Medienvertrauen und Autoritarismus: ein interdisziplinärer Ansatz

17. November 2021 • Pressefreiheit, Qualität & Ethik, Top • von

Unter dem Titel „Examining Media Trust in Post-Authoritarian Contexts“ geht Roman Winkelhahn in seiner Bachelorarbeit an der TU Dortmund der Frage nach, wie Zusammenhänge zwischen Erfahrungen mit autoritärer Medienpolitik und Medienvertrauen erforscht werden können. Für das EJO hat der Autor die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

Die Weltkarte zeigt alle gegenwärtigen autoritären Staaten (rot markiert) und alle Hybridsysteme (gelb markiert) basierend auf den Angaben im Global Democracy Index 2020 (erstellt mit mapchart.net).

Vertrauen – das ist nicht mehr und nicht weniger als die Überlegung eines rationalen Akteurs, eine Wette einzugehen oder nicht (vgl. Coleman, 1990, S. 99). Niklas Luhmann bringt in seinem Standardwerk „Vertrauen“ das titelgebende Phänomen mit dem Begriff Hoffnung in Verbindung: die Hoffnung darauf, dass die aus einer Unendlichkeit an möglichen Handlungen gewählte tatsächliche Handlung den größtmöglichen Nutzen bzw. den kleinstmöglichen Schaden mit sich bringt (vgl. Luhmann, 1989, S. 24; für eine mathematische Definition vgl. Coleman, 1990, S. 747).

Unter der Berücksichtigung, dass Vertrauen ein Element sozialer Interaktion ist und immer einen Vertrauenden und einen Vertrauten benötigt, kann Vertrauen des Weiteren als Mittel zur Reduktion sozialer Komplexität verstanden werden: die Zukunft ist aufgrund des Dualismus Vertrauender-Vertrauter doppelt kontingent, sie ist komplex und nicht jede Zukunft, so formulierte es Luhmann (1989, S. 12), wird Gegenwart werden. Vertrauen hilft uns dabei, Entscheidungen zu treffen, die darauf beruhen, dass wir das zukünftige Handeln unseres Gegenübers nur vermuten, aber nicht wissen können.

Doch was bedeuten diese doch sehr abstrakten Überlegungen nun konkret für die Forschung zu Medienvertrauen? Um diesen Bogen schlagen zu können, muss das Phänomen Vertrauen auf seine Kerndimension Glaubwürdigkeit („credibility“) reduziert werden. Kohring und Matthes (2007) führen in ihren Arbeiten zwar insgesamt vier solcher Dimensionen auf, im Folgenden liegt der Fokus jedoch auf dem Element der Glaubwürdigkeit.

Glaubwürdigkeit als Dimension von Vertrauen

Wir können Vertrauen nur schwer messen, zumindest auf der evaluativen Ebene: Zweifelsfrei lässt sich empirisch feststellen, ob eine Vertrauensbindung zwischen Person A und Person B besteht. Das ist die deskriptive Ebene. Weil Vertrauen jedoch in der Regel als erstrebenswert, also als gut, wahrgenommen wird – man also messbar machen müsste, ob Person A Person B vertraut, weil Person B durch eine oder mehrere gute Eigenschaften ausgezeichnet wird –, ist es kaum möglich zu fragen „Vertrauen Sie der Tagesschau und wenn ja, wieso?“ Es ist jedoch möglich, zu fragen, ob eine Person darauf vertraut, dass die Tagesschau Nachrichten verbreitet, die den Standards entsprechen, an denen journalistische Inhalte gemessen werden: Wahrhaftigkeit, Überprüfbarkeit und Unabhängigkeit (vgl. dazu u.a. Müller, 2013, S. 82-83). Strenggenommen wird dann jedoch nicht mehr Vertrauen gemessen, sondern Glaubwürdigkeit – das „Vertrauen in die Richtigkeit von Beschreibungen“ (Matthes & Kohring, 2003, S. 11).

