
Moldawien wird oft als Land „zwischen Ost und West“ beschrieben, doch der Journalist und Medienforscher Victor Gotisan argumentiert, dass dieses Klischee eine wichtigere Realität verschleiert: Moldawien ist nicht bloß ein passiver geopolitischer Raum, sondern eine Gesellschaft, die ihre Zukunft aktiv gestaltet und dabei politischen Druck, wirtschaftliche Anfälligkeit und komplexe Herausforderungen im Informationsbereich bewältigt.
Moldawien, das zwischen Rumänien und der Ukraine liegt, erlangte 1991 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seine Unabhängigkeit. Die Bevölkerung ist überwiegend rumänischsprachig, doch auch große russischsprachige Gemeinschaften sind nach wie vor einflussreich. Der ungelöste Konflikt in Transnistrien und die autonome Region Gagausien spielen weiterhin eine bedeutende Rolle in der politischen Dynamik des Landes, insbesondere im Zusammenhang mit dem russischen Einfluss.
Ein gutes Ranking, aber anhaltende Schwachstellen
Victor Gotisan beschreibt Moldawiens Medienlandschaft als „pluralistisch, aber fragil“. Das Land belegt im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen 2026 Platz 31 von 180 Ländern und gehört damit zu den Ländern mit den besten Ergebnissen in Osteuropa. Gotisan warnt jedoch davor, dass Rankings allein nicht die alltäglichen Realitäten widerspiegeln, mit denen Journalisten und Nachrichtenorganisationen konfrontiert sind.
Sechs große Herausforderungen prägen das Umfeld, in dem unabhängige Medien agieren: wirtschaftliche Nachhaltigkeit, politischer Einfluss, Sicherheit, Personalmangel, sich wandelnde Mediennutzungsgewohnheiten und Desinformation.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines kleinen Medienmarktes
Die drängendste Herausforderung ist dabei wirtschaftlich. Moldawiens Werbemarkt ist äußerst begrenzt. Laut Gotisan konkurrieren rund 300 Medienunternehmen um einen Werbemarkt, der nur etwa 15 Millionen Euro wert ist. Infolgedessen sind viele unabhängige Medienhäuser stark auf Fördermittel angewiesen.
Diese Abhängigkeit macht verwundbar. Bis Anfang 2025 entfielen schätzungsweise 55 Prozent der gesamten externen Unterstützung für moldauische Medien auf US-amerikanische Förderprogramme. Viele unabhängige Medien gaben an, dass sie ums Überleben kämpfen müssten, sollten diese Mittel wegfallen. Obwohl der Einfluss von Oligarchen und politisch vernetzten Eigentümern in den letzten Jahren zurückgegangen ist, gehören Bedenken hinsichtlich Medienkonzentration und Eigentumsverhältnissen weiterhin zur Medienlandschaft.
Sicherheitsbedenken und Personalmangel
Im Vergleich zur Ukraine gilt Moldawien nicht als gefährliches Umfeld für Journalisten. Dennoch sind Medienmitarbeiter regelmäßig mit Online-Belästigungen, Einschüchterungskampagnen und verbalen Angriffen konfrontiert, insbesondere in Wahlkampfzeiten. Allein im Jahr 2025 wurden etwa 100 Vorfälle registriert, bei denen es zu Angriffen oder Einschüchterungen gegen Journalisten kam. Als besonders schwierig werden die Bedingungen in Transnistrien und Gagausien beschrieben.
Gleichzeitig leiden Redaktionen im ganzen Land unter schwerwiegendem Personalmangel. Regionale Medienunternehmen arbeiten oft mit Teams von nur drei bis fünfzehn Mitarbeitern, sodass Journalisten mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen müssen. Niedrige Gehälter und begrenzte Karriereaussichten erschweren die Personalbeschaffung, während viele ausgebildete Journalisten den Beruf verlassen, um besser bezahlte Stellen in den Bereichen Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit oder bei internationalen Organisationen anzunehmen.
Gotisan argumentiert, dass das Problem nicht nur finanzieller, sondern struktureller Natur ist: Moldawien bildet nicht genügend neue Journalisten aus, um diejenigen zu ersetzen, die den Beruf verlassen.
Der Flaschenhals Journalistenausbildung
Das Land verfügt nur über zwei universitäre Journalismusstudiengänge, die sich beide in der Hauptstadt Chișinău befinden, sowie über eine spezialisierte Journalistenschule. Zusammen bringen diese Einrichtungen jährlich etwa 70 Absolventen hervor. Nach Victor Gotisans Schätzung arbeitet letztlich nur etwa ein Viertel dieser Absolventen in Redaktionen.
