Wenn Medien den Mächtigen folgen

24. Juli 2026 • Qualität & Ethik, Redaktion & Ökonomie, Top • von

Wie sehr beeinflusst die politische Elite in Großbritannien und den USA die Perspektive, aus der Journalist*innen Auslandsberichterstattung betreiben? Zu sehr, meinen Jesse Owen Hearns-Branaman und Tabe Bergman, Herausgeber des Buches „Journalism and Foreign Policy: How the US and UK Media Cover Official Enemies“.

Washington, 3. Februar 2022. Bei einer Pressekonferenz im State Department behauptet Regierungssprecher Ned Price, Russland bereite ein Täuschungsmanöver vor, um einen Einmarsch in die Ukraine zu rechtfertigen. Matt Lee von der Associated Press fragt nach Belegen. Price verweist auf Geheimdienstinformationen, ohne eine einzige davon vorzulegen. Als Lee hartnäckig bleibt und an Falschinformationen im Zuge des Irakkriegs erinnert, antwortet Price nur: Wer an den Aussagen der US-Regierung zweifle, suche womöglich Trost bei russischer Propaganda. Noch am selben Tag berichten unter anderem CNN, die New York Times und der Guardian die Behauptungen der US-Regierung unkritisch, ohne Nachfrage.

Elitegetriebene Auslandberichterstattung?

Mit dieser Szene beginnt „Journalism and Foreign Policy: How the US and UK Media Cover Official Enemies“, ein 2023 bei Routledge erschienener Sammelband, herausgegeben von Jesse Owen Hearns-Branaman und Tabe Bergman. Für die Herausgeber steht der Moment exemplarisch für ein Muster: Westliche, in diesem Buch britische und US-amerikanische, Auslandsberichterstattung ist strukturell elitegetrieben und politisch geframet. Dieses Buch will das anhand von verschiedenen Länderanalysen sichtbar machen.

Wenige Wochen nach der Pressekonferenz marschierte Russland tatsächlich in die Ukraine ein. Doch das entkräftet den Befund des Buches nicht: Price‘ Aussage ist rückblickend richtig, doch durch Belege gestützt war sie nicht. Das Buch fragt nicht, ob Regierungen die Wahrheit sagen, sondern ob Medien ihre Behauptungen kritisch prüfen oder unkritisch weiterreichen.

„Was Matt Lee tat, strebt dieses Buch ebenfalls an: eine Störung des ‘business as usual’.“

Das schreiben die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung. Ihr Anspruch ist damit klar: Der Band versteht sich nicht als neutraler Überblick, sondern als Intervention gegen einen solchen unkritischen Journalismus.

Hearns-Branaman, Associate Professor für internationalen Journalismus an der Beijing Normal University–Hong Kong Baptist University, und Bergman, Medienwissenschaftler an der Xi’an Jiaotong-Liverpool University und ehemaliger AP-Journalist, sind beide in der kritischen Medienforschung verankert. Seit Jahren beschäftigen sie sich mit Propaganda, politischer Ökonomie der Medien und Auslandsberichterstattung. Ihr Ziel ist nicht, zu beschreiben, wie US- und britische Medien berichten. Ihr Ziel ist, diese Berichterstattung als systemisches Problem zu benennen.

Akademische Rezensionen des Bandes sind bislang nicht zu finden, obwohl er in der Fachliteratur bereits zitiert wird. Diese Buchrezension will einen Überblick über die Methoden und Inhalte des Buches bieten.

Länderanalysen über „erklärte Feinde“ des Westens

Zehn Fallstudien bilden das Rückgrat des Bandes. Hier werden Länder analysiert, die in der westlichen Außenpolitik als „erklärte Feinde“ (official enemies) gelten oder galten: Afghanistan, China, Kuba, Haiti, Iran, Palästina, Russland, Serbien, Syrien und Vietnam. Die Auswahl umfasst damit Länder, die aktuell im Fokus der öffentlichen Debatte stehen oder solche, deren Berichterstattungsgeschichte historisch aufgearbeitet wird. „Der Westen“ ist dabei für Hearns-Branaman und Bergman ein Begriff, der weniger eine geografische Region beschreibt als vielmehr einen historisch und politisch gewachsenen Machtblock. In diesem Buch werden aber nur US-amerikanische und britische Auslandsberichterstattung konkret untersucht.

