Mediacités: Lokales im Fokus

17. April 2018 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Qualität & Ethik • von

Die französische Website Mediacités, 2016 von Journalisten der Zeitung L‘Express gegründet, setzt auf investigative Recherchen im lokalen Bereich. Damit hat sie eine kaum besetzte Nische in der französischen Medienlandschaft gefunden.

Das neue Online-Medium, das aus und über Lille, Lyon, Toulouse und Nantes berichtet, hat bisher noch nicht so viele Abonnenten gewinnen können, seine Artikel haben allerdings schon viel Beachtung erhalten. Dem Misstrauen des Publikums und einer gewissen Einheitlichkeit der französischen Regionalmedien setzt die Redaktion einen hohen Anspruch auf Qualität entgegen. Mitbegründer und Chefredakteur Jaques Trentesaux war zu Gast in der Diskussionsrunde „Journalistisches Café“ der Universität Neuchâtel, unserem EJO-Partner in der französischsprachigen Schweiz.

fr.ejo.ch : Bei  Mediacités setzen Sie ausschließlich auf investigative Recherche. Ist dies eine Art, den Journalismus zu erneuern?  

Jacques Trentesaux : Wir wollen den Journalismus durch die Aspekte wiederbeleben, die seinen eigentlichen Wert ausmachen. So versuchen wir auf unsere Art, den Beruf des Journalisten zu rehabilitieren. Wir haben den Anspruch, uns von der „Agenda“ der reinen Nachrichten zu lösen, um Themen tiefergehend auszuleuchten. Investigativer Journalismus ist eine vielversprechende Möglichkeit, die, so glaube ich, auch dem Wunsch des Publikums nach einem kampflustigeren, bissigeren, unabhängigeren, weniger „ehrfürchtigen“ Journalismus entspricht. In Frankreich gibt es ein immenses Misstrauen gegenüber der Presse. Umfragen zeigen jedes Jahr, dass die Öffentlichkeit Medien als Missstände duldend, wenig unabhängig, exzessiv, oberflächlich, vage und so weiter wahrnimmt. Investigativer Journalismus bietet eine Chance, dieses schweigsame Dulden zu beenden. Wir betätigen uns als unabhängige, demokratische Gegenmacht zur Politik.

Wie bestehen Sie in dieser Nische den Wettbewerb mit Mediapart?

Investigativjournalismus auf lokaler Ebene wird in Frankreich generell stiefmütterlich behandelt. Das ist auch bei der Berichterstattung von Mediapart der Fall. Deren Redaktion besteht nur aus einem einzigen Journalisten vor Ort in Marseille. Es gibt daher keine Konkurrenz zwischen Mediapart und Médiacites, wir ergänzen uns eher. Der investigative Journalismus ist auf dem Vormarsch, wie man an Le Canard enchaîné, Cash investigation und Mediapart sieht. Auf lokaler Ebene wird er aber quasi komplett vernachlässigt. Das wiederum ist die Stärke von Médiacités. Unser Slogan ist nicht umsonst „Investigation ohne Zugeständnisse“ («l’investigation sans concession»,). Dies bestimmt unsere Arbeit und erregt Neugier. Wir bekennen Farbe und haben uns einen unnachgiebigen, unabhängigen Journalismus auf die Fahne geschrieben, um das Vertrauen des Publikums zu gewinnen und damit auch Abonnenten.

Weder in der Wissenschaft noch in der Praxis ist man sich darüber einig, was investigativer Journalismus eigentlich ist. Was ist Ihre Definition?

Man muss sich darüber einigen, was man unter diesem magischen Wort versteht. Denn jeder legt seine Träume und seine journalistischen Ideale mit hinein. Für uns ist die Quintessenz des Journalismus, das zu enthüllen, was versteckt ist. Aus dieser Sichtweise ist der investigative Journalismus also ein Pleonasmus. Er wurde erfunden, um die Mängel eines Journalismus zu kompensieren, dessen Qualität abnimmt, sowohl was die Effektivität als auch was die Inhalte angeht. Aber was ist eine Investigation? Nichts anderes als eine Recherche!

Das heißt, der Begriff ist ebenso taktisch wie vage, damit jeder hineininterpretieren kann, was er hofft. Wir verteidigen eine breite Auslegung des Wortes Investigation. Sie umfasst nach unserer Ansicht jede tiefergehende und exklusive Recherche. Die brauchen viel Zeit und dann auch viel Platz für eine angemessene Darstellung.

