tristan Mattelart. « La diplomatie publique à l’heure des réseaux:Mutations des stratégies et pratiques internationales d’influence médiatique ». Questions de communication 44, no 2 (2023): 7‑28. See also Mattelart, Tristan, Bernard Idelson, et Nicolas Pélissier. « Les mutations des stratégies transnationales d’influence médiatique des États. When States develop new transnational strategies of media influence ». Questions de communication 41, no 1 (2022): 105‑14. https://doi.org/10.4000/questionsdecommunication.28590.

[12] Van Dessel (2024), p. 385.

[13] Schenetti, Cecilia, Valentina Mazzucato, Sally Wyatt, et Djamila Schans. « Navigating Contradictions: Justifications and Imaginaries of the Initiators of European Migration Information Campaigns ». International Migration (2025). https://doi.org/10.1111/imig.13366.

[14] Van Dessel stützt sich auf die kritische Marketingliteratur, um den Begriff des „Unbranding“ näher zu erläutern: siehe Perzanowski, Aaron. 2010. « Unbranding, Confusion and Deception ». Harvard Journal of Law & Technology 24 (1), Fall. https://repository.law.umich.edu/articles/2611 abnd Sheff, Jeremy N. 2011. « The Ethics of Unbranding ». Fordham Intellectual Property, Media & Entertainment Law Journal 21, St. John’s Legal Studies Research Paper No. 1798879, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=1798879

[15] Seefar. 2018. « 3E Impact, Ethical, Engaged & Effective: Running communications on irregular migration from Kos to Kandahar ». Creative Commons.

[16] Leroy, Michel. The Sustainability Imperative in Media Development: A Critical Analysis of a Self-Serving Myth. Springer Nature Switzerland, 2025. https://doi.org/10.1007/978-3-031-83659-6. siehe pp. 29-30.

[17]Noske-Turner, Jessica. « 10 Years of Evaluation Practice in Media Assistance: Who, When, Why and How? » Nordicom Review 36, no s1 (2020): 41‑56. https://doi.org/10.1515/nor-2015-0028.

Noske-Turner, Jessica. Evaluating the Impacts of Media Assistance: Problems and Principles. 2014. See also A. Sofie Jannusch, Thomas R. Lansner (eds.) Measuring Change II – Expanding Knowledge on Monitoring and Evaluation in Media Development, 5th Symposium Forum Medien und Entwicklung (FoME) 12–14 Oct 2009

[18] Ambroso, Micol Sagal. « Offshoring and Outsourcing Border Control: The EU’s Use of Private Military and Security Companies ». Migration Policy Centre, 22 mars 2022. https://migrationpolicycentre.eu/offshoring-and-outsourcing-border-control-the-eus-use-of-private-military-and-security-companies/.

Zur italienischen Entwicklungspolitik, siehe JeuneAfrique.com. « Plan Mattei : Giorgia Meloni investit en Afrique pour mieux dire non à l’immigration ». Consulté le 23 juillet 2025. https://www.jeuneafrique.com/1699472/politique/plan-mattei-giorgia-meloni-investit-en-afrique-pour-mieux-dire-non-a-limmigration/.

[19]Pacciardi, Agnese, et Joakim Berndtsson. « EU border externalisation and security outsourcing: exploring the migration industry in Libya ». Journal of Ethnic and Migration Studies 48, no 17 (2022): 4010‑28. https://doi.org/10.1080/1369183X.2022.2061930. See also

Simonneau, Damien. « Economic Interests and EU Border and Migration Control: From Security Hindrances to Market Opportunities ». In Research Handbook on the Institutions of Global Migration Governance. Edward Elgar Publishing, 2023. https://www.elgaronline.com/edcollchap/book/9781789908077/book-part-9781789908077-27.xml.

[20] Mangon, Simon. « Les contours du « journalisme sans frontières ». Sociologie politique de l’aide internationale aux médias (France, Jordanie, Tunisie). » Université d’Aix-Marseille, 2023.

[21] Zur gezielten Anwerbung von Journalisten in MICs in Westafrika, siehe Jinkang, Alagie, Valentina Cappi, et Pierluigi Musarò. « “Back Way”

Migration to Europe: The Role of Journalists in Disseminating Information Campaigns in The Gambia ». Journal of Borderlands Studies 38, no 6 (2023): 901‑18. https://doi.org/10.1080/08865655.2022.2156375.

