Radikaler Zuhörer

20. Dezember 2019 • Qualität & Ethik • von

Gandhis gesammelte Werke umfassen rund zehn Millionen geschriebene Wör­ter. Einen großen Teil davon machen die Artikel aus, die er in seiner 40 Jahre andauernden journalistischen Laufbahn verfasste. Als Verleger und Redakteur entwickel­te er ethische Grundsätze, die noch heute, 150 Jahre nach Gandhis Geburtstag, zur Reflexion anregen.

Nach seinem Jura-Studium blieb Gandhi nur kurze Zeit in Indien, bevor er sich 1893 aufmachte, um in Südafrika Berufserfahrung zu sammeln. Tatsächlich kam es hier zur entscheidenden Weichenstellung in seinem Leben. Verschiede­ne Erfahrungen mit dem in der damaligen Kolonie vorherrschenden Rassismus wurden für Gandhi zu Schlüssel-Erlebnissen: In einem Gerichtssaal wies ihn der Richter an, seinen Turban abzusetzen. Gandhi weigerte sich, verließ das Gebäude unter Protest und berichtete den Vorfall an eine Zeitung – er betonte sein Recht, sich traditionell kleiden zu dürfen (Gandhi 1983: 67). Nur wenige Tage nach seiner Ankunft, so schreibt Gandhi in seiner Autobiografie, sei der Zwischenfall auf diesem Wege „zu einer unerwarteten Reklame“ (69) für ihn geworden.

Es war für Gandhi ein charakteristischer und geradezu selbstverständlicher Reflex, in jedwedem Konflikt sofort eine kommunikative Ebene zu suchen, was nicht nur den Austausch mit der Gegenseite einschloss, sondern oft ebenso eine Veröffentlichung und Erklärung des eigenen Standpunktes bedeutete. Dies ist ein Grund dafür, warum Gandhi in kürzester Zeit zu einer öffentlichen Person wurde.

Zu diesem Entwicklungsprozess gehörte auch die Einsicht, dass das gele­gentliche Schreiben für Zeitungen unzureichend und die damit einhergehende Abhängigkeit vom Wohlwollen der Redakteure unangemessen war für die Ziele, die Gandhi sich gesteckt hatte. Er brauchte ein eigenständiges Sprachrohr. 1903 gründete er deshalb die Indian Opinion, eine wöchentlich erscheinende Zeitung mit einer durchschnittlichen Auflage von 2000 Exemplaren. Gandhi war nicht nur Herausgeber, sondern schrieb auch einen Großteil der Artikel selbst und finanzierte die Indian Opinion anfangs mit Hilfe der Einnahmen aus seiner florie­renden Rechtsanwaltspraxis (Dhupelia-Mesthrie 2003).

1914 kehrte Gandhi nach Indien zurück. Dort erwartete ihn die zentrale Her­ausforderung seines Lebens: der Kampf um die indische Unabhängigkeit. Auch dieses Ziel konnte er nicht erreichen ohne adäquate journalistische Plattfor­men – dies hatten ihn seine Erfahrungen in Südafrika gelehrt. So übernahm er die englischsprachige Wochenzeitung Young India und das Blatt Navajivan, das in der Landessprache Gujarati erschien (Driessen 2002: 131).

Im Jahre 1933 gründete er zudem die Harijan, eine Wochenzeitung, deren einziges Ziel es war, die Lebenssituation einer bis dahin marginalisierten Bevöl­kerungsgruppe zu verbessern: ‚Harijans‘, Menschen Gottes, nannte Gandhi Angehörige der ‚Unberührbaren‘-Kaste, und ihnen widmete er diese Zeitung. Den ‚Unberührbaren‘ zu helfen und schließlich das Kastensystem gänzlich abzuschaffen – die Bewältigung dieser Aufgaben war aus Gandhis Sicht wesent­lich für den inneren Frieden Indiens (Bhattacharyya 1965: 55).

Es wird deutlich, dass die Wirkungsmechanismen der Medien essenzieller Teil der Strategie von Satyagraha waren (wie er den von ihm praktizierten gewaltfreien Kampf nannte). Diese Integration war jedoch für Gan­dhi nur möglich durch die strenge Einhaltung von Prinzipien im Umgang mit den Medien und vor allem in der Ausübung journalistischer Tätigkeiten:

1. Nutzwert

Nutzwertjournalismus unterscheidet sich qua definitionem von anderen journalistischen Formen durch „seine dominierende Kommunikationsabsicht, die den Rezipienten in einer Handlungsabsicht unterstützt“ (Eickelkamp 2004: 16). Dieses Ziel war in Gandhis Fall zunächst sehr allgemein gefasst, die Lebens­situation seiner Landsleute, insbesondere der Landbevölkerung Indiens, zu verbessern.

