Die S-Liste

19. Februar 2008 • Medienökonomie • von

Weltwoche, 04/2008

Die Engländer bringen es verbal gern auf den Punkt. Sie scheuen dabei bildhafte Wortschöpfungen nicht. Lesen Sie dreifach weiter, und Sie wissen, was wir meinen.

Auf dem Cresta Run in Celerina, wo wir jeweils im Januar zu Tale rasseln, gibt es die sogenannte «shit list». Auf der «shit list» stehen die Namen jener Fahrer, die es noch nicht in den Kreis der Klubmitglieder geschafft haben. Sie müssen noch um ihre Anerkennung kämpfen.Die Parallele zu den Medien ist naheliegend. Wir wollen darum heute die «shit list» der Verlagsbranche veröffentlichen. Auf der «shit list» stehen die Namen jener Männer, die vor den schwierigsten zwölf Monaten ihrer bisherigen Karriere stehen. Nummer eins auf unserer «shit list» ist unbestritten Pietro Supino. Der neue VR-Präsident von Tamedia hat seinen Job mit viel Fanfarenklängen wie einem PR-Band in eigener Sache angetreten.

Die Fanfaren tönen schon leiser. Im Jahre 2008 wird die Ertragslage des Unternehmens talwärts rutschen. Die neue Gratiszeitung News kostet Millionen. Das Gratisblatt 20 Minutes in der Romandie kostet Millionen. Die Regionalisierung des Tages-Anzeigers kostet Millionen. Das neue News-Portal im Internet kostet Millionen. Die Integration der Berner Zeitung kostet Millionen. Der kommende Rückgang der Stellenanzeigen kostet Abermillionen. Tamedia steuert auf einen zügigen Gewinneinbruch hin.

Supino laufen die Kosten davon, die sich sein Management mit einer Überfülle an ehrgeizi-gen Projekten aufgeladen hat. Prognose: Nicht ganz einfach, von der «shit list» zu hüpfen.

Nummer zwei auf der «shit list» ist Fredy Hümmerich. Nie gehört? Tatsächlich, der CEO der NZZ-Gruppe ist in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Er hielt sich bisher stets bedeckt. Doch jetzt ist die Schonfrist vorbei.

Die NZZ-Gruppe hat in den vergangenen zehn Jahren so ziemlich jeden Trend im Mediengeschäft verschlafen. Mit der NZZ am Sonntag gelang ein Glückstreffer, doch sonst ist man nirgends dabei, wo die Musik spielt. Man ist als einziger Grossverlag nicht im Gratismarkt präsent. Man blieb im Zeitschriftenmarkt ein Nonvaleur. Man bekommt mit den eigenen Regionalzeitungen wie St. Galler Tagblatt und Neue Luzerner Zeitung keine Synergien hin. Man schrieb 2007 selbst im Wirtschaftsboom eine so lausige Rendite, dass die Engländer nicht zu S-, sondern gleich zu F-Words greifen würden.NZZ-Chef Hümmerich steht vor der grossen Aufgabe, seinen Schlafsaal zu einem wachen Unternehmen zu machen. Prognose: Das ist hart, «shit list» forever.

Nummer drei auf der «shit-list» ist Peter Wanner, der Mann der Mittelland-Zeitung. 2007 wurde er zum «Verleger des Jahres» gewählt, durchaus zu Recht. Dann lancierte er eine Sonntagszeitung, kaufte die Basellandschaftliche Zeitung und kündigte auf Frühjahr eine eigene Gratiszeitung an. Die Branche nannte ihn nur noch den «Grössenwanner».

Inzwischen segelt Wanner in steifem Gegenwind. Die Managements von Tamedia, Ber-ner Zeitung und Basler Zeitung hassen ihn, greifen ihn darum mit dem Gratistitel News frontal an und legen mit stärkerer Aargauisierung ihrer Stammblätter nach. Roger Schawinski, politisch gut abgestützt, will ihm die Radiokonzession für Rüebliland abjagen Wanners Hochpreis-Strategie im Werbemarkt, die er als bisheriger Monopolist durchsetzen konnte, ist schwierig zu halten – umso schlimmer, angesichts des kommenden Konjunktureinbruchs. Dazu maulen die Partner im Mittelland-Verbund angesichts der zusätzlichen Kosten des neuen Sonntagsblatts.

Monopolist Wanner hat sich eine starke Marktstellung erschaffen. Erstmals seit Jahren steht er nun unter Beschuss, und zwar gleich in einem Mehrfrontenkrieg. Prognose: schwierig, fast unmöglich, in diesem Jahr von der «shit list» wegzukommen.

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