Sie haben es selbst gesagt: Die lokale Presse mit ihrem Ruf, ein Sprachrohr für Politiker oder ökonomische Interessen zu sein, hat in Frankreich keinen guten Stand. Wie erklären Sie sich, dass diese Medien dennoch bis heute den investigativen Journalismus vernachlässigen?

Man muss wissen, dass es in der französischen Presse die internationalen und nationalen, aber kaum regionale Ressorts gibt. Das Land ist extrem zentralisiert. Die verschiedenen Regionen spielen höchstens die zweite Geige. Außerdem wird die internationale Berichterstattung hoch geschätzt, was nicht zuletzt mit dem Mythos des großen Reporters zu tun hat. Dabei muss man unterscheiden zwischen dem, was der journalistischen Qualität zugutekommt, und dem, was den Geschmack der Leser trifft. In den Journalistenschulen hört man immer, dass ein Toter in der Nachbarschaft viel mehr Nachrichtenwert habe als tausend Tote am anderen Ende der Welt. Mir war das Regionale schon immer wichtig und ich bin der Meinung, dass man für eintausend Leser genauso gut schreiben muss wie für zehntausend. Bei den meisten Zeitungen wird das nicht so wichtig genommen.

Außerdem steht die Regionalpresse vor ganz spezifischen Schwierigkeiten. Die Journalisten können zum Beispiel zu nah an den Quellen sein und es kann eine zu enge Verbindung zu lokalen Kollektiven oder Unternehmen bestehen. All das mindert die notwendige Schärfe des Journalismus. Die lokale Presse entwickelt sich schnell zu einer reinen Begleiterin der jeweiligen Region – eine Art Fahnenträgerin. Das ist eine natürliche Entwicklung.

Wie schützt sich Mediacités vor möglichen Schwächen?

Mediacités profitiert von seiner doppelten Identität: Es ist gleichzeitig ein nationales (Médiacités) und ein regionales Medium (Médiacités Lilles, Nantes, Toulouse, Lyon). Das bietet uns Spielraum und erzeugt einen gesunden Abstand von den Akteuren. Unsere Arbeit als Netzwerk verstärkt diese Flexibilität. Wenn ein freier Journalist ein Thema nicht anpacken will, zum Beispiel, weil er sich der Quelle zu nah fühlt, kann er das Thema einem Kollegen anvertrauen oder einem der Mitbegründer, damit die Geschichte trotzdem erscheint, nur unter einem anderen Namen.

Jacques Trentesaux (in der Mitte) mit seinem Médiacités-Team im Juli 2016 in Paris. Foto: Joseph Melin

Sie haben den Express verlassen, um ihr eigenes Medium zu gründen. Was ist Ihre Bilanz?

Eine Zeit lang hat der Express spezielle Lokalausgaben herausgebracht, pro Jahr erschienen mehr als 300 solcher Sondereditionen. Der Express hat Ideen angestoßen, die viele andere Zeitungen dann nachgeahmt haben.

Als Chefredakteur der Sonderveröffentlichungen habe ich es nicht geschafft, von der Notwendigkeit zu überzeugen, diese Initiative auch im Internet zu lancieren. Es war der Redaktion nicht rentabel genug. Als ausgebildeter Journalist, der diesen Beruf liebt und ihn aus Überzeugung gewählt hat und für den schönsten Beruf der Welt hält, will man diesen Beruf verteidigen. Für Verleger ist es sehr schwierig, Krisen vorherzusehen und radikale Aktionen zu starten, um deren Effekte einzudämmen.

Meiner Meinung nach hat die Richtung, die der Express eingeschlagen hat, nicht gerade gezeigt, dass der Express auf der Höhe seiner eigenen Ansprüche ist. Außerdem wurde der Express mehrfach weiterverkauft. Es mag anmaßend klingen, aber mit 50 Jahren hat man den Mut, bei so etwas auszusteigen, um die eigenen Überzeugungen zu vertreten. Ich habe diesen Schritt mit anderen gemeinsam gemacht. Der harte Kern von Médiacités besteht aus ehemaligen Redakteuren des Express.

Wir haben gemeinsam darüber nachgedacht, wie wir unsere investigative Arbeit ins Digitale überführen können. Wir haben unsere Erfahrung als Inspiration genutzt, investigativen lokalen Online-Journalismus  für mehrere Städte zu machen. Auf unserer Website kann man also nur die Teile lesen, die die eigene Stadt betreffen, oder auch alles, zum selben Preis.

