News Avoidance, News Fatigue: Neue Erkenntnisse auf der ICA 2026

18. Juni 2026 • Aktuelle Beiträge, Forschung aus 1. Hand, Internationales • von

Bildquelle: Pexels

In einer Zeit von Polykrise, Polarisierung und digitalem Umbruch sind auch die Mediennutzungsmuster der Publika tiefgreifenden Wandlungsprozessen unterworfen. News Avoidance und News Fatigue werfen zunehmend die Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Engagement der Bürger:innen in unterschiedlichen politischen Kontexten und Mediensystemen auf. In mehreren Panels griff auch die Jahrestagung der International Communication Association (ICA) Anfang Juni 2026 in Kapstadt diese Fragen auf.

Die Beziehung zwischen Publikum und Journalismus verändert sich

Das Panel „Audience Engagement and Disengagement in the Global Context“ beschäftigte sich mit der Frage, wie sich Publikumsbeziehungen zum Journalismus unter Bedingungen fragmentierter Öffentlichkeiten, wachsender Nachrichtenvermeidung und veränderter Mediengewohnheiten transformieren. Die Beiträge verbanden theoretische Reflexionen über Engagement mit empirischen Untersuchungen zu Nachrichtenvermeidung, Nachrichtenwahrnehmung und Wohlbefinden. Deutlich wurde dabei, dass Publikumshandeln zunehmend aktiv, selektiv und kontextabhängig verstanden wird – nicht mehr bloß als passive Nutzung oder Nicht-Nutzung von Nachrichten.

Einen konzeptionellen Überblick präsentierte Bernadette Uth mit ihrem Beitrag „Mapping the Landscape of Audience Engagement“. Sie zeigte, dass „Audience Engagement“ inzwischen sehr unterschiedlich definiert wird: als emotionale Bindung, aktive Partizipation, algorithmische Interaktion oder wirtschaftliche Nutzungsstrategie. Die Forschung bewege sich daher zwischen normativen Vorstellungen demokratischer Öffentlichkeit und plattformgetriebenen Logiken digitaler Sichtbarkeit. Engagement erscheine nicht mehr nur als journalistisches Ziel, sondern zunehmend als messbare Plattformressource. Gleichzeitig verwies Uth auf zentrale Herausforderungen: die starke Plattformabhängigkeit journalistischer Interaktionen, unklare Begriffsdefinitionen sowie Spannungen zwischen ökonomischer Aufmerksamkeit und demokratischer Öffentlichkeit.

Einen kulturvergleichenden Zugang präsentierten Tali Aharoni, Amy Ross Arguedas, Sayan Banerjee, Camila Mont’Alverne, Benjamin Toff, Rasmus Kleis Nielsen und Richard Fletcher mit ihrer Studie „Having Fun and Learning Something“. Die Forschenden untersuchten in vier Ländern, wie Nutzer:innen definieren, was als „Nachrichten“ gilt. Besonders interessant war der Befund, dass viele Befragte Nachrichten nicht mehr ausschließlich mit klassischer Politikberichterstattung verbanden. Unterhaltung, Serviceinformationen, Erklärformate und alltagsnahe Inhalte wurden zunehmend ebenfalls als journalistisch relevant wahrgenommen. Dadurch verschieben sich die Grenzen dessen, was ein Publikum unter „News“ versteht: Nachrichten wurden weniger über institutionelle Herkunft definiert als über wahrgenommenen Nutzen, Relevanz und persönliche Anschlussfähigkeit.

News Avoidance: Mehr als demokratische Apathie

Besonders differenziert fiel der Beitrag „The Politics of Disengagement“ von Renee Barnes, Shangyuan Wu und Melissa Innes aus. Die Studie wandte sich gegen die häufig vereinfachende Vorstellung, Nachrichtenvermeidung sei primär Ausdruck politischen Desinteresses oder demokratischer Apathie. Stattdessen interpretierten die Forschenden sie als Form „kontextueller Grenzziehung“ („contextual boundary-setting“), also als aktive Strategie, um emotionale Belastungen, Informationsüberforderung und Vertrauensprobleme im Umgang mit politischen Nachrichten zu regulieren.

Im Zentrum stand ein theoretisches Modell, das Nachrichtenvermeidung als dynamischen Prozess innerhalb spezifischer gesellschaftlicher Kontexte beschrieb. Die Forschenden unterschieden unterschiedliche Formen des Engagements– von aktivem und moderatem bis hin zu professionellem oder zufälligem Nachrichtenkontakt – sowie verschiedene Formen der Vermeidung: vollständige, selektive, temporäre oder plattformspezifische News Avoidance.

Verschiedene Strategien und Ursachen für die Vermeidung von Nachrichten

Besonders wichtig war die Analyse konkreter Vermeidungsstrategien. Die Teilnehmenden beschrieben sehr aktive Formen der Steuerung ihres Medienkonsums: Dazu gehörten das Stummschalten politischer Inhalte, Filtern und Entfolgen von Accounts, bewusstes Überspringen von Schlagzeilen, ein zeitlich begrenzter Nachrichtenkonsum oder der gezielte Plattformwechsel. Nachrichtenvermeidung erschien damit weniger als passiver Rückzug, sondern vielmehr als Form bewusster Selbstregulation innerhalb einer als belastend wahrgenommenen Medienumgebung.