[22] Dennison, Dr James. La communication et le retour volontaire assisté et la réintégration. International Centre for Migration Policy Development, 2024.

[23]Fine, Shoshana, et William Walters. « No place like home? The International Organization for Migration and the new political imaginary of deportation ». Journal of Ethnic and Migration Studies 48, no 13 (2022): 3060‑77. https://doi.org/10.1080/1369183X.2021.1984218.

[24]„A European communication agency representative recounts a heated dispute with the EU Delegation in Dakar (DG DEVCO) over the practice of paying local journalists to cover an MIC campaign: I’m fine with covering their travel expenses, embedding them if needed, but I won’t pay journalists to write an article—that’s a no. But it was a battle! (laughs) It really was. ‘But it’s the local custom,’ they said. Well, at least let the journalists write what they want, right? (laughs) So that was a ‘no,’ and they weren’t happy about it at all. […] But if they want influencers, fine! Let it be treated as influencer marketing—just another tool. But don’t involve journalists, because that corrupts the very profession. How can we claim to be building democracy if the funding body—the financial partner—is the first to corrupt local journalists?“ (Van Dessel, 2024, p. 302)

[25]« La collecte de données préliminaire à la mise en œuvre de MICs sert donc à compenser la méconnaissance des contextes locaux qui caractérise les acteurs internationaux en charge de développer de telles campagnes. Au Sénégal comme au Niger, ce sont donc le plus souvent des acteurs locaux, tels que des bureaux de consultance ou des centres de recherche universitaires, qui sont mis à profit pour mener des enquêtes sur la migration dans ces pays, et produire ainsi les profils-types des migrants potentiels qui serviront de base à la conception des MICs (GERM 2018). » (Van Dessel, 2024, p. 285)

[26] « La campagne d’information « The Migrant Project (TPM) » est une initiative de l’entreprise Seefar qui a été mise en œuvre dans différents contextes, en Asie, au Moyen Orient, en Afrique et en Europe. Cette campagne combine une approche interpersonnelle fondée sur le recrutement et la formation de conseillers « bouche-à-oreille » au sein des communautés locales, avec la publication de messages sur les réseaux sociaux ainsi que dans les médias. En Afrique de l’Ouest, elle a notamment été financée par la Commission européenne au Niger en 2018, et par le gouvernement allemand au Sénégal en 2021. » (Van Dessel, 2024, p. 267)

[27]“leur discours contribue dès lors à légitimer comme un état de fait l’accès inégal au droit à la mobilité que matérialise le rapport entre les utilisateurs internationaux des MICs et leur public cible » (Van Dessel, 2024, p. 204)

[28]« Selon Ruben Andersson (2014, 44‐45), les acteurs de la société civile africaine qui souhaitent bénéficier des financements européens dédiés à la gestion des migrations sont tenus d’obéir aux « règles du jeu de la dissuasion » auxquelles ces financements sont conditionnés. Toute la question demeure cependant de savoir quelles sont ces règles, » (Van Dessel, 2024, p. 204)

[29] Lugo-Ocando, Jairo. Foreign Aid and Journalism in the Global South: A Mouthpiece for Truth. Lexington Books, 2020. https://doi.org/10.5040/9781666992120.

[30]Mangon, Simon. « Les contours du « journalisme sans frontières ». Sociologie politique de l’aide internationale aux médias (France, Jordanie, Tunisie). » Université d’Aix-Marseille, 2023.

[31]Lambert, Laura. « Who Is Doing Asylum in Niger? State Bureaucrats’ Perspectives and Strategies on the Externalization of Refugee Protection ». Anthropologie & Développement, no 51 (décembre 2020): 51. https://doi.org/10.4000/anthropodev.976.