Den Rahmen für die Länderanalysen setzen Bergman und Hearns-Branaman in einer gemeinsamen Einleitung. Sie verankern das Buch theoretisch und formulieren die zentrale These, die alle folgenden Kapitel zusammenhält: Westliche Auslandsberichterstattung ist strukturell elitegetrieben und politisch geframt. Diese These wird von einem internationalen Autorenkollektiv getestet, mit unterschiedlichen Methoden und aus verschiedensten Perspektiven. Die Beiträge stammen von Medienwissenschaftler*innen, Politikwissenschaftler*innen und (ehemaligen) Journalist*innen, die Berichterstattung vor, während und nach Kriegen und Konflikten untersuchen.

Exemplarisch lässt sich das am Iran-Kapitel zeigen: Hearns-Branaman analysiert darin, wie US- amerikanische und britische Medien den Iran konsequent als „erklärten Feind“ und Bedrohung framen. Oder am China-Kapitel, in dem die Politikwissenschaftlerin Qingning Wang ausführt, wie die britische Berichterstattung über China die Positionen der politischen Elite nahezu eins zu eins widerspiegele. Weitere Kapitel analysieren die Berichterstattung über den Jugoslawienkonflikt, die Darstellung Haitis und Kubas in US-amerikanischen Medien, den Krieg in Syrien sowie die US-Berichterstattung über Afghanistan und Vietnam.

Die akut dringliche Frage, die der Band so aufwirft: Funktionieren westliche Medien auch im digitalen Zeitalter noch als verlängerter Arm staatlicher Außenpolitik?

Im seit Februar 2026 andauernden Iran-Krieg zerstörte Gebäude in Teheran, die von US-amerikanischen und israelischen Angriffen getroffen wurden. Quelle: Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Gestützt durch Indexing, Propaganda und Framing- Theorien

Den Fallstudien stellen die Herausgeber einen gemeinsamen theoretischen Rahmen voran.
Um das Netzwerk globaler Nachrichten und die Rolle von Journalist*innnen darin zu verstehen, führen sie die Indexing-Theorie von W. Lance Bennett, das Propagandamodell von Herman & Chomsky und die Framingtheorie von Entman an.

Nach Bennetts Indexing-Theorie von 1990 orientieren sich Journalist*innen am Konsens der politischen Elite ihres Landes. Erst wenn Politiker*innen sich selbst uneinig werden, öffnet sich in der Be-richterstattung der Raum für Kritik.

Journalist*innen würden sich zufrieden geben mit der „bequemen Rolle als `Protokollführer `, während sie gleichzeitig ihrem traditionellen Auftrag, unter entsprechenden Umständen eine unabhängige `Stimme des Volkes` zu erheben, nicht mehr nachkommen” (S.7).

W. Lance Bennett konzentriert sich mit seiner Theorie ausschließlich auf die politische Ebene. Der Ökonom Edward S. Herman und der Philosoph Noam Chomsky hingegen beziehen in ihrer Propagandatheorie aus dem Jahr 1988 die ökonomische Ebene mit ein. Nach Herman und Chomsky seien Medienhäuser strukturell in wirtschaftliche Machtverhältnisse eingebettet. Die beiden Theoretiker sehen somit Medien nicht nur als Nachrichtenproduzenten, sondern auch als Wirtschaftsunternehmen. Die daraus resultierende Abhängigkeit von beispielsweise Eigentümern oder Werbekunden führe auch dazu, dass bestimmte Perspektiven und Informationen systematisch ausgeblendet werden. Dadurch existiere Nachrichtensystem, das zwar formal frei ist, aber dennoch Propagandabotschaften der politischen und wirtschaftlichen Elite den Vorrang gibt.

Edward S. Herman, Noam Chomsky und W. Lance Bennetts theoretische Überlegungen ergänzen sich hier in der Beschreibung unterschiedlicher Sphären. Und nicht nur Herman und Chomsky benutzen das Wort Propaganda, auch Bennett nennt die US-amerikanische Berichterstattung so, vor allem in Bezug auf Ereignisse im Ausland.

Als letztes Theoriemodell beschreiben die beiden Herausgeber Bergman und Hearns-Branaman das Kaskadenmodell von Robert Entman aus dem Jahr 2003. Entman baut mit seinen theoretischen Überlegungen auf denen von Herman, Chomsky und Bennett auf. Er beschreibt, dass Narrative und Erzählungen, also Frames, von oben nach unten kaskadieren. Entman beschreibt so die räumliche Ebene von Frames, die sich von Regierungen über Institutionen und Medien bis zur Öffentlichkeit hinbewegen. Entman bezieht sich damit im Wesentlichen auf die Indexing-Theorie und das Propagandamodell. Er fügt aber hinzu, dass Medien dabei keine völlig passiven Akteure sind, sondern innerhalb ihrer strukturellen Grenzen Spielraum haben.