Diese begrenzte Zahl an Nachwuchs trägt direkt zum Mangel an qualifizierten Medienfachkräften bei. Nachrichtenorganisationen haben zunehmend Schwierigkeiten, Kandidaten mit grundlegenden Schreibfähigkeiten zu finden, und müssen oft umfangreiche interne Schulungen anbieten. Selbst dann verlassen viele Neueinsteiger den Journalismus nach kurzer Zeit.
Die Herausforderung, so Gotisan, besteht nicht einfach darin, Absolventen hervorzubringen, sondern den Journalismus so attraktiv zu gestalten, dass talentierte Menschen in diesem Beruf bleiben.
Soziale Medien dominieren den Informationskonsum
Die Mediennutzungsgewohnheiten in Moldawien ändern sich rasant. Soziale Medien sind laut jüngsten Zielgruppenumfragen für mehr als 60 Prozent der Befragten zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Rund 70 Prozent geben an, soziale Medien täglich zu nutzen.
Das Fernsehen bleibt als Informationsquelle weiterhin sehr relevant und erreicht zu diesem Zweck immer noch rund 55 Prozent der Moldauer, doch hat sich der Schwerpunkt entscheidend in Richtung digitaler Plattformen verlagert. Facebook ist nach wie vor das am häufigsten genutzte soziale Netzwerk, während YouTube, TikTok, Instagram und Telegram ihre Reichweite deutlich ausgebaut haben.
Interessanterweise genießen traditionelle Medien trotzdem weiterhin ein höheres Maß an Vertrauen als Social-Media-Plattformen. Die fragmentierte digitale Landschaft schafft jedoch fruchtbaren Boden für Desinformation, die sich oft schneller verbreitet, als Journalisten und Faktenprüfer reagieren können.
Das innenpolitische Gesicht der Desinformation
Desinformation stellt eine der größten Herausforderungen für die moldauische Gesellschaft dar. Russische und kremlfreundliche Narrative zielen regelmäßig auf staatliche Institutionen, Wahlen, Sicherheitspolitik und Debatten über die nationale Identität ab.
Gotisan argumentiert jedoch, dass sich die Natur der Desinformation gewandelt hat. Anstatt überwiegend aus externen Quellen zu stammen, werden viele Narrative mittlerweile „domestiziert“ – also von lokalen Politikern, Medienpersönlichkeiten, Influencern, Unternehmensnetzwerken und Geistlichen neu verpackt und verstärkt.
Die Rolle religiöser Institutionen ist besonders bemerkenswert, da die orthodoxe Kirche nach wie vor die Institution in Moldawien ist, die das größte Vertrauen genießt. Medienorganisationen hingegen haben nach und nach das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren und rangieren mittlerweile hinter mehreren anderen Institutionen.
Medienkompetenz als strategische Antwort
Vor diesem Hintergrund ist Medienkompetenz zu einer wichtigen politischen Priorität geworden. Moldawien hat staatliche Strategien und ressortübergreifende Initiativen entwickelt, um diese an Schulen und Universitäten zu fördern. Obwohl Kurse weiterhin freiwillig sind, werden sie zunehmend von öffentlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt.
Gotisan sieht Medienkompetenz als eine der nachhaltigsten Antworten auf Desinformation. Anstatt sich ausschließlich auf reaktives Faktenchecking zu verlassen, argumentiert er, dass Gesellschaften ihre Bürger mit den Fähigkeiten ausstatten müssen, die erforderlich sind, um Informationen kritisch zu bewerten und zwischen zuverlässigen und irreführenden Inhalten zu unterscheiden.
Journalismus und der europäische Weg
Moldawiens mediale Herausforderungen vollziehen sich parallel zum umfassenderen europäischen Integrationsprozess des Landes. Während die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union bereits lange vor den aktuellen Beitrittsverhandlungen begann, hat die russische Vollinvasion der Ukraine Moldawiens europäischen Kurs beschleunigt. Das Land beantragte 2022 die EU-Mitgliedschaft, erhielt im selben Jahr den Kandidatenstatus und nahm 2024 offiziell die Beitrittsverhandlungen auf. Zuletzt eröffnete die EU das erste Verhandlungskapitel, die sogenannten „Grundlagen“.
Für Gotisan hängt die Zukunft des Landes nicht nur von politischen Reformen ab, sondern auch von der Widerstandsfähigkeit seines Mediensystems. Der Journalismussektor Moldawiens ist nach wie vor anfällig, doch seine Fähigkeit, unter wirtschaftlichem, politischem und informativem Druck den Pluralismus aufrechtzuerhalten, macht ihn zu einem wichtigen Fallbeispiel für demokratische Widerstandsfähigkeit.
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Schlagwörter:EU, Medienmarkt, Moldawien, Pressefreiheit

