Bezahlte Berichterstattung ist gang und gäbe in der Ukraine

19. Februar 2013 • Qualität & Ethik • von

In letzter Zeit ist es mit der Medienfreiheit in der Ukraine stetig bergab gegangen. Neben der staatlichen Medienzensur leiden die ukrainischen Medien aber noch unter einem anderen Problem: bezahlte Berichterstattung – oder „jeansa“, wie die Ukrainer sagen. Im Gegensatz zu Werbung kommt bezahlte Berichterstattung als journalistische Nachricht getarnt daher. Für die Veröffentlichung fließt Geld in die Jeans-Taschen der ukrainischen Journalisten – daher der Name „jeansa“.

In der 2012er Auflage des IREX Media Sustainability Index (MSI), der die Schwierigkeiten und Errungenschaften der Mediensektoren in 80 Ländern weltweit erfasst, hat die Ukraine im Vergleich  zum Vorjahr an Punkten eingebüßt (2012: 1,81 Punkte; 2011: 1,96 Punkte).  Anhand einer Vier-Punkte-Skala gibt der MSI unter anderem Aufschlus über die journalistische Qualität, Managementpraktiken im Medienbereich, die Nachrichtenpluralität und Pressefreiheit. Journalisten, Fürsprecher aus dem Mediensektor, Akademiker und verwandte Berufsgruppen bewerten dabei die Medien ihres Landes.

Die Qualität des ukrainischen Journalismus erhielt auf der Skala nur 1,63 Punkte – mit ein Grund für die schlechte Bewertung  war die Missachtung von ethischen Standards im Journalismus,  einschließlich bezahlter Berichterstattung. Vor allem bezahlte Berichterstattung von Seiten der Politik habe im Jahr der Parlamentswahlen floriert, betonten die befragten Experten.

Bezahlte Berichterstattung tritt in der Ukraine in unterschiedlichen Formen auf. Regionale und andere Publikationen mit kleiner Auflage drucken Pressemitteilungen politischer Parteien oder Artikel von PR-Agenturen ab. Kleine regionale TV-Sender handeln ähnlich, indem sie bezahlte O-Töne und Beiträge senden. Eine Studie des Center for Ukrainian Reform Education (CURE) hat Print- und Online-Medien in fünf Regionen der Ukraine untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass regionale Medien einen hohen Anteil an politisch einseitigen Artikel aufweisen.

Demnach deutet vieles darauf hin, dass während des Wahlkampfs im September und Oktober 2012 rund 28 Prozent der untersuchten Artikel bezahlt worden waren. In den Regionalmedien der Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine fanden die Forscher die meisten bezahlten Artikel: Sie machten in der Berichterstattung einen Anteil von 43,2 Prozent aus. Nach den Wahlen veröffentlichten alle Medien weniger bezahlte Beiträge. Im November und Dezember betrug deren Anteil im Schnitt 6,1 bzw. 6,9 Prozent.

Die überregionalen Medien sind eher um ihren Ruf besorgt und gehen bei bezahlter Berichterstattung raffinierter vor. Bezahlte Beiträge werden hier von professionellen Journalisten erstellt und mit Zitaten von Pseudo-Experten versehen.

Die ukrainische Website Telekritika, ein Diskussionsforum über Pressefreiheit, professionelle Standards und journalistische Ethik, hat einen Kriterienkatalog zur Identifizierung von bezahlten Medienbeiträgen veröffentlicht. Telekritika zufolge sollte man Verdacht hegen, wenn identische Beiträge in verschiedenen Medien erscheinen, wenn sehr überschwänglich von Erfolgen  politischer Parteien oder deren Kandidaten berichtet wird, wenn der Fokus von Beiträgen auf einer positiven Aussage oder Handlung einer politischen Partei oder eines Kandidaten liegt, wenn Umfragewerte genannt werden, die von unseriösen Marktforschungsinstituten stammen und wenn in Beiträgen vermeintliche „Experten“ zitiert werden.