« les acteurs en charge de la mise en œuvre de ces projets blâment régulièrement les officiels de ce pays pour leur désintérêt et leur rechignement à prendre part aux réunions et aux événements auxquels ils seraient invités dans le cadre des MICs. Ci-dessous, un extrait d’entretien mené avec un employé d’une ONG italienne en charge d’une campagne financée par la Commission au Sénégal en 2021 illustre ce propos : (…) c’est qu’il y a aussi un manque d’intérêt, de la part des États, de l’État, des institutions régionales, à bloquer les départs. » (Van Dessel, 2024, p. 190) …  Il apparaît donc que, comme de nombreux États africains, le gouvernement sénégalais démontre peu d’intérêts à empêcher réellement la migration irrégulière depuis son territoire. L’attitude volontariste décrite par certains acteurs politiques européens vis-à-vis des MICs pourrait dès lors s’expliquer par leur volonté de se faire « bien voir » par leurs partenaires européens, en acceptant de coopérer autour de cet instrument moins sensible que d’autres, tels que les accords de réadmission » (Van Dessel, 2024, p. 191)

[32]« De ce fait, et bien que cela n’ait jamais été l’objectif, il est essentiel d’affirmer que cette thèse ne peut prétendre fournir une « perspective ouest-africaine » (Derrider et Pelckmans 2020) sur les MICs, ni plus généralement sur la politique migratoire européenne. » (Van Dessel, 2024, p. 391)

[33]« un responsable européen d’une ONG italienne, vivant lui-même au Sénégal, explique par exemple avoir spontanément fait le choix de confier aux employés sénégalais de cette même ONG toutes les activités de terrain liées au déroulement d’une MIC financée par la Commission : (…) la plupart de notre équipe est locale. Et donc on a des animateurs de terrain qui sont en charge, parce que si moi je vais parler avec eux (la population sénégalaise) sur la migration, ils vont dire bon, « vous êtes européen, vous ne connaissez pas la réalité d’ici ! ». Donc c’est nécessaire d’avoir du personnel local pour parler directement avec la population, pour parler dans leur langue, et pour avoir un lien un peu plus fort avec eux  …

« c’est leur superviseur européen qui se charge de présenter cette campagne et d’en répondre en leur nom, aux chercheurs européens comme aux journalistes. Ainsi, bien qu’elle confie aux intermédiaires locaux la pleine légitimé de parole face aux publics cibles des MICs, la norme pratique consistant à laisser ces acteurs occuper l’avant-scène ne vaut pas pour tous les types de publics. » (Van Dessel, 2024, p. 238)

[34]« C’est donc à travers la combinaison inédite de ces trois logiques complémentaires, la dissimulation de la dissuasion, l’immobilisation des populations et la revendication des idées légitimes, que s’observent les effets de l’essor des MICs sur la politique migratoire européenne. » (Van Dessel, 2024, p. 394)

[35] Ein umstrittener Begriff, den Van Dessel zwar nicht verwendet, den wir hier jedoch der Kürze halber heranziehen, um alle anderen Länder zu bezeichnen, die üblicherweise als außerhalb des westlichen Raums liegend angesehen werden, eine gemeinsame Kolonialgeschichte aufweisen und zum engen Kreis der traditionellen OECD-DAC-Geberländer gehören (d. h. West- und Nordeuropa, Kanada und die Vereinigten Staaten, Japan sowie Australien).

[36] azzoti, Lorena, Meissa Mouthaan, et Katharina Natter. « Embracing Complexity in ‘Southern’ Migration Governance ». Territory, Politics, Governance 11, no 4 (2022). https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/21622671.2022.2039277.

[37] Deridder, Marie, Lotte Pelckmans, et Emilia Ward. « Reversing the Gaze: West Africa Performing the EU Migration-Development-Security Nexus ». Anthropologie & Développement, no 51 (décembre 2020): 51. https://doi.org/10.4000/anthropodev.938.

[38] Für eine Analyse der Entwicklungen bei den Mobilitätsnormen im afrikanischen Kontext, siehe Zanker, Franzisca, et Amanda Bisong. Contested Mobility Norms in Africa: Reconciling Visions, Policies and Practice. Heinrich Böll Stiftung, 2024.

[39] Abdelmadjid, Salim. « Un concept africain d’Europe ». Noesis, nos 30‑31 (juin 2018): 151‑94. https://doi.org/10.4000/noesis.4279. See also Kundnani, Hans. « Le passé impensé : pour un récit critique européen ». Le Grand Continent, 26 octobre 2021. https://legrandcontinent.eu/fr/2021/10/26/le-passe-impense-pour-un-recit-critique-europeen/.

[40] German Federal Ministry of the Interior. « Limiting Irregular Migration and Protecting Internal Security: Border Checks at All German Land Borders to Start 16 September 2024 ». Consulté le 2 avril 2026. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/EN/2024/09/binnengrenzkontrollen_en.html?nn=9384552.