Medienpolitik in autoritären Systemen

An dieser Stelle folgt ein Sprung hin zum historischen Kontext von Medienvertrauen am Beispiel der drei Mediensysteme, die Gegenstand der Arbeit sind: die ehemalige DDR (heute: „Ostdeutschland”), Taiwan und Südafrika. Gemein haben diese drei Systeme, dass es sich bei Ihnen um ehemals autoritär regierte Staaten handelt. Für die Medienvertrauensforschung relevant sind hier vor allem folgende Aspekte:

  • Missbrauch legislativer Kompetenzen zur Verbreitung oder Zurückhaltung von Information zu Gunsten des Regimes
  • (selektive) Kontrolle über Zugang zu Medien und Information
  • Kontrolle von Eigentümerschaft und Amtsvergabe an regimetreue Akteure

Hier erfolgt der kleine Sprung zurück zum Begriff der Glaubwürdigkeit und damit zur (dieser Arbeit zu Grunde liegenden) Frage danach, ob Erfahrungen mit autoritärer Medienpolitik einen nachhaltigen Effekt auf die Wahrnehmung von medialer Glaubwürdigkeit und damit auf das Medienvertrauen haben könnten – und wie dieser Zusammenhang erforscht werden kann.

Die DDR, Taiwan unter der Parteidiktatur der Kuomintang und Südafrika während der Apartheid waren drei unterschiedliche autoritäre politische Systeme (vgl. Merkel, 2010, S. 43-46), die mit ihrer Medienpolitik letztendlich jedoch alle einem Ziel folgten: dem Machterhalt, sei es durch Propaganda, Marktkontrolle oder Unterdrückung.

Es kann an dieser Stelle nicht detailliert auf alle Fallbeispiele eingegangen werden. Jedoch sollen hier kurz die Annahmen erläutert werden, die sich aus einer Analyse der Rahmenumstände in den drei Mediensystemen (Medienpolitik, Medienmarkt, politische und soziale Faktoren) während der drei Phasen Autoritarismus, Transition und Demokratie ableiten lassen. Diese sollen zu einem besseren Verständnis von Medienvertrauen im Kontext von Autoritarismus führen (und sind vor dem Hintergrund des Weiterbestehens autoritärer Systeme wie Russland und China höchst relevant und wissenschaftlich nachhaltig).

Vertrauensverlust und Populismus

In Deutschland bieten sich denen, die den „etablierten“ Institutionen nicht mehr vertrauen, politisch und medial ganz prominent zwei „Alternativen“ an: in den Parlamenten die AfD und am Kiosk klassische Massenpublikationen wie die Bild-Zeitung, aber auch Nischenblätter wie Tichys Einblick oder die Junge Freiheit (und viele weitere). In Taiwan weicht die China-kritische Jugend auf die sozialen Medien aus, die zwar enorm polarisiert, jedoch als standhaft gegenüber Chinas aggressiver Propagandamaschine erlebt wird. Diese Kanäle und Sprachrohre haben gemein, dass sie monologisch sind (vgl. Goertzel, 1994, S. 740): Sie stellen Sachverhalte dar, die nur plausibel erscheinen, weil sie die Gesamtrealität – also alle anderen, vor allem dissonante Sachverhalte – ausblenden.

Wird Vertrauen – wie Luhmann nahelegte – als Mittel zur Reduktion von sozialer Komplexität verstanden, weil der rationale Akteur eben danach strebt, Komplexität zu verringern, so erscheint es doch nur folgerichtig, dass dort, wo Vertrauen verletzt bzw. Glaubwürdigkeit verloren wurde, eine niedrige Komplexitätsschwelle an anderer Stelle dazu führt, dass neues Vertrauen aufgebaut wird. Oder anders formuliert: Ein Publikum, das jahrzehntelang systematisch von den Staatsmedien hintergangen wurde, wird sich tendenziell – oder zumindest in Teilen – einem neuen Medienangebot zuwenden, das die soziale Komplexität in einem solchen Maße reduziert (oder zu reduzieren vorgibt), dass für das Publikum eine subjektiv plausible Realität entsteht (vgl. dazu Habermas, 1981, S. 182-228). Das ist die Zeit der „Anwälte des Volkes“. Der Erfolg populistischer Politik und Medien im Osten Deutschlands ist nicht zuletzt auch ein Teil der Nachwehen der Medienpolitik einer autoritären Diktatur und des Versagens der Bundesrepublik, diese Wunden zu heilen (vgl. dazu auch Mükke, 2021).