Eine Frage bleibt jedoch offen: Warum spielen Journalist*innen in diesen Systemen mit? Die Heraus-geber verweisen auf den Mechanismus der beruflichen Sozialisation. Journalist*innen lernen früh in ihrer Karriere, dass offizielle Quellen als seriös gelten und dass Objektivität bedeute, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen – wobei beide Seiten in der Regel zwei Elitenpositionen meine. Wer diese Routinen nicht befolge, habe schlechte Karrierechancen. Das Ergebnis sei ein System, das sich selbst reproduziert: nicht durch Anweisung von oben, sondern durch erlernte Berufslogik.

Ein Panorama der Methoden

Der Band ist als Sammelband angelegt. Das hat methodische Konsequenzen: Die zehn Fallstudien bilden keine einheitliche Studie, sondern eine kuratierte Zusammenstellung unterschiedlicher Forschungsansätze.

Einige Autor*innen arbeiten historisch-analytisch und rekonstruieren Berichterstattungsmuster über Jahrzehnte hinweg. Das Kapitel über den Vietnamkrieg und das über Kuba folgen diesem Ansatz. Andere Kapitel nutzen quantitative Inhaltsanalysen, um Häufigkeiten, Quellenmuster und Frames systematisch zu erfassen, etwa das Kapitel über die britische China-Berichterstattung. Wieder andere wählen die kritische Diskursanalyse oder kritische Linguistik, um die Sprache der Berichterstattung selbst zu untersuchen. Einige Kapitel kombinieren mehrere dieser Ansätze in einem Mixed-Methods-Design.

Diese methodische Vielfalt hat einen klaren Vorteil: Sie erlaubt es, sehr unterschiedliche Mediensysteme, Zeiträume und Konflikte zu untersuchen, ohne auf ein einzelnes Werkzeug beschränkt zu sein. Was der Band an Breite gewinnt, verliert er hier jedoch auch an Einheitlichkeit. Die Befunde lassen sich nicht direkt miteinander vergleichen. Der Band ist also eher als Panorama angelegt und als solches zu lesen. In den Länderanalysen kommen die Autor*innen bemerkenswert vielen Fällen zu ähnlichen Befunden. Zwei Kapitel zeigen das exemplarisch.

Mediale Narrative wie im kalten Krieg

Das dritte Kapitel vergleicht die US-amerikanische und russische Fernsehberichterstattung über den russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny. Die Autorinnen Sarah Oates und Nataliya Rostova zeigen, dass beide Mediensysteme an Mustern festhalten, die aus dem Kalten Krieg stammen.

Oates und Rostova untersuchen die Berichterstattung der jeweils wichtigsten nationalen Fernsehsender: In den USA sind das die kommerziellen Networks ABC, CBS und NBC, in Russland der staatlich kontrollierte „Erste Kanal“, der nach eigenen Angaben 98,8 Prozent der russischen Bevölkerung erreicht. Der Untersuchungszeitraum reicht von der Vergiftung Nawalnys im August 2020 bis zu den landesweiten Protesten im Mai 2021, gegen die Festnahme von Nawalny nachdem er von Deutschland nach Russland zurückgekehrt war.

Demnach ignorierten russische Staatsmedien Nawalny entweder oder diffamierten ihn als vom Westen bezahlten Staatsfeind. US-amerikanische Medien stilisierten ihn zum Retter der Demokratie und glaubwürdigen Gegenkandidaten Putins. Beide Darstellungen verzerren laut den Autorinnen die Realität, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Oates und Rostova betonen, dass die US-Berichterstattung faktisch näher an der Wahrheit liege. Doch auch sie reproduziere Narrative des Kalten Krieges. US-amerikanische Sender erzählen die Geschichte der bedrohten westlichen Demokratie, während russische das Narrativ des kapitalistischen Angriffs auf Russland bedienen. Beide Mediensysteme, das formal freie US-Fernsehen und das staatlich kontrollierte russische, bedienen demnach dieselbe Logik, nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Alexei Nawalny im Jahr 2011. Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0

