Wenn der Druck zu groß wird

12. Februar 2019 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Journalismus ist in diesen Tagen in Frankreich ein harter Job. Französische Journalisten müssen nicht nur rund um die Uhr einsatzbereit sein, sondern werden auch regelmäßig angefeindet.

Die Anfeindungen, denen viele Journalisten bei den Gelbwesten-Protesten ausgesetzt sind, hat ihr Stresslevel erhöht.

Die Geringschätzung gegenüber Journalisten – vor allem denen, die für Mainstream-Medien arbeiten – rückte während der Proteste der „gilets jaunes“ (Gelbwesten) in den Fokus, bei denen mehrere Reporter körperlich angegriffen wurden – sowohl von Protestierenden als auch von der Polizei.

Besonders Journalisten des Nachrichtenkanals BFM TV waren ein beliebtes Ziel. Viele Protestierende warfen dem 24-Stunden-Fernsehsender vor, nicht ausgewogen zu berichten, sondern Regierungspropaganda zu verbreiten. So sagte ein Demonstrant zu einer Gruppe Journalisten: „Unser Protest scheint die Regierung viel zu kosten! Sie muss die Ordnungskräfte bezahlen – und die Journalisten!“

Die Feindlichkeit gegenüber Journalisten war teilweise so heftig, dass sie die Logos ihrer Medienhäuser auf ihren Mikrofonen versteckten. Einige Medienunternehmen stellten ihren Reportern sogar Bodyguards zu Verfügung.

Andere Gruppen scheinen die Situation für ihre eigenen Interessen zu nutzen: Nachdem Ende Januar Räumlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Radionetzwerks France Bleu in Grenoble in Brand gesetzt wurden, feierte eine anarchistische Gruppierung den Brandanschlag.

Für viele Journalisten – die schon seit Jahren dem wachsenden Druck der Rund-um-die-Uhr-Nachrichten-Maschinerie ausgesetzt sind – sind diese Entwicklungen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Verfügbarkeit rund um die Uhr

Der pausenlose Druck in den Redaktionen ist so belastend, dass einige Journalisten – viele von ihnen noch relativ jung – deshalb den Beruf wechseln.

„Man sollte an sieben Tagen in der Woche verfügbar sein, weil die Nachrichten keine Pause machen“, soll ein Nachrichtenchef beim Sender BFM TV gesagt haben.

Alle Journalisten, nicht nur in Frankreich, sind sich schon bei der Berufswahl bewusst, dass sie lange und unregelmäßige Arbeitszeiten haben werden. Ihnen ist bewusst, dass man nie planen kann, wann etwas passiert und dass man für Breaking News jederzeit alles stehen und liegen lassen muss.

Aber diese ständige Verfügbarkeit, ohne jemals abschalten zu können, fordert ihren Tribut, selbst von jungen Journalisten, die erst im Laufe dieses Jahrzehnts in den Beruf eingestiegen sind.

„Wenn ich ins Bett gehe, weiß ich nicht, ob ich mein Handy ausschalten sollte, oder ob ich wie ein Tier im Scheinwerferlicht davorsitzen sollte, um auf keinen Fall einen Anruf meines Chefs zu verpassen“, sagte ein 31-jähriger Journalist von BFM TV.

Die konstante Flut aus E-Mails, Anrufen und WhatsApp-Nachrichten, die auch an freien Tagen nicht aufhört, könnte mit dazu beitragen, dass einigen großen französischen Nachrichtenmedien inzwischen die Mitarbeiter abwandern.

Als NextRadioTV – die Mediengruppe, der auch BFM TV gehört – seinen Mitarbeitern Ende 2018 großzügige Abfindungen bei freiwilliger Beendigung des Arbeitsverhältnisses anbot, nahm ein Drittel der 700 Journalisten dieses Angebot an.

„Eine sehr französische Besessenheit”

Nicht nur bei BFM TV wurden Stellen gestrichen. Zwischen 2016 und 2017 ist die Zahl der arbeitenden Journalisten in Frankreich um 15% gesunken. Der öffentlich-rechtliche Sender France TV kündigte im Januar an, die Zahl der Mitarbeiter bis 2022 um 1000 zu verringern – das sind fast 10% der Angestellten. Dies solle möglichst ohne Zwangsentlassungen geschehen.

Die Streichungen erhöhen unvermeidlich den Druck auf die, die bleiben. Unsicherere Arbeitsverhältnisse und die Notwendigkeit, mit weniger Leuten mehr zu leisten, führen dazu, dass Präsentismus zu einer Geißel für Arbeitnehmer in Frankreich wird, nicht nur in der Medienbranche.

Ein aktueller Bericht in der Tageszeitung Le Monde beschreibt Präsentismus als „eine typisch französische Besessenheit, ebenso verbreitet wie unproduktiv“ und betont, wie absurd der Trend hin zu langen Arbeitszeiten in einem Land ist, das noch vor zwei Jahrzehnten die 35-Stunden-Woche im Gesetz festschrieb.

Unter Journalisten heißt es, so viel Druck aufzubauen, sei nicht nachhaltig. „Wir sind die letzte Generation von Journalisten, die rund um die Uhr Nachrichten präsentiert“, sagte der 31-jährige Journalist von BFM TV – nachdem er seine Kündigung eingereicht hatte.

Bildquelle: Sébastien Huette / Flickr CC: Les gilets jaunes manifestent à Avignon; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Übersetzt aus dem Englischen von Johanna Mack

 

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