
Borodianka, Region Kiew, Ukraine (April 2022). Fotoquelle: Pexels
Wenn Bilder von der Front um die Welt gehen, oder Berichte aus besetzten Gebieten und Augenzeugenberichte von Tragödien uns erreichen, steht immer jemand hinter den Kulissen: Fixer – lokale Journalisten, Übersetzer, Koordinatoren, Begleiter – sind zu einem festen Bestandteil des modernen Kriegsjournalismus geworden, zu einer Art Vermittlern zwischen dem Kriegsgebiet und dem weltweiten Publikum. Sie wissen, welche Wege sicher sind, mit wem man sprechen kann, wo man Protagonisten für eine Reportage findet und wie man tödliche Gefahren vermeidet. Aber ihre Arbeit bleibt fast unsichtbar – bis uns eine Tragödie wieder an das Risiko erinnert, das sie eingehen.
Der Tod von Oleksandra Kuvshynova, einer ukrainischen Fixerin, die während der russischen Invasion ums Leben kam, war so eine Erinnerung daran, dass diese Menschen jeden Tag ihr Leben riskieren. Häufig ohne Schutzwesten, Ruhm und Anerkennung arbeiten sie an der Front. Sie geraten unter Kreuzfeuer, werden zur Zielscheibe feindlicher Kräfte, erleben das gleiche Trauma wie Soldaten – aber ihre Namen erscheinen selten in den Credits. Fixer in der Ukraine leisten, wie ihre Kollegen in Syrien, Afghanistan oder im Irak, Arbeit, ohne die internationaler Journalismus in Konfliktgebieten schlichtweg unmöglich wäre. Sie füllen sprachliche und kulturelle Lücken, sorgen für die Logistik, kontrollieren den Zugang zu Informationen und tragen die Last ethischer Dilemmata und emotionaler Herausforderungen.
Das Gesamtbild des Berufs
Seit 2014 und insbesondere nach der vollständigen Invasion im Jahr 2022 sind ukrainische Fixer zu einem festen Bestandteil des globalen Informationsraums geworden. Ihre Rolle ist jedoch kein einzigartiges Phänomen, sondern die Fortsetzung einer internationalen Tradition, in der lokale Experten eine Brücke zwischen der Realität des Krieges und seiner Berichterstattung in der Welt schlagen. Um zu verstehen, wer tatsächlich hinter den internationalen Berichten aus der Ukraine steht, haben Forscher aus der Schweiz und der Ukraine beschlossen, zwei Ansätze zu kombinieren: zu analysieren, wie Medien über Fixer berichten, und – was noch wichtiger ist – ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte selbst zu erzählen. Durch eine systematische Suche nach Schlüsselwörtern in den ukrainischen Medien wurde ein Korpus bestehend aus 20 Artikeln und zwei Transkripten von Radiointerviews zusammengestellt, insgesamt etwa 58.000 Wörter. Das Ziel war ehrgeizig: möglichst unterschiedliche Sichtweisen auf diesen Beruf zu erfassen, von offiziellen Medienbeiträgen bis hin zu persönlichen Erfahrungsberichten. Das Herzstück der Studie bilden sechs halbstrukturierte Interviews mit ukrainischen Fixern. Es handelt sich um vier Frauen und zwei Männer, die über berufliche Netzwerke, soziale Medien und Hören-Sagen gefunden wurden. Genau dieser Ansatz persönlicher Empfehlungen erwies sich als am effektivsten in einer Gemeinschaft, in der Vertrauen von entscheidender Bedeutung ist. Das Format der Interviews wurde bewusst flexibel gewählt: Die Forschenden wollten nicht nur Antworten auf vorab vorbereitete Fragen hören, sondern echte Geschichten.