Episodische und nicht historische Gewaltdarstellungen

Im fünften Kapitel „Still Misreporting Gaza: Violence and Context in the British Press Coverage of the Israeli-Palestinian Conflict in 2021“ stellt Ruth Sanz Sabido von der Canterbury Christ Church University die Berichterstattung über einen hochrelevanten und aktuellen Konflikt vor. Sabido, die unter anderem zu Konfliktberichterstattung forscht, untersucht mit einem Mixed-Methods-Ansatz die Berichterstattung von sechs großen britischen Zeitungen über den israelisch-palästinensischen Konflikt zwischen April und Juni 2021. Der Zeitraum ist beispielsweise durch die eskalierende Gewalt im Gazastreifen im Mai 2021 geprägt.
Die Autorin stellt dabei unter anderem fest, dass sich die Zeitungen nicht in eine „einfache pro-Palästina und pro-Israel Dichotomie“ (S. 78) einordnen ließen:

„In manchen Fällen ist die pro-israelische (und anti-palästinensische) Haltung eindeutig (zum Beispiel im Daily Telegraph), doch gibt es auch pro-palästinensische Standpunkte, die die von der Hamas ausgeübte Gewalt kritisieren: Die Verurteilung der von der Hamas angewandten Methoden bedeutet nicht zwangsläufig, dass man anti-palästinensisch oder pro-israelisch ist.“

Zugleich konstatiert Sabido, dass die Berichterstattung eine Tendenz zur ungleichen Bewertung staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt aufzeige. So sei das Recht auf Verteidigung von israelischer Seite legitim. Dasselbe Recht würde der palästinensischen Seite jedoch nicht zugesprochen: Israel würde auf Provokationen reagieren und sich verteidigen – die palästinensische Seite würde provozieren und dürfte sich nicht gegen die Gewalt und Besetzung Israels verteidigen.

Sabido schreibt außerdem, schon frühere Forschungen hätten ergeben, dass in der Berichterstattung der historische Kontext häufig fehle. Somit würden aktuelle Ereignisse lediglich episodisch statt thematisch geframet. Dieser Trend würde sich weiter fortsetzen. Die teilweise schon seit Jahrzehnten wirkenden Frames in der britischen Berichterstattung – fehlender historischer Kontext, episodisches Framing, asymmetrische Gewaltdarstellung – sind demnach immer noch wirksam.

Eine Lektüre für Wissenschaftler*innen und Journalist*innen

Die zehn Fallstudien zeigen: Westliche Auslandsberichterstattung orientiert sich an Elitenpositionen, blendet historischen Kontext aus und reproduziert staatliche Narrative. Das gilt für Länder, über die intensiv berichtet wird, ebenso wie für solche, die kaum Beachtung finden.

Die Stärke des Bandes liegt in seiner komparativen Anlage. Dadurch wird sichtbar, dass der zentrale Befund kein Einzelfall ist. Die Tendenz zur Eliteorientierung ist kein Merkmal der US-Berichterstattung über Russland allein. Sie zeigt sich in der britischen Berichterstattung über China, in der amerikanischen über Iran, in der westlichen über Afghanistan. Das einheitlich amerikanisch und britische Bild ist das eigentliche überzeugende Argument des Bandes.

Als ein Manko könnte man die methodische Heterogenität benennen. Weil jede Fallstudie mit anderen Werkzeugen arbeitet, lassen sich die Befunde nicht direkt zusammenführen. Für einen Sammelband ist das nicht ungewöhnlich, für einen, der sich explizit als Intervention versteht, wäre aber eine gemeinsame Schlussbilanz wünschenswert gewesen.

In erster Linie lohnt sich deswegen die Lektüre für Medienwissenschaftler*innen, die kritische Forschung über Auslandsberichterstattung mit empirischer Breite suchen. Aber auch für Journalist*innen, die ihre eigenen Routinen hinterfragen wollen und aus den Analysen konkrete Kritik an ihrer Praxis ziehen können, ist der Sammelband hilfreich. Ein leichter Einstieg in die Materie ist das Buch dabei nicht. Die theoretische Einleitung setzt kommunikationswissenschaftliche Kenntnisse voraus. Wer diese mitbringt, wird in dem Sammelband jedoch viele Anregungen zum Nach- und Weiterdenken finden.

Beitragsbild: Pixabay

Besprochenes Buch: Jesse Owen Hearns-Branaman & Tabe Bergman (Hg.): Journalism and Foreign Policy: How the US and UK Media Cover Official Enemies. Routledge, London/New York 2023.

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