Ein Vertrauensverlust in die Medien als Institution muss jedoch nicht gezwungenermaßen immer auf dem Handeln des Mediensystems selbst gründen. Goertzel (1994, S. 737) zeigt beispielsweise, dass der Glaube in Verschwörungstheorien mit Minoritätsstatus und Deprivation – also mit rein sozio-ökonomischen und politischen Faktoren – zusammenhängt. Objektive und subjektive Deprivation sind im Kontext von Autoritarismus und Demokratisierung immer wieder auftretende Phänomene und können auch im Vergleich Ost- und Westdeutschland oder innerhalb der Bevölkerungsgruppen Südafrikas nachgewiesen werden. Hier gilt es für die zukünftige Forschung, zu untersuchen, wie Deprivation und Mediennutzung, Medienvertrauen und beispielsweise die Übernahme von Informationen aus Fake News zusammenhängen (vgl. dazu auch Jakobs et al., 2021).

Zukunft der Medienvertrauensforschung

Nicht zuletzt hat die Covid-19-Pandemie dazu beigetragen, dass wir intensiver über Medienvertrauen diskutieren. Auch hat die Pandemie eines gezeigt: Lokaljournalismus ist systemrelevant. Nähe und lokale Relevanz nannte der Yale-Historiker Timothy Snyder einmal die Schlüsselfaktoren für funktionierenden, vertrauensvollen Journalismus. Die Community-Radios in Südafrika sind ein Erfolgsbeispiel dafür. Sie schafften es, die vor allem durch die Apartheid marginalisierten Gruppen in die Informationsgesellschaft einzubinden. Dies ist also die praktische Herangehensweise – der Weg, verlorenes Vertrauen möglichweise zurückzugewinnen: Menschen vertrauen dem Vertrauten, so formulierte es bereits Luhmann.

Für die Wissenschaft bedeuten die oben genannten Erkenntnisse, dass es zukünftig nötig sein wird, Medienvertrauen interdisziplinär zu erforschen. Eine von historischen, politischen und kulturellen Aspekten losgelöste Analyse – ein rein deskriptives die und dort – ergibt nur wenig Sinn, da das Problem des Vertrauensverlust nur gelöst werden kann, wenn wir seine Ursprünge innerhalb des gesamten sozialen Geflechts verstehen. Autoritarismus oder Deprivation sind dabei nur zwei mögliche Punkte, von denen zukünftige Forschung ausgehen kann und muss.

 

Winkelhahn, R. (2021). Examining Media Trust in Post-Authoritarian Contexts. A comparative approach towards the theoretical interconnection and operationalization of experiences with authoritarianism and perceptions of media credibility in three post-authoritarian media systems. Unveröffentlichte Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

 

Literatur:

Coleman, J. S. (1990). Foundations of Social Theory. Harvard University Press.

Goertzel, T. (1994). Belief in Conspiracy Theories. Political Psychology, 15(4), 731. https://doi.org/10.2307/3791630.

Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft (1. Aufl., Vol. 2). Suhrkamp.

Jakobs, I., Jackob, N., Schultz, T., Ziegele, M., Schemer, C., & Quiring, O. (2021). Welche Personenmerkmale sagen Medienvertrauen voraus? Publizistik, 66, 463-487. https://doi.org/10.1007/s11616-021-00668-x.

Kohring, M., & Matthes, J. (2007). Trust in News Media. Development and Validation of a Multidimensional Scale. Communication Research, 34(2), 231–252. https://doi.org/10.1177/0093650206298071.

Luhmann, N. (1989). Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität (3. Aufl.). Enke.

Matthes, J., & Kohring, M. (2003). Operationalisierung von Vertrauen in Journalismus. Medien & Kommunikationswissenschaft, 51(1), 5–23. https://doi.org/10.5771/1615-634x-2003-1-5.

Merkel, W. (2010). Systemtransformation: Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung (2. Aufl.). VS, Verl. für Sozialwiss.

Mükke, L. (2021). 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung.: Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest? (OBS-Arbeitspapier No. 45). Frankfurt/Main. Otto Brenner Stiftung. https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AP45_Mediale_Spaltung.pdf.

Müller, J. (2013). Mechanisms of Trust: News Media in Democratic and Authoritarian Regimes. Campus Verlag.

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Schlagwörter:, , , , ,

Kommentare sind geschlossen.

Send this to a friend