Die Analyse des gesammelten Materials ähnelte dem Zusammensetzen eines Mosaiks: Bewusst wurde das sogenannte „Bracketing”, angewandt – eine Methode, die dabei hilft, eigene Vorurteile zu beseitigen und Erfahrungen so zu sehen, wie sie von den Teilnehmern selbst beschrieben werden. Bedeutungsvolle Aussagen wurden herausgefiltert – Momente, in denen jeder Fixer etwas Einzigartiges beschrieb, das den Kern ihrer Erfahrungen offenlegte. Diese Fragmente wurden immer wieder analysiert. Mithilfe der Software Atlas.ti, einem Tool für qualitative Datenanalyse, kodierten die Forschenden alle Materialien in 33 Kategorien und gruppierten diese Kategorien in sieben übergeordnete Hauptthemen, die als Grundlage dienten, um zu verstehen, was es bedeutet, als Fixer im Krieg zu arbeiten.
Die unsichtbaren Autoren sichtbarer Geschichten
Die erste und wichtigste Erkenntnis: Fixer sind nicht nur Assistenten von Journalisten, sondern echte „Gatekeeper” des Informationsraums.
Fixer entscheiden, wohin ein ausländisches Filmteam fährt, mit wem es spricht, was es sieht und – was entscheidend ist – was es nicht sieht.
In einer Hochrisikozone, in der jede Entscheidung lebensgefährlich sein kann, bieten Fixer nicht nur logistische Unterstützung, sondern auch einen kulturellen und kontextuellen Schlüssel zum Verständnis der Ereignisse. Sie füllen Lücken, die professionelle Korrespondenten nicht rechtzeitig oder gar nicht füllen können. Ihre Arbeit prägt die Narrative, die die Welt zu sehen bekommt.
Auch das Spektrum der Aufgaben von Fixern erwies sich als viel breiter als allgemein angenommen. Sie übersetzen nicht nur Gespräche, sondern liefern auch Ideen für Geschichten, führen Interviews und entwickeln Blickwinkel, die den lokalen Gegebenheiten entsprechen. Einige von ihnen sind offiziell als Mitautoren der Beiträge anerkannt, aber die meisten fühlen sich unterschätzt. Trotz dieses Gefühls der Ungerechtigkeit arbeiten sie weiter, weil sie so Einfluss darauf nehmen können, wie die Welt die Ukraine sieht.
Das dritte Ergebnis der Untersuchung zerstört den Mythos der Neutralität. Die Rolle der Fixer als Informationskontrolleure ist ihrem Wesen nach subjektiv. Ihre Entscheidungen werden von persönlichen Erfahrungen, Überzeugungen, Traumata und sozialem Kontext beeinflusst. Welche Geschichten werden sie einem ausländischen Journalisten vorschlagen? Welche Protagonisten werden sie ihm vorstellen? All diese Entscheidungen beeinflussen das Endergebnis.
Die vierte Erkenntnis betrifft ein offenes Geheimnis: Fixer sind denselben Sicherheitsrisiken ausgesetzt wie Soldaten. Hinzu kommen emotionale Anspannung und psychischer Stress durch das ständige Eintauchen in ein traumatisches Umfeld.
Die fünfte Erkenntnis betrifft die Rolle der Fixer als kulturelle Vermittler. Sie übersetzen nicht nur Worte, sondern ganze Bedeutungswelten: Militärterminologie, Redewendungen, regionale Dialekte, kulturelle Codes. Eine einzige ungenaue Übersetzung kann die Bedeutung einer Geschichte grundlegend verändern.
Obwohl Übersetzungstechnologien immer zugänglicher werden, betont die Studie: In Konfliktsituationen ist Sprache niemals neutral. Die Wahl der Worte, der Intonation und des Kontexts prägt die emotionale Wahrnehmung der Geschichte durch Zuschauende oder Leser, die Tausende von Kilometern von der Front entfernt sind.
Der sechste Schluss ist für die Fixer selbst am schmerzhaftesten: Ihr Beitrag bleibt oft unsichtbar. Der Bericht erscheint unter dem Namen eines ausländischen Korrespondenten. Eventuell erscheint in den Untertiteln in kleiner Schrift „mit Unterstützung eines lokalen Fixers”.
