Abseitsfalle für Sportjournalisten?

31. März 2016 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik, Ressorts • von

Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften: Mega-Events im Sport gehören zweifellos zu den populärsten Themen der Medienberichterstattung in Deutschland. Nicht nur Athleten und Veranstalter, sondern auch Medienmacher werden bei Großveranstaltungen zu Höchstleistungen herausgefordert.

interview-193665_1920Sportjournalisten obliegt die Aufgabe, distanziert und unabhängig von den Ergebnissen und Erlebnissen vor Ort zu berichten, die Frage ist jedoch: Inwieweit ist dies in einer zunehmend ökonomisierten und medialisierten Sportlandschaft noch möglich?

Mit dieser Frage beschäftigte sich die Autorin in ihrer Bachelorarbeit und interviewte dazu sieben Sportjournalisten aus Print-, Rundfunk- und Onlinemedien.

Die Interviews zeigen: Je höher das Medieninteresse am Event, desto eingeschränkter die Arbeitsbedingungen der Sportjournalisten vor Ort. Während Sportredaktionen möglichst exklusives Material erwarten, können Journalisten zunehmend nur auf das zurückgreifen, was in der Mixed Zone, wo Sportler und Berichterstatter zusammentreffen, und auf Pressekonferenzen preisgegeben wird. Vereine, Verbände und Veranstalter stellen sich mit steigender Selbstverständlichkeit zwischen die Sportjournalisten und Athleten.

Besonders im Fußball scheint die Situation prekär zu sein. „Bei anderen Sportarten ist es noch ein bisschen anders, da ist immer noch mehr die Not da, dass man die Medien braucht. Sobald jedoch die Medien die Spieler brauchen, wird es schwierig“, stellt Florian Weiß fest. Als Reporter bei Sport1 berichtet er schwerpunktmäßig vom Fußball und vom in Deutschland weniger populären Basketball – und kennt somit beide Seiten. „Je größer das Event, desto mehr Journalisten, desto mehr wird auch mal mit Ellenbogen gekämpft“, berichtet er vom Ablauf in der Mixed Zone beim Fußball. Richtig interessant werde eine Geschichte jedoch erst durch exklusives Material. Rechteinhaber von Sportgroßveranstaltungen hätten hier bessere Chancen als Nichtrechteinhaber. Florian Weiß spricht die Tendenz an, hier zwischen Journalisten „erster Klasse“ und anderen zu unterscheiden. Während Reporter mit Berichterstattungsrechten in der Interview-Zone keine Probleme hätten, mit den Spielern sprechen zu dürfen, würden sich „dahinter auf zehn Metern ungefähr 400 Journalisten, die keine Rechte haben“ tummeln und um jede Aussage der Sportler wetteifern.

Moritz Leihkamm, Sportjournalist bei der Bild-Zeitung, erklärt, dass er und seine Kollegen immer stärker versuchen, diese Barriere durch den Aufbau „einer persönlichen Nähe“ zu den Sportlern und Vereinen zu überwinden. „Bei Bild ist es wahrscheinlich extrem“, sagt Moritz Leihkamm und schätzt den Anspruch der Exklusivität bei seinem Medium noch höher ein, als das bei anderen der Fall sein möge. „Dass dadurch dann aber irgendwie die Distanz und Unabhängigkeit leidet“, sei leider die Kehrseite der Medaille. Zudem sieht sich Leihkamm auch in einer Abhängigkeit von den Spielern. Er weiß genau, dass, „wenn er da jetzt den großen Rundumschlag auspackt“ oder auftritt „wie der Elefant im Porzellanladen“, erst einmal keiner mehr mit ihm spräche. Wer unbequeme Fragen stelle und Exklusivität generieren wolle, könne schnell von Veranstaltungen ausgeschlossen werden.

