Unterhalb des Radars

9. Juni 2011 • Qualität & Ethik • von

Es war eine rundum gelungene Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), und doch ist ihr Ergebnis eher deprimierend.

Drei Tage lang begaben sich die Medienforscher aus dem deutschsprachigen Raum in Dortmund auf Introspektion. Unter dem Rahmenthema „Theoretisch praktisch! ?“ fragten sie danach, inwieweit ihr Fach praxisrelevant ist.

Alle vorgestellten Studien zeigten: Die Medienforschung hat sich zwar rapide ausgeweitet, segelt aber weithin unterhalb des Radarschirms öffentlicher Wahrnehmung. Während sich Hundertschaften von Wissenschaftlern an den Debatten über den Atomausstieg oder zur Finanzkrise beteiligen, nimmt kaum ein Kommunikationsforscher auf den öffentlichen Diskurs Einfluss, wie das Mediensystem umzugestalten wäre – trotz Internet-Revolution, trotz des Zusammenbruchs journalistischer Recherche-Infrastrukturen in den USA und trotz des Strukturwandels öffentlicher Kommunikation, den Suchmaschinen und soziale Netzwerke verursachen (Stichworte z.B.: Nachrichtenauswahl durch Algorithmen, Schwund der Privatsphäre etc.).

Zwei Nachwuchs-Forscherinnen der Universität Wien, Cornelia Brantner und Brigitte Huber, haben in einer Studie gezeigt, dass noch nicht einmal Qualitätszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung, der Standard oder die Neue Zürcher Zeitung der Medienforschung kontinuierlich Aufmerksamkeit zollen. Immerhin: beim österreichischen und deutschen Titel gibt es im Zehnjahres-Vergleich einen leichten Aufwärtstrend. Die NZZ musste dagegen ihre Berichterstattung über Medien und über Medienforschung stark einschränken.

In Dortmund wurde auch exemplarisch jener fünf „Säulenheiligen“ gedacht, die in offenbar besseren Zeiten das Fach repräsentiert haben: des aus Wien emigrierten Paul Lazarsfeld, des Berliner Gründervaters der Zeitungswissenschaft, Emil Dovifat, der „grande dame“ der Demoskopie, Elisabeth Noelle, des Kommunikationstheoretikers Jürgen Habermas und seines Antipoden Niklas Luhmann. So unterschiedlich sie wissenschaftlich gewirkt haben mögen – im Vergleich zur heutigen Forschergeneration eint sie, dass sie öffentlich wahrnehmbar waren.

Erstveröffentlichung: Die Furche Nr. 19/2011

Mehr Informationen zur DGPuK 2011: www.dgpuk2011.de


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