Praktische Ratschläge waren für ihn von einer solch übergeordneten Wichtigkeit, dass für Unterhaltung – etwa Artikel über Filme, Kunstausstellungen oder Sportereig­nisse – kein Platz mehr in seinen Zeitungen war. Selbst Sachinformationen, die keinen konkreten Nutzen hatten, empfand Gandhi als überflüssig (Driessen 2002: 136). In diesem Sinne stellte er fest:

“What is really needed to make democracy to function is not the knowledge of facts, but right education. And the true function of journalism is to edu­cate the public mind, not to stock the public mind with wanted and unwan­ted impressions.” (zit. n. Bhattacharyya 1965: 160)

Gandhi wollte aus erster Hand erfahren, was seine Leser beschäftigte. Er ging also selbst zu den Feldern in der Kleidung der Landarbeiter, setzte sich zu ihnen und redete mit ihnen in ihrer Sprache (Bhattacharyya 1965: 158). Dieser Austausch, diese Art der Recherche war mehr als bloße Informationsbeschaf­fung – er lernte seine Leser kennen, nahm teil an ihren Ängsten und Problemen.

2. Wahrhaftigkeit

Nach Gandhis Auffassung müsse es das Bestreben des Journalisten sein, die Wahrheit in seinen Artikeln widerzuspiegeln. Würden Journalisten hingegen die Wahrheit mutwillig verzerren, durch mangelnde Sorgfalt oder Gewissenhaftigkeit, so könnten sich die positiv-konstruktiven Funktionen des Journalismus ins verheerend Destruktive umkehren. Gandhi schrieb:

“The newspaper is a great power, but just as an unchained torrent of water submerges whole countryside and devastates crops, even so an uncontrolled pen serves but to destroy. If the control is from without, it proves more poisonous than want of control. It can be profitable only when exercised from within.” (Gandhi, zit. n. Gupta 2001)

Sich dieser Ambivalenz bewusst zu sein und sie zu bewältigen, darin sah Gandhi die größte Verantwortung des Journalisten.

Schon damals war sich Gandhi der Spannungsfelder zwischen Aktualität und sorgfältiger Recher­che, Informationsflut und Zeitdruck bewusst. Er wusste, dass es in täglich erscheinenden Zeitungen schwerer ist, wahrhaftig zu berichten als in wöchent­lich erscheinenden Blättern – auch seine Zeitungen erschienen wohl auch des­halb ausschließlich im wöchentlichen Rhythmus.

3. Verständlichkeit

Die Gewissenhaftigkeit des Journalisten sollte sich aus Gandhis Sicht in einer neutralen Sprache zeigen, in der die Person des Schreibers hinter dem Gedanken des Textes zurücktreten sollte. Der Schreibprozess bedeutete für Gandhi dem­entsprechend immer wieder eine kontemplative Übung in Selbstbeherrschung, gleichsam eine Selbsterkundung und Reflexion der eigenen Subjektivität. Fol­gendes Zitat ist ein Zeugnis dieses Vorgangs:

“The reader can have no idea of the restraint I have to exercise from week to week in the choice of topics on my vocabulary. It is a training for me. It enables me to peep into myself and to make discoveries of my weaknesses. Often my vanity dictates a smart expression or my anger a harsh adjective. It is a terrible ordeal but a line exercise to remove these weeds. The reader sees the page of Young India fairly well dressed up and sometimes, with Romain Rolland, he is inclined to say ›what a fine old man he must be,‹ Well, let the world understand that the fineness is carefully and prayerfully cultivated.” (Gandhi, zit. n. Bhattacharyya 1965: 80)

Keinesfalls duldete Gandhi Unhöflichkeit in seinen Zeitungen, auch in sei­nen Worten wahrte er den Grundsatz des Nichtverletzens. Zwar war er selbst bekannt für seinen feinen Humor, für seine ironischen Anspielungen – harmlo­se Spötterei hielt er im Meinungsstreit durchaus für legitim. Doch niemals hätte er in einer Auseinandersetzung die Grenze der Vulgarität überschritten (Bhatta­charyya 1965: 72).