Die Forschenden identifizierten zudem unterschiedliche Ursachen dieser Vermeidungspraktiken. Genannt wurden emotionale und psychologische Belastungen, Vertrauensprobleme, negative Stimmungslagen, wahrgenommene Sensationalisierung sowie praktische Überforderung durch permanente Informationsströme. Besonders interessant war, dass diese Motive je nach nationalem Kontext unterschiedlich ausgeprägt waren.

Nutzende formulieren neue Forderungen an Journalismus

Die vergleichenden Ergebnisse zwischen Australien und Singapur verdeutlichten diese Unterschiede besonders anschaulich: In beiden Ländern dominierte selektive statt vollständiger Nachrichtenvermeidung. Gleichzeitig zeigten sich jedoch unterschiedliche kulturelle und politische Akzentsetzungen. Australische Teilnehmende äußerten starke Kritik an medialer Voreingenommenheit, Sensationalismus, Negativität und Wiederholung politischer Konflikte. Nachrichtenvermeidung war hier häufig mit emotionaler Erschöpfung, Konfliktvermeidung und politischem Misstrauen verbunden.

Die Befragten in Singapur akzeptierten dagegen stärker die faktische Genauigkeit politischer Berichterstattung, kritisierten jedoch mangelnde analytische Tiefe, eingeschränkte Perspektivenvielfalt und begrenzte Relevanz. Vermeidungsverhalten entstand dort häufiger aus Effizienzüberlegungen, emotionaler Belastung und dem Eindruck begrenzter inhaltlicher Differenzierung. Für eine erneute stärkere Nachrichtennutzung wünschten sich die Teilnehmenden ausführlichere Analysen und vielfältigere Perspektiven.

Besonders zentral war der Befund, dass politische Nachrichten trotz Vermeidungsstrategien weiterhin als gesellschaftlich relevant angesehen wurden. Die meisten Teilnehmenden lehnten politische Information nicht grundsätzlich ab, sondern formulierten konkrete Bedingungen für erneutes Engagement: ausgewogenere Berichterstattung, höhere Transparenz, lösungsorientierter Journalismus, stärkere lokale Relevanz sowie differenziertere Perspektiven. News Avoidance erschien damit weniger als demokratische Abkehr, denn als Ausdruck enttäuschter Erwartungen an politischen Journalismus.

„Correlates to News Non-Use”: Gründe für Nachrichtenabstinenz sind vielfältig

Einen stärker systematisierenden Zugang verfolgten Erin Wertz und Magdalena Wojcieszak mit ihrem Beitrag „Correlates to News Non-Use“. Die Studie präsentierte eine systematische Übersicht über Faktoren, die mit Nachrichtenabstinenz zusammenhängen. Deutlich wurde, dass News Non-Use keineswegs monokausal erklärbar ist. Vielmehr wirken politische Einstellungen, Bildung, Vertrauen, soziale Milieus, Plattformlogiken und emotionale Belastungen zusammen. Besonders hervorgehoben wurde, dass Nachrichtenvermeidung zunehmend normalisiert werde und sich nicht mehr klar entlang klassischer demografischer Linien erklären lasse.

Den Abschluss bildete der Beitrag „The Social Side of News“ von Hannah Greber, Elena Broda, Sophie Lecheler und Cristian Vaccari. Die Studie beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Nachrichtennutzung und Wohlbefinden und stellte die weit verbreitete Annahme infrage, Nachrichtenkonsum schade grundsätzlich der psychischen Gesundheit.

Die präsentierten Ergebnisse zeichneten ein deutlich differenzierteres Bild. Die Forschenden zeigten, dass unterschiedliche Medientypen sehr verschiedene Zusammenhänge mit Wohlbefinden aufweisen. BBC-Nutzung war beispielsweise mit geringerer Häufigkeit negativer körperlicher Belastungseffekte verbunden. Kommerzielle Mediennutzung zeigte dagegen teilweise gegenteilige Muster. Gleichzeitig korrelierte die Nutzung klassischer Legacy-Medien stärker mit sozialem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit.

Weder klassische noch soziale Medien müssen der Psyche unweigerlich schaden

Besonders interessant war der Befund, dass Social-Media-Nutzung nicht ausschließlich negativ bewertet werden konnte. Die Studie deutete vielmehr darauf hin, dass soziale Medien unter bestimmten Bedingungen ebenfalls positive Zusammenhänge mit dem Wohlbefinden aufweisen können. Insgesamt fanden die Forschenden nur begrenzte Evidenz für einen generellen schädlichen Effekt von Nachrichtenkonsum auf das psychische Wohlbefinden.

Die Forschenden plädierten daher dafür, weniger isoliert auf „News“ zu schauen und stärker das gesamte Medienumfeld zu berücksichtigen. Nicht allein politische Nachrichten, sondern die Struktur digitaler Medienumgebungen insgesamt beeinflusse emotionale Erfahrungen und gesellschaftliche Orientierung.

Übergreifend machte das Panel deutlich, dass Publikumshandeln im digitalen Journalismus zunehmend aktiv, selektiv und reflexiv verstanden werden muss. Engagement und Disengagement erscheinen nicht länger als einfache Gegensätze, sondern als flexible Strategien der Orientierung innerhalb komplexer Medienumgebungen. Nachrichtenvermeidung wurde dabei weniger als demokratisches Defizit denn als Ausdruck veränderter Erwartungen an Relevanz, Glaubwürdigkeit und emotionale Zumutbarkeit journalistischer Kommunikation sichtbar.

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