Um solch ein Projekt zu lancieren, reichen redaktionelle Kompetenzen leider nicht aus. Ich betone das, weil viele scheitern, da sie an die Magie der Information glauben. Aber die reine Information reicht nicht, um die Leser anzuziehen. Ich musste mich selbst als Redaktionsleiter neu erfinden und bin sozusagen nochmal zur Schule gegangen. Es gibt einen Unterschied zwischen einem guten Journalisten und einem guten Chefredakteur. Wir mussten unsere juristischen Lücken schließen und uns genau über die Wirtschaftlichkeit unseres Unternehmens informieren. Dafür muss man sich gut auskennen und wir müssen uns seit der Gründung von Médiacités ständig fortbilden.

Wenn es um Innovation geht, stellt sich immer auch die Frage nach dem Geschäftsmodell. Wie finanziert sich Médiacités und eignet es sich als Vorbild für andere Medienprojekte?

Wir haben ein ganz einfaches Modell: Abos (monatlich/jährlich für normale Leser und jährlich für Geschäftskunden). Werbung gibt es nicht. Denn damit riskiert man, sich schnell in Verpflichtungen zu verfangen. Gerade deshalb ist es für uns auch so wichtig, als erste die Marktlücke des lokalen Investigativjournalismus zu besetzen. In Frankreich kann es keine zwei Médiacités geben, genauso, wie es keine zwei Médiaparts geben kann. Die Lösung der personalisierten Abonnements, die Zugang zu mehreren redaktionellen Beiträgen erlauben, erscheint uns als zukunftsweisend (so hält es auch das holländische Blendle). Mikrozahlungen sind sicherlich ein weiterer Schritt in die Zukunft. Momentan erscheint uns das Model der reinen Abos als die beste Lösung, weil es uns den engsten Kontakt zu den Lesern ermöglicht und uns erlaubt, die Qualität unserer redaktionellen Linie zu bewahren.

Sie setzen auf Kollaboration und auf flache Hierarchien unter den Journalisten und ihren Rezipienten. Wie laufen diese Kollaborationen genau ab und inwiefern beeinflussen sie wirklich das Publikum?

Wir sind überzeugt, dass ein Medium nicht existieren und bestehen kann, ohne auf einer Gemeinschaft aus Lesern aufzubauen, die dessen Werte teilen und aktiv zum Erfolg beitragen. Deshalb basiert unser Projekt auf einem Dreiklang: Recherche, Erklärung, Partizipation. Den Aspekt der Partizipation probieren wir momentan noch aus. Es gibt Foren mit freiem Zugang, ungezwungene Treffen zwischen Redakteuren und Abonnenten, bei denen diese Ideen oder Informationen beitragen können und Debattierabende, zum Beispiel nach längeren Recherchen oder zu Themen, die uns betreffen (wie Pressefreiheit, die Rolle des Investigativjournalismus, Verbindungen zwischen Journalisten und Politikern…). Wir haben auch eine kollaborative Recherche getestet, bei der wir unsere Leser gebeten haben, uns über wilde Müllkippen in der Industrie zu informieren. Aber, obwohl uns dieses Arbeitsverfahren an sich gefällt, hat uns das Ergebnis nicht überzeugt. Wir müssen unsere Methodik neu überdenken.

Médiacité gibt es jetzt seit einem Jahr. Welche Bilanz ziehen Sie?

Wir haben 1200 Abonnenten. Das ist nicht viel, aber wir halten das für normal. Pro Tag gewinnen wir fünf neue dazu, was viel zu wenig ist, aber auch nicht dramatisch. Kein kostenpflichtiges Onlinemedium wird wie durch Hexerei plötzlich erfolgreich. Das erfordert viel Arbeit. Meist sind es Gratis-Angebote und Einfachheit, die attraktiv auf die Nutzer wirken. Was wir machen, ist hingegen lang und komplex, außerdem nicht gratis. Dafür bieten wir aber auch einen größeren Wert. Gerade beenden wir unsere erste Fundraising-Etappe (25.000 Euro davon wurden per Crowdfunding gesammelt), die uns erlaubt, unser Projekt eineinhalb Jahre lang weiter zu finanzieren. Dank der insgesamt eingenommen 350.000 Euro können wir unsere Website weiter voranbringen, uns engagieren und entwickeln. Wir haben noch nicht gewonnen, aber der Anfang ist vielversprechend!

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der französischen EJO-Seite veröffentlicht.

Übersetzung aus dem Französischen: Johanna Mack

 

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