4. Unabhängigkeit

Aus dem Gedanken heraus, dass Journalismus nichts sein kann als Dienst, ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit einer uneingeschränkten Loyalität des Journalisten gegenüber dem Leser. Nur wenn der Journalist vom Wunsch beseelt ist, mit seiner Arbeit ausschließlich dem Leser dienen zu wollen, entwickelt er auch den Willen, jene dafür notwendigen Grundsätze zu befolgen, die in den vorstehenden Abschnitten beschrieben wurden. Anderweitige, primär eigennüt­zige Beweggründe für journalistische Arbeit mussten aus Gandhis Sicht fatale Folgen haben. Er schrieb:

“It is often observed that newspapers published any matter that they have, just to fill in space. The reason is that most newspapers have their eyes on profits…. There are newspapers in the west which are so full of trash that it will be a sin even to touch them. At times, they produce bitterness and strife even between different families and communities.” (Gandhi, zit. n. Gupta 2001)

Wenn ein Produkt der Gemeinschaft nütze, so argumentierte er, sollte der Hersteller kein Geld dafür ausgeben müs­sen, dass Zeitungen für seine Ware werben. So schrieb Gandhi in seinen Blättern kostenlos und aus eigener Überzeugung über Produkte, die er als nützlich ein­stufte und von denen er glaubte, dass sie die Lage der armen Bevölkerung ver­besserten. War das Produkt jedoch schlecht, schadete es womöglich seinem Käufer, so war es aus Gandhis Sicht eine journalistische Sünde, den Leser mit Werbung zum Kauf zu verleiten.

Gandhi wehrte sich jedoch nicht nur gegen ökonomische Abhängigkeiten; er kämpfte auch gegen staatliche Einflussnahme. Seiner Meinung sollte die Presse ihren Verpflichtungen und Aufgaben frei und furchtlos nachgehen können und sich nicht von Regierungen einschüchtern lassen. Er forderte die Journalisten dazu auf, eher dabei zuzusehen, wie ihre Redaktionen geschlossen werden, als mit der Obrigkeit zu kooperieren (Driessen 2002: 147).

Gandhis Grundsätze sind nicht die eines Journalisten, der auf einer hypothe­tischen Ebene die Praxis idealisiert. Und auch nicht die Prinzipien eines Theore­tikers, denen unglaubwürdige Utopie anhaftet. Es sind vielmehr Zeugnisse einer praktischen Auseinandersetzung. Leserorientierung, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, Verständlich­keit, Unabhängigkeit – Gandhi predigte Tugenden, die noch heute als Quali­tätsmerkmale guter journalistischer Arbeit gelten. Gandhis Ethik ist Plädoyer für Publikumsnähe, mehr noch: Publikumsloyalität im Kontrast zu (Anzeigen-)Kundenloyalität; für nüchterne, wahrhaftige Berichterstattung, die versucht, die Leserinnen und Leser zu erheben und sie bei ihrer Entwicklung unterstützt, statt niedere Instinkte zu bedienen; ein Plädoyer für journalistische Demut, fürs Schweigen, wenn es nichts zu sagen gibt; für eine Sprache, die den Geist des Nichtverlet­zens in sich trägt und nicht zuletzt für Vielfalt und die Überzeugung, das auch die Schwächsten Gehör finden müssen, damit eine Gesellschaft funktionieren kann – was könnte zeitgemäßer sein?

Dieser Text ist eine Zusammenfassung des aktuell erschienenen Aufsatzes „Mittel der Macht – Gandhis journalistische Ethik“ in ‘Journalistik’

Bhattacharyya, Sailendra Nath (1965): Mahatma Gandhi. The Journalist. London, Asia Pub. House. URL: https://archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.220102/2015.220102.Mahatma-Gandhi_djvu.txt (31.10. 2019)

Dhupelia-Mesthrie, Uma (2003): History of the ›Indian Opinion‹ newspaper. https://www.sahistory.org.za/article/history-indian-opinion-newspaper (31.10.2019)

Driessen, Barbara (2002): „Mahatma“« Gandhi als Journalist. Mit der Waffe der Publizität; der „Salzmarsch“ von 1930 als moderne Medieninszenierung. London/Frankfurt/M., Holger Ehling Publishing

Eickelkamp, Andreas (2004): Was ist Nutzwertjournalismus? Nutzwertjournalismus: Eine Definition. In: Fasel, Christoph (Hrsg.): Nutzwertjournalismus. Konstanz, UVK, S. 14-21

Gandhi, Mahatma (1983): Mein Leben. Leipzig, Suhrkamp

Gupta, V.S.: Mahatma Gandhi And Mass Media. http://www.mkgandhi.org/mass_media.htm (31.10.2019)

 

Bildquelle: wikimedia.org

 

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