Multipolare Weltordnung, multipolare Kommunikationswissenschaft?

20. Juli 2026 • Forschung aus 1. Hand, Internationales, Top • von

Auf der IAMCR-Konferenz in Galway wurde deutlich: Chinesische und westliche Kommunikationsforscher untersuchen dieselben geopolitischen Entwicklungen – stellen aber ganz unterschiedliche Fragen.

Wie verändern geopolitische Umbrüche Fragestellungen der Kommunikationswissenschaft? Auf der Jahreskonferenz der International Association of Media and Communication Research (IAMCR) an der Universität Galway in Irland deutet sich an: Nicht nur die internationale Politik, auch die Forschungsperspektiven entwickeln sich auseinander.

Viele chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten auf der IAMCR Studien zum Framing Chinas in internationalen Medien vor. Im Zentrum dieser Arbeiten standen letztlich die Fragen: Geht die Soft-Power-Strategie Chinas, die auch eine systematische weltweite Medienarbeit umfasst, auf? Wird von internationalen Medien ein positives Bild Chinas und seiner globalen Projekte wie der „Seidenstraßen-Initiative“ gezeichnet?

Auch Forschende aus Europa befassen sich vermehrt mit der Wahrnehmung Chinas in internationalen Medien. Sie nehmen die strategischen Narrative Chinas und die Berichterstattung in unterschiedlichen Mediensystemen und politischen Kontexten jedoch kritisch in den Blick.

Chinas Image in der Welt – Forschungsobjekt chinesischer Studien

Eine Studie von Liu Xinxin von der Communication University of China und Shi Jian von der Peking University untersuchte die Berichterstattung der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter über China zwischen 2019 und 2024. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel: Bis 2021 dominierten sogenannte „Dilemma Frames“, die sich vor allem auf Menschenrechte, die Ein-China-Politik oder innenpolitische Widersprüche konzentrierten. Seit 2022 verschob sich die Berichterstattung in Richtung eines sicherheitspolitischen „Threat Frames“.

Als Ursachen nennen die Autorinnen den russischen Angriff auf die Ukraine, Schwedens NATO-Beitritt sowie die wachsenden geopolitischen Spannungen zwischen China und dem Westen. Insgesamt waren 67 Prozent der untersuchten Berichte negativ, nur rund ein Drittel positiv oder neutral. Der „blinde Fleck“: Die Rolle Chinas im Ukraine-Krieg wurde in diesem Kontext ebenso wenig (kritisch) thematisiert wie Chinas Haltung zu Taiwan oder innenpolitische Themen.

Auch andere chinesische Beiträge bei der IAMCR fragten danach, wie China im Ausland wahrgenommen wird, wie sich Narrative des Globalen Südens über China und chinesische Projekte, etwa über die Belt and Road-Initiative, entwickeln, und wie China eine „alternative internationale Kommunikationsordnung“ prägen kann. Beispielhaft hierfür ist eine Studie von Yuefeng Qu von der Peking University: Sie untersuchte die Rolle französischer Auslandsmedien im Kontext mit der Sicherheitslage in der Sahelzone, in der auch China seinen Einfluss ausbaut.

Sie befasste sich mit der Legitimation französischer Außenpolitik und der Frage, wie sich in den Staaten des Sahel-Gebiets Narrative über Terrorismus, Sicherheit und regionale Stabilität zwischen 2013 und 2023 verändert haben. Die Studie konstatiert eine Legitimationskrise für französische Medien in den Sahel-Staaten, für die Medien der Sahel-Region hingegen eine „kommunikative De-Kolonisierung“. Massive Beschränkungen der Pressefreiheit in den Sahel-Staaten kamen nicht zur Sprache.

Der Westen blickt stärker auf Konflikte

In thematisch verwandten Beiträgen von Forschern und Forscherinnen, die an europäischen Universitäten tätig sind, verschob sich dagegen der Fokus. Ein Beitrag von Dechun Zhang, der an der Universität Kopenhagen forscht, verglich die Berichterstattung über chinesische Investitionen in Afrika in chinesischen, südafrikanischen und kongolesischen Medien. Ziel war es zu analysieren, wie verschiedene Medien-Akteure Infrastrukturprojekte framen.

Methodisch setzte die Studie auf eine vergleichende Inhaltsanalyse. Sie zeigte, wie chinesische Medien die Erfolge chinesischer Infrastrukturprojekte und Investitionen in Subsahara Afrika herausstellten, während regionale afrikanische Medien die Implementation der Projekte kritisch begleiteten und neben dem positiven Impact auf die lokale Wirtschaft auch die Frage nach den Folgen der chinesischen Schuldenpolitik für afrikanische Staaten aufwarfen.

Multipolare Kommunikationswissenschaft?

Es drängt sich der Eindruck auf: Die geopolitischen Verschiebungen, die seit einigen Jahren die internationale Politik prägen, spiegeln sich inzwischen auch in den Forschungsprogrammen der Kommunikationswissenschaft wider. Nicht nur die Welt wird multipolar – auch die wissenschaftlichen Fragestellungen, mit denen sie untersucht wird. Das bedeutet nicht, dass sich unterschiedliche wissenschaftliche Standards herausbilden. Im Gegenteil: Die vorgestellten Arbeiten orientieren sich weitgehend an denselben internationalen Methoden.

Was sich verändert, sind die Perspektiven, aus denen globale Entwicklungen betrachtet werden. Während ‚westliche‘ Forschung häufig multiperspektivisch und kritisch die Berichterstattung über geopolitisch relevante Themen vergleicht, interessiert sich die auf der IAMCR vorgestellte chinesische Forschung vor allem dafür, wie geopolitische Konflikte die internationale Wahrnehmung Chinas verändern. Die Vielzahl der präsentierten Beiträge aus China – dem zahlenmäßig am stärksten in der IAMCR repräsentierten Land – legt nahe, dass sich die chinesische Kommunikationswissenschaft inzwischen sehr systematisch mit dem Bild Chinas in der Welt befasst.

Dieser Eindruck entstand im Übrigen auch bei der Jahrestagung der International Communication Association vor wenigen Wochen in Kapstadt. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden – wenn die chinesischen Beiträge ebenso Chinas Haltung zu Pressefreiheit und seine geopolitische Rolle kritisch reflektieren würden. Dies scheint jedoch in den Beiträgen chinesischer Universitäten ein Tabu zu bleiben.

Beitragsbild: Pexels

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