Pressesprecher als Barriere

Fakt ist, dass Sportler, insbesondere Fußballer, ihre Kommunikation zunehmend über Pressesprecher laufen lassen. Boris Herrmann von der Süddeutschen Zeitung (SZ) „nervt das kolossal“: Der „ganz normale herrliche Fußballprolet“ sterbe langsam aus. Pressesprecher würden sich „zwischen Sportler und Journalisten stellen“ und „Sätze reinschreiben, so wie das niemals jemand sagen würde“, mahnt Boris Herrmann. Dass Interviews mit Pressesprechern abgesprochen werden, galt früher weitestgehend als Entgegenkommen der Journalisten. Heute werde es als „Grundrecht aufgefasst“, dass jedes Statement „fünfmal gegengezeichnet“ wird.

Davon betroffen seien nicht nur persönlich geführte Interviews, sondern auch Social Media-Beiträge, welche immer weiter in den Fokus der Sportjournalisten rücken. Besonders in einer Zeit, in der sich die Athleten verstärkt zurückziehen, biete Social Media eine zusätzliche Quelle, erklärt Claudio Catuogno, ebenfalls von der SZ. Wobei auch hier zu beachten sei, dass es sich um „glattgeschliffenes PR-Material“ handele: „Investigativer Journalismus ist das nicht.“

PR-Maßnahmen gängeln Sportjournalisten

Besonders im Fußball sei zu beobachten, dass sich vereins- oder verbandseigene Onlineauftritte zu Konkurrenzplattformen für alle Medienbereiche entwickeln, so Catuogno. Dadurch, dass etwa Berichterstatter des DFB (Deutscher Fußball-Bund e.V.) die Spieler der Nationalmannschaft interviewen und diese Interviews frei zugänglich auf der Homepage des Verbands landen, werden Journalistentermine mit Spielern weiter reduziert. Das Exklusivinterview sei scheinbar nicht mehr von Nöten, da alle Antworten ja ohnehin schon online zu finden seien. Dazu komme der „Effekt, dass halt der kritische Teil der Berichterstattung wegfällt. Kein DFB-Journalist spricht Themen an, die er eigentlich nicht so gerne in der Öffentlichkeit ausgebreitet sieht, während eine Zeitung das natürlich tut“, stellt Catuogno fest.

Auch Andreas Egertz vom Bayerischen Rundfunk merkt an, dass „das Material natürlich dann ganz klar vorausgewählt“ wird. Letztendlich werde durch diese Verfahrensweise „der Weg um die Journalisten umgangen“, wie Florian Weiß von Sport1 erkennt. Es handle sich hier um ein Problem, das keinesfalls zunehmen dürfe, da sonst eine sportjournalistische Berichterstattung vor Ort irgendwann hinfällig wäre, weil der Verein genauestens bestimme, was er herausgebe.

Diese „schwierige Entwicklung“, wie sie Egertz bezeichnet, schränkt die Arbeitsweise der Sportjournalisten stark ein. In wachsendem Umfang übernähmen PR-Abteilungen die Kontrolle über die journalistische Arbeit und limitieren dadurch kritische sportjournalistische Hinterfragungen: „Natürlich ist das absurd, wenn der DFB sich selbst interviewt“, moniert auch Herrmann von der SZ.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die heutige Sportberichterstattung von unterschiedlichsten Einflüssen tangiert wird und Themen anders in den Medien erscheinen würden, wenn Sportjournalisten ihre Ziele freier Berichterstattung umsetzen könnten. Sportrealität und Sportmedienrealität fallen immer weiter auseinander. Sportjournalistische Auswahlkriterien orientieren sich demnach zwangsläufig zunehmend an ökonomischen Bedingungen, geprägt durch PR-Strategien, und weniger an publizistischen Ansprüchen.

Bildquelle: pixabay.com

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  • Kim Schlimm

    Ich denke, dass die Kritik, die PR-Branche ist an allem Schuld, etwas zu kurz greift, die machen ja auch nur ihren Job. Die gewachsene Rolle von Kommunikationsberatern ist ja “nur” ein Teilaspekt eines unaufhaltbaren Prozesses der Professionalisierung und Ökonomisierung des Sports. Andere Aspekte sind z.B. Fanbelange (Stichwort Ticketpreise), die ebenso hierunter leiden. Man müsste das also in einem größeren Kontext sehen

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