[41] Svorou, Tatiana. « Comment l’Europe vide le droit d’asile de sa substance ». Le Soir, 2 février 2026. https://www.lesoir.be/726176/article/2026-02-02/comment-leurope-vide-le-droit-dasile-de-sa-substance

[42] Camara, Mélissa. « Règlement “Retour” : “Ce qui se discute au Parlement européen n’est pas une réforme technique, c’est un basculement politique et moral” ».  Le Monde, 8 mars 2026.

[43] Ein Modell, das von Kanada, den Vereinigten Staaten, Australien und dem Vereinigten Königreich eingeführt wurde. Siehe Banerjee, Kiran, et Geoffrey Cameron. « Immigration Bureaucrats and the Development of the Canada-United States Safe Third Country Agreement ». Canadian Journal of Political Science/Revue canadienne de science politique 58, no 4 (2025): 848‑71. https://doi.org/10.1017/S0008423925000204.

Siehe auch Hamlin, Rebecca. 2014. Let Me Be a Refugee: Administrative Justice and the Politics of Asylum in the United States, Canada, and Australia. Oxford: Oxford University Press.

[44] Die MICs, die im Mittelpunkt von Van Dessels Fallstudien standen, wurden im Senegal und im Niger hauptsächlich von Deutschland und Italien (durch die GIZ oder indirekt über die EU und die IOM) finanziert.

[45] Cassarino, Jean-Pierre. « Using Development Aid as a Leverage in the EU’s External Relations: Challenges and Consequences ». Journal of Immigrant & Refugee Studies 23, no 1 (2025): 34‑46. https://doi.org/10.1080/15562948.2024.2413540.

[46] Malik, Matheo. « Contre le tournant civilisationnel de l’Union européenne ». Le Grand Continent, 7 septembre 2023. https://legrandcontinent.eu/fr/2023/09/07/contre-le-tournant-civilisationnel-de-lunion-europeenne/.

[47] Audinet, Maxime, et Kévin Limonier. « Le dispositif d’influence informationnelle de la Russie en Afrique subsaharienne francophone : un écosystème flexible et composite ». Questions de communication 41, no 1 (2022): 129‑48. https://doi.org/10.4000/questionsdecommunication.29005.

[48] Dauchy, Alizée. « La loi contre le trafic illicite de migrant·es au Niger. État des lieux d’un assemblage judiciaire et sécuritaire à l’épreuve de la mobilité transnationale ». Anthropologie & développement, no 51 (décembre 2020): 51. https://doi.org/10.4000/anthropodev.1006.

[49] Golovko, Katia. Talking Sovereignty, Practicing Alignment  Senegal’s Expanding Migration Cooperation with the EU. Clingendael Netherlands Institute of International Relations, 2026. https://www.clingendael.org/publication/senegals-expanding-migration-cooperation-eu.

[50] RFI. « Au Maghreb, les Subsahariens victimes de la politique européenne d’immigration – Carrefour du Maghreb ». 4 octobre 2025. https://www.rfi.fr/fr/podcasts/carrefour-du-maghreb/20260307-au-maghreb-les-subsahariens-victimes-de-la-politique-europ%C3%A9enne-d-immigration.

[51] Philips, Romain. « Un humanitaire arrêté, menacé d’extradition: la Grèce franchit un nouveau cap dans la criminalisation de l’aide aux migrants ». Europe. RFI, 22 mars 2026. https://www.rfi.fr/fr/europe/20260322-un-pas-de-plus-dans-la-criminalisation-de-l-aide-aux-migrants-un-humanitaire-arr%C3%AAt%C3%A9-en-norv%C3%A8ge-en-vue-de-son-extradition-en-gr%C3%A8ce.

[52] InfoMigrants. En Tunisie, des militants associatifs affrontent la justice pour avoir aidé des migrants – InfoMigrants. 17 octobre 2025. https://www.infomigrants.net/fr/post/67571/en-tunisie-des-militants-associatifs-affrontent-la-justice-pour-avoir-aide-des-migrants

Beitragsbild: Pixabay, vicxmendoza

Schlagwörter:, , , ,

Kommentare sind geschlossen.

Send this to a friend