Die letzte Schlussfolgerung schließt den Kreis: Die persönliche Geschichte und emotionale Bindung der Fixer, insbesondere zu ihrem Heimatland, beeinflussen unweigerlich ihre Wahl der Übersetzung und ihre Wahrnehmung der Ereignisse. Das ist kein Mangel, sondern Realität. Man kann von einem Fixer auf dem Papier Neutralität verlangen, aber wie soll man gleichgültig bleiben, wenn man einen Bericht über ein Massengrab in seiner Heimatstadt übersetzt? Oder wenn man ein Interview mit einer Familie organisiert, die durch Beschuss ein Kind verloren hat? Diese emotionale Bindung beeinflusst die Formulierung von Kriegsberichten. Vielleicht macht gerade das diese Geschichten so echt, lebendig und fesselnd für ein internationales Publikum.
Fixer lassen sich oft von ihren persönlichen Vorlieben und Emotionen leiten, was im Widerspruch zu ihren beruflichen Pflichten stehen kann, insbesondere wenn es um Themen geht, die mit ihrer Heimat oder ihrer Gemeinschaft zu tun haben. Diese persönliche Sichtweise kann die Formulierung von Geschichten beeinflussen, die Auswahl dessen, was berichtet oder weggelassen werden soll.
Was in den Anweisungen verschwiegen wird
Die Geschichten, die sechs ukrainische Fixer erzählt haben, enthüllen, was nicht in den Dienstanweisungen steht und in keinem Sicherheitstraining behandelt wird. Die Teilnehmenden der Studie beschrieben eine Vielzahl von Herausforderungen, mit denen sie täglich konfrontiert sind: von emotionaler Erschöpfung aufgrund der ständigen Konfrontation mit traumatischen Geschichten, die sich insbesondere ohne ausreichende Ruhepausen ansammelt, bis hin zu ethischen Dilemmata, wenn sie Fragen von Journalisten, beispielsweise an Soldaten über Morde, weiterleiten müssen und dabei zwischen ihrer beruflichen Pflicht und dem Schutz der Menschenwürde balancieren müssen.
Die Fixer äußerten auch ihre Verärgerung darüber, dass ihnen manchmal nur kleine Aufgaben übertragen werden. Einfache geografische Informationen zu liefern, deutet etwa auf ein Unverständnis ihrer tatsächlichen beruflichen Rolle hin. Am erschreckendsten sind die Berichte über unmittelbare Lebensgefahr, insbesondere in Fällen gezielter Angriffe auf Pressevertreter.
Erschwerend kommt hinzu, dass Fixer oft nicht über ausreichende Schutzausrüstung verfügen. Einige von ihnen erhalten nur grundlegendes Equipment wie Helme und kugelsichere Westen, die in manchen Situationen unzureichend sein können. Ihr rechtlicher Schutz bleibt aufgrund ihres unklaren Status unzureichend, da sie im Gegensatz zu Journalisten in der Regel keinen offiziellen internationalen Schutz oder Versicherungsschutz genießen. Viele von ihnen arbeiten informell, ohne offizielle Verträge oder Versicherungen, was sie besonders anfällig für Verletzungen, Tod oder rechtliche Probleme macht. Sie sind auch mit Bedrohungen im digitalen Raum konfrontiert, die ihre Sicherheit auch nach Beendigung ihrer physischen Arbeit in Konfliktgebieten gefährden können.
Insgesamt sind Fixer täglich mit lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert: sowohl mit unmittelbaren physischen Gefahren als auch mit langfristigen rechtlichen, finanziellen und digitalen Risiken. Gleichzeitig erhalten sie, auch in ihrer eigenen Wahrnehmung, nur wenig Anerkennung dafür.
Dieser Artikel erschien zuerst am 16. Oktober 2025 auf der ukrainischen EJO-Seite. Übersetzt von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.
Schlagwörter:Fixer, Forschung, Kriegsberichterstattung, Krisenjournalismus, Russland, Ukraine

