Demokratische Institutionen geraten ins Wanken – und mit ihnen Journalismus und Öffentlichkeit. Otfried Jarren plädiert dafür, dass Kommunikationswissenschaft nicht nur beobachtet, sondern aktiv an der Neugestaltung beteiligt ist.

Prof. Otfried Jarren (links) beim Eröffnungspanel der DGPuK. V.l.n.r. Prof. Birgit Stark, Prof. Annika Sehl, Prof. Marlies Prinzing, Dr. Stefan Schmitt. Foto: Susanne Fengler
Das Institut für Journalistik der TU Dortmund hat vom 18. bis 20. März 2026 die 71. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) ausgerichtet. In seiner Keynote stellte Prof. Dr. Otfried Jarren (Universität Zürich/Freie Universität Berlin) die Frage nach der Rolle der Kommunikationswissenschaft in einer sich wandelnden demokratischen Kommunikationsgesellschaft. Unter dem Titel „Advocacy für eine demokratische Kommunikationsgesellschaft“ thematisierte er den wachsenden Druck auf zentrale Institutionen – und plädierte für eine aktivere Rolle des Fachs.
Die Keynote fügte sich damit in das übergreifende Tagungsthema „#Wissenschaft #Kommunikation #Demokratie“ ein, das die Konferenz prägte. Im Zentrum stand die Frage, wie sich öffentliche Kommunikation unter den Bedingungen digitaler Plattformen, ökonomischer Zwänge und technologischer Innovationen verändert – und welche Verantwortung Wissenschaft und Journalismus dabei für demokratische Öffentlichkeit und Meinungsbildung tragen. Jarrens Beitrag griff diese Leitfragen auf, indem er die Rolle von Institutionen im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Wandel und demokratischer Stabilität neu bestimmte.
Vertrauensverlust, institutionelle Erosion und Konkurrenz der Institutionen
Jarren diagnostiziert eine umfassende Krise traditioneller Institutionen in westlichen Demokratien. Journalismus, Medien und Wissenschaft sehen sich mit sinkendem Vertrauen und wachsender Kritik konfrontiert. Diese Entwicklung ist sowohl auf interne Veränderungen als auch auf externe Faktoren zurückzuführen – insbesondere auf neue Technologien wie Plattformen, Algorithmen und KI, die selbst zu institutionellen Akteuren werden. Ein zentrales Motiv der Keynote ist die „Konkurrenz von Institutionen“. Klassische intermediäre Institutionen wie Journalismus und öffentliche Medien, die lange die öffentliche Meinungsbildung prägten, stehen heute im Wettbewerb mit digitalen Plattformen. Diese Plattformen fungieren nicht nur als Technologien, sondern als neue Organisationsformen, die Kommunikation strukturieren, ohne an Mitgliedschaft oder normative Bindungen geknüpft zu sein.
Ein grundlegender sozio-technischer Umbruch
Für Jarren handelt es sich nicht um eine vorübergehende Krise, sondern um einen grundlegenden Wandel. Der aktuelle Prozess stelle einen „Durchbruch“ dar, in dem institutionelle Ordnungen neu konfiguriert werden. Dabei wird sichtbar, dass Institutionen historisch gewachsen und veränderbar sind. Zunehmende Komplexität, organisatorische Ausdifferenzierung und steigende Erwartungen tragen zur aktuellen Überforderung bei. Anhand von Journalismus und öffentlich-rechtlichem Rundfunk zeigt Jarren, wie sich institutionelle Unsicherheiten konkret manifestieren. Journalismus sieht sich mit unklaren professionellen Rollen und Legitimationsfragen konfrontiert – etwa hinsichtlich seiner Funktion, Organisation und Finanzierung. Gleichzeitig leidet der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter organisatorischer Fragmentierung und Identitätsproblemen.
Neue Aufgaben für die Kommunikationswissenschaft
Vor diesem Hintergrund fordert Jarren eine Neuausrichtung der Kommunikationswissenschaft. Sie solle sich stärker an der Analyse und Gestaltung institutioneller Veränderungen beteiligen.
Dazu gehören:
• neue theoretische und empirische Zugänge
• die Ko-Produktion gesellschaftlichen Wissens
• Beiträge zur Gestaltung von Kommunikationsstrukturen
• eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit
Gleichzeitig betont er die Notwendigkeit wissenschaftlicher Unabhängigkeit.
Perspektive: Demokratische Kommunikationsgesellschaft
Die Keynote versteht die Kommunikationswissenschaft als zentralen Akteur in der Entwicklung einer demokratischen Kommunikationsgesellschaft.
Angesichts wachsender Einflüsse technologischer und politischer Akteure auf Kommunikationsstrukturen sieht Jarren das Fach in der Verantwortung, diese Entwicklungen nicht nur zu analysieren, sondern aktiv mitzugestalten.
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Schlagwörter:Demokratie, DGPuK, Kommunikationswissenschaft, Medienvertrauen, Zukunft der Medien