Die Preise für bezahlte Beiträge sind in vielen ukrainischen Medienunternehmen bereits festgelegt. Svitlana Tuchynska, eine Journalistin der englischsprachigen Zeitung Kiyv Post, recherchierte dazu investigativ, indem sie anonym als potenzielle Kundin auftrat. Der Chefredakteur einer Website machte ihr in einem Telefonat deutlich, dass sein Medium gegen Geld jede Art von Beitrag publizieren würde. Ein kleiner Nachrichtenartikel wäre für 100 US-Dollar zu haben, eine ausführlichere Analyse für 350 und ein Aufmacher für 600 US-Dollar.

Einige der von Tuchynska interviewten Journalisten gaben zu, dass auch sie schon von Pressesprechern von Politikern zur bezahlten Berichterstattung aufgefordert worden seien. Positive Erwähnungen des jeweiligen Politikers oder der Partei seien mit 800 bis 1000 US-Dollar vergütet worden.

Telekritika machte auch die Preise für  bezahlte Berichterstattung im Fernsehen öffentlich. Ein 20-sekündiger O-Ton kostet demnach 200 US-Dollar, während der Auftritt eines Kandidaten in einer Fernsehshow deutlich teurer ist – ab 80.000 US-Dollar aufwärts.

Schätzungen zufolge wurden während des Wahlkampfs 2012 in der Ukraine insgesamt 2,5 Milliarden Dollar für bezahlte Berichterstattung ausgegeben.

Die Beziehung zwischen den ukrainischen Medienbesitzern und politischen Gruppierungen verschärft die Situation. Viele Medienunternehmer nehmen die Angebote der bezahlten politischen Berichterstattung an, um sich die Loyalität der Behörden zu sichern. Zudem sind in der Ukraine die meisten Besitzer großer Medienunternehmen auch erfolgreiche Geschäftsmänner in anderen Wirtschaftszweigen, wie etwa in der Kohle- und Stahlbranche oder der chemischen Industrie. Sie sehen die Medien eher als Instrument zur politischen Einflussnahme an denn als autarkes Geschäftsfeld – und die ukrainischen Journalisten als Marionetten in ihren politischen Machtspielen.

Neben der bezahlten politischen Berichterstattung sind auch bezahlte Beiträge, in denen ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Unternehmen beworben wird, in ukrainischen Medien weit verbreitet. Die Artikel preisen in der Regel die Vorzüge eines Produkts oder einer Dienstleistung an, ohne jegliche Nachteile zu nennen oder mit ähnlichen Produkten oder Dienstleistungen zu vergleichen.

Wirtschaftliche Abhängigkeit und finanzielle Instabilität sind weitere Gründe, die zur Zunahme von bezahlter Berichterstattung beitragen. Wenn es an Werbeumsätzen mangelt, finden es viele Medienmanager und Redakteure angemessen, mit der Veröffentlichung bezahlter Artikel Geld zu machen. Solche Praktiken werfen Fragen über journalistische Ethik und Professionalität auf. Unter den beschriebenen Umständen können ukrainische Medien ihre Hauptaufgabe, bei ihrem Publikum ein Bewusstsein für gesellschaftlich wichtige Themen zu schaffen, nicht erfüllen.

Mit der Veröffentlichung bezahlter Beiträge verletzen Journalisten berufsethische Regeln. Artikel 7 des Ethik-Kodex ukrainischer Journalisten der Kommission für journalistische Ethik besagt, dass „Nachrichten und analytische Beiträge mithilfe von Überschriften klar von Werbung getrennt werden sollten.“ Laut Artikel 17 des Kodex dürfen Journalisten „keine materiellen Entschädigungen oder Leistungen für fertiges oder unvollendetes journalistisches Material“ annehmen. Der Ethik-Kodex der ukrainischen Journalisten-Gewerkschaft enthält ähnliche Regeln.

Jedoch ist klar, dass Kodizes allein nicht genügen, um professionelle Standards und Prinzipien zu garantieren. Alle Akteure in den Medien – Besitzer, Manager, Chefredakteure, Werbekunden und Journalisten – müssen sie voll akzeptieren und im Alltag praktizieren. Erst wenn bezahlte Berichterstattung von allen als zutiefst unethisch und unprofessionell angesehen  wird und den Ruf des Mediums oder des Journalisten schädigt,  wird sie aus den ukrainischen Medien verschwinden.

Originalversion auf Englisch: Paid-For Coverage Mars Ukrainian Journalism

Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Jochheim

Bildquelle: Yersinia